Inventur in Utopia

22. Januar 2013 von Matthias Planitzer
"The world is stable now" bei Alexander Levy: nein, das Gegenteil ist der Fall.
Lilli Kuschel: "Brunnen", 2013; courtesy Galerie Alexander Levy

Lil­li Kuschel: »Brun­nen«, 2013; cour­te­sy Gale­rie Alex­an­der Levy

Gebau­te Räu­me sind stets auch kul­tu­rel­le Räu­me: Als ein sozia­les Gefü­ge, das Archi­tek­tur in Kul­tur und Kul­tur in Archi­tek­tur über­setzt, ist das Phä­no­men der Stadt durch vie­le Auto­ren beschrie­ben wor­den. Infra­struk­tur ent­steht dem­nach dort, wo der Homo faber sei­ne Umwelt nach Gestalt sei­ner Rou­ti­nen und sei­nem sozia­len Gewe­be umformt. Umge­kehrt ent­steht und ver­fes­tigt sich Kul­tur dort, wo ein gebau­ter Raum sozia­le Pra­xis erzeugt und formt. Bei­de Pole: Archi­tek­tur und Kul­tur sowie ihre wech­sel­sei­ti­ge Wahr­neh­mung ste­hen dem­nach in einem stän­di­gen Aus­tausch der Umfor­mung. Für das Bei­spiel New York beschreibt Rem Kool­haas die Anek­do­te des fran­zö­si­schen Kup­fer­ste­chers Jol­lain, der 1672 eine Stadt­an­sicht anfer­tig­te, um dem fer­nen Euro­pa ein Bild der Neu­en Welt zu zeich­nen. Die­ser detail­lier­te Stich Neu Ams­ter­dams zei­ge aus­ge­dehn­te Hafen­an­la­gen und weit­läu­fi­ge Kom­ple­xe für die Ver­ar­bei­tung und Lage­rung von Fel­len – Merk­ma­le, die die Stadt auf dem nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ver­or­ten. Dahin­ter erstre­cke sich ein Ras­ter aus Stra­ßen­zü­gen und Blocks, das ein­zig durch den Broad­way durch­kreuzt wer­de. Kool­haas ent­larv­te die­se Dar­stel­lung Neu Ams­ter­dams als fik­ti­ves Arran­ge­ment euro­päi­scher Kom­po­nen­ten, die in einem uner­kenn­ba­ren, »doch letzt­lich akku­ra­ten« Gan­zen auf­gin­gen, das Kool­haas als ein uto­pi­sches Euro­pa erkennt. »The city is a cata­lo­gue of models and pre­ce­dents: all the desi­ra­ble ele­ments that exist scat­te­red through the Old World final­ly assem­bled in a sin­gle place.»1 Sozia­le Pra­xis formt auch hier, in Jol­lains Vor­stel­lung einer übli­chen Stadt­ord­nung abs­tra­hiert, den wie­der­um im Bild kar­tier­ten, gebau­ten Raum. Ein­mal offen­bart, spie­gelt die Dis­kre­panz zwi­schen Bild und Stadt­bild unwei­ger­lich auch die Dis­kre­panz zwi­schen den Kul­tu­ren Euro­pas und Neu Ams­ter­dams wider.

Bei­spie­le wie die­ses sam­mel­ten die vier Künst­ler, die in der Gale­rie Alex­an­der Levy für die Aus­stel­lung »The world is sta­ble now« auf­ein­an­der­tra­fen. Aus­ge­hend von einem gleich lau­ten­den Zitat aus Aldous Hux­leys »Bra­ve New World«, das mit die­ser unheim­li­chen Fest­stel­lung sei­ne Dys­to­pie der Ewig­keit weiht, demons­trie­ren sie, daß das der­art ver­fes­tig­te sozia­le Gefü­ge gegen­wär­tig auf einem brü­chi­gen Fun­da­ment steht. Auf der Suche nach den Ris­sen und Spal­ten zwi­schen Fak­tum und Fik­tum einer sich bau­lich und kul­tu­rell rezi­prok kon­so­li­die­ren­den Welt ver­mes­sen sie die Kluft zwi­schen Uto­pie und Rea­li­tät kul­tu­rell auf­ge­la­de­ner Räu­me: Film­sets, Wer­be­fo­to­gra­fie, Post­kar­ten­idyl­len, aber auch der städ­ti­sche Raum müs­sen sich ihrer Prü­fung unter­zie­hen.

