Gallery Weekend 2012

… und welche Blumen am Wegesrand wachsen.

Katharina Grosse: They had taken things along to eat together, Foto: Art Evans, courtesy Galerie Johann KönigKatha­rina Grosse: They had taken things along to eat toge­ther, Foto: Art Evans, cour­tesy Gale­rie Johann König

Alle Jahre wie­der setzt das Gal­lery Wee­kend neue Maß­stäbe: höher, schnel­ler, wei­ter oder wenigs­tens mit mehr teil­neh­men­den Gale­rien und mehr Besu­chern als noch im Vor­jahr. Am kom­men­den Wochen­ende wer­den 51 Gale­rien anläss­lich der ach­ten Aus­gabe des Kunst­hap­pe­nings ihre Pfor­ten öffnen und die Besu­cher­mas­sen emp­fan­gen. Eine über­wäl­ti­gende Menge, wenn man sich an den buch­stäb­li­chen Mara­thon erin­nert, den die Besu­cher im ver­gan­ge­nen Jahr zu meis­tern hat­ten, wenn sie die damals ins­ge­samt 44 Aus­stel­lun­gen abklap­pern woll­ten. Ange­sichts der vie­len Gale­rien und Insti­tu­tio­nen, die zwar nicht offi­zi­ell am Gal­lery Wee­kend teil­neh­men, aber die Gunst der Stunde für eigene Aus­stel­lun­gen nut­zen, wächst der Kunst­ka­len­der auch in die­sem Jahr wie­der enorm an.

In den letz­ten Jah­ren erwies es sich als sinn­voll, sich an den Aus­stel­lungs­ta­gen jeweils einen Kunst-Hot-Spot vor­zu­neh­men und die Schman­kerl vorab am Ver­nis­sa­gen­frei­tag zu besich­ti­gen. Da nur die größ­ten Enthu­si­as­ten das gesamte Pro­gramm des Gal­lery Wee­kends in nur zwei Tagen aus­schöp­fen und alle ande­ren in der lau­fen­den Aus­stel­lungs­zeit der kom­men­den Wochen wie­der­keh­ren, emp­fiehlt es sich, die eigene Kunst­tour nach den Aus­stel­lun­gen zu pla­nen, die am Weges­rand statt­fin­den. Hier ver­ste­cken sich oft­mals die gro­ßen Über­ra­schun­gen und Ent­de­ckun­gen, die die Aus­stel­lun­gen der eta­blier­ten Künst­ler im Rah­men des offi­zi­el­len Gal­lery Wee­kend per­fekt ergänzen.

In die­sem Jahr wer­den die Ver­an­stal­ter erst­mals ein „Vir­tual Gal­lery Wee­kend“ abhal­ten, das sich als voll­wer­tige Online-Dependance des Fes­ti­vals ver­steht. Was sich offen­sicht­lich in der Folge der sich lang­sam eta­blie­ren­den VIP Art Fair ent­wi­ckelt, dürfte zwar auch ange­sichts der skep­tisch zu erwar­ten­den tech­ni­schen Umset­zung anfangs von begrenz­tem Nut­zen erwei­sen. Aber für all jene, die die prak­ti­sche Festival-App „Eyeout“ nicht nut­zen kön­nen oder wol­len, dürfte das „Vir­tual Gal­lery Wee­kend“ eine Erwä­gung wert sein. Wer jedoch noch Anre­gun­gen braucht, dem sei der oben beschrie­bene Weg emp­foh­len, sein Augen­merk auf die nicht-offiziellen Teil­neh­mer zu legen und so ganz neben­bei auch das Gal­lery Wee­kend an sei­nen Hot-Spots in Mitte, in Schö­ne­berg und rund um die Koch­straße mitzuerleben.

Andreas Mühe: Obersalzberg, courtesy Dittrich & Schlechtriem, BerlinAndreas Mühe: Ober­salz­berg, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem, Berlin

Zwi­schen Tor– und Ora­ni­en­bur­ger Straße

Einer der Höhe­punkte abseits des offi­zi­el­len Pro­gramms des Gal­lery Wee­kends ver­spricht Andreas Mühes Ein­zel­aus­stel­lung „Ober­salz­berg“ bei Dittrich & Schlech­triem zu wer­den. Mühe unter­sucht in sei­ner foto­gra­fi­schen Arbeit die ästhe­ti­schen Reprä­sen­ta­tio­nen poli­ti­scher Macht, ins­be­son­dere der poli­ti­schen Ver­ein­nah­mung des Ober­salz­ber­ges im drit­ten Reich. Mit geziel­ten Stö­run­gen insze­niert er dabei einer­seits den Bild­ty­pus und lässt ande­rer­seits seine Figu­ren an die­ser Insze­nie­rung teil­neh­men, bis diese gänz­lich in hohle Phra­sen und dumpfe Meta­phern zer­fällt. Bei Feld­buschwies­ner stel­len Taiyo Ono­rato & Nico Krebs, wel­che bereits vor zwei Jah­ren mit ihrer Serie „The Great Unreal“ für viel Furore sorg­ten. Die Ankün­di­gung der Gale­rie über Ono­ra­tos und Krebs‘ „Explo­ra­tion der Wahr­neh­mung“ ist zwar denk­bar kryp­tisch aus­ge­fal­len, doch allein die viel beach­te­ten Arbei­ten der Ver­gan­gen­heit dürf­ten genü­gend Ver­trau­ens­vor­schuss geben, um sich nicht lange an Aus­stel­lungs­tex­ten auf­zu­hal­ten. Dem­ge­gen­über stellt sich in der Gale­rie Suvi Lethi­nen die Fin­nin Marjatta Oja der Frage nach dem Stel­len­wert von Bil­dern in ihrem Leben. In Erin­ne­rung an das Auf­kom­men der Foto­gra­fie unter­sucht sie den Ein­fluss foto­gra­fisch fest­ge­hal­te­ner Momente auf die Wahr­neh­mung und Rekon­struk­tion von Rea­li­tät und ihrer kogni­ti­ven Entsprechung.

Bild­wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen prä­gen auch das offi­zi­elle Pro­gramm des Gal­lery Wee­kends in Mitte. So kann man hier etwa bei Peres Pro­jects ver­fol­gen, wie das bel­gi­sche Künst­ler­kol­lek­tiv Leo Gabin der Bild­kul­tur der sozia­len Medien auf den Grund geht. Dabei extra­hiert und recy­clet es kol­lek­tiv und vir­tu­ell getra­gene Bil­der und trans­fe­riert sie in den phy­si­schen Aus­stel­lungs­raum. Auch ein Abste­cher in die wei­ter nörd­lich gele­gene Brun­nen­straße dürfte sich loh­nen, wo KOW Ber­lin Alice Crei­schers „Das Eta­blissment der Tat­sa­chen“ zeigt. Mit ihren Ansät­zen zu epis­te­mo­lo­gi­schen Para­dig­men mar­kiert die Texte-zur-Kunst-Autorin gewiß den phi­lo­so­phi­schen Höhe­punkt des dies­jäh­ri­gen Gal­lery Wee­kends. Wer wei­ter zur Koch­straße schlen­dert, sollte auch der Joh­nen Gale­rie einen Besuch abstat­ten, wo Turner-Preisträger Mar­tin Boyce sowie Ste­fan Bar­talan aus­ge­stellt werden.

Jota Castro: Austerity über Alles, courtesy Galerie Barbara ThummJota Cas­tro: Aus­te­rity über Alles, cour­tesy Gale­rie Bar­bara Thumm

Rund um die Kochstraße

Die Gale­rie Alex­an­der Ochs zeigt par­al­lel zum Gal­lery Wee­kend Heri­bert Otter­bachs Werks­über­sicht „Da sind wir wie­der allein“. For­male Schlicht­heit und gezielte Stör­ma­nö­ver neh­men die Uto­pien der Moderne aufs Korn und tra­gen sie sogleich fei­er­lich zu Grabe. In der Gale­rie Opdahl ope­riert Ulrich Vogel mit ein­fa­chen und küh­len Mit­teln, um von sei­nem zeich­ne­ri­schen Stand­punkt aus drei­di­men­sio­nale Wel­ten zu explo­rie­ren. Licht und Schat­ten, Pro­jek­tion und kine­ti­sche Kunst hel­fen ihm dabei und obgleich die Ankün­di­gung nur wenig ver­rät, könnte sich ein Abste­cher durch­aus lohnen.

Was das Gal­lery Wee­kend betrifft, sollte man im Gale­ri­en­vier­tel Koch­straße die Aus­stel­lung bei Nor­den­hake nicht ver­pas­sen, wo wie­der ein­mal einer der ästhe­tischs­ten Bei­träge zum Gal­lery Wee­kend gelie­fert wird. In die­sem Jahr erwar­ten den Besu­cher Meu­sers Ein­zel­aus­stel­lung „Und Erich mit­ten­drin“, worin aus viel Schrott und Alt­me­tall gefer­tigte, hoch­poe­ti­sche Skulp­tu­ren gezeigt wer­den. Nur wenige Meter wei­ter tariert Hubert Cze­re­pok bei Żak Bra­ni­cka den schma­len Grat zwi­schen Genie und Wahn­sinn aus, auf den das mensch­li­che Ver­lan­gen nach All­wis­sen­heit zustrebt. In sei­ner Video­ar­beit „Lux Aeterna“ kom­men nicht nur Tho­mas Jef­fer­son und Juli­usz Slo­wa­cki zu Wort, auch die zufäl­lig wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten in Nor­we­gen ver­üb­ten Atten­tate Anders Brei­viks fin­den ihren Ein­gang in Cze­re­poks Ana­lyse. In der Gale­rie Bar­bara Thumm stellt Jota Cas­tro zer­ris­sene EU-Flaggen aus und übt auch in ande­ren Wer­ken offene Kri­tik an der jüngs­ten Finanz­krise und der heik­len Lage in der Euro­päi­schen Union. Mit kla­rer und mar­ki­ger Stimme kari­kiert Cas­tro die para­do­xen Details einer Krise, die längst nicht mehr dem Laien zugäng­lich ist.

Rund um die Pots­da­mer Straße

Die Kunst­saele Ber­lin wid­men sich eben­falls bild­wis­sen­schaft­li­chen Betrach­tun­gen. In der von Julian Malte Schin­dele kura­tier­ten Aus­stel­lung „Im Moment der Bild­be­trach­tung wird der innere Mono­log gestoppt“ wer­den einige junge Posi­tio­nen zum Thema vereint.

Auch die Gale­rie Buch­holz zeigt Cerith Wyn Evans, der neben Mathias Poledna in den Räu­men in der Fasa­nen­straße aus­stellt. Eben­falls ein wenig abseits des Gesche­hens wid­met sich die Gale­rie Michael Haas noch ein­mal einem der Groß­meis­ter der Post­mo­derne, Charles Mat­ton, und stellt 13 sei­ner Diur­a­men aus.

Bouchra Khalili: Mapping Journey #1, courtesy Campagne PremièreBouchra Kha­lili: Map­ping Jour­ney #1, cour­tesy Cam­pa­gne Première

Abseits des Hauptgeschehens

Eine viel ver­spre­chende Aus­stel­lung erwar­tet die Besu­cher in der Gale­rie Johann König, wo Katha­rina Grosse ihre far­ben­fro­hen in-situ-Gemälde und –Skulp­tu­ren prä­sen­tie­ren wird. Bei Cam­pa­gne Pre­mière voll­zieht Bouchra Kha­lili in „Map­ping Jour­ney Pro­ject“ die Migra­ti­ons­rou­ten anony­mer Flücht­linge nach, erzählt ihre indi­vi­du­el­len Geschich­ten und beleuch­tet ver­bor­gene Exis­ten­zen der glo­ba­len Gesell­schaft. Wer Taryn Simons Aus­stel­lung in der Neuen Natio­nal­ga­le­rie und im Tate Modern Lon­don mochte, wird auch an Kha­lili Gefal­len fin­den. Im Schin­kel­pa­vil­lon wird ebenso wie in den Gale­rien Neu/MD72 und Buch­holz Cerith Wyn Evans zu sehen sein, der damit ver­mut­lich der große Gewin­ner des Gale­ri­en­wo­chen­en­des sein dürfte. Als Besit­zer einer sei­ner Werke geht mir dabei natür­lich beson­ders das Herz auf, wes­halb ich wohl keine sei­ner Aus­stel­lun­gen ver­pas­sen werde. Akim Monets Side by Side Gal­lery wird sich in die­sem Jahr mit Damien Hirst posi­tio­nie­ren, des­sen Skulp­tur „Sacred Heart“ mit einem Rodin, einer Madonna aus dem 14. Jahr­hun­dert und einer wei­te­ren epo­chen­über­grei­fen­den Samm­lung von Wer­ken und Expo­na­ten gezeigt wird. Eine sol­che Ein­bet­tung in his­to­ri­sche und kunst­his­to­ri­sche Kon­texte kennt man von Hirst kaum, daher darf man gespannt sein, wel­che kura­to­ri­sche Lösung hier gefun­den wurde. Bei Max Hetz­ler unter­sucht das Künst­ler­du­ett FUEL die Iko­no­gra­phie und Eth­no­lo­gie der Tat­tookul­tur in der rus­si­schen Unter­welt. Dazu stel­len sie einige Auf­nah­men aus ihrem Bild­band aus und ergän­zen sie um Erläu­te­run­gen zu Her­kunft und Hin­ter­grund. Wem die künst­li­chere Aus­ein­an­der­set­zung mit kom­mu­nis­ti­schen Kul­tu­ren noch nicht reicht, der wird auch bei UF6 Pro­jects fün­dig, wo zeit­ge­nös­si­sche nord-koreanische Kunst gezeigt wird. Nur so viel sei ver­ra­ten: Sie ent­spricht nicht nur west­li­chen Erwar­tun­gen, sie über­trifft sie sogar.

