Virtuelle Räume

22. Juni 2012 von Matthias Planitzer
Über Web Art im Ausstellungsraum

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag fand die zwei­te Aus­ga­be der »Night and day series« statt, bei der in der Gale­rie Sur la Mon­ta­gne für nur einen Tag und eine Nacht die Aus­stel­lung »404 NOT FOUND« gezeigt wur­de. In Anleh­nung an die bekann­te Feh­ler­mel­dung für eine nicht vor­han­de­ne Web­sei­te wid­me­te sich Kura­tor Max Schrei­er in den bei­den Aus­stel­lungs­räu­men in der Tor­stra­ße der Fra­ge nach dem Aus­stel­lungs­wert von Web Art, also jener Kunst, die dem Inter­net ent­stammt, in sei­nen media­len und inhalt­li­chen Eigen­schaf­ten auf­greift und gleich­falls dort zur Gel­tung kommt. Die­ses vor­nehm­lich vir­tu­ell kon­zi­pier­te Kunst­gen­re soll­te in der Schau dar­auf­hin unter­sucht wer­den, wie es im Aus­stel­lungs­raum agiert und wel­che phy­si­sche Prä­senz es (hier) ent­fal­ten kann. Den Besu­chern der Pop-Up-Aus­stel­lung bot sich also ein unge­wöhn­li­ches Expe­ri­ment, bei dem die Seh­ge­wohn­hei­ten her­aus­ge­for­dert wer­den soll­ten.

Aram Bar­tholl: »Online Gal­lery Play­set«, Foto: Chloé Richard, cour­tesy Ber­lin Art Link

Aram Bar­tholl: »Online Gal­lery Play­set«, Foto: Chloé Richard, cour­tesy Ber­lin Art Link

Die von Ber­lin Art Link initi­ier­te Schau »404 NOT FOUND« emp­fing ihre Besu­cher mit einer Arbeit Aram Bar­t­holls, wohl einem der bekann­tes­ten Web-Künst­ler. Sein »Online Gal­le­ry Play­set« ist nicht weni­ger als eine Auf­for­de­rung an die Besu­cher, doch gleich selbst die­se vir­tu­el­le Kunst­gat­tung in den phy­si­schen Raum zu trans­fe­rie­ren. Auf einer Werk­bank lagen hier­für Papp­scha­blo­nen, Sche­ren und Klebs­tift bereit, um dar­aus einen schuh­kas­ten­ar­ti­gen Aus­stel­lungs­raum zu bas­teln. Löcher in der Rück­wand fun­gier­ten als mit Kunst zu befül­len­de Leer­stel­len und auch Sekt trin­ken­de Besu­cher durf­ten in ihrer papier­nen Ent­spre­chung nicht feh­len. Vor einem Lap­top plat­ziert, des­sen Bild­schirm an den rich­ti­gen Stel­len bun­te Bei­spie­le der Web Art zeig­te, war so im Hand­um­dre­hen nicht nur die eige­ne Gale­rie, son­dern auch gleich die ers­te feucht­fröh­li­che Ver­nis­sa­ge rea­li­siert.

Bar­t­holls amü­san­tes und kurz­wei­li­ges »Online Gal­le­ry Play­set« war jedoch auch für eine ernst­haf­te­re Betrach­tung emp­fäng­lich. Hier konn­te der Besu­cher selbst zur Devir­tua­li­sie­rung des digi­ta­len Aus­stel­lungs­rau­mes bei­tra­gen und war so schon am Ein­gang der Gale­rie ohne Umschwei­fe im inhalt­li­chen Kern der Aus­stel­lung ange­langt. Der eilig ver­leim­te Aus­stel­lungs­raum, en minia­tu­re in jenen phy­si­schen Gale­ri­en­raum ein­ge­bracht, fun­gier­te als idea­le Ver­bin­dung zum vir­tu­el­len Gegen­stück. Nicht ohne dabei selbst eine Mit­tel­stel­lung – halb real, halb vir­tu­ell – ein­zu­neh­men, gelang es die­se simp­len Bei­spie­len, die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf die­se bei­den Aus­stel­lungs­rea­li­tä­ten ein­zu­fan­gen. Schnell fand sich der Besu­cher in einem exter­na­li­sier­ten Blick auf die gül­ti­ge Aus­stel­lungs­pra­xis wie­der, die bis­her digi­ta­len Kunst­wer­ken wie jenen der Web Art kaum Beach­tung schenk­te. Im Struth’schen Blick­trans­fer übte sich auch hier der Beob­ach­ter der papier­nen Beob­ach­ten­den in der Aneig­nung einer – im dop­pel­ten Sin­ne – frem­den Wahr­neh­mung. Einen bes­se­ren Ein­stieg in das The­ma hät­te Schrei­er kaum wäh­len kön­nen.