Diana Artus: "Bump #1", 2012; courtesy Galerie Alexander Levy

Dia­na Artus: »Bump #1«, 2012; cour­te­sy Gale­rie Alex­an­der Levy

So spürt Dia­na Artus in einem umfang­rei­chen Teil der Aus­stel­lung die Metrik öffent­li­cher Räu­me auf. Mit her­kömm­li­chen Print­ver­fah­ren zu Papier gebracht, ver­frem­det sie Stadt­an­sich­ten und Archi­tek­tur­fo­to­gra­fi­en mit­hil­fe einer Viel­zahl von Ver­fah­ren: Fal­tung, Abnut­zung, Über­ma­lung, Kleis­tern und Erwei­te­rung mit auf­ge­brach­tem Papp­ma­ché hal­ten die­sen Räu­men einen Zerr­spie­gel vor. Gebäu­de schmel­zen sich und sin­ken zusam­men, trop­fen wie zähes Ker­zen­wachs auf Pas­san­ten nie­der und erstar­ren in lang­ge­zo­ge­nen, gro­tesk auf­ge­bläh­ten Klin­ker­stein­wal­zen. Andern­orts geht eine Erschüt­te­rung durch den Raum und legt die Fas­sa­den von in Becher’scher Prä­zi­si­on abge­bil­de­ten Gebäu­den in Wogen und manch­mal ver­schluckt eine Fal­te im Raum gar einen gan­zen Stra­ßen­zug.

Im Kol­laps offen­bart das Welt­ge­fü­ge zwi­schen klaf­ter­tie­fen Spal­ten einen metri­schen Brei aus gebau­ter und geleb­ter Rea­li­tät. Artus liest dar­in die struk­tu­rel­le Insta­bi­li­tät des öffent­li­chen Rau­mes ab. Sie ver­zerrt ihn bis zur Unkennt­lich­keit und ver­setzt ihn ins Wan­ken, zieht die Wahr­neh­mung in Zwei­fel und kon­fron­tiert sie mit einer ande­ren, einer neu­en Raum­ord­nung. Das kar­te­si­sche Sys­tem, auf dem das Welt­ge­bäu­de in Stein und in Kul­tur errich­tet ist, weicht den chao­ti­schen Tur­bu­len­zen, in denen sich die viel­fäl­ti­gen, wech­sel­haf­ten Abhän­gig­kei­ten zwi­schen gebau­ten und sozi­al geform­ten Räu­men ver­kno­ten.

Doch es sind nicht nur Struk­tu­ren, son­dern auch Inhal­te von der in »The world is sta­ble now« vor­ge­nom­me­nen Inven­tur kul­tu­rell gepräg­ter Räu­me betrof­fen. Eine Kri­tik des instru­men­ta­li­sier­ten Bil­des wird in Leon Kaha­nes für sich ste­hen­den Bei­trag einer Stu­dio­si­tua­ti­on mit Green­screen ange­stimmt, in der mono­chro­me Foto­gra­fi­en aus der Wer­be­bro­schü­re eines Wind­rad­bau­ers zum inhalts­lo­sen und aus­tausch­ba­ren Ver­satz­stück ver­küm­mern. »Indus­tria Mira­bi­lis« kari­kiert mit zyni­schem Duk­tus die schnö­de und see­len­lo­se Stock­fo­to­gra­fie, die mit­hil­fe vie­ler Low-Bud­get-Kam­pa­gnen den öffent­li­chen Bild­kör­per prägt; allein, die rekla­mier­te Anspie­lung auf Leib­niz‹ Gedicht über den »Phos­phor Mira­bi­lis« bleibt offen.