Für alle wei­te­ren Infor­ma­tio­nen: www​.gal​lery​-wee​kend​-ber​lin​.de und die Galerien.

Morbide Schönheiten

Javier Pérez kitzelt die Ästhetik aus dem gesetzten Vanitas-Motiv

Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. April im KUNST Maga­zin, in mei­ner kunst­kri­ti­schen Kolumne Das Schluß­wort.

So viel ist über unsere euro­päi­schen Nach­barn sicher: Man mag sich wie Gott in Frank­reich füh­len, doch in Wien kommt man zur Ein­kehr. Zwar sind die dolce vita wei­ter im Süden und das savoir-vivre wei­ter im Wes­ten behei­ma­tet, doch auch der Öster­rei­cher kennt seine urei­gene, schwel­gende ars vivendi. Ob in der pit­to­res­ken Innen­stadt oder in den leb­haf­ten Kaf­fee­häu­sern, aller­orts frönt man dem Leben und sei­nen viel­fäl­ti­gen Genüs­sen. Wer jedoch die­ser Tage neu­gie­ri­gen Bli­ckes hin­ter die hoch­glanz­po­lier­ten Schau­fens­ter sieht, wird unter Umstän­den ein gänz­lich ande­res Bild vor­fin­den: Mor­bide Kunst stört des Wie­ners son­ni­ges Gemüt.

Denn hin­ter den Fens­tern der Gale­rie Mario Mau­ro­ner hat Javier Pérez für seine Aus­stel­lung „Post Natura“ seine Instal­la­tio­nen, Objekte und Foto­gra­fien plat­ziert. Blut, Fleisch und Kno­chen sind die Mate­ria­lien des Spa­ni­ers. Wenn man genauer hin­sieht: Glas, Poly­est­er­harz und Bronze. Denn Pérez‘ bewirkt in sei­nen Arbei­ten genau das: Er trans­for­miert unbe­lebte in orga­ni­sche Mate­ria­lien. Schwüls­tige Meta­phern und klas­si­sche Sym­bole hel­fen ihm dabei.

Javier Pérez: CARROÑA, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary ArtJavier Pérez: CARROÑA, Foto: cour­tesy MAM – Mario Mau­ro­ner Con­tem­porary Art

Bereits das schil­lernde „CARROÑA“, zu Deutsch: „Aas“, erzählt viel von Pérez‘ Sujets und Tech­ni­ken. Ein blut­ro­ter, glä­ser­ner Kron­leuch­ter liegt zer­schellt am Boden. Die­ses Kit­sch­ob­jekt son­der glei­chen –: flo­rale Orna­mente in Glas gegos­sen und zu bil­li­gem Pomp ange­häuft, ver­sinkt da wie ein schil­lern­der Plas­tikru­bin in dem grauen, kal­ten Beton, als habe hier seit den Sieb­zi­gern kei­ner mehr auf­ge­räumt. Glas­scher­ben lie­gen umher, unter unacht­sa­men Soh­len knirscht es spitz. Ein Trau­er­bild, aber kei­nes, an dem man Anteil nähme. Einige Raben sit­zen in sei­nen Ästen, einige flat­tern auf­ge­regt mit ihren Flü­geln, andere picken an dem elen­den Kada­ver, rei­ßen Stü­cke her­aus und ver­schlin­gen sie gierig.

Wenige Meter wei­ter bau­meln zwei im gemein­sa­men Tanz ver­schlun­gene Ske­lette an blut­rot gefärb­tem Pfer­de­haar von der Decke. Die poly­est­er­har­ze­nen Kno­chen üben sich lang­sam krei­send im Wal­zer, die pas­sende Beglei­tung kommt von der Spiel­uhr wenig ent­fernt, in der ein unglei­ches Paar Damen­schuhe eben­falls seine Run­den dreht. Auch hier liegt eine mor­bide Stim­mung in der Luft, wiegt schwer und schwüls­tig und erstickt selbst die auf­kei­mende Leich­tig­keit, die von dem zar­ten Glo­cken­spiel der bestän­dig lau­fen­den Spiel­uhr ausströmt.

Javier Pérez: Trans (formaciones) II, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary ArtJavier Pérez: Trans (for­macio­nes) II, Foto: cour­tesy MAM – Mario Mau­ro­ner Con­tem­porary Art

Javier Pérez arbei­tet in „Post Natura“ mit einer sehr direk­ten Sym­bo­lik: Schä­del, Ske­lette, Blut, Aas und Haut zeich­nen immer wie­der das­selbe mor­bide Bild der Ver­we­sung und der Ver­gäng­lich­keit. So viel drü­cken­des memento mori und unum­ständ­li­ches Vani­tas sieht man nur noch sel­ten, zumal in einem sol­chen Kon­trast zum blü­hen­den Leben der Wie­ner Innen­stadt. Pérez bedient sich auch offen christ­li­cher und lit­ur­gi­scher Zei­chen. So ist etwa der ver­dor­bene, gefal­lene Engel in „Trans (for­macio­nes) II“ so absto­ßend geschaf­fen, daß erst ein genauer Blick die beru­hi­gende Erkennt­nis bringt, daß seine per­ga­men­tene Haut nicht die eines Men­schen sein kann. Dage­gen ist bei den fast sech­zig bron­ze­nen Schä­deln, mit denen Pérez einen gut zehn Meter mes­sen­den Rosen­kranz bestückte, nicht klar, ob es sich um Abgüsse ech­ter Schä­del oder frei gestal­tete Exem­plare handelt.

Man könnte Pérez Pro­vo­ka­tion unter­stel­len. Daß es ihm um die Schock­wir­kung ginge. Doch er ist nicht wie ein Her­mann Nitsch oder Jon Johns, der kürz­lich in der Ber­lin RISE Gal­lery zur Freude der vie­len Schau­lus­ti­gen mit eige­nem Blut arbei­tete. Das wäre zu plump. Denn scho­ckie­ren kön­nen sol­che Dinge längst nicht mehr. Javier Pérez wid­met sich lie­ber der Sym­bo­lik und Meta­pho­rik die­ser längst abge­grif­fe­ner Motive und ret­tet, was noch zu ret­ten bleibt. Der grau­same Kon­trast zwi­schen Leben und Tod wird bei Pérez zum Schluß­ak­kord des viel zu anti­quier­ten Vanitas-Motives, das sich hier nun final überspitzt.

Javier Pérez: Corona, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary ArtJavier Pérez: Corona, Foto: cour­tesy MAM – Mario Mau­ro­ner Con­tem­porary Art

So wird immer­hin der Blick auf die Tech­ni­ken frei, mit denen der Spa­nier seine Werke erschaf­fen hat. Sei es etwa das auf­wen­dige Glas­ge­flecht, das sich in „Corona“ zu einer trans­pa­ren­ten Dor­nen­krone schlingt, die detail­rei­chen und ana­to­misch ein­wand­freien Bron­ze­schä­del oder die mit Hin­gabe ver­näh­ten Häute – inso­fern sind Pérez‘ Arbei­ten echte Hin­gu­cker. Wenn man noch ein­mal mit offe­nen Augen durch „Post Natura“ geht, fühlt man sich bald wie in einem Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett, das nicht etwa vor­ran­gig unheim­lich, son­dern wenigs­tens glei­cher­ma­ßen bezau­bernd ist. Mit einem Mal ent­fal­ten die vor­mals absto­ßen­den Ske­lette und ande­ren Knochen-, Fleisch– und Blut­ar­bei­ten eine uner­war­tete Schön­heit, die sich fern von ihrer sym­bo­li­schen Schwere leicht erhebt.Denn darin liegt viel­leicht das Geheim­nis der mor­bi­den Kunst Javier Pérez: Nur auf den ers­ten Blick ver­mö­gen sie die Wie­ner Lebens­kul­tur stö­ren. Denn eigent­lich fügt sie sich mit ihrer Liebe zum Schö­nen geschmei­dig in das Haupt­stadt­bild ein.

Die Aus­stel­lung „Post Natura“ von Javier Pérez kann noch bis zum 18. Mai in der Wie­ner Gale­rie Mario Mau­ro­ner besucht werden.

Kräftig durchgemischt

Dennis Loeschs Vexierbilder enttarnen die Oberflächlichkeit moderner Ikonen

Dennis Loesch: The Bild, © Dennis Loesch, courtesy Dittrich & Schlechtriem, BerlinDen­nis Loesch: The Bild, © Den­nis Loesch, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem, Berlin

Man kennt es von jedem Aus­stel­lungs­be­such: Leute gehen vor den Arbei­ten auf und ab, tas­ten sich ord­nungs­ge­mäß von links nach rechts an den Wän­den ent­lang, hal­ten hier und da kurz inne und wid­men sich den Wer­ken. Man nimmt etwas Abstand, geht noch ein­mal ganz nah heran, denn: „Wie hat er das nur gemacht?“. Die Bli­cke sau­sen über das Werk, ein kur­zes Lächeln oder ein stren­ger Blick bleibt sein Dank, und nach weni­gen Sekun­den schon ist das nächste an der Reihe.

Bei Den­nis Loesch ist das nicht so ein­fach. Denn die „Memory Sticks“ sei­ner Aus­stel­lung „Open as smart object“ for­dern mehr Auf­merk­sam­keit ein: Zunächst ein kon­zen­trier­ter Blick von scharf rechts, dann noch ein­mal von ganz links außen, zurück­tre­ten, – „nein das kann nicht sein“ – also wie­der näher ran: „ach doch, tat­säch­lich“. Und wie­der zurück. Inne­hal­ten und gedank­lich abglei­chen. Die Detail­sicht hält der Über­prü­fung stand. Und wäh­rend man sich im Zurück­tre­ten wen­det, um mit der nächs­ten Arbeit wei­ter rechts fort­zu­fah­ren, kommt man schon einem ande­ren Besu­cher in die Quere – so viel Getüm­mel herrscht vor Loeschs „Memory Sticks“. Ein­zig die Werke selbst hän­gen ruhig an der Wand.

Den­nis Loesch spielt mit den Per­spek­ti­ven. Seine drei­sei­tig bedruck­ten Alu­mi­ni­um­trä­ger, die „Memory Sticks“, ord­net er eng in Serie an. Die Grund­lage bil­den ein­ge­scannte Zei­tungs­aus­schnitte, die in Pho­to­shop ras­ter­ar­tig frag­men­tiert und dann in extre­mer Ver­grö­ße­rung gedruckt wer­den. Die Anord­nung der „Memory Sticks“ geschieht belie­big. Man­che ste­hen auf dem Kopf, keine Hän­gung gleicht den vor­he­ri­gen. Dar­auf legt Loesch beson­de­ren Wert, ein­zig die Doku­men­ta­tion muss sorg­sam erfolgen.

