Ich heiße Joseph Cassel und ich bin Gott.

22. März 2013 von Matthias Planitzer
Katarzyna Kozyra sucht in Jerusalem Personen auf, die sich für Jesus halten

Kat­ar­zyna Kozyra: »Loo­king for Jesus« (film­still), 2012/2013; Foto: cour­tesy Żak Branicka

Eine hei­li­ge Drei­fal­tig­keit der beson­de­ren Art traf sich am 1. Juli 1959 im Ypsi­lan­ti Sta­te Hos­pi­tal, Michi­gan: Unter der Auf­sicht des dort täti­gen Psy­cho­lo­gen Mil­ton Roke­ach begeg­ne­ten sich an jenem mil­den Som­mer­tag drei Män­ner und stell­ten ein­an­der vor. Der Ers­te: »Ich hei­ße Joseph Cas­sel und ich bin Gott.« Der Zwei­te: »Ich hei­ße Cly­de Ben­son. Ich wur­de Gott.« Der Drit­te stell­te sich jedoch nicht als der Leon Gabor vor, als den man ihn kann­te, er sprach gleich kla­ren Wor­tes: »Auf mei­ner Geburts­ur­kun­de steht, dass ich der wie­der­ge­bo­re­ne Jesus Chris­tus von Naza­reth bin.« Kon­flik­te waren nicht nur vor­pro­gram­miert, sie waren auch Ziel und Zweck des von Roke­ach geplan­ten Expe­ri­men­tes.

Die drei Pati­en­ten teil­ten ein Zim­mer, die The­ra­pie­sit­zun­gen und vor allem viel Zeit, um sich gegen­sei­tig mit der Fra­ge zu kon­fron­tie­ren, wel­cher der drei Män­ner der leib­haf­ti­ge Mes­si­as sei. Sie ent­wi­ckel­ten ver­schie­de­ne Ansät­ze zur Auf­klä­rung des Pro­blems: Ben­son sah in sei­nen Kame­ra­den plum­pe Imi­ta­to­ren. Für Cas­sel war die Ange­le­gen­heit klar: Er hielt sei­ne Genos­sen für Maschi­nen. Gabor wuss­te immer­hin, daß er der wah­re Jesus Chris­tus sei, schließ­lich befan­den sich Ben­son und Cas­sel in psych­ia­tri­scher Behand­lung. Selbst­si­cher hän­dig­te er in der Anstalt Visi­ten­kar­ten aus: »Dr. Domi­no domi­no­rum et Rex rexar­um, Sim­plis Chris­tia­nus Puer Men­ta­lis Dok­tor, der wie­der­ge­bo­re­ne Jesus Chris­tus von Naza­reth«.
In den fol­gen­den Jah­ren ent­wi­ckel­ten die Pati­en­ten ver­schie­de­ne Stra­te­gi­en, um einer­seits die Behaup­tun­gen ihrer Genos­sen zu ent­kräf­ten und ande­rer­seits ihre eige­ne Iden­ti­tät zu bewah­ren, ehe das Expe­ri­ment abge­bro­chen und ihre Gemein­schaft auf­ge­löst wur­de1.

Tat­säch­lich sind sol­che reli­giö­sen Wahn­stö­run­gen nicht sel­ten. Der­ar­ti­ge mega­lo­ma­ni­sche Denk­in­hal­te, ein Pro­phet, der Mes­si­as, Jesus Chris­tus oder gar Gott zu sein, häu­fen sich jedoch auf­fäl­lig stark im Hei­li­gen Land, wo betrof­fe­ne Ein­hei­mi­sche, Pil­ger und Tou­ris­ten an der beson­de­ren Form des Jeru­sa­lem-Syn­droms erkran­ken. Die­se psy­cho­ti­sche Stö­rung ist in der hei­li­gen Stadt ende­misch, wo jähr­lich etwa ein­hun­dert Per­so­nen erkran­ken. Die Betrof­fe­nen hal­ten sich für Figu­ren des Alten oder Neu­en Tes­ta­ments, häu­fig gar für Mose, König David oder Jesus Chris­tus selbst. Stets erken­nen sie sich in einer gleich­ge­schlecht­li­chen Iden­ti­tät wie­der, die zudem mit der eige­nen Reli­gi­on über­ein­stimmt. Infol­ge die­ser Erkennt­nis voll­zie­hen sie den Wan­del vom Sau­lus zum Pau­lus nicht sel­ten mit einer Umstel­lung der eige­nen Lebens­füh­rung, ange­pass­tem Ver­hal­ten und ent­spre­chen­der Klei­dung.

