Deus ex machina

30. Oktober 2012 von Matthias Planitzer
Auf der documenta ratterten Thomas Bayrles Motoren ewige Rosenkränze.

Tho­mas Bayrle: »Por­sche 911: Rosen­kranz« (2010): Porsche-Motor, auf­ge­sägt, Sound­in­stal­la­tion. 100 x 71 x 93 cm

Lei­ses Mur­meln erfüll­te den Raum. Ein rhyth­mi­scher Sing­sang, kaum ver­ständ­lich und immer­zu wie­der­holt, drang in alle Ecken und ver­viel­fach­te sich an den fer­nen Wän­den. Hoch oben die Decke, dif­fus hel­les Tages­licht, unten der ewig graue, kal­te Boden. Schrit­te hall­ten lei­se wider. Die hoch auf­ra­gen­den, kalk­wei­ßen Wän­de lie­ßen sie lang­sam ver­stum­men. Die vie­len Stim­men ver­lo­ren sich unter dem Gebälk, stumpf­ten sich gegen­sei­tig zu einem fern rau­schen­den Rau­nen ab, wur­den schließ­lich ganz vom Raum geschluckt. Noch eine Wei­le, dann ging das Mur­meln völ­lig in Reso­nanz auf. Sein Rhyth­mus dünn­te sich aus, pol­ter­te von Minu­te zu Minu­te, dröhn­te von Takt zu Takt und ging schließ­lich in ein mono­to­nes Gerat­ter über. Dann, ein­zel­ne Stim­men dran­gen klar aus dem schwe­ren Rau­nen her­vor: »Bitt’ für uns… bitt’ für uns… bitt’ für uns…« Ein ums ande­re Mal wur­de das Ave Maria im stoi­schen Vie­rer­takt gel­allt. Fünf­zig waren’s an der Zahl, in fünf Gesät­zen zu je zehn Gebe­ten, gefolgt durch wei­te­re For­meln:

»Qui pro nobis spi­nis coro­na­tus est.«
»La sali­ta al Cal­va­rio sot­to il peso del­la cro­ce.«
»Der für uns gekreu­zigt wor­den ist.«

Schließ­lich: »Hei­li­ge Maria, Mut­ter Got­tes, bit­te für uns Sün­der jetzt und in der Stun­de unse­res Todes. Amen.«

Die poly­glot­te Lita­nei die­ser Rosen­kranz­an­dacht fand in einer unge­wöhn­li­chen Kathe­dra­le statt, genau­er: in den auf­ge­säg­ten Motor­blö­cken des Tho­mas Bayr­le, der eben dar­in die per­fek­te Archi­tek­tur jener sakra­len Pracht­bau­ten erkennt. Die Maschi­nen rat­ter­ten uner­müd­lich im gesam­ten, groß­zü­gig aus­la­den­den Unter­ge­schoss der docu­men­ta­Hal­le Kas­sel, die für die größ­te Ein­zel­aus­stel­lung der Fes­ti­val­ge­schich­te die­ses Jahr in mono­to­nes Mur­meln getaucht wur­de. Die lei­ern­den Für­bit­ten dran­gen aus aller­lei säu­ber­lich sezier­ten Moto­ren, die den Blick in ihr rohes Inne­res erlaub­ten: Kol­ben saus­ten in ihren Zylin­dern auf und ab, zogen Pleu­el­stan­gen und Kur­bel­wel­len hin­ter sich her. Die tech­ni­sche Prä­zi­si­on der matt schim­mern­den Maschi­nen offen­bar­te den ein­tö­ni­gen Vier­takt-Rhyth­mus, zu dem sich die nicht min­der mono­to­nen Gebe­te gesell­ten, die aus ange­brach­ten Laut­spre­chern schal­lend in den Gleich­takt ein­stimm­ten. Beten­de Moto­ren dröhn­ten mecha­ni­sche Man­tren, ora et labo­ra.

Thomas Bayrle: "Porsche 911: Rosenkranz" (2010): Porsche-Motor, aufgesägt, Soundinstallation. 100 x 71 x 93 cm

Tho­mas Bayr­le: »Por­sche 911: Rosen­kranz« (2010): Por­sche-Motor, auf­ge­sägt, Sound­in­stal­la­ti­on. 100 x 71 x 93 cm