Dennis Loesch: An Andy, © Dennis Loesch, courtesy Dittrich & Schlechtriem, BerlinDen­nis Loesch: An Andy, © Den­nis Loesch, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem, Berlin

Als Quell­ma­te­rial nutzte Den­nis Loesch für seine Aus­stel­lung in der Tuchols­ky­straße mediale Iko­nen der Gegen­wart: einen Hundert-Dollar-Schein, Zei­tungs­aus­schnitte mit Foto­gra­fien von Karl Lager­feld oder Andy War­hol, eine Aus­gabe der rus­si­schen Vogue, außer­dem die Logos der Bild-Zeitung sowie der Ham­bur­ger Mor­gen­post. Digi­ta­li­siert, ver­grö­ßert, gedruckt und auf die Alu­mi­ni­um­trä­ger auf­ge­bracht, lie­gen Geld, Mode, Medien und Kunst nur noch als Arte­fakte vor. Ein bun­ter Scher­ben­hau­fen, der frei kom­bi­nier­bar immer wie­der die­selbe brü­chige Idee vermittelt.

Die Folge: Texte lösen sich in Buch­sta­ben­hau­fen auf, sind nicht mehr les­bar und kaum zu rekon­stru­ie­ren. Bil­der ver­lie­ren mit ihrer kom­po­si­to­ri­schen Struk­tur ihren Kon­text, ver­schwim­men förm­lich und sind nur noch sche­men­haft erkennbar. Doch die frag­men­tier­ten Iko­nen hal­len kraft ihrer Bild­ge­walt wei­ter nach. Ihr Wie­der­er­ken­nungs­wert ist zwar in die­ser auf­ge­lös­ten Form nur noch schwach, aber gerade aus­rei­chend, um immer­hin sug­ges­tiv wir­ken zu kön­nen. Auf diese Weise geht von den „Memory Sticks“ eine gespens­ti­sche Schwin­gung aus, die immer wie­der dazu auf­for­dert, sie durch Ver­nunft zu erfas­sen und mit gehö­ri­ger Vor­stel­lungs­kraft zu überprüfen.

Dennis Loesch: The Artforum (aufgeklappte Ansicht), © Dennis Loesch, courtesy Dittrich & Schlechtriem, BerlinDen­nis Loesch: The Art­fo­rum (auf­ge­klappte Ansicht), © Den­nis Loesch, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem, Berlin

Wenn Den­nis Loesch mit sei­nen „Memory Sticks“ radi­kal jeden Inhalt kürzt, liegt darin auch ein beun­ru­hi­gen­der Moment. Die Infor­ma­tio­nen sind schließ­lich nach wie vor erhal­ten, sie sind ledig­lich nicht mehr zugäng­lich. Nach­dem Loesch auf sei­nen ers­ten „Memory Sticks“ unzäh­lige, minia­tu­ri­sierte Fotos ver­sam­melte und damit phy­si­sche Pen­dants zu den bekann­ten Memory– oder USB-Sticks schuf, die ledig­lich vir­tu­elle Daten spei­chern, nutzt er diese Aus­drucks­form nun, um jene Daten auf­zu­lö­sen. Damit knüpft er durch­aus erneut an vir­tu­elle Daten­trä­ger an, die ihre Infor­ma­tio­nen bekannt­lich ebenso frag­men­tiert spei­chern, wie hier Loesch seine Zei­tungs­aus­schnitte anordnet.

Somit sind es der Ana­lo­gie gemäß eben­falls Syn­the­se­pro­zesse, die aus den pri­mär unver­ständ­li­chen, weil frag­men­tier­ten und dekon­text­ua­li­sier­ten Daten Infor­ma­tio­nen zurück­ge­win­nen und rekon­text­ua­li­sie­ren. Diese Syn­the­se­pro­zesse bleibt Loesch aller­dings schul­dig. Keine Inde­xie­rung erlaubt die ori­gi­nal­ge­treue Rekom­bi­na­tion, auch ist es dem Betrach­ter natür­lich nicht ohne Wei­te­res mög­lich, die Sticks an der Wand zu vertauschen.

Dennis Loesch: A Karl, © Dennis Loesch, courtesy Dittrich & Schlechtriem, BerlinDen­nis Loesch: A Karl, © Den­nis Loesch, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem, Berlin

Schließ­lich gibt die Aus­wahl sei­ner Ursprungs­ma­te­ria­lien den ent­schei­den­den Hin­weis für Den­nis Loeschs aktu­elle Arbei­ten aus der Serie „Memory Sticks“. In der Ver­gan­gen­heit nutzte Loesch neben Fotos von Play­mates auch Spiel­kar­ten, die er dem Poker ent­nahm. Doch ums Poker spie­len geht es Loesch dabei kei­nes­wegs: Nach­dem er bereits in „hallo moden“ und „Gug­gen­heim“ den Medien– und Kul­tur­be­trieb aufs Korn nahm, rich­tet sich seine Kri­tik erneut an die Ober­fläch­lich­keit ihrer Metho­den. Nicht zuletzt über­spitzt er die schale Bild­haf­tig­keit der Logos und Zei­chen, die all diese Print­me­dien und –erzeug­nisse zu ihrer Pro­pa­ga­tion nut­zen und durch ihre mil­lio­nen­fa­che Repli­ka­tion wei­ter zu lee­ren Sym­bo­len aus­höh­len. Indem Loesch die Texte und Bil­der in alber­nes Bla­bla und chao­ti­sches Wirr­warr, damit effek­tiv jeden Anschein eines Inhal­tes aus­merzt, blei­ben nur noch jene Zei­chen ste­hen, leer und bedeutunglos.

Bezeich­nen­der­weise ist es gerade auch die Trans­for­ma­tion die­ser Ober­flä­chen in einen drei­di­men­sio­na­len Raum, die zu ihrer Ent­tar­nung wesent­lich bei­trägt. Die „Memory Sticks“ gewin­nen durch ihre drei­sei­tige Bedruckung nicht etwa an Tiefe, ihrer flä­chi­ger Cha­rak­ter wird gerade erst augen­fäl­lig. Buch­stäb­lich unter die Lupe genom­me­nen, fal­len so auch die vie­len Fehl­stel­len auf, die sich durch Papier­struk­tur, unre­gel­mä­ßi­gen Farb­auf­trag und das indus­tri­elle Druck­ver­fah­ren im mikro­sko­pi­schen Bereich aus­wir­ken. Dann erscheint die rus­si­sche Vogue mit einem Mal nicht mehr als Hoch­glanz­ma­ga­zin und das Logo der Bild-Zeitung wirkt eben­falls erstaun­lich blass. Darin jeden­falls liegt Loeschs Stärke: Mit Blick für’s Kleine und Wesent­li­che gelingt es ihm, das Trug­bild zu enttarnen.

Römische Stadtbilder

Ein Exkurs über die kollektive Bildsprache in Joel Sternfelds Porträt Roms

Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. März im KUNST Maga­zin, in mei­ner kunst­kri­ti­schen Kolumne Das Schluß­wort.

Was unter­schei­det Mün­chen von Ber­lin? Auf diese Frage wird man viele Ant­wor­ten hören. Etli­che wer­den auf ein bestimm­tes Lebens­ge­fühl abzie­len: Dann wird Mün­chen oft­mals als char­man­ter Ort der geho­be­nen Gelas­sen­heit und Herz­lich­keit beschrie­ben und Ber­lin als pul­sie­rende, sich immer wie­der neu erfin­dende Künst­ler­stadt beschwo­ren. Auch wird man oft vom Münch­ner Snob und Ber­li­ner Schnor­rer hören und doch wird man sich schwer tun, all diese Behaup­tun­gen auf eine objek­tive Grund­lage zu stel­len. Den­noch wer­den nur wenige an der Rich­tig­keit die­ser Zuschrei­bun­gen zwei­feln, denn schließ­lich han­delt es sich um all­ge­mein bekann­tes Wis­sen, das in Nord wie Süd, Ost wie West jeder kennt, selbst wenn man noch keine der bei­den Städte selbst ken­nen­ler­nen konnte.

Ein ähnlich kla­res Bild kön­nen die meis­ten von Rom zeich­nen und so ist es auch nicht wei­ter über­ra­schend, daß Joel Stern­felds Wer­k­reihe „Cam­pagna Romana“, die kürz­lich in Aus­zü­gen in der Buch­mann Gale­rie gezeigt wurde, auch ohne wei­tere Hin­weise ihre Her­kunft offen­bart. Stern­feld hätte seine Arbei­ten ebenso gut titel­los belas­sen kön­nen, denn schließ­lich spre­chen sie für sich und offen­ba­ren ein Bild eines Roms der frü­hen neun­zi­ger Jahre. Der Künst­ler, der dort für einige Zeit wohnte, fing darin den All­tag der römi­schen Außen­be­zirke ein, der zwi­schen ver­fal­le­nen Aquä­duk­ten und Neu­bau­sied­lun­gen ein selt­sam hybri­des Leben gestaltet.

Joel Sternfeld: Women at a daily gathering beside an ancient Roman wall, Parco dei Gordiani, Rome, October 1990; courtesy Buchmann Galerie Berlin, Luhring Augustine New York and the artistJoel Stern­feld: Women at a daily gathe­ring beside an anci­ent Roman wall, Parco dei Gor­diani, Rome, Octo­ber 1990; cour­tesy Buch­mann Gale­rie Ber­lin, Luhring Augus­tine New York and the artist

Die Kulisse besteht aus einem eigen­sin­ni­gen Neben­ein­an­der der Epo­chen und Zeit­al­ter, gleich­sam gebaut wie gelebt, das sich bei Stern­feld immer wie­der neu abzeich­net. Die letz­ten modi­schen Spu­ren der ita­lie­ni­schen Sieb­zi­ger tref­fen hier auf archi­tek­to­ni­sche Spu­ren der Renais­sance; da tei­len sich frisch geklebte Zir­kus­pos­ter mit ebenso neuen, stei­ner­nen Hei­li­gen­dank­sa­gun­gen den knap­pen Platz auf einer alten Mauer; und Frauen tref­fen sich täg­lich im Schat­ten einer anti­ken Mauer zum Kaf­fee­kränz­chen. Wie selbst­ver­ständ­lich hängt die Poly­es­ter­ja­cke an einem ros­ti­gen Haken, der noch von Auf­stieg und Fall der Kai­ser und Könige berichtet.

Stern­feld ver­sam­melt auf sei­nen Foto­gra­fien der „Cam­pagna Romana“ die gelebte Rea­li­tät im über die Jahr­tau­sende gewach­se­nen Rom, das Alter und Geschichte in archi­tek­to­ni­scher und kul­tu­rel­ler Pra­xis ver­eint. Dadurch zeich­net sich ein spe­zi­fi­scher Cha­rak­ter der Stadt aus, der in jedem der Foto­gra­fien Stern­felds durch­scheint. Aller­dings ist diese Prä­senz nicht etwa auf einen geson­der­ten Hin­weis ange­wie­sen. Stern­felds Stadt­bil­der blei­ben zwar man­gels bekann­ter Wahr­zei­chen zunächst anonym, wer­den jedoch wie­derum durch die­ses archi­tek­to­ni­sche und kul­tu­relle Gefüge als Abbil­der Roms, nicht etwa Jakar­tas oder São Pau­los les­bar und erkenn­bar. Das Ver­mö­gen, die­sen Unter­schied zu ver­mit­teln, kann jedoch nicht nur allein den Bil­dern zuge­schrie­ben wer­den. Denn offen­sicht­lich exis­tiert ein irgend­wie gear­te­tes, über­ge­ord­ne­tes Zei­chen­sys­tem, auf das der Betrach­ter zurück­greift und somit fol­ge­rich­tig Rom von Jeru­sa­lem unterscheidet.