Die pol­ni­sche Künst­le­rin Kat­ar­zy­na Kozy­ra besuch­te wäh­rend der Oster­zeit des ver­gan­ge­nen Jah­res die Stadt und begab sich mit einem Film­team auf die Suche nach Per­so­nen, die sich selbst für Jesus Chris­tus hal­ten. Nach bis­her fünf­zig Stun­den gesam­mel­ten Film­ma­te­ri­als, gibt die Gale­rie Żak Bra­ni­cka die­ser Tage eine Vor­schau auf die noch lau­fen­de Arbeit: »Loo­king for Jesus«.

In den ins­ge­samt etwa eine hal­be Stun­de aus­ma­chen­den Aus­schnit­ten macht Kozy­ra immer­hin eine Begeg­nung mit einem Jesus. Wie bei­läu­fig fin­det sie ihn auf einer gewöhn­li­chen Jeru­sa­le­mer Stra­ße. Da steht er nun, im Gespräch mit einem älte­ren Mus­li­men, der mit einem Esel auf den Bus war­tet: Die­ser schlan­ke Jesus ist in ein strah­lend wei­ßes Gewand geklei­det, das durch einen gol­de­nen Stern und eben­so gol­de­ne, kunst­voll ver­schlun­ge­nen Orna­men­te an Kra­gen und Ärmeln geschmückt ist. Der gepfleg­te, dunk­le Bart läuft am Kinn zu einer klei­nen Spit­ze zu, die dem peni­bel fri­sier­ten Mit­tel­schei­tel einen zacki­gen Kon­tra­punkt ent­ge­gen­setzt. Lan­ges, gewell­tes Haar fließt von sei­nen Schlä­fen her­ab, umströmt das son­nen­be­schie­ne­ne Gesicht des jun­gen Man­nes, der viel­leicht erst um die drei­ßig Jah­re alt ist. Wild ges­ti­ku­lie­rend und mit Bruch­stü­cken eng­li­schen Voka­bu­lars ver­ein­bart er mit dem alten Mann, daß bei­de, aber unbe­dingt auch der Esel sich spä­ter tref­fen wür­den. Ihm ist die­se son­der­ba­re Gestalt sicht­lich unge­heu­er. Er ver­steckt sein Gesicht hin­ter lan­gen Tuch­bah­nen, nickt freund­lich, hofft viel­leicht, daß die­ser ener­gi­sche Jesus ihn in Ruhe lie­ße.

Katarzyna Kozyra: "Looking for Jesus" (filmstill), 2012/2013; Foto: courtesy Żak Branicka

Kat­ar­zy­na Kozy­ra: »Loo­king for Jesus« (film­still), 2012/2013; Foto: cour­te­sy Żak Bra­ni­cka

Kat­ar­zy­na Kozy­ra wohnt dem son­der­ba­ren Schau­spiel bei, ver­sucht sich gele­gent­lich ein­zu­mi­schen: »Are you Jesus?« Der Zaun­gast bleibt unbe­merkt, steht da nun eine Wei­le, ver­ges­sen und auch ein wenig naiv abwar­tend. Wich­tig ist nur, daß abends der Esel erscheint. Spä­ter wird klar, daß der Sohn Davids am Palm­sonn­tag auf ihm durch das Stadt­tor rei­ten wür­de. Doch vor­erst war die­se Ange­le­gen­heit geklärt, Jesus eilt mit einem Mal davon. Kozy­ra hin­ter­her. »Jesus, wait for me!« – »I will come back« schallt es durch Jeru­sa­lems Gas­sen. Pas­san­ten wer­den neu­gie­rig, sie schei­nen eben­so wie der Zuschau­er über die­se aber­wit­zi­gen Sze­ne irri­tiert zu sein. Kozy­ra wirkt naiv, unsi­cher. In Jeru­sa­lem hat die Polin ihren Mes­si­as gefun­den, doch der rennt ein­fach nur davon.

