Der Schüler des Chiaroscuro

22. Dezember 2012 von Matthias Planitzer
Moissej Nappelbaum war der Hausfotograf der sowjetischen Elite
Mois­sej Nap­pel­baum: »Boris Jakowl­jew«, 1934. Foto: cour­tesy Gale­rie Ber­in­son, Ber­lin © Nap­pel­baum Estate

Mois­sej Nap­pel­baum: »Boris Jakowl­jew«, 1934. Foto: cour­tesy Gale­rie Ber­in­son, Ber­lin © Nap­pel­baum Esta­te

In den Stra­ßen St. Peters­burgs, in denen im Jahr zuvor die Zaren­gar­den patrouil­lier­ten, lagen noch immer die Ereig­nis­se der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in der Luft, als Mois­sej Nap­pel­baum zum Smol­ny-Insti­tut eil­te. Ob der früh ergrau­te, drah­ti­ge Rau­sche­bart des fast fünf­zig­jäh­ri­gen Weiß­rus­sen im roten Revo­lu­ti­ons­wind weh­te, ist nicht über­lie­fert; gesi­chert dürf­te jedoch sein, daß er es sehr eilig hat­te, den Regie­rungs­sitz des noch jun­gen Sowjet­russ­lands zu errei­chen. Es soll Lenin selbst gewe­sen sein, der Nap­pel­baum in den Palast zitier­te: er möge ein Por­trät von ihm anfer­ti­gen. Der Foto­graf hat­te zu die­sem Zeit­punkt bereits einen gewis­sen Ruhm in wohl­ha­ben­den Mins­ker und Peters­bur­ger Künst­ler- und Intel­lek­tu­el­len­krei­sen erlangt, allein, die Revo­lu­ti­ons­un­ru­hen ver­trieb vie­le ins Aus­land und so war auch Nap­pel­baums Zukunft in der Sowjet­haupt­stadt unge­wiss. Es war jedoch einer Emp­feh­lung des Par­tei­ge­nos­sen und Kul­tur­po­li­ti­kers Ana­to­li Lun­at­s­char­ski zu ver­dan­ken, daß Lenin nun Nap­pel­baum zu sei­nem viel­leicht wich­tigs­ten Auf­trag in den Smol­ny beor­der­te. Hier ent­stand ein Por­trät, das zu dem bekann­tes­ten des Revo­lu­tio­närs wer­den soll­te, nur weni­ge Tage bevor ein Anschlag auf den Par­tei­vor­sit­zen­den fast mit des­sen Tod aus­ging. Viel­leicht war es das Glück über sein knap­pes Über­le­ben, mit Sicher­heit aber auch die ein­zig­ar­ti­ge Foto­gra­fie, die den Regie­rungs­chef dazu beweg­te, Nap­pel­baum zur Ein­rich­tung des ers­ten staat­li­chen Foto­stu­di­os im Gebäu­de des All­rus­si­schen Zen­tra­len Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der neu­en Sowjet­haupt­stadt Mos­kau zu beauf­tra­gen. Fort­an bedien­te er die neue Eli­te des neu­en Russ­lands, bald auch der jun­gen Sowjet­uni­on.

Moissej Nappelbaum: "Sergej Eisenstein", ca. 1932. Foto: courtesy Galerie Berinson, Berlin © Nappelbaum Estate

Mois­sej Nap­pel­baum: »Ser­gej Eisen­stein«, ca. 1932. Foto: cour­te­sy Gale­rie Ber­inson, Ber­lin © Nap­pel­baum Esta­te

Es hät­te für den Foto­gra­fen auch anders aus­ge­hen kön­nen. Schließ­lich war sei­ne Arbeits­wei­se eine sehr unge­wöhn­li­che. In oft­mals stun­den­lan­gen Sit­zun­gen ließ er sei­ne Kun­den immer wie­der Hut und Man­tel an- und wie­der aus­zie­hen, sich mal hier und mal auf die­se Wei­se, dann wie­der dort und in ande­rer Pose zu set­zen, auf­zu­ste­hen, umher­zu­ge­hen, oder lie­ber ein ande­res Mal wie­der zu kom­men. Man­cher Kun­din emp­fahl Nap­pel­baum gar eine Ände­rung der Fri­sur, »weil ich der Mei­nung war, eine ande­re wür­de ihr bes­ser ste­hen. Ja, es konn­te pas­sie­ren, dass ein Kun­de kam, um sein fer­ti­ges Por­trait abzu­ho­len, und dabei sah ich ihn in einem ande­ren Licht und begann noch mehr Auf­nah­men von ihm zu machen.« Doch Mois­sej Nap­pel­baums stra­pa­ziö­ser Umgang mit sei­nen Auf­trag­ge­bern zahl­te sich aus: Trotz der aus­führ­li­chen Gestal­tung sei­ner Por­träts gelan­gen ihm immer wie­der neue, ein­zig­ar­ti­ge Dar­stel­lun­gen, die nicht etwa gestellt wirk­ten, son­dern, im Gegen­teil, Per­sön­lich­keit und Cha­rak­ter in feins­tem Maße her­aus­ar­bei­te­ten.