Joel Sternfeld: Lovers parking beneath a pyramidal tomb of the second century A.D., Via Appia Antica, Rome, November 1990; courtesy Buchmann Galerie Berlin, Luhring Augustine New York and the artistJoel Stern­feld: Lovers par­king bene­ath a pyra­mi­dal tomb of the second cen­tury A.D., Via Appia Antica, Rome, Novem­ber 1990; cour­tesy Buch­mann Gale­rie Ber­lin, Luhring Augus­tine New York and the artist

Es erscheint mit­un­ter zunächst als Bana­li­tät, daß sich die meis­ten Städte nicht nur in ihrer Infra­struk­tur – sprich der Anord­nung der Stra­ßen, Plätze und Stadt­teile – oder den archi­tek­to­nisch fass­ba­ren Eigen­hei­ten unter­schei­den, son­dern jede Stadt zudem ein spe­zi­fi­sches Gefühl ver­mit­telt. Wäh­rend ers­tere sich leicht über­prü­fen las­sen und zwei­fels­ohne zu einem Stadt­cha­rak­ter bei­tra­gen, ist die Rolle jenes spe­zi­fi­schen Gefühls einer Stadt ebenso wenig von der Hand zu wei­sen, aber ungleich schwie­ri­ger auf die Spur zu kom­men. Wir kön­nen ebenso von Foto­gra­fien wie aus Erzäh­lun­gen mit erstaun­li­cher Sicher­heit schlie­ßen, daß es sich um die eine oder die andere Stadt han­deln muss, und doch bleibt oft­mals unge­klärt, auf wel­cher Grund­lage die­ses Urteil geschieht. In allen Fäl­len han­delt es sich (im über­tra­ge­nen Sinne) um Stadtbil­der, die die Iden­ti­tät der Stadt for­men und auch nach außen hin ver­kör­pern und wie­der­ge­ben. Erstaun­li­cher­weise gelingt die Beschrei­bung einer bestimm­ten Stadt oft­mals auch ohne die per­sön­li­che Kennt­nis und stimmt oft ver­blüf­fend genau mit den Erfah­run­gen der Ein­hei­mi­schen überein. In der Sozio­lo­gie spricht man bereits seit län­ge­rer Zeit von einem kol­lek­tiv ver­an­ker­ten Stadt­bild, das auf höchst unter­schied­li­che Weise zum Aus­druck kom­men kann: Foto­gra­fien, Stadt­pläne, Rei­se­be­richte, lokale und natio­nale Nach­rich­ten, poli­ti­sche und soziale Gefüge etc. bil­den einen spe­zi­fi­schen Stadt­cha­rak­ter ab. Bei Mar­tina Löw heißt es zudem, daß eine Stadt auf diese Weise eine mehr oder min­der aktive Bild­po­li­tik betreibe oder wenigs­tens betrei­ben müsse, um sich nach­hal­tig im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ein­prä­gen zu kön­nen. Dazu bediene sich die Stadt eines Bild­ap­pa­ra­tes, des­sen Eigen­schaf­ten und seine Stra­te­gien, Mög­lich­kei­ten und Limi­ta­tio­nen Löw in ihrer „Sozio­lo­gie der Städte“ untersucht.

Joel Sternfeld: Man and woman on their way to morning coffee, Via Sapori, Cecchignola, Rome, August 1990; courtesy Buchmann Galerie Berlin, Luhring Augustine New York and the artist.Joel Stern­feld: Man and woman on their way to morning cof­fee, Via Sapori, Cec­chi­gnola, Rome, August 1990; cour­tesy Buch­mann Gale­rie Ber­lin, Luhring Augus­tine New York and the artist.

Es bleibt jedoch wei­ter­hin zu klä­ren, wel­che Rolle die­ser Bild­ap­pa­rat Roms in Stern­felds Foto­gra­fien ein­nimmt. Dem Künst­ler kann nicht unter­stellt wer­den, daß er sich mit sei­ner Werk­se­rie „Cam­pagna Romana“ die­ser sozio­lo­gi­schen und glei­cher­ma­ßen bild­wis­sen­schaft­li­chen Domäne nähern wollte, das ist allein auf­grund des Ent­ste­hungs­zeit­punk­tes und der Motiv­wahl nicht anzu­neh­men. Stern­felds Auf­nah­men kon­zen­trie­ren sich auf das Leben in einer his­to­risch gewach­se­nen Stadt, womit er in der lan­gen Tra­di­tion von Malern wie Pira­nesi, Corot und Pous­sin steht, die der Cam­pagna eben­falls ein künst­le­ri­sches Denk­mal setz­ten. Wie der Aus­stel­lungs­text zutref­fend fest­stellt, hallt im Gegen­satz zu den Vor­ge­nann­ten bei Joel Stern­feld kein Mythos nach; statt­des­sen gibt er einen ehr­li­chen Ein­blick in die gelebte Rea­li­tät eines his­to­risch nach­hal­tig gepräg­ten Roms. Stern­felds Inter­esse gilt dem Umgang der Bewoh­ner Roms mit ihrer Stadt und ihrer Geschichte, der Gestal­tung und Nut­zung ihrer struk­tu­rel­len, sozia­len und kul­tu­rel­len Gefüge. Wenn er sich anti­ken Aquä­duk­ten und neu­zeit­li­chen Wohn­sied­lun­gen, dem Leben und All­tag zwi­schen bei­den – aus­schließ­lich his­to­ri­schen – Extre­men wid­met, dann hat er mit­un­ter eine phä­no­me­no­lo­gi­sche Auf­ar­bei­tung des römi­schen Stadt­cha­rak­ters im Sinn, jedoch ist dar­aus nicht zu erse­hen, daß es um den über­ge­ord­ne­ten Bild­ty­pus „Stadt“ im All­ge­mei­nen ginge.

Den­noch ist nicht von der Hand zu wei­sen, daß sich Stern­feld die­ses Bild­ap­pa­ra­tes Roms bedie­nen musste, auf die auch jedes Rei­se­pro­spekt, jedes Urlaubs­foto und nicht zuletzt auch Pira­nesi, Pous­sin, Lor­rain etc. zurück­grei­fen. Seine Foto­gra­fien hät­ten ohne den Rück­griff auf die­sen Zei­chen­ka­ta­log ihre Wir­kung, ihre Prä­senz aber auch ihre Rele­vanz ver­fehlt. Die­ser liegt wie­derum in einer kol­lek­ti­ven Auf­fas­sung von Gestalt und Wesen Roms begrün­det, den sich Stern­feld bewusst machen musste. Was jeder Tou­rist, aber auch jeder Städ­te­fo­to­graf und Fil­me­ma­cher in ihre Motiv­wahl beden­ken müs­sen, ist nur ver­meint­lich eine Bana­li­tät, denn schließ­lich sind sie impli­zit an der Gestal­tung jenes Stadt­bil­des betei­ligt. Tat­säch­lich ist die­ser Aspekt ein inten­siv debat­tier­ter Gegen­stand der wis­sen­schaft­li­chen For­schung, der nicht zuletzt auch das Arbeits­werk­zeugs des Stadt-Marketings ist. (An die­ser Stelle sei wie­derum die Lek­türe von Löws „Sozio­lo­gie der Städte“ emp­foh­len, die darin an einer ver­glei­chen­den Ana­lyse Mün­chens und Ber­lins beein­dru­ckende Erkennt­nisse zutage för­dert.) Denn letzt­lich geben sie nicht nur pas­siv den Cha­rak­ter einer Stadt wie­der, son­dern neh­men auch aktiv Ein­fluss darauf.

Denn neben der beschei­de­nen Schön­heit der Ehr­lich­keit in Joel Stern­felds Foto­gra­fien liegt genau darin der Reiz, sich als Geis­tes­übung dar­über bewusst zu wer­den, was die­sen Bild­ap­pa­rat Roms aus­zeich­net. Man wird viele Anhalts­punkte fin­den und viel­leicht fortan auch die hei­mi­sche Groß­stadt auf­merk­sa­mer beobachten.

An der Grenze der Wahrnehmung

Die Kuratorin Dr. Gabriele Knapstein im Gespräch

Die Kuratorin Dr. Gabriele Knapstein im Gespräch, Foto: Michał SamolenkoDie Kura­to­rin Dr. Gabriele Knap­stein im Gespräch, Foto: Michał Samolenko

Die Aus­stel­lung „db“ Ryoji Ike­das befin­det sich der­zeit auf ihrem Höhe­punkt und hat bereits etli­che Besu­cher ins Stau­nen ver­setzt. Die einen sind ange­tan, andere füh­len sich von dem Klang– und Licht­ge­wit­ter des Japa­ners schier über­for­dert. Wie bereits an die­ser Stelle berich­tet wurde, hat Ikeda in zwei sym­me­trisch gele­ge­nen Räu­men des Ham­bur­ger Bahn­hofs sein mul­ti­me­dia­les Spek­ta­kel errich­tet und for­dert dort seit Ende Januar die Sinne der Besu­cher heraus.

In Zusam­men­ar­beit mit Art­con­nect Ber­lin traf ich vor eini­gen Wochen die Kura­to­rin der Aus­stel­lung „db“, Dr. Gabriele Knap­stein, zum Gespräch. Darin unter­hiel­ten wir uns über die kühle Per­fek­tion der Instal­la­tion, der drän­gen­den Suche nach der Unend­lich­keit im Werk Ike­das und seine Ver­bin­dung zu ande­ren Künst­lern, die mit mini­ma­lem For­men­re­per­toire maxi­male Effekte erzielen.

Mat­thias Pla­nit­zer: Frau Knap­stein, mit der Aus­stel­lung „db“ füh­ren Sie und Ryoji Ikeda den Besu­cher an die Gren­zen sei­ner Wahr­neh­mung. Wie neh­men die Besu­cher, aber auch die Auf­se­her die Aus­stel­lung auf? Gab es bereits Beschwer­den über kör­per­li­ches Unbehagen?

Gabriele Knap­stein: Für die Auf­se­her ist es natür­lich schwie­rig. Sie lösen sich häu­fi­ger ab als es in ande­ren Räu­men des Muse­ums der Fall ist. Natür­lich gibt es Besu­cher, die die Sounds sowohl im wei­ßen wie im schwar­zen Raum als aggres­siv und fast schmerz­haft emp­fin­den. Aber es gibt auch viele Besu­cher, die sehr fas­zi­niert von die­sem Gesamt­er­leb­nis sind, das Ryoji Ikeda mit die­ser Ver­schrän­kung von akus­ti­schem und visu­el­lem Erleb­nis geschaf­fen hat. Bei einem so gro­ßen Museum sieht man sich natür­lich immer einer gro­ßen Band­breite an Reak­tio­nen gegen­über. Ich habe aller­dings den Ein­druck – jeden­falls den Reak­tio­nen zufolge, die ich bis­her bekom­men habe –, daß die Besu­cher die Aus­stel­lung sehr posi­tiv wahr­neh­men und daß sie es auch inter­es­sant fin­den, daß wir hier in die­sem Museum der bil­den­den Kunst eine sonst eher aus dem medi­en­künst­le­ri­schen Zusam­men­hang bekannte Posi­tion prä­sen­tie­ren und die Mög­lich­keit geben, sie auch mit ande­ren For­men der bil­den­den Kunst in Bezie­hung zu set­zen. Ich denke, daß man sol­che Kate­go­ri­sie­run­gen und Insti­tu­tio­na­li­sie­run­gen auch immer wie­der auf­he­ben und befra­gen muss, wes­we­gen wir ja auch mit dem Musik­fes­ti­val März­Mu­sik und mit einem Medi­en­kunst­fes­ti­val wie der Trans­me­diale koope­rie­ren, um eben diese Durch­läs­sig­keit voranzutreiben.

Ein Aufseher des Hamburger Bahnhofs in der Ausstellung "db", Foto: Matthias PlanitzerEin Auf­se­her des Ham­bur­ger Bahn­hofs in der Aus­stel­lung „db“, Foto: Mat­thias Planitzer

Die Aus­stel­lung „db“ ist die erste Ein­zel­aus­stel­lung von Ryoji Ikeda in Deutsch­land; sie ist ein­ge­bet­tet in eine län­gere Ver­an­stal­tungs­reihe, näm­lich der „Musik­werke bil­den­der Künst­ler“. Warum fiel die Wahl gerade auf Ryoji Ikeda?

In der Reihe „Musik­werke bil­den­der Künst­ler“ stel­len wir Künst­ler und Künst­le­rin­nen vor, die in dem Grenz­ge­biet zwi­schen bil­den­der Kunst, visu­el­ler Kunst und Klang ope­rie­ren. In die­sem Zusam­men­hang geht es uns durch­aus auch darum, daß wir dem Publi­kum eine große Varia­ti­ons­breite vor­füh­ren. Aus­ge­spro­chen bil­dende Künst­ler, die ihre Kon­zepte in den Bereich des Klan­ges über­set­zen,  stel­len ihre Arbei­ten ebenso aus wie auch Klang­künst­ler, die bis­her in die­sem Bereich auf­ge­tre­ten sind und nun Aus­stel­lungs­for­mate für sich ent­wi­ckelt haben. Ihnen ist gemein, daß sie unter­su­chen, was ent­we­der die Über­set­zung eines Kon­zep­tes bil­den­der Kunst in einen Klang­raum bedeu­tet oder wie man mit Klang und dem Thema „Musik“ Räume gestal­ten und diese Fra­gen visu­ell dar­stel­len kann.