Von Bayr­le ist bekannt, daß er sich inten­siv mit dem Mönchs­tum beschäf­tig­te. Über­haupt, das Reli­giö­se, das ließ in nie los. Sehr früh habe er zwi­schen dem Mur­meln der alten Frau­en in der Dorf­kir­che und dem Brum­men der Maschi­nen eine Ver­bin­dung erkannt. »Dicht gedrängt – auf Bän­ken – mur­meln sie [die Frau­en] wie ein unheim­li­cher Bach. Sind sie sum­men­der, kol­lek­ti­ver Leib, der – end­los lang­sam – Kugel für Kugel durch sei­ne Hän­de bewegt. Sie arbei­ten am gro­ßen „Geweb“ und mur­meln und weben stun­den­lang.»1 In den spä­ten Fünf­zi­gern lern­te Bayr­le bei Gut­mann in Göp­pin­gen den Beruf des Maschi­nen­we­bers, fort­an fas­zi­nier­te ihn der Rhyth­mus, das kol­lek­ti­ve Gebrum­me und Gebrüll, das den Raum erfüll­te. »Um in die­sem Krach zu über­le­ben«, muss­te er sich anpas­sen und auf das »Stöh­nen und Stamp­fen« ein­las­sen. Manch­mal sei­en die Sin­ne des jun­gen Bayr­le von all die­sen Ein­drü­cken trun­ken gewe­sen, dann habe er wun­der­sa­me Erleb­nis­se gemacht:

»Bei einer bestimm­ten Fre­quenz begann mei­ne Maschi­ne, „mensch­lich zu sin­gen“. Aus dem Inne­ren des Getrie­bes drang plötz­lich ein lei­ses, mensch­li­ches Jam­mern. Das erreg­te mich total – und ich hör­te tie­fer in die rasen­de Mate­rie hin­ein … Bei einer bestimm­ten Dreh­zahl näher­ten sich Mensch und Maschi­ne gänz­lich an – ich hör­te jetzt plötz­lich Non­nen den Rosen­kranz sin­gen. Nass geschwitzt sah ich die Bet­sch­wes­tern vor mir in einem dunk­len Kir­chen­schiff sit­zen. Lei­se und mono­ton mur­mel­ten sie immer und immer wie­der die glei­chen Stro­phen: … hei­li­ge Maria voll der Gna­den, bit­te für uns Sün­der, jetzt und in der Stun­de unse­res Todes … bitt für uns … bitt für uns … bitt für uns … Rhyth­misch wie der Treib­rie­men einer Dampf­ma­schi­ne klang das: bitt für uns … bitt für uns … bitt für uns … Oh boy, das war ein Alarm­zei­chen! Als die­ses Erleb­nis öfters vor­kam, quit­tier­te ich den Dienst.»2

Thomas Bayrle: "Sternmotor: Hochamt" (2010): Sternmotor, Elektroantrieb, Ton. 150 x 110 x 120 cm

Tho­mas Bayr­le: »Stern­mo­tor: Hoch­amt« (2010): Stern­mo­tor, Elek­tro­an­trieb, Ton. 150 x 110 x 120 cm

Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter gelan­gen dem Hes­sen sei­ne, im über­tra­ge­nen Sin­ne, Dei ex machi­na: Den »Stern­mo­tor« ent­nahm er aus einem tsche­chi­schen Agrar­flug­zeug, ergänz­te ihn um einen Elek­tro­an­trieb und stell­te ihn erst­mals 2009 in der Wie­ner Gale­rie Mezz­a­lin, im fol­gen­den Jahr auch auf der Art Basel aus. Heu­te singt der 150cm mes­sen­de Motor­block im nor­we­gi­schen Kis­te­fos Muse­um Rosen­kranz­ge­be­te, die Bayr­le im Frank­fur­ter Dom auf­nahm. Auch die ande­ren Moto­ren wur­den mit Gebe­ten und Für­bit­ten aus Frank­fur­ter Kir­chen wie der St.-Josefs-Gemeinde Frank­furt-Eschers­heim unter­legt, wel­che über drei Jah­re hin­weg gesucht und auf­ge­nom­men wur­den. Die Maschi­nen spür­te Bayr­le mit Hil­fe sei­nes Bru­ders Peter, einem Werks­ar­bei­ter für BMW, in Auto­werk­stät­ten in und rund um Frank­furt auf – für den Künst­ler sei auch das Hei­mat­auf­be­rei­tung gewe­sen. Zer­legt wur­den die Moto­ren schließ­lich im fer­nen Nie­der­bay­ern, für ihre kom­men­de Auf­ga­be auf­be­rei­tet und kamen schließ­lich um Laut­spre­cher ergänzt im Aus­stel­lungs­raum an.