Besucher klicken sich in "404 NOT FOUND" durch Elvia Wilks Webseite, Foto: Chloé Richard, courtesy Berlin Art Link

Besu­cher kli­cken sich in »404 NOT FOUND« durch Elvia Wilks Web­sei­te, Foto: Chloé Richard, cour­te­sy Ber­lin Art Link

Ein­mal im vir­tu­el­len Raum ange­langt, war der neu­gie­ri­ge Ent­de­cker die­ser vir­tu­el­len Welt bereits bei Elvia Wilk dazu ein­ge­la­den, Mate­ria­li­en und Stil­mit­tel die­ses noch neu­ar­ti­gen Aus­stel­lungs­ty­pus ken­nen­zu­ler­nen. Die jun­ge Ame­ri­ka­ne­rin demons­trier­te mit ihrer Web­site elviapw.com, wie reich­hal­tig ein han­dels­üb­li­cher Com­pu­ter und ein­fa­che Web­de­sign-Kennt­nis­se für einen künst­le­ri­schen Aus­druck genutzt wer­den kön­nen. Vor pas­sen­dem Desk­top-Hin­ter­grund erzähl­te sie im Brow­ser­fens­ter in knap­pen Sät­zen die düs­te­re Anek­do­te einer ver­zwei­fel­ten, gefühlstau­ben Sehn­sucht nach der gro­ßen Lie­be, um schließ­lich bei einem Aus­schnitt aus der US-ame­ri­ka­ni­schen Dating­show »The Bache­lor« zu enden, die mit sen­ti­men­ta­len Kla­vier­klän­gen eine rea­li­täts­fer­ne Situa­ti­on insze­niert.

Wilk wähl­te einen nar­ra­ti­ven Ansatz, der nicht nur das Anek­do­ti­sche unter­streicht, son­dern auch im Sin­ne der Kura­ti­on vor­züg­lich dazu taugt, die Mög­lich­kei­ten der Web Art her­vor­zu­he­ben. Um die kur­ze und zumeist kon­fu­se Geschich­te fort­zu­spin­nen, ist der Besu­cher – oder eigent­lich: der User – dazu auf­ge­for­dert, per Maus­klick ein­zu­grei­fen oder nach Belie­ben aus­zu­har­ren. Ein­zel­ne Sät­ze erschei­nen aus dem Weiß oder fal­len vom Bild­schirm­rand, Wor­te fal­ten sich zusam­men oder ver­schwin­den gar, ein Kuss­mund illus­triert beim Dar­über­fah­ren mit dem Maus­zei­ger die knapp aus­ge­führ­ten Meta­phern. Wilk wählt bewusst den Weg der Inter­ak­ti­vi­tät und Teil­ha­be, kann sie doch so selbst in den Hin­ter­grund tre­ten und den User die Geschich­te erzäh­len las­sen. Nur ein­mal, in einem kur­zen Dia­log, taucht sie als Erzäh­ler auf, ehe dem erstaun­ten Betrach­ter mit einem Mal die geschil­der­te Sze­ne in den Schoß fällt.

"404 NOT FOUND", Foto: Chloé Richard, courtesy Berlin Art Link

»404 NOT FOUND«, Foto: Chloé Richard, cour­te­sy Ber­lin Art Link

Zuge­ge­ben, Wilks Web­sei­te ver­meng­te nicht wie Aram Bar­t­holls »Online Gal­le­ry Play­set« den phy­si­schen mit dem vir­tu­el­len Aus­stel­lungs­raum. Max Schrei­ers Ent­schei­dung, ledig­lich einen Bild­schirm in den Gale­ri­en­raum zu stel­len und davor eine Maus zu plat­zie­ren, trug kaum zum Kon­takt der bei­den Sphä­ren bei. Wilks Web­sei­te funk­tio­niert eben­so gut auch vor dem hei­mi­schen Bild­schirm, allein die – wenn auch nur mäßi­ge – Kon­fron­ta­ti­on in der Gale­rie mach­te einen klei­nen Unter­schied aus.

Dem ent­ge­gen stand Ben­nett Wil­liam­sons Instal­la­ti­on »View Source«, die die­se bei­den Räu­me ein­drück­lich von ein­an­der trenn­te. Der Ame­ri­ka­ner stell­te einen han­dels­üb­li­chen Dru­cker auf, der im Minu­ten­takt aus der Fer­ne zuge­sand­te Web­cam­bil­der aus­gibt. Mit der Zeit wuchs so ein Papier­sta­pel her­an, der ähn­lich einem Dau­men­ki­no das Gesche­hen in der Woh­nung des Künst­lers in Los Ange­les archi­vier­te und ani­mier­te. Durch die­se erheb­li­che Latenz stel­let sich der Effekt einer gestör­ten Live-Über­tra­gung ein, die eher einem gebro­che­nen Sky­pe-Gespräch ent­sprach. Bald stell­te man die Authen­ti­zi­tät der Bil­der infra­ge. Durch die­se Auf­he­bung der Simul­ta­ni­tät fand eine Derea­li­sie­rung der Über­tra­gung statt, die sie zurück in den vir­tu­el­len Raum ver­wies. Wo in der simul­ta­nen Live-Über­tra­gung die unmit­tel­ba­re, phy­si­sche Raum­wahr­neh­mung weit­ge­hend erhal­ten blieb, blieb sie in Wil­liam­sons Instal­la­ti­on auf der Stre­cke – die Web­cam­bil­der waren wie­der völ­lig vir­tu­ell, gleich­sam demas­kiert.

Inso­fern hat »404 NOT FOUND« auf dem weni­gen Platz der Gale­rie Sur la Mon­ta­gne einen klei­nen Span­nungs­bo­gen auf­ge­baut: Die vir­tu­el­le Welt der Web Art stat­te­te dem phy­si­schen Aus­stel­lungs­raum einen kur­zen Besuch ab. Man darf hof­fen, daß dies nicht der letz­te blieb. »404 NOT FOUND« mach­te jeden­falls Lust auf mehr.