Ryoji Ikeda hat uns des­we­gen inter­es­siert, weil wir in die­ser Reihe auch das, was übli­cher­weise als Medi­en­kunst klas­si­fi­ziert wird, ein­be­zie­hen möch­ten und auch danach befra­gen, was pas­siert, wenn sich diese Künst­ler auf ein Feld der bil­den­den Kunst bege­ben, wo es dann auch Anschluß­mög­lich­kei­ten an die Kunst­ge­schichte gibt. Es ist mein per­sön­li­ches Inter­esse, daß wir hin und wie­der Künst­ler ein­be­zie­hen, die digi­tale Medien ver­wen­den oder reflek­tie­ren, die eigent­lich in Berei­chen der Medi­en­kunst rezi­piert wer­den – gerade auch wenn ich deut­li­che Bezüge zur Kunst­ge­schichte sehe. Und da, finde ich, ist Ryoji Ikeda eine wich­tige Figur. Aus die­sem Grund waren wir an ihm inter­es­siert und haben ihn ein­ge­la­den, für die Reihe „Musik­werke bil­den­der Künst­ler“ ein Kon­zept vorzuschlagen.

Ryoji Ikeda ist für die klare Struk­tu­rie­rung in der Pla­nung sei­ner Aus­stel­lun­gen bekannt. Wie gestal­tete sich die Pla­nung und Umset­zung von „db“?

Wir haben Ryoji Ikeda zunächst vor andert­halb Jah­ren ein­ge­la­den, für diese Serie einen Vor­schlag vor­zu­le­gen. Die­ser län­gere Vor­lauf war nötig, weil wir wuss­ten, daß eine Aus­stel­lung von Ryoji Ikeda, wie auch viele andere Pro­jekte in die­ser Reihe, zusätz­li­che För­der­mit­tel benö­ti­gen würde. Also haben wir ihn zunächst ange­spro­chen und ein­ge­la­den. Er ist dann hier­her gekom­men und hat sich die Räum­lich­kei­ten im Ham­bur­ger Bahn­hof ange­schaut. Er betont stets, wenn er über seine Aus­stel­lungs­tä­tig­keit spricht, daß er gezielt die­sen Vor­schlag gemacht habe, diese bei­den sym­me­tri­schen Räume in den Flü­geln des Ham­bur­ger Bahn­hofs zu ver­wen­den. Das hat bis­her kein Künst­ler hier im Haus unter­nom­men. Auch für unsere Besu­cher ist es inter­es­sant, die Erfah­rung zu machen, daß es sich tat­säch­lich um zwei sym­me­tri­sche Räume han­delt, die man erle­ben kann, indem man sich in den einen Flü­gel begibt, dann den Weg durch das Erd­ge­schoss nimmt und im ande­ren Flü­gel das Pen­dant dazu sieht. Ich habe die Räume, die auf die­sem Weg lie­gen, ent­spre­chend umge­stal­tet, damit hier auch der Bezug zwi­schen der Posi­tion von Ryoji Ikeda und der Tra­di­tion in der Kunst­ge­schichte für die Besu­cher anklingt. Dann hat Ikeda sei­nen Ent­wurf für diese bei­den Räume vor­ge­legt: ein ganz kla­res Kon­zept, das von Anfang an die zen­trale Arbeit „db“ und die zusätz­li­chen, auf Zah­len­ma­te­rial basie­ren­den Prints und Pro­jek­tio­nen vor­sah. Wir sahen darin einen so stim­mi­gen und schlüs­si­gen Vor­schlag, daß wir dar­auf ver­traut haben, daß er auch die Jurys über­zeu­gen würde, denen spä­ter die­ser Antrag vorläge.

Offen­sicht­lich waren die Juro­ren beein­druckt – „db“ konnte rea­li­siert wer­den und ermög­licht uns und den Besu­chern nun den Blick in die kom­plexe Sym­me­trie eines mul­ti­me­dia­len Kaleidoskops.

Ja, dar­über sind wir sehr froh. Seine Aus­stel­lung „db“ – eine Abkür­zung für Dezi­bel – im Ham­bur­ger Bahn­hof zeigt zwei sym­me­trisch im Museum gele­gene Räume: einen wei­ßen und einen schwar­zen Raum. Im Zen­trum die­ser Doppel-ausstellung steht die titel­ge­bende Arbeit „db“. Sie besteht im wei­ßen Raum aus einem schwar­zen, gro­ßen Laut­spre­cher, der eine ste­hende Sinus­welle in den Raum abstrahlt, und einem rie­si­ger Schein­wer­fer, der einen mas­si­ven Licht­strahl in den schwar­zen Raum pro­ji­ziert. Zusätz­lich wer­den in jedem die­ser bei­den Räume noch zwei Werke bzw. Werk­kom­plexe gezeigt, in denen Ryoji Ikeda mini­male Bau­steine von Klang und Licht mit einem Gegen­pol kon­fron­tiert, näm­lich mit unend­li­chen bzw. irre­du­zi­blen Zahlen.

Am Eingang zu Ryoji Ikedas "db", Foto: Matthias PlanitzerAm Ein­gang zu Ryoji Ike­das „db“, Foto: Mat­thias Planitzer

In die­sem Zusam­men­hang ist neben dem beein­dru­cken­den tech­ni­schen Equip­ment auch die kom­pro­miss­lose Per­fek­tion bemer­kens­wert, mit der er die alten Gemäuer vor einige Her­aus­for­de­run­gen stellt. An wel­che Gren­zen sind Sie bei der Kon­zep­tion gestoßen?

Wir befin­den uns ja in einem his­to­ri­schen Gebäude und da gibt es aus mei­ner Sicht ledig­lich Gren­zen der Per­fek­tion, die man sich bei den kla­ren Kon­zep­ten Ryoji Ike­das wünscht. Man rich­tet also den wei­ßen Raum mit wei­ßem Boden ein, hat glück­li­cher­weise auch eine Licht­de­cke von einer Strahl­kraft, die die­sem Raum zugute kommt. Aber plötz­lich sieht man, daß die Türen schon län­ger nicht mehr lackiert wor­den sind, die natür­lich auch noch strah­lend weiß sein müs­sen. Auf den schwarz gemal­ten Wän­den sieht man die Spur eines jeden Ärmels, der dort ent­lang gestreift wurde. Ryoji Ikeda trat ja bis­her eher als Musi­ker und Per­for­mer her­vor und hatte stets alles selbst unter Kon­trolle. Aber dann, wenn er in die Aus­stel­lungs­häu­ser und Museen geht, braucht er auch ihr Ver­ständ­nis, um die Radi­ka­li­tät die­ser Kon­zepte zu pfle­gen und zu prä­sen­tie­ren, sodaß dies für die Besu­cher auch erleb­bar ist. Schließ­lich ist es ent­schei­dend, daß der weiße Raum seine Strahl­kraft und der schwarze Raum seine gleich­mä­ßig schwarz gefärb­ten Wände und den Boden bis zum Ende der Lauf­zeit behal­ten. Hierin liegt die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung für das Museum: die­sen Zustand mög­lichst per­fekt zu hal­ten, gerade auch über eine so lange Laufzeit.

Wie lange hat der Auf­bau gedauert?

Zunächst muss­ten wir die Räume ent­spre­chend vor­be­rei­ten: strei­chen, den Boden aus­zu­le­gen – dafür haben wir zwei Wochen gebraucht. Die Vor­be­rei­tung des tech­ni­schen Equip­ments war von Ryoji Ikeda und sei­nem Stu­dio per­fekt mit Spe­zi­al­fir­men abge­stimmt, die einer­seits den Laut­spre­cher und ande­rer­seits die­sen Schein­wer­fer stell­ten. Den eigent­li­chen Tech­nik­auf­bau konn­ten wir dann in vier, fünf Tagen bewältigen.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Ange­sichts des tech­ni­schen Groß­auf­ge­bo­tes, mit dem „db“ die Sinne der Besu­cher her­aus­for­dert, über­ra­schen diese Anstren­gun­gen kaum. Wel­che sind die größ­ten Hür­den, mit der die Wahr­neh­mung des Besu­chers kon­fron­tiert wird?

Zunächst ist der Besu­cher in die Situa­tion gestellt, daß der weiße Raum auf den Farb­kon­trast weiß/schwarz und den Sinus­ton redu­ziert ist, der sich als drei­ßig­mi­nü­tige Kom­po­si­tion ver­än­dert, wel­che über den Laut­spre­cher in den Raum gestrahlt wird. Einige im Umgang mit elek­tro­ni­scher Musik erfah­rene Besu­cher stau­nen, daß jemand, dem alles zur Ver­fü­gung steht, sich auf ein sol­ches Mini­mum beschränkt, und sind dann fas­zi­niert, wel­che fei­nen Nuan­cen zu hören sind, wenn man sich durch den Raum bewegt. Dann gibt es natür­lich aber auch Besu­cher, für die ein sol­cher Dau­er­ton befremd­lich ist, der – so erscheint es ihnen – ste­tig gleich bleibt. Die­ses Zusam­men­spiel von visu­el­ler und akus­ti­scher Erfah­rung, das durch Cages Musik­be­griff stark in die bil­dende Kunst ein­ge­drun­gen ist, bie­tet Ryoji Ikeda in extre­mer Weise, wenn er diese Kom­bi­na­tion von Sound und visua­li­sier­ten Zah­len­fol­gen ein­setzt und somit auf das Thema „Musik und Mathe­ma­tik“ ver­weist. Ryoji Ikeda macht in die­sem Sinne dem Besu­cher viele Ange­bote. Ich denke, daß die klare Pola­ri­tät zwi­schen dem wei­ßen und dem schwar­zem Raum für jeden Besu­cher eine große Erleb­nis­qua­li­tät hat, gleich wel­che Erfah­run­gen er mitbringt.

Gerade die von Ihnen ange­spro­chene akus­ti­sche Kom­po­nente fin­det sich bei Ryoji Ikeda immer wie­der, nicht zuletzt ist er auch für seine Kom­po­si­tio­nen bekannt. So ist etwa in „+/-“ zu Beginn durch­gän­gig ein durch­drin­gen­der Sinus­ton zu hören, der irgend­wann nicht mehr auf­fällt, um dar­auf­hin zu ver­stum­men und ein sehr befremd­li­ches Gefühl aus­zu­lö­sen. Sound spielt aller­dings auch in Ike­das Instal­la­tio­nen eine große Rolle. Wie in ande­ren Aus­stel­lun­gen auch, herrscht in „db“ eine Syn­äs­the­sie zwi­schen Licht und Ton, das heißt, beide tre­ten in eine enge Ver­schrän­kung miteinander.

Im Ver­gleich zu ande­ren kon­zer­tan­ten Auf­trit­ten hat er für „db“ sein For­men­in­ven­tar noch ein­mal redu­ziert, ähnlich wie auch in der gro­ßen Aus­stel­lung, die er in Tokyo hatte, in der er eben­falls die Prints mit den irre­du­zi­blen Zah­len zeigte1. Wäh­rend man bei den kon­zer­tan­ten Auf­füh­run­gen von einer kom­ple­xen Sound­spur und per­ma­nent wech­seln­den Visu­als ein­ge­nom­men ist, wird man hier mit einer redu­zier­te­ren Spra­che kon­fron­tiert. Indem es eben nur diese Sinus­welle gibt und auf der einen Seite die schwar­zen Prints, auf der ande­ren Seite die Zah­len­pro­jek­tio­nen – aber nicht in den über­wäl­ti­gen­den For­ma­ten, wie er sie in man­chen ande­ren Instal­la­tio­nen gezeigt hat (vor eini­gen Jah­ren konnte man auf der Trans­me­diale in eine vier mal acht Meter mes­sende Pro­jek­tion ein­tau­chen2) –, hat er hier erneut eine Kon­zen­tra­tion vor­ge­nom­men. Die Aus­stel­lung hat für ihn daher einen beson­de­ren Stel­len­wert, weil er ver­sucht hat, die Grund­ele­mente sei­ner visu­el­len und musi­ka­li­schen Arbeit auf den Punkt zu bringen.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Sie erwähn­ten bereits das Kon­zept der Unend­lich­keit, das nicht nur in „db“ eine tra­gende Rolle ein­nimmt. Wel­chen Stel­len­wert haben Mathe­ma­tik und Zah­len­mys­tik in Ike­das Werken?

Im Laufe der Jahre hat er eine Fas­zi­na­tion für Zah­len und ins­be­son­dere das mathematisch-philosophische Feld der unend­li­chen Zah­len ent­wi­ckelt. Er hat sich peu-á-peu die­ser Unend­lich­keit ange­nä­hert, bis er an der Grenze der Wahr­neh­mung ange­langte, die er in sei­ner Kunst unter­sucht. Was kann man hören, was kann man als musi­ka­li­sches Erleb­nis wahr­neh­men? Wie mini­mal kann das sein? Auf der ande­ren Seite steht aber auch die Frage, wann unsere Wahr­neh­mung aus die­sen Schwin­del erre­gen­den Zah­len­wel­ten aussteigt.