Spä­ter trifft sie ihn tat­säch­lich wie­der. Der gebür­ti­ge Rus­se lädt sie nach Hau­se ein: zwei Män­ner sit­zen auf dem Sofa, im Schlaf­zim­mer ste­hen Dop­pel­stock­bet­ten. Eine Inter­nats­stu­be, aber mit Bal­kon. Im Inter­view offen­bart sich ihr Gast­ge­ber als der Nach­fah­re Davids. Selbst in sei­nem Aus­weis stün­de, er sei der wie­der­ge­bo­re­ne Mes­si­as. Skep­sis kommt nun auf bei­den Sei­ten auf: Ein offen­sicht­lich Geis­tes­kran­ker rea­li­siert, daß die­ses Film­team ihn nicht so vor­be­halt­los als sei­nen Erlö­ser aner­ken­nen will, wie er es erhoff­te. Wie zum Beweis prä­sen­tiert der rus­si­sche Chris­tus Stig­ma­ta, die die Kame­ra ja ohne­hin nicht erfas­sen kön­ne: auf dem Rücken, nicht an den Hän­den oder Knö­cheln, zeigt er einen kaum aus­zu­ma­chen­den Fleck. Kozy­ra begut­ach­tet und betas­tet das ver­meint­li­che Wund­mal. Ihrem israe­li­schen Beglei­ter ist der Zwei­fel förm­lich ins Gesicht geschrie­ben.

Katarzyna Kozyra: "Looking for Jesus" (filmstill), 2012/2013; Foto: courtesy Żak Branicka

Kat­ar­zy­na Kozy­ra: »Loo­king for Jesus« (film­still), 2012/2013; Foto: cour­te­sy Żak Bra­ni­cka

Spä­tes­tens in die­ser Sze­ne wird deut­lich, daß Kat­ar­zy­na Kozy­ra nicht nur die Auf­nah­me­lei­tung für »Loo­king for Jesus« über­nimmt, nicht nur als suchen­de Doku­men­ta­rin auf­tritt. Im Kon­takt mit den rest­li­chen Figu­ren des Films wird sie selbst zu einer Dar­stel­le­rin, die stell­ver­tre­tend für den Zuschau­er in die­se eigen­tüm­li­che Welt der Oster­zeit ein­taucht. Kozy­ra selbst steht im Mit­tel­punkt ihrer doku­men­ta­ri­schen Suche, die neben die­ser geschil­der­ten Begeg­nung unter bis­her drei­en die­ser Art, auch ande­re Erfah­run­gen und Momen­te im Jeru­sa­lem des ver­gan­ge­nen Früh­jah­res ein­fängt. Auch das mus­li­mi­sche, jüdi­sche und wei­te­re christ­li­che Stadt­le­ben wer­den zum The­ma, wenn Kozy­ra Moham­med-Anhän­ger inter­viewt, zum Islam kon­ver­tier­te Pil­ger beglei­tet oder einer ortho­do­xen Kar­frei­tags­pro­zes­si­on in der Gra­bes­kir­che bei­wohnt. Die in die­sem Vor­schau­film schon ein­ge­brach­te har­te Schnitt­wei­se ver­mengt die Ange­hö­ri­gen und Pil­ger all die­ser Reli­gio­nen und Kon­fes­sio­nen so bunt unter­ein­an­der, wie das reli­giö­se Leben in Jeru­sa­lem pul­siert.

Dadurch tre­ten die vie­len anony­men, aber auch eini­ge weni­ge her­aus­ge­grif­fe­nen Figu­ren die­ses Schau­spiels als Dar­stel­ler einer Per­for­mance auf, die aus der ste­tig wie­der­hol­ten Fol­ge lit­ur­gi­scher Ritua­le, strö­men­der Pil­ger­scha­ren sowie dem Trä­nen- und Blitz­licht­ge­wit­ter ihrer Teil­neh­mer besteht. Die­se Mas­sen­phä­no­me­ne, in denen ein kol­lek­ti­ver, aber in sei­ner Aus­prä­gung viel­fäl­ti­ger Leib dem einen Gott hul­digt, in denen der Ein­zel­ne ver­schwimmt und unter­geht, wer­den aber auch durch die Anwe­sen­heit und das Ver­hal­ten Kat­ar­zy­na Kozy­ras exem­pli­fi­ziert, die nicht mehr nur als Beob­ach­te­rin, son­dern selbst als Teil­neh­me­rin auf­tritt. Sie taucht in die Pro­zes­sio­nen ein, foto­gra­fiert und schau­dert eben­so, ist aber – und nur dar­in offen­bart sich ihre Distanz zum sie über­rol­len­den Gesche­hen – oft­mals unsi­cher und schüch­tern. Dann steht sie inmit­ten der Oster­ge­mein­de, traut sich aber nicht, einen dort eben­falls anwe­sen­den Jesus anzu­spre­chen. Statt­des­sen filmt sie aus dem Hin­ter­halt (im Übri­gen eine der weni­gen auf­fal­len­den unkom­men­tier­ten Sze­nen), gibt vor, sich selbst auf­zu­neh­men und muss doch schei­tern: ein sanf­tes Lächeln ent­glei­tet dem sorg­sam beob­ach­ten­den Beob­ach­te­ten, des­sen barm­her­zi­ger Blick selbst durch Kame­ra und Bild­schirm hin­durch den Zuschau­er trifft.