In Bayr­les Maschi­nen­park rei­hen sich die Lita­nei­en dank Dau­er­schlei­fe zu einem Qua­ran­to­re, des­sen man­tri­sches Sing­sang im Gegen­satz zum kräf­te­zeh­ren­den Mes­se-Mara­thon nie müde wird. Der Rosen­kranz fügt sich hier in sei­nen vier Tak­ten – Kreuz­zei­chen, Apos­to­li­sches Glau­bens­be­kennt­nis, Vater­un­ser und Ave Maria – syn­kre­tis­tisch zum eif­rig rat­tern­den Vier­takt der Moto­ren – Ansau­gen, Ver­dich­ten und Zün­den, Arbei­ten, schließ­lich Aus­sto­ßen. In die­sem tech­no­iden Kult offen­bart sich der Deus abscon­di­tus als uner­müd­lich arbei­ten­der Deus reve­la­tus im Öku­me­ni­schen Kon­zil eines for­dis­ti­schen Spi­ri­tua­lis­mus. Als der Mob Fritz Langs Maschi­nen­mensch vor dem Dom auf­griff, da hat er wohl die­ses Stoß­ge­bet ange­stimmt.

Thomas Bayrle: "Sternmotor: Hochamt" (2010): Sternmotor, Elektroantrieb, Ton. 150 x 110 x 120 cm

Tho­mas Bayr­le: »Stern­mo­tor: Hoch­amt« (2010): Stern­mo­tor, Elek­tro­an­trieb, Ton. 150 x 110 x 120 cm

Tho­mas Bayr­les Inter­es­se an der Tech­no-Reli­gi­on geht jedoch noch wei­ter zurück als die jüngs­ten Arbei­ten, die dank der Reich­wei­te der docu­men­ta für viel media­le Auf­merk­sam­keit und den Arnold-Bode-Preis gesorgt haben. Bayr­le reih­te 1988 in Sieb­druck­tech­nik unzäh­li­ge, mono­chro­me Kreu­ze zu sei­ner »Kreuz­ma­don­na«, ließ den Gekreu­zig­ten über der Auto­bahn zur »Him­mel­fahrt« empor­stei­gen, um im Fol­ge­jahr eben­so farb­lo­se Fotos zu sei­ner »Madon­na Mer­ce­des« zu col­la­gie­ren. Dem Seri­el­len sei­ner bis dahin gedruck­ten und assem­blier­ten Arbei­ten zur gött­li­chen Maschi­ne folg­ten nach eini­ger Latenz die ers­ten skulp­tu­ra­len Ansät­ze, von denen das 2009 in der Ein­zel­aus­stel­lung in der Gale­rie Mezz­a­lin gezeig­te »Rad«, ein höl­zer­ner Auto­rei­fen, des­sen Flan­ke eine Rosen­kranz­in­schrift trägt, den Anfang mar­kiert. So wie sich dort die Anru­fung »Hei­li­ge Maria Mut­ter Got­tes bit­te für uns Sün­der jetzt und in der Stun­de unse­res Todes« zum kreis­för­mi­gen Man­tra schloß, so sang nur weni­ge Meter ent­fernt der »Stern­mo­tor« das Hoch­amt. Im sel­ben Jahr kehr­te Bayr­le noch ein­mal kurz­zei­tig zum Sieb­druck zurück und zeich­ne­te in eini­gen Arbei­ten, dar­un­ter »San Pel­le­gri­no« und »Kup­pel«, Pro­zes­si­ons­la­by­rin­the aus goti­schen Kir­chen mit mecha­ni­schen Ket­ten­glie­dern nach. Die Moto­ren jedoch blie­ben.

Im Fol­ge­jahr stell­te Bayr­le eini­ge wei­te­re Arbei­ten in der Gale­rie Bar­ba­ra Weiss vor, eher er nun kürz­lich in der docu­men­ta­Hal­le sie­ben sol­cher Gebets­ma­schi­nen aus­stell­te. Ein VW-Schei­ben­wi­scher sang eben­so wie »Por­sche 911« den »Rosen­kranz«, der Citro­ën-2CV-Motor »Rosaire« stimm­te fran­zö­si­sche Gebe­te an, wäh­rend die Moto­guz­zi »Pre­ga per noi« zur ita­lie­ni­schen Andacht in sich kehr­te. So rich­te­te sich ein poly­glot­ter Chor an ein inter­na­tio­na­les docu­men­ta-Publi­kum: Soll doch jeder nach sei­ner Façon selig wer­den, ob Mensch oder Maschi­ne.

  1. Tho­mas Bayr­le, »Auto­me­di­ta­ti­on«, 19. Febru­ar 1987. aus: »Tho­mas Bayr­le 1967 und 1987«, Aus­stel­lungs­ka­ta­log Frank­fur­ter Kunst­ver­ein 1987)
  2. aus einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, 5. August 2007 im ARCH+ Pro­jekt­raum im Kul­tur­bahn­hof. publi­ziert in: ARCH+ Ausg. 186/187: »The Making of Your Magazines/Documenta 12«, 01. April 2008