Er kann seine Fas­zi­na­tion sehr leb­haft beschrei­ben: Man stelle sich ein­mal vor, wel­che Unend­lich­keit allein zwi­schen den Zah­len Null und Eins auf­scheint, wenn man mal anfängt, die Nach­kom­ma­stel­len auf­zu­ma­chen – 0.1, 0.01 und so wei­ter und so fort. Wenn man anfängt dar­über nach­zu­den­ken, tut sich plötz­lich ein unend­li­cher Raum auf, der in sei­ner maxi­ma­len Aus­deh­nung für uns gar nicht mehr fass­bar ist, und dann eben in einen Kon­trast zu die­ser mini­ma­len Beschrän­kung auf bestimmte Sounds und visu­elle Infor­ma­tio­nen gerät. Diese Spanne zwi­schen dem Mini­ma­len und dem Maxi­ma­len macht seine Kunst in beson­de­rer Weise aus und schlägt eine inter­es­sante Brü­cke zur Mini­mal Art, die sich nach mei­nem Ver­ständ­nis eben­falls dadurch aus­zeich­net. Das ist ein sol­ches Moment, in dem ich eine inten­sive Aus­ein­an­der­set­zung mit der bil­den­den Kunst sehe.

Pas­send dazu haben Sie im Erd­ge­schoss Arbei­ten von Roman Opałka aus­ge­stellt, wel­cher sich ja eben­falls inten­siv der Unend­lich­keit wid­mete. Was ver­bin­det, aber was unter­schei­det auch Opałka und Ikeda?

Roman Opałka nahm es sich 1965 als Lebens­pro­jekt vor, Zah­len von eins bis gegen unend­lich in weiß auf schwar­zem, bzw. im Laufe der Jahre auf grauem Grund zu malen. Um täg­lich eine bestimmte Stre­cke zurück­zu­le­gen, tat er dies in einem stren­gen Rhyth­mus. Die Zah­len, die er malte, hat er dabei gespro­chen und das auch auf­ge­nom­men. Eine sol­che Auf­nahme prä­sen­tie­ren wir hier eben­falls. Bei Opałka ist das Ver­hält­nis sei­ner eige­nen per­sön­li­chen Lebens­zeit zu einem Kos­mos von unend­li­chen Zah­len über seine eigene kör­per­li­che Tätig­keit ver­mit­telt. Daß er selbst diese Zah­len aus­schreibt, ist ein star­kes Ele­ment in sei­ner Arbeit. Man kann ihn in die­sem Punkt mit ande­ren Künst­lern wie Hanne Dar­bo­ven3 und On Kawara4 und ihren Auf­schrei­be­sys­te­men in Bezie­hung brin­gen. Dage­gen ist es bei Ikeda die Fas­zi­na­tion für die unend­li­chen Zah­len, die im tech­ni­schen Fort­schritt der com­pu­te­ri­sier­ten Berech­nung ein Uni­ver­sum eröff­nen, das weit über unsere Gehirn­ka­pa­zi­tä­ten hin­aus reicht. Wie man es im schwar­zen Raum ein­drück­lich erfährt, kön­nen wir diese Dimen­sio­nen mit unse­rer Wahr­neh­mung gar nicht fas­sen. Ikeda inter­es­sie­ren auch die durch Com­pu­ter geschaf­fe­nen Dar­stel­lungs­mög­lich­kei­ten, die nicht mit der Lebens­zeit des Künst­lers und der Beschrän­kung belegt sind, die not­wen­di­ger­weise damit ver­bun­den ist. Dadurch bekommt seine Arbeit gerade eine Abs­trakt­heit und eine Ten­denz zum Phi­lo­so­phi­schen, die Roman Opałka in eine Fass­bar­keit und per­sön­li­che Bezie­hung zu die­sen Zah­len umzu­mün­zen ver­suchte. Das sind durch­aus polare Inter­es­sen, doch sind beide fas­zi­niert von dem Phä­no­men der unend­li­chen Zah­len. Diese Ver­bin­dung erscheint mir sehr interessant.

Die Kuratorin Dr. Gabriele Knapstein im Gespräch, Foto: Michał SamolenkoDie Kura­to­rin Dr. Gabriele Knap­stein im Gespräch, Foto: Michał Samolenko

Den leicht nach­voll­zieh­ba­ren Ite­ra­tio­nen Opał­kas ste­hen jedoch die unfass­ba­ren Zah­len­wei­ten Ike­das gegen­über. Als in sei­ner Wahr­neh­mung ein­ge­schränk­ter Besu­cher wird man sich unwei­ger­lich fra­gen, ob diese mons­trö­sen Zah­len­rei­hen tat­säch­lich in der Unend­lich­keit kumu­lie­ren oder ob die mathe­ma­ti­sche Prä­zi­sion die­ser über­wäl­ti­gen­den Dimen­sion nicht eigent­lich in einem Rau­schen zusammenbricht.

Ich emp­finde es als fas­zi­nie­rend, in ein Uni­ver­sum von Zah­len ein­zu­tau­chen, mit dem man sich sonst nicht so häu­fig kon­fron­tiert sieht, wenn man kein Mathe­ma­ti­ker ist. Es hat ein gro­ßes immer­si­ves Moment, wie er die Zah­len dar­stellt, die im Falle der Pro­jek­tion per­ma­nent wei­ter geschrie­ben wer­den, so daß man als Betrach­ter dann doch eine kör­per­li­che Erfah­rung im Uni­ver­sum die­ser Zah­len machen kann, die Roman Opałka als Maler  auf eine ganz andere Art für sich her­ge­stellt hat.

Sie haben Ike­das „db“ nicht nur dem Lebens­werk Opał­kas gegen­über­ge­stellt, son­dern neh­men auch Bezug auf Dan Fla­vin, des­sen gesetz­ter Mini­ma­lis­mus den Besu­cher im Erd­ge­schoss emp­fängt. Bei Ikeda fin­det man mini­male For­men, die bis ins Maxi­male aus­ge­reizt wer­den um dadurch über­wäl­ti­gende Ergeb­nisse zu erzie­len. Eine ähnli­che Wir­kung fin­det man auch bei Cars­ten Höl­ler, vor des­sen rie­si­ger, fla­ckern­der LED-Wand „Light Wall“ man in Ehr­furcht erstarrt. Kürz­lich zeigte die daad­gale­rie mit Yut­aka Makino eine „db“ sehr ähnli­che Aus­stel­lung5. Auf der ande­ren Seite eröff­net uns Andreas Gursky bei­spiels­weise in „Mont­par­nasse“ mit mini­ma­len For­men ein über­wäl­ti­gen­des Spek­trum. Wie ver­or­ten Sie Ikeda in die­sem Spektrum?

Ryoji Ikeda steht in sehr engem Aus­tausch mit Künst­lern wie Cars­ten Nico­lai, der ja auch an die­ser Grenze zwi­schen elek­tro­ni­scher Musik und Visua­li­sie­rung von mini­ma­len Impul­sen und Daten arbei­tet. Bei Andreas Gursky sehe ich eine andere Rich­tung, weil hier eine erzäh­le­ri­sche Kom­po­nente hin­zu­tritt, die in den Wer­ken von Ryoji Ikeda oder Cars­ten Nico­lai in die­sem Sinne nicht vor­han­den ist. Die Frage, inwie­fern den Wer­ken eine Über­wäl­ti­gungs­äs­the­tik inne­wohnt, mit der jemand wie Ryoji Ikeda arbei­tet, muss von jedem Betrach­ter anders beant­wor­tet wer­den. Andreas Gursky über­wäl­tigt eher mit bestimm­ten For­ma­ten, Moti­ven und der Bear­bei­tung, die er ihnen ange­dei­hen lässt. Bei Ikeda kommt aller­dings auch ein musi­ka­li­scher Ansatz hinzu, was einen ganz gro­ßen Anteil an der Erzeu­gung der Erfah­rung hat, die der Besu­cher macht. Darin sehe ich einen grund­sätz­lich unter­schied­li­chen ästhe­ti­schen Ansatz, den Ryoji Ikeda in Ver­gleich zu Andreas Gursky wählt.

Cars­ten Nico­lai war ja auch bereits in der Neuen Natio­nal­ga­le­rie ver­tre­ten6, eben­falls in der Reihe „Musik­werke bil­den­der Künst­ler“, und ist auch gleich­zei­tig lang­jäh­ri­ger Freund und Kol­lege Ryoji Ike­das. Sie ver­öf­fent­li­chen ihre Musik bei Nico­lais Label ras­ter noton und erstel­len auch gemein­same Werke. Ist im Rah­men der „Musik­werke bil­den­der Künst­ler“ oder ande­rer For­mate eine Koope­ra­tion geplant? Könnte man bald Cars­ten Nico­lai und Ryoji Ikeda zusam­men hier im Hause sehen?

Wir haben den Anspruch, sehr viele ver­schie­dene Posi­tio­nen vor­zu­füh­ren und eine Vari­anz zu zei­gen. Wie­der­holte Auf­tritte wür­den dann eher nicht in sol­chen Ein­zel– oder Dop­pel­aus­stel­lun­gen vor­kom­men. Etwas ande­res sind natür­lich Grup­pen­aus­stel­lun­gen oder Samm­lungs­prä­sen­ta­tio­nen, sollte eine sol­che Arbeit in die Samm­lung ein­ge­hen. Wir woll­ten diese bei­den Künst­ler auch gezielt mit ihren jewei­li­gen Posi­tio­nen vor­stel­len, gerade auch weil im Falle die­ser bei­den Pro­jekte die Kom­bi­na­tion von Visu­als und Sound unter­schied­lich war. Bei Cars­ten Nico­lais Pro­jekt „syn chron“ war es so, daß die Visu­als von den Sounds gene­riert wur­den. Das ist bei „db“ nicht so: Die Sounds, die man im schwar­zen Raum hört, sind nicht unmit­tel­bar auf die Zah­len bezo­gen, die pro­ji­ziert wer­den. Statt­des­sen sind es zwei par­al­lele Ebe­nen, die er zusam­men kom­po­niert hat.

„syn chron“ wurde damals mit viel Begeis­te­rung auf­ge­nom­men. Gerade auch die Kin­der hat­ten sicht­lich Spaß daran. Inwie­fern begeis­tert auch Ike­das „db“ Ihre jun­gen Besucher?

Die Kin­der sind natür­lich zunächst von der kör­per­li­chen Erfah­rung die­ses Laut­spre­cher­sounds und von dem Licht­strahl fas­zi­niert. Sie haben eine unmit­tel­bare Lust an die­ser Inter­ak­tion. Sie spü­ren, daß sie mit ihrem Kör­per beein­flus­sen, was sie erle­ben kön­nen. Man kann hier auch basis­phy­si­ka­li­sche Fra­ge­stel­lun­gen wie „Was ist eine Klang­welle? Was ist ein Licht­strahl?“ sehr anschau­lich ver­mit­teln und inso­fern ist „db“ auch etwas für unsere klei­nen Besucher.

Die Aus­stel­lung „db“ kann noch bis zum 9. April im Ham­bur­ger Bahn­hof besucht werden.

Inter­view: Mat­thias Pla­nit­zer
Video, Post-Production: Michał Samo­lenko
in Koope­ra­tion mit Art­con­nect Ber­lin, Maria Ebbinghaus

Das ganze Inter­view als PDF-Datei.

  1. Museum für zeit­ge­nös­si­sche Kunst, Tokyo: „+/-“, 02.04. – 21.06. 2009 (u.a. mit den in Ber­lin eben­falls aus­ge­stell­ten „the irre­du­ci­ble (n°1–10)“ und „the trans­cen­den­tal (e) (n° 2-a)“)
  2. transmediale.10 und CTM 10, Ber­lin: „Pat­tern Reco­gni­tion feat. Ryoji Ikeda, Jür­gen Reble & Tho­mas Köner“, 03.02. 2010
  3. s. bspw. Hanne Dar­bo­ven: „Schreib­zeit“ (1975 – 1980), „Hom­mage à Picasso“ (1995 – 2006)
  4. s. On Kawara: „Today“ (1966 – andau­ernd)
  5. daad­gale­rie, Ber­lin: „The con­di­ti­ons of the pro­cess“, 10.12. 2011 – 22.01. 2012
  6. Neue Natio­nal­ga­le­rie, Ber­lin: „syn chron“, 25.02. – 03.04. 2005

Candida Höfers inszenierte Realität

Ein Triumph über die Illusion der Wirklichkeit

Candida Höfer: "Neues Museum Berlin XII 2009", 2009, C-print, gerahmt - framed.  180 x 213 cm - 71 x 84 in..Edition 4/6Can­dida Höfer: „Neues Museum Ber­lin XII 2009″, 2009, C-print, gerahmt – framed. 180 x 213 cm – 71 x 84 in..Edition 4/6

Wir freuen uns, den fol­gen­den Arti­kel unse­rer Gast­au­to­rin Maria Sitte bei Cas­tor & Pol­lux prä­sen­tie­ren zu dür­fen: Sie hat für uns Can­dida Höfers erwar­tungs­voll anti­zi­pierte und ges­tern in der Joh­nen Gale­rie eröff­nete Aus­stel­lung „Neues Museum Berlin“ unter die Lupe genom­men und einige Beob­ach­tun­gen über die Natur von Rea­li­tät und Illu­sion in Höfers Werk gesammelt.