So hielt er Boris Jakowl­jew in einer grü­beln­den Pose fest, die dem reser­vier­ten und nach­denk­li­chen Cha­rak­ter des Bild­hau­ers gerecht wur­de. Ein gestaucht sit­zen­der Ser­gej Eisen­stein wirft dem Betrach­ter boh­ren­de Bli­cke ent­ge­gen. Lion Feut­cht­wan­ger stützt sei­nen Kopf auf sei­ner geball­ten Faust und schaut buben­haft aus dem Bild her­aus, wäh­rend Jew­ge­ni Wut­sche­titsch den demü­ti­gen Arbei­ter gibt und allen Blick aus­weicht. Michail Slonim­ski und Solo­mon Michoels erschei­nen als jugend­li­che Bohé­mi­ens, die läs­sig ihre Ziga­ret­ten zwi­schen ihre Fin­ger klem­men, wäh­rend sie bei einem  Wla­di­mir Tat­lin gar locker im Mund­win­kel hängt: der hüh­nen­haf­te Maler sitzt breit­bei­nig und fron­tal vor der Kame­ra, sei­ne gro­be Sta­tur lässt unter all den fei­nen Gestal­ten in Nap­pel­baums Kund­schaft Tat­lins küh­nen Avant­gar­dis­mus erah­nen. Dabei nimmt das Spiel der Hän­de bei Nap­pel­baum wie bei eini­gen ande­ren Zeit­ge­nos­sen eine wich­ti­ge Rol­le ein: Pjotr Kont­scha­low­ski nes­telt zufrie­den grin­send an sei­nem Pelz, ein char­mant-jovia­ler Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski nimmt sei­ne Bril­le galant ab, Schosta­ko­witsch blät­tert in einem Buch, Boris Eichen­baum fasst sich weni­ge Jah­re vor sei­ner poli­ti­schen Schmä­hung sicht­lich rat­los an die Stirn, wäh­rend Michail Iljin und Wla­di­mir Scht­schu­ko beschei­den und im Cha­rak­ter gefes­tigt ihre Hän­de über­ein­an­der­le­gen.

Moissej Nappelbaum: "Pavel Antokolski", ca. 1945. Foto: courtesy Galerie Berinson, Berlin © Nappelbaum Estate

Mois­sej Nap­pel­baum: »Pavel Anto­kol­ski«, ca. 1945. Foto: cour­te­sy Gale­rie Ber­inson, Ber­lin © Nap­pel­baum Esta­te

Nap­pel­baum gelang die­se oft­mals dra­ma­ti­sche Her­aus­ar­bei­tung der Per­sön­lich­kei­ten nicht nur mit dem Spiel der Ges­tik und Mimik, er griff dar­über hin­aus auch zu einer damals unge­wöhn­li­chen Beleuch­tungs­stra­te­gie, die ledig­lich eine ein­zi­ge Licht­quel­le vor­sah. Kein Gerin­ge­rer als Rem­brandt soll es gewe­sen sein, des­sen Male­rei den Weiß­rus­sen einst bei einem Besuch in der Mos­kau­er Tret­ja­kow-Gale­rie buch­stäb­lich erleuch­tet habe. Noch in sei­nen Memoi­ren klingt Nap­pel­baums tie­fe Ehr­furcht für den Alt­meis­ter her­vor: »Hier ist mein Leh­rer! … Der Gott des Chi­a­ros­cu­ro.« Eben­so wie bei sei­nem Vor­bild, tau­chen bei dem Foto­gra­fen die Figu­ren aus dem Dun­kel her­vor und tre­ten in den Licht­ke­gel hin­ein, als lehn­ten sie sich in den Bild­raum, des­sen Schär­fe­be­reich hier so eng und flüch­tig wie sei­ne Moti­ve ist. „Ich kam schließ­lich dar­auf, nur eine ein­zi­ge Licht­quel­le zu benut­zen«, schreibt Nap­pel­baum, »eine 1000-Watt-Lam­pe, die in einem Kas­ten unter­ge­bracht war, der an einen umge­dreh­ten Eimer erin­ner­te. Auf die­se Wei­se erhielt ich ein gerich­te­tes Licht, das den Kom­po­si­tio­nen eine räum­li­che Tie­fe ver­lieh. Wenn ich in der Kunst der Por­traitpho­to­gra­phie irgend­et­was erreicht habe, dann ver­dan­ke ich es zum gro­ßen Teil die­ser recht pri­mi­ti­ven Kon­struk­ti­on.« Auf die­se Wei­se ver­sinkt etwa Wut­sche­titschs rech­te Kör­per­hälf­te im Bild­dun­kel, wäh­rend  Slonim­ski gera­de erst dar­aus auf­taucht. Tol­s­toi erscheint samt Schlag­schat­ten gleich zwei­fach und dop­pelt gefes­tigt im Bild, wohin­ge­gen Hen­ri Bar­bus­ses Kopf vom Rumpf getrennt so greif­bar nah im Bild­raum schwebt, daß der Schrift­stel­ler hier nur weni­ge Mona­te vor sei­nem Tode ein letz­tes Mal in solch unmit­tel­ba­rer Prä­senz kör­per­lich spür­bar wird.