Lili Kuschel: "Atlas Cinema", 2013 (Filmstill); courtesy Galerie Alexander Levy

Lili Kuschel: »Atlas Cine­ma«, 2013 (Film­still); cour­te­sy Gale­rie Alex­an­der Levy

An Kaha­nes Bild­wel­ten schlie­ßen sich in »The world is sta­ble now« die Film­ku­lis­sen des marok­ka­ni­schen »Atlas Cine­ma« naht­los an. Die weit­läu­fi­ge Film­stadt wur­de bereits von den Schau­spie­ler- und Sta­tis­ten­völ­kern aus »Ben Hur« und »Gla­dia­tor« bewohnt. In den Dreh­pau­sen weht jedoch der hei­ße Saha­ra­wind durch die­ses men­schen­lee­re, Potem­kin­sche Dorf. Lil­li Kuschel wid­me­te den Film­stu­di­os einen Werk­kör­per aus Film und Foto­gra­fie, in dem sie hin­ter die Bret­ter­fas­sa­de der Kulis­sen blickt, die Imper­fek­tio­nen des Büh­nen­bil­des auf­spürt und das skur­ri­le Dop­pel­le­ben der Stadt nach­voll­zieht. In der gezeig­ten Video­ar­beit »Atlas Cine­ma« stellt sie Sze­nen aus eini­gen hier gedreh­ten Fil­men nach, wählt dafür die­sel­ben Ein­stel­lun­gen, Kame­ra­be­we­gun­gen und Schnitt­fol­gen und hin­ter­legt sie mit dem jewei­li­gen Ori­gi­nal­ton. Kuschel stellt den oft­mals über­trie­ben wir­ken­den fil­mi­schen Ges­tus ihrer Vor­la­gen nach und stellt sie den Räu­men gegen­über, die, nun von jeg­li­cher Hand­lung befreit, als lee­re und form­ba­re Trä­ger einer man­nig­fal­ti­gen, doch in sich geschlos­se­nen Film­welt erschei­nen. Die Künst­le­rin führt die Film­stadt wei­ter ad absur­dum, wenn sie in meis­ter­li­cher Beob­ach­tungs­ga­be die neu­gie­ri­gen, doch unter den Tem­pe­ra­tu­ren äch­zen­den Tou­ris­ten­scha­ren ein­fängt, die, Bus­la­dung für Bus­la­dung, zwi­schen den unbe­leb­ten Sze­nen in Kuschels Video­ar­beit die Bret­ter­stadt bevöl­kern. Ein Ziga­ret­ten­stum­mel liegt im anti­ken Forum, die Kame­ras kla­ckern im Papp­tem­pel, im Hin­ter­grund schiebt sich der Ver­kehr über die Land­stra­ße. Zu schön, um wahr zu sein.

Kuschel wagt jedoch auch den Blick hin­ter die Kulis­sen und sucht dort buch­stäb­lich nach dem Gerüst, das die­se Illu­si­on auf­recht erhält.
In Flamma­ri­ons Holz­stich schaut der »Wan­de­rer am Wel­ten­rand« hin­ter die Gren­ze des Erd­krei­ses und erkennt dort im gött­li­chen Empy­re­um, jenem Feu­er­him­mel, der den Bli­cken der Men­schen ver­wehrt bleibt, die Wel­ten­me­cha­nik. In Kuschels Foto­gra­fi­en sieht die­se jedoch weit­aus pro­fa­ner aus. Krum­me Gestän­ge und not­dürf­tig zusam­men­ge­zim­mer­tes Gebälk steht kreuz und quer im dunk­len Zwi­schen­raum, der sich hin­ter den Kulis­sen auf­spannt. Bau­fäl­lig und brü­chig wir­ken die­se geflick­schus­ter­ten Luft­schlös­ser, denn, so viel wird hier offen­bar, die­se Welt ist janus­köp­fig, aber gewiss nicht sta­bil.

  1. Rem Kool­haas: »Deli­rious New York: A Retroac­tive Mani­festo for Man­hat­tan«. 1978.