Mattes Licht, dumpfer Schatten

22. Februar 2013 von Matthias Planitzer
Stumme Dramatik: Kitty Kraus in der Galerie Neu

Kitty Kraus, Foto: courtesy Galerie Neu

Auf der Pil­ger­schaft zur ver­gan­ge­nen Kit­ty-Kraus-Schau muss­te der ent­schlos­se­ne Besu­cher eini­ge Hür­den neh­men. Schließ­lich stell­te die Künst­le­rin ihre neus­ten Arbei­ten an einem von der Außen­welt abge­schot­te­ten Ort aus. Zunächst war der Weg zu den Räu­men der Gale­rie Neu in der Phil­ipp­stra­ße zu bewäl­ti­gen, die sich dort abseits gro­ßen der Kunst-Hot­spots an den Cam­pus der Cha­rité schmiegt. Die­ser Weg ist auf der Ber­li­ner Kunst­kar­te ein beson­de­rer, denn an der Gale­rie Neu spa­ziert man nicht ein­fach vor­bei wie man es auf einem Bum­mel durch die Pots­da­mer Stra­ße pflegt, wo man auf die­se Wei­se immer wie­der eine Über­ra­schung erlebt. Nein, den Weg zur Gale­rie Neu geht man stets nur fes­ten Ent­schlus­ses. In den ver­gan­ge­nen Wochen war es Kit­ty Kraus, die zur Pil­ger­schaft in die Phil­ipp­stra­ße lock­te. Dort ange­kom­men, blieb die Tür jedoch ver­sperrt. Man möge den Sei­ten­ein­gang neh­men. Auch dort: klop­fen und war­ten.

Dann wur­de einem die schwe­re Tür in den her­me­tisch abge­rie­gel­ten Bun­ker auf­ge­tan, in den Kraus das zier­li­che Gebäu­de ver­wan­del­te. Durch das Büro gelang­te man in den Aus­stel­lungs­raum, wo sich das Geheim­nis um die­se peni­ble Iso­la­ti­on lüf­te­te. Wo einst Fens­ter und Türen waren, schlos­sen sich nun die kal­ten Wän­de um den klei­nen Raum und nah­men in sich schüt­zend das Sank­tua­ri­um auf, das Kraus hier den Besu­chern eröff­ne­te. Hier insze­nier­te die Künst­le­rin abge­schot­tet von der Außen­welt die stren­ge, aber fra­gil vibrie­ren­de Küh­le ihres bekann­ten, redu­zier­ten For­men­in­ven­tars. Fou­cault hät­te an die­sem Ort sicher­lich sei­ne Freu­de gehabt.

Das selbst­ge­wähl­te Exil war jedoch gewiss kein Selbst­zweck. Eben­so wie sich Mön­che auf ihrer Pere­gri­na­tio vom Lärm ihrer pro­fa­nen Umwelt ab- und dem Geist zuwand­ten, braucht auch Kraus‹ Kunst einen stil­len Ort, um sich dar­in behut­sam ent­fal­ten zu kön­nen. Im Tru­bel der hek­ti­schen Metro­po­le gin­ge sie hin­ter der Glas­front jedes gewöhn­li­chen Aus­stel­lungs­rau­mes unter. Schließ­lich sind ihrer Arbei­ten als das schwa­che Licht, das erst im Dun­keln fun­kelt, bekannt – hier, in der Gale­rie Neu, war dies durch­aus wört­lich zu neh­men.

Kitty Kraus, Foto: courtesy Galerie Neu

Kit­ty Kraus, Foto: cour­te­sy Gale­rie Neu

Mate­ria­li­tät hat einen gro­ßen Stel­len­wert in Kraus‹ Instal­la­tio­nen, ist oft­mals sogar der Schlüs­sel zu einer stum­men Dra­ma­tik. Die­ses Mal war es Licht, ein für die Künst­le­rin unge­wöhn­li­ches Medi­um. Zwei gleich­ar­ti­ge Ste­len, ihrer Natur nach eher etwa einen Meter hohe Sockel qua­dra­ti­schen Quer­schnit­tes, die mit hel­lem Lin­den- oder Ahorn­holz rings­um ver­klei­det und oben mit einer getrüb­ten Glas­plat­te abge­schlos­sen waren, stan­den je mit­tig in einem der Räu­me. Zwi­schen Ste­le und Glas drang durch einen schma­len Spalt nach allen Sei­ten ein hel­les, wei­ßes Licht her­vor. Als ein­zi­ge Beleuch­tung in dem sonst von allem künst­li­chen und Tages­licht abge­schot­te­ten Raum beschien es die umlie­gen­den Wän­de, jedoch so schwach, daß die Ste­len wie Leucht­tür­me in der Dun­kel­heit stan­den. Jedoch, ein schwar­zer Strei­fen bleibt frei. Auf Höhe der Ste­le zieht er ein­mal rings über die Wän­de, von einem Raum in den ande­ren, und teilt sie in ein licht­be­schie­ne­nes Oben und Unten – aber war­um bleibt er selbst im Schat­ten?

Die­se Fra­ge beschäf­tigt den rat­lo­sen Besu­cher, sie bohrt in ihm und so erkennt er auch bald hand­we­delnd, daß sein eige­ner Schat­ten sich nur dann scharf abzeich­net, wenn er sei­ne Hand unmit­tel­bar vor den Spalt hält. Ein Hin­der­nis muss hin­ter dem Spalt ein­ge­bracht sein, so ver­mu­tet er drän­gen­den For­schens – aber nein, berüh­ren ver­bo­ten. Es scheint bald, daß die Ste­le gar kein Licht aus­strah­le, son­dern, im Gegen­teil, das gesam­te Licht des Rau­mes in sich auf­sau­ge. Die undurch­dring­li­chen Wän­de schüt­zen dem­nach nicht den Raum, den sie umfan­gen, son­dern schir­men die Umwelt vor der Gefahr ihm ab.