Nap­pel­baum griff auch selbst zum Pin­sel. Erst­mals bear­bei­te­te er im Jah­re 1921 auf die­se Wei­se eine Glas­plat­te, um dem Hin­ter­grund des Por­träts von Alex­an­der Blok mehr Raum und Struk­tur zu geben. Die Tech­nik mach­te bald die Hand­schrift des Foto­gra­fen aus, der dar­in nach­hal­tig den Kon­takt mit sei­nen Model­len gestal­te­te. Mal unter­strich er die Ruhe eines tief grün­den­den Geis­tes, dann ver­lieh er etwa Pavel Anto­kol­ski einen fri­schen Impe­tus, um dann mit kräf­ti­gem Pin­sel­strich den thro­nen­den Kör­per Maxim Gor­kis mit viel Nach­druck in den engen Bild­raum hin­ein­zu­drän­gen. Feucht­wan­gers Kopf beglei­te­te er in kokar­den­ar­ti­gem Spiel, wäh­rend die geo­me­tri­sche Exakt­heit des selbst­be­wusst auf­recht sit­zen­den Was­si­li Molo­kows mit eben­so geo­me­trisch exak­tem Strich wei­ter her­aus­ar­bei­tet. Allein, ein Por­trät unter den fünf­zig sel­te­nen Exem­pla­ren, die die Kreuz­ber­ger Gale­rie Ber­inson kürz­lich aus­stell­te, zeigt die Scheu und Unsi­cher­heit, mit der Mois­sej Nap­pel­baum vor sei­nem Modell zurück­weicht: Als Niki­ta Chrucht­schow 1940 auf dem Stuhl des Foto­gra­fen Platz nahm, offen­bart nicht nur des­sen stäh­ler­ner Blick den kal­ten Cha­rak­ter des poli­ti­schen Auf­stei­gers, der damals bereits den ukrai­ni­schen Par­tei­ka­der erbar­mungs­los der sta­li­nis­ti­schen Säu­be­rung unter­zog. Nap­pel­baum tas­te­te sich nur zöger­lich an die­sen eher­nen Koloss her­an, bringt nur weni­ge, äußert zag­haf­te Pin­sel­kleck­se auf, als fürch­te­te er, den Furor des Poli­ti­kers nur wei­ter anzu­hei­zen.

Der Jude Nap­pel­baum ent­geht jedoch dem Ter­ror des Sta­li­nis­mus, dem vie­le sei­ner Kun­den zum Opfer fie­len, ver­haf­tet und ermor­det wur­den. Gera­de er, der tief in die See­le sei­ner Kun­den ein­dring und dabei »die end­gül­ti­gen Por­traits der neu­en sowje­ti­schen Eli­te« erschuf, soll­te den anti­se­mi­ti­schen Ver­fol­gun­gen ent­rin­nen. Im Jahr der Macht­er­grei­fung Chruscht­schows stirbt Mois­sej Nap­pel­baum, mit ihm blieb sein Werk unan­ge­tas­tet, das der Sowje­tära ein Gesicht gege­ben hat­te.

Heu­te kön­nen die Wer­ke des Schü­lers des Chi­a­ros­cu­ro ein letz­tes Mal bestaunt wer­den. Denn ein Käu­fer wird bereits gesucht: Der sorg­fäl­tig auf­ge­bau­te Werk­kor­pus soll mög­lichst als Gan­zes an eine öffent­li­che Samm­lung ver­äu­ßert wer­den.