Gesto­chen scharf, sodass es fast schon weh tut. Nir­gends fin­det sich auch nur ein Hauch von Unschärfe wie­der. Jedes bunte Mosa­ik­stein­chen, jeder Zie­gel­stein des Neuen Muse­ums Ber­lin lässt sich auf den Foto­gra­fien von Can­dida Höfer haar­ge­nau mit dem Blick abtas­ten und brennt sich, im posi­ti­ven Sinne, auf unse­rer Netz­haut ein. Man wird von die­ser schein­ba­ren Hyper­rea­li­tät in einen Bann gezo­gen, vor des­sen trü­ge­ri­scher Exis­tenz uns bereits Fou­cault zu war­nen versuchte.

Can­dida Höfer arbei­tet in Serien, digi­tal, und wid­met sich seit meh­re­ren Jah­ren inten­siv dem Motiv Archi­tek­tur, ins­be­son­dere Innen­räu­men. Es lässt sich eine Strin­genz und Kon­ti­nui­tät,  ein roter Faden in der Aus­wahl ihrer Motive erken­nen. So fokus­siert sich die Künst­le­rin haupt­säch­lich auf Museen, Kon­zert­säle, Schlös­ser, Kir­chen, Biblio­the­ken usw. – Räume der Reprä­sen­ta­tion, der Arbeit, der Kontemplation.

Die in der Joh­nen Gale­rie erst­mals aus­ge­stell­ten Arbei­ten stam­men aus der Serie „Neues Museum“ Ber­lin, an der Höfer bereits 2009 arbei­tete. Das im 19. Jahr­hun­dert errich­tete Muse­ums­ge­bäude wurde nach sei­ner teil­wei­sen Zer­stö­rung im Zwei­ten Welt­krieg vor weni­gen Jah­ren nach Plä­nen des bri­ti­schen Star­ar­chi­tek­ten David Chip­per­field restau­riert und zu neuem Leben erweckt. Höfers Auf­nah­men ent­stan­den unmit­tel­bar nach der Restau­rie­rung und kurz bevor die Muse­ums­be­stände erneut Ein­zug in die her­ge­rich­te­ten Räum­lich­kei­ten hiel­ten. Ein sel­te­ner Aus­nah­me­zu­stand also, den sie damit ein­zu­frie­ren vermochte.

Candida Höfer: "Neues Museum Berlin XXII 2009", 2009, C-print, gerahmt - framed.  180 x 247,3 cm - 71 x 97.5 in. Edition 2/6Can­dida Höfer: „Neues Museum Ber­lin XXII 2009″, 2009, C-print, gerahmt – framed. 180 x 247,3 cm – 71 x 97.5 in. Edi­tion 2/6

So sind bei­spiels­weise der mytho­lo­gi­sche Saal, der Nio­bi­den­saal oder auch der Nord­kup­pel­saal offen­sicht­lich mit den moder­nen, Chipperfield’schen Ergän­zun­gen zu sehen, teil­weise unmö­bliert, nackt und roh. Am Bei­spiel des Süd­kup­pel­saals mit den zwei Göt­ter­fi­gu­ren lässt sich das ganz­heit­li­che „Alt-Neu“–Prinzip der Höfer-Serie exem­pla­risch durch­ex­er­zie­ren. Chip­per­fields typisch kla­res, zurück­hal­ten­des For­men­ver­ständ­nis des Bodens und der Mit­tel­wand­plat­ten, ohne wuls­tig anmu­ten­den Schnick-Schnack, kon­tras­tiert mit den dar­über befind­li­chen, über 100 Jahre alten, roten Zie­gel­stein­rei­hen, die sich in der Höhe zu einem robus­ten Gewölbe über dem qua­dra­ti­schen Saal zusam­men­schlie­ßen. Die fest­ge­hal­tene, bau­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung des Neuen Muse­ums Ber­lin kul­mi­niert in den Foto­gra­fien so zu einem in Ein­klang gebrach­ten his­to­ri­schen Dokument.

Die­ses For­men­ver­ständ­nis könnte man, wenn man so will, auf Höfers 1973 begon­ne­nes Stu­dium bei Bernd und Hilla Becher an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf zurück­füh­ren. Ebenso kühl und dis­tan­ziert wie die por­träthaf­ten Schwarz-Weiß Foto­gra­fien der Indus­trie­bau­ten und Fach­werk­häu­ser des Künst­ler­paa­res kom­men auch Höfers Auf­nah­men daher. Erzielt wird die­ser Effekt durch die gleich­blei­bende Bild­schärfe inner­halb der jewei­li­gen Foto­gra­fie, die auf­fal­lend cha­rak­te­ris­tisch für Höfers Werk ist. Es exis­tiert keine Unschärfe, die ein ein­zel­nes Detail beson­ders her­vor­he­ben würde. Auf­grund die­ser bild­li­chen Klar­heit fal­len axiale Bezüge, Raum­fluch­ten, Ord­nung oder Glie­de­rung der Muse­ums­räume durch Säu­len, Flie­sen, Ecken und Kan­ten, oder gar archi­tek­to­ni­sche Stil-Brüche beson­ders auf. Die klare Bild­schärfe erzielt beim Betrach­ter die Kon­zen­tra­tion sei­ner Wahr­neh­mung auf alle Ele­mente glei­cher­ma­ßen. Dem Betrach­ter wird klar, wie sich die Ein­rich­tung zur Archi­tek­tur und die Nut­zung der Räume verhält.

Candida Höfer: "Neues Museum Berlin VI 2009", 2009, C-print, gerahmt - framed.  160 x 115 cm - 63 x 45.5 in. Edition 2/6Can­dida Höfer: „Neues Museum Ber­lin VI 2009″, 2009, C-print, gerahmt – framed. 160 x 115 cm – 63 x 45.5 in. Edi­tion 2/6

Obwohl es sich stets um öffent­li­che, in der Regel gut besuchte Plätze han­delt, zeigt Höfer die Orte immer men­schen­leer. Stille und Dis­tanz brei­ten sich aus. Und genau darin liegt auch der Knack­punkt ihrer Foto­gra­fien. Diese Leere ist ver­rä­te­risch und lässt den Betrach­ter ins Zwei­feln kom­men, ob es sich tat­säch­lich um rein doku­men­ta­ri­sche Auf­nah­men han­delt. Haben wir öffent­li­che Biblio­the­ken oder Museen wirk­lich jemals so ver­las­sen vor­ge­fun­den? Selten.

Eine nicht ganz unwe­sent­li­che Rolle neh­men dabei die vor­herr­schen­den Licht­ver­hält­nisse ein. Aus­schließ­lich in ein­fal­len­des Tages­licht getaucht, strah­len die räum­li­chen Auf­nah­men des Neuen Muse­ums eine nahezu pit­to­reske, fast künst­li­che Qua­li­tät aus, die die ver­wir­rende Wir­kung komplettieren.

Doku­men­ta­risch sind die Foto­gra­fien in dem Sinne, dass sie die His­to­ri­zi­tät der Orte im Hier und Jetzt fest­hal­ten. Künst­le­risch hin­ge­gen wir­ken sie – und das irri­tiert – auf­grund des dis­tan­zier­ten, gerich­te­ten Blicks, dem unper­sön­li­chen, foto­gra­fi­schen Moment, der in gewis­ser Weise insze­niert erscheint. Man gerät ins Grü­beln und gelangt zu der rhe­to­ri­schen Frage: Wo gibt es schon einen his­to­ri­schen Ort oder Geschichte ohne Menschen?

Höfers Foto­gra­fien oszil­lie­ren letzt­lich zwi­schen die­sem doku­men­ta­ri­schen und künst­le­ri­schen Cha­rak­ter einer insze­nier­ten Rea­li­tät. Fast hätte man sich von dem scharf­sin­ni­gen Medium Foto­gra­fie in einem Augen­blick ver­har­ren­der Unacht­sam­keit hin­ters Licht füh­ren las­sen. Selbst­ver­ständ­lich han­delt es sich um die alte Ein­sicht, dass nichts so ist wie es scheint und wir dank Fou­cault mit der mul­ti­plen Natur der Wahr­hei­ten sogar gut damit leben kön­nen. Den­noch ver­kör­pern die Foto­gra­fien Can­dida Höfers den scharf­sin­ni­gen Tri­umph über die Illu­sion der Wirklichkeit.

Ein Bruchstück eines Rockenschaub

Warum ein Exponat nur ein Fragment sein kann

Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Februar im KUNST Maga­zin, in mei­ner Reihe Das Schluß­wort.

Es ist schon fast eine Hie­ro­gly­phen­schrift, die Ger­wald Rocken­schaub ent­wi­ckelt hat: Mit Sinn für’s Wesent­li­che redu­ziert er die Abbil­der ver­schie­dens­ter Objekte, führt sie bis an die Grenze zur Abs­trak­tion heran und gibt doch dabei Acht, daß sie noch immer les­bar blei­ben. Man­ches die­ser Pik­to­gramme ist noch zwei­fels­frei als Stuhl oder Tri­kot erkenn­bar, andere sind immer­hin als Lei­tern oder Spie­gel­eier denk­bar und wie­der andere sind bes­ten­falls noch als Lini­en­züge oder Farb­kleckse dechif­frier­bar. Auf diese Weise erschuf er in sei­nem bis­he­ri­gen, unüber­schau­ba­ren Werk ein Archiv der zeit­ge­nös­si­schen Bil­der ohne jedoch ihre iko­no­gra­phi­schen Impli­ka­tio­nen außer Acht zu las­sen. Seine Pik­to­gramme und ihre Kraft, einen zeit­lich defi­nier­ten Bild­kor­pus zu destil­lie­ren und in ihrer redu­zier­ten Form wie­der­zu­ge­ben, waren schon häu­fi­ger Gegen­stand der kunst­theo­re­ti­schen und –kri­ti­schen Lite­ra­tur und haben bis heute nichts an ihrer Wir­kung verloren.

Blick in die Ausstellung „Gerwald Rockenschaub. multidial“ im Kunstmuseum Wolfsburg (16.04. – 04.09.2011) mit dem Werk: Ohne Titel, 2010/2011, Wand mit 385 Sujets: Farbfolien, Dispersionsfarbe, Tischlerplatten auf Aluminiumkonstruktion, 1040 x 6610 x 60 cm, Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin/Georg Kargl Fine Arts, Wien/Galerie Susanna Kulli, Zürich/Galerie Vera Munro, Hamburg/Galerie Eva Presenhuber, Zürich/Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg Foto: Marek KruszewskiBlick in die Aus­stel­lung „Ger­wald Rocken­schaub. mul­ti­dial“ im Kunst­mu­seum Wolfs­burg (16.04. – 04.09.2011) mit dem Werk: Ohne Titel, 2010/2011, Wand mit 385 Sujets: Farb­fo­lien, Dis­per­si­ons­farbe, Tisch­ler­plat­ten auf Alu­mi­ni­um­kon­struk­tion, 1040 x 6610 x 60 cm, Cour­tesy Gale­rie Mehdi Choua­kri, Berlin/Georg Kargl Fine Arts, Wien/Galerie Susanna Kulli, Zürich/Galerie Vera Munro, Hamburg/Galerie Eva Pre­sen­hu­ber, Zürich/Galerie Thad­daeus Ropac, Paris, Salz­burg, Foto: Marek Kruszewski

Den­noch ist ein erneu­ter Blick auf Rocken­schaubs bis­he­ri­ges Werk ange­bracht. Nie wurde es in einer sol­chen Fülle unter einem Dach aus­ge­stellt wie in sei­ner Schau „mul­ti­dial“, die im ver­gan­ge­nen Som­mer die große Halle des Kunst­mu­se­ums Wolfs­burg ganz für sich ein­nahm. Auf ins­ge­samt knapp 700 Qua­drat­me­tern gezim­mer­ter MDF-Wand zwängte er seine Figu­ren so dicht bei­sam­men, daß man nur erah­nen konnte, wie viele Pik­to­gramme es nicht in die engere Aus­wahl geschafft haben moch­ten. Dem Besu­cher stellte sich so ein über­wäl­ti­gen­der Fun­dus der Rocken­schaub­schen Bil­der­welt dar, die er nur in geduld­sa­men Stun­den über­bli­cken konnte.