Katarzyna Kozyra: "Looking for Jesus" (filmstill), 2012/2013; Foto: courtesy Żak Branicka

Kat­ar­zy­na Kozy­ra: »Loo­king for Jesus« (film­still), 2012/2013; Foto: cour­te­sy Żak Bra­ni­cka

In die­sen raren Momen­ten, in denen das Per­sön­li­che aus der Mas­se her­aus­sticht – sei es im Inter­view, in der Beob­ach­tung oder dem Ver­hal­ten und Kom­men­tar der Künst­le­rin –, ahnt man, daß in die­ser Stadt zu die­ser Zeit oder zumin­dest in die­sem Film Rol­len besetzt und erfüllt wer­den, die alles ande­re als fest und bestän­dig, die flie­ßend und manch­mal auch will­kür­lich belegt sind. Der Jesus aus dem Wohn­heim ist kein ande­rer als der Jesus aus der Oster­ge­mein­de oder der unter Trä­nen vom Kreu­ze genom­me­ne höl­zer­ne Jesus, eben­so wie sich der marok­ka­ni­sche Pil­ger nicht vom Moham­med-Scho­la­ren oder dem Esel­trei­ber unter­schei­det und auch Cly­de Ben­son, Joseph Cas­sel und Leon Gabor ein und der­sel­be sind. Hier wer­den fes­te Rol­len­be­grif­fe immer wie­der durch­de­kli­niert und aus­pro­biert, neu besetzt und erwei­tert, sodaß ein jeder Jesus und ein jeder Pil­ger ist. Man­che kön­nen die­se Rol­le nur aus einem Wahn her­aus beset­zen, ande­re fol­gen ihrer fes­ten reli­giö­sen Über­zeu­gung. Eine sol­che Kon­ver­ti­bi­li­tät reli­giö­ser Rol­len kennt man bereits aus Chris­ti­an Jan­kow­skis »Cas­ting Jesus«, auch in Anwand­lun­gen aus der Geschich­te der neu­zeit­li­chen Stig­ma­ta, die ent­spre­chend der lokal ver­brei­te­ten Dar­stel­lungs­ge­wohn­hei­ten des gekreu­zig­ten oder auf­er­stan­den Jesus hier an den Hän­den und dort an den Hand­ge­len­ken auf­tre­ten.

Die Erkennt­nis hier­aus ist, daß die kul­tu­rel­le Gestal­tung reli­giö­ser Inhal­te einem kol­lek­ti­ven Pro­zess unter­wor­fen ist, der sich in loka­len und zeit­li­chen Nuan­cie­run­gen aus­prägt. Glau­be und Wahn­sinn sind in die­ser Hin­sicht und auch für »Loo­king for Jesus« nach­ran­gi­ge Dimen­sio­nen einer sich ste­tig selbst repro­du­zie­ren­den Kul­tur­pra­xis. Teil­nah­me und Beob­ach­tung sind eben­falls kei­ne grund­le­gen­den Deter­mi­nan­ten für den Erfolg die­ser Kul­tu­ren, mit­hin sind sie gar nicht von ein­an­der zu tren­nen, wenn Kul­tur als Expe­ri­ment kon­stru­iert wird, sich aber unver­se­hens die­ser Kon­trol­le ent­zieht. So bleibt sowohl mit Mil­ton Roke­ach als auch mit Kat­ar­zy­na Kozy­ra zu kon­sta­tie­ren, daß die Wirk­krei­se der betei­lig­ten Akteu­re unmerk­lich aber rasch ver­schwim­men. Wer ist Dar­stel­ler und wer ist Beob­ach­ter einer Per­for­mance? Die­se Tren­nung ist hier nicht mehr mög­lich.

  1. Mil­ton Roke­ach: »The Three Christs of Ypsi­lan­ti«. New York City 1964.