Kitty Kraus, Foto: courtesy Galerie Neu

Kit­ty Kraus, Foto: cour­te­sy Gale­rie Neu

Im Kon­takt mit den Instal­la­tio­nen von Kit­ty Kraus ent­ste­hen oft­mals sol­che leb­haf­ten Fan­ta­si­en. Das braucht die Künst­le­rin nicht zu küm­mern, denn die küh­le Stren­ge ihrer bis aufs Äußers­te redu­zier­ten For­men und die stum­me Dra­ma­tik ihrer bis an ihre Gren­zen gebrach­ten Mate­ria­li­en spre­chen mit beein­dru­cken­der Gewalt und doch wort­los für sich. Dies als mini­ma­le Kunst zu bezeich­nen, wür­de ihre Essenz ver­feh­len, denn die­ses Destil­lat, das lang­sam tröp­felnd aus der Reduk­ti­on der For­men gerinnt, ist weder Objek­ti­vi­tät noch Ent­per­sön­li­chung, son­dern die hei­ße Wal­lung eines bro­deln­den Gemüts, das nicht  der Künst­le­rin, son­dern dem Mate­ri­al ent­springt.

In die­sem Sin­ne ent­spre­chen die Ste­len Kit­ty Kraus‹ einem wil­den Kon­zept, das 2010 von Niels Beto­ri Diehl und Bar­ba­ra K. Prokop nach ein­ge­hen­der Beob­ach­tung unter dem Schlag­wort »Auto­fa­schis­mus« in einer kura­tier­ten Aus­stel­lung auf den Prüf­stand gestellt wur­de. Unter dem Titel »UEBERMODELS« leg­ten sie den Fokus »auf eine[r] Stra­te­gie der Reduk­ti­on, die zu einer Stei­ge­rung der Kom­ple­xi­tät führt. Der Aus­gangs­punkt ist ein intel­lek­tu­el­ler Pro­zess und kein for­ma­ler Ansatz, der nur zu einem ste­ri­len Mini­ma­lis­mus führt.»1. Diehl und Prokop sehen in dem Über­fluss an Infor­ma­tio­nen, Bil­dern, Ein­flüs­sen und Wahl­mög­lich­kei­ten und dem dar­aus ent­ste­hen­den Ent­schei­dungs­zwang eine Schein­frei­heit die das »Bedürf­nis nach etwas Schar­fem und Kla­ren, nach einem ästhe­ti­schen Fel­sen in der Bran­dung« begrün­det. Sie kon­sta­tie­ren, daß die Posi­tio­nen der auto­fa­schis­ti­schen Kunst »von einer Sehn­sucht nach einer genui­nen und zeit­ge­mä­ßen Form von Authen­ti­zi­tät gesteu­ert zu sein [schei­nen] […] und sie brin­gen dabei eine Art von Iro­nie zum Ein­satz, die ein Aus­druck von gleich­zei­ti­gem Kom­mit­ment und Detachiert­heit ist.« Zwar war Kit­ty Kraus in der Aus­stel­lung bei Pro­gram nicht ver­tre­ten, doch hät­ten sich ihre leuch­ten­den Ste­len gut dort ein­ge­reiht. Das uner­war­te­te Ver­hal­ten des Mate­ri­als Licht führt zu eben einer sol­chen Stei­ge­rung der Kom­ple­xi­tät, auf die der for­schen­de Betrach­ter mit dem Ver­such reagiert, sie mit Gehalt auf­zu­la­den. In der Ver­wei­ge­rung sol­cher Erklä­rungs­mus­ter (der Detachiert­heit) ent­steht jene magi­sche Ästhe­tik, die bereits in vie­len ande­ren Arbei­ten Kraus‹ den Betrach­ter fes­selt. Er ist es gewohnt, daß der All­tag im Über­fluss an Infor­ma­tio­nen, Bil­dern und Ein­flüs­sen sol­che Deu­tungs­mus­ter anbie­tet. Wenn nun aber das Wesen der Din­ge hin­ter einem Rät­sel ver­steckt wird, zumal einem solch geschick­ten Rät­sel wie Kraus‹ Schat­ten­strei­fen, und sei­ne Lösung zurück­ge­hal­ten wird, ent­steht dar­aus eine star­ke Anzie­hung.

Das Prin­zip ist kein neu­es, man kennt es schon von ande­ren Instal­la­tio­nen der Künst­le­rin, die die Besu­cher vie­ler­orts ver­wun­dert zurück­lie­ßen: Wie kann Glas sich so stark bie­gen? War­um kann es so starr und der Schwer­kraft zum Trotz im Raum haf­ten blei­ben? Wie kann ein Eis­block schwar­ze Tin­te blu­ten und damit den Raum besu­deln? Auf die­se Fra­gen gibt Kit­ty Kraus kei­ne Ant­wort. So hält schließ­lich die Begeis­te­rung über die­se fra­gi­le, stil­le Ästhe­tik an.

  1. aus: »UEBERMODELS« (Kata­log zur gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung bei PROGRAM e.V.). Ber­lin 2010. aus dem Vor­wort (ohne Sei­ten­an­ga­be)