Die­sen monu­men­tale Ein­blick in Rocken­schaubs Bil­der­welt konnte jeder­mann bis zum Sep­tem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res wagen, ehe „mul­ti­dal“ Mitte des Monats demon­tiert wer­den sollte. Die Instal­la­tion ver­schwand jedoch kei­nes­wegs in den Archi­ven. Rocken­schaub reiste eigens aus Ber­lin an um zehn Aus­schnitte zu bestim­men, die der Wand ent­nom­men und eigens kon­ser­viert wer­den soll­ten. Seit Mitte Januar wer­den diese Frag­mente in der Fol­ge­aus­stel­lung „Redial“ in der Gale­rie Mehdi Choua­kri aus­ge­stellt: „sta­bile, mit wei­ßer Dis­per­si­ons­farbe gestri­chene MDF-Tafeln mit Bild­mo­ti­ven aus dau­er­haft selbst­kle­ben­den Farb­fo­lien“, wie es mit fei­ner Poe­sie im Aus­stel­lungs­text heißt.

Gerwald Rockenschaub: Redial, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Redial, Foto: Jan Winds­zus, cour­tesy Mehdi Chouakri

Nun lässt sich viel arg­wöh­nen über die Motive, die den Ent­schluss zu „Redial“ tru­gen. Der Archi­vie­rungs­zweck steht außer Frage: außer den zehn gezeig­ten Frag­men­ten exis­tiert kein Über­bleib­sel der auf­wän­dig ange­fer­tig­ten Instal­la­tion aus „mul­ti­dial“. Über die künst­le­ri­sche, aber auch die unter­neh­me­ri­sche Inten­tion lässt sich an die­ser Stelle nur spe­ku­lie­ren – viel inter­es­san­ter scheint da der kon­ser­va­to­ri­sche Aspekt und das Ver­hält­nis zwi­schen dem Frag­ment als Expo­nat und dem Ori­gi­nal als de facto zer­stör­ter Kulturträger.

Die Aus­schnitte aus Rocken­schaubs „mul­ti­dial“, die in der Gale­rie Mehdi Choua­kri ver­sam­melt sind, drän­gen förm­lich auf diese expli­zite Bezie­hung. Ohne das Wis­sen um ihre Her­kunft impo­nie­ren die Signets zwar zunächst als eigen­stän­dige Werke, fal­len jedoch umso schnel­ler durch die Zei­chen ihrer Imper­fek­tion auf. Fugen und Spal­ten, Nage­lun­gen und Split­ter durch­que­ren die MDF-Platten und wir­ken so wie unglück­li­che Nar­ben in der akku­rat aus­ta­rier­ten Kom­po­si­tion. Diese Fehl­stel­len beein­träch­ti­gen die Strahl­kraft der abstra­hier­ten Figu­ren und ver­hin­dern wir­kungs­voll, daß sie sich von ihrem mate­ri­el­len Unter­grund abhe­ben kön­nen. Obgleich die Pik­to­gramme ihren Effekt nicht völ­lig ver­feh­len, sind sie doch spür­bar darin gehin­dert, eine Wir­kung zu ent­fal­ten, wie man sie von Rocken­schaub kennt.

Gerwald Rockenschaub: Multi/Redial I, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Multi/Redial I, Foto: Jan Winds­zus, cour­tesy Mehdi Chouakri

Zwar löst sich das Mys­te­rium schnell auf, wenn man erfährt, wel­chen Weg die zehn Arbei­ten zurück­ge­legt haben. Daran schlie­ßen sich jedoch wei­tere Fra­gen an, die die Frag­men­ta­ri­tät die­ser Expo­nate betref­fen. Schließ­lich ist aus den in „Redial“ aus­ge­stell­ten Bruch­stü­cken nicht zu erse­hen, wel­cher Gestalt das Ori­gi­nal war, auch nicht, wel­che über­wäl­ti­gen­den Dimen­sio­nen es ein­nahm. Allein die Größe lässt sich kaum annä­hernd erah­nen, obgleich der eigen­wil­lige Rhyth­mus der Fugen und Spal­ten impli­zit dar­auf hin­weist. Einen kon­ser­va­to­ri­schen Zweck kann „Redial“ also nicht erfül­len, denn die hier aus­ge­stell­ten Frag­mente kön­nen genauso wenig das nicht mehr erhal­tene Ori­gi­nal erfas­sen wie die bun­ten Beton­split­ter, die heute in deut­schen Wohn­zim­mern an die Ber­li­ner Mauer erinnern.

Die Bruch­stü­cke aus Rocken­schaubs Groß­in­stal­la­tion „mul­ti­dial“ sind also ledig­lich eine Memo­ra­bi­lie, die zwar noch die Erin­ne­rung beflü­geln, dem zuge­dach­ten Gegen­stand aller­dings nur noch einen Platz im Gedächt­nis ein­räu­men. Daß die­ser not­wen­di­ger­weise abstra­hiert, sub­jek­ti­viert und ent­frem­det ist, dürfte zu Rocken­schaubs Kal­kül gehö­ren, schließ­lich hätte er sonst Aus­schnitte wäh­len kön­nen, die kei­nen Hin­weis auf ihre Frag­men­ta­ri­tät in Form von gena­gel­ten Fugen geben. Tat­säch­lich miß­ach­tet die Schnitt­füh­rung im Falle manch eines Bruch­stü­ckes, wie etwa „Multi/Redial I“, die Aus­maße der dar­ge­stell­ten Pik­to­gramme, durch­trennt sie und ord­net sie – nun ihrer Sym­bol­wir­kung beraubt – neu an. Die kon­tex­t­u­elle Ein­ord­nung in das ursprüng­li­che Gefüge wird dadurch nicht nur erschwert, son­dern stel­len­weise auch unmög­lich gemacht.

Gerwald Rockenschaub: Redial IX, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Multi/Redial IX, Foto: Jan Winds­zus, cour­tesy Mehdi Chouakri

An die­ser Stelle emp­fiehlt sich ein Hin­weis auf die Dis­kus­sion, die sich um Cyprien Gail­lards Instal­la­tion „The reco­very of dis­co­very“ ent­spann, die er als rie­sige Bier­py­ra­mide in den KW Ber­lin instal­lierte. Am Bei­spiel des Per­ga­mo­nal­ta­res und der Bier­marke Efes kri­ti­sierte Gail­lard darin eine Kul­tur­he­ge­mo­nie, die durch den Export und Zur­schau­stel­lung frem­der Kul­tur­gü­ter außer­halb ihres ursprüng­li­chen Zusam­men­hangs zu einer Ent­frem­dung bei­trägt. Die frag­men­ta­ri­sche Ent­nahme von Expo­na­ten aus ihrer Umge­bung eli­mi­niert in sei­ner Instal­la­tion den Sinn­zu­sam­men­hang, der sich in der Fremde nicht mehr her­stel­len lässt.

Ähnlich ver­hält es sich auch mit Rocken­schaubs „Multi/Redial“, das zwar noch spür­bar den Bezug der Expo­nate zum Ori­gi­nal ver­mit­telt, sie jedoch nicht zu einer sinn­stif­ten­den Ein­heit ver­bin­den kann. Aller­dings muss die­ser Aspekt nicht not­wen­di­ger­weise eine Kri­tik an gel­ten­der Kul­tur­pra­xis sein. Rocken­schaub, von dem bekannt ist, daß er sich nicht mit der rech­ten Deu­tung sei­ner Werke auf­hält, son­dern lie­ber nur den Anstoß lie­fert, hat ver­mut­lich kein Lehr­stück über Kul­tur­kon­ser­vie­rung im Sinn gehabt. Den­noch, und das ist nicht von der Hand zu wei­sen, hat er wie­der ein­mal das getan, was er mit sei­nen Pik­to­gram­men seit jeher bewirkte: Er hat der Öffent­lich­keit ihre Bil­der gezeigt. Die Frage, ob diese dar­stel­len, was sie ver­spre­chen, bleibt glück­li­cher­weise offen.

Ein letzter Blick auf die Wolkenstadt

Dr. Katharina Schlüter im Interview über Tómas Saracenos "Cloud Cities"

Die Aus­stel­lung „Cloud Cities“, mit der Tómas Sara­ceno im Ham­bur­ger Bahn­hof für viel Furore sorgte, nähert sich ihrem Ende, das bereits wegen des gro­ßen Besu­cher­an­drangs ein­mal ver­scho­ben wurde. Für Art­con­nect Ber­lin habe ich anläss­lich der bal­di­gen Finis­sage ein Inter­view mit Dr. Katha­rina Schlü­ter, einer der Kura­to­rin­nen der Aus­stel­lung, geführt.

(im Auf­trag für Art­con­nect Ber­lin, Maria Ebbing­haus. Pro­duk­tion: Michał Samo­lenko)

Das Klang– und Lichtgewitter Ryoji Ikedas

Der japanische Avantgarde-Künstler fordert die Sinne heraus

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Am Ein­gang zur Aus­stel­lung „db“ kün­digt bereits die Auf­zäh­lung der ver­wen­de­ten Medien das tech­ni­sche Groß­auf­ge­bot an, das hin­ter den sorg­sam ver­schlos­se­nen Türen auf den Besu­cher war­tet: ein super-direktionaler Parabol-Lautsprecher, ein 6-Kilowatt-Xenon-Scheinwerfer, elf her­kömm­li­che Laut­spre­cher sowie zehn Videoprojektoren, LED-Bildschirme, außer­dem elf Com­pu­ter und ein CD-Spieler. Was der Besu­cher noch nicht weiß: Die Herz­stü­cke die­ses tech­ni­schen Bom­basts – der mehr als ein Meter mes­sende Laut­spre­cher und der glei­ßend hell schei­nende Schein­wer­fer – wer­den sonst zur Beschal­lung und Aus­leuch­tung von Fuß­ball­sta­dien aufgefahren.

Gabriele Knap­stein, eine der Kura­to­rin­nen der Aus­stel­lung, spricht von der „Spanne zwi­schen Mini­ma­lem und Maxi­ma­lem“. Schließ­lich war es der japa­ni­sche Medi­en­künst­ler Ryoji Ikeda, der diese tech­ni­sche Gewalt im Ham­bur­ger Bahn­hof instal­liert hat: ein Avant­gar­dist, der für seine reiz­über­flu­ten­den Mini­ma­lis­mus bekannt ist. So maxi­mal die Wir­kung sei­ner Arbei­ten ist, diese Aus­stel­lung Ike­das sollte zu sei­nen mini­mals­ten gehö­ren. Udo Kit­tel­mann, Direk­tor der Natio­nal­ga­le­rie, unter­streicht deren Bedeutung: “Ich muss geste­hen, daß Ryoji Ikeda hier bis­her nicht sehr prä­sent war – völ­lig, völ­lig zu Unrecht!“ Er sollte Recht behal­ten, denn seine erste Ein­zel­aus­stel­lung auf deut­schem Boden ist allen Erwar­tun­gen gerecht gewor­den: Sie ist eine Her­aus­for­de­rung der Sinne, aber auch eine mathe­ma­tisch prä­zise Annä­he­rung an die Unendlichkeit.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Bereits die Vor­ge­schichte des Gast­spiels Ike­das ver­rät eini­ges über die Arbeits­weise des Japa­ners: Als er den Ham­bur­ger Bahn­hof zur Pla­nung sei­ner anste­hen­den Aus­stel­lung erst­mals besich­tigte, fühlte er sich sofort von den bei­den zuein­an­der sym­me­trisch lie­gen­den Räu­men im Ober­ge­schoss des Ost– und des West­flü­gels ein­ge­nom­men. Sie glei­chen sich nicht nur im Grund­riß, auch die Tages­licht­fens­ter und Säu­len­rei­hen fin­den sich in der­sel­ben Anord­nung wie­der. Für Ikeda stand fest, daß dies die idea­len Räum­lich­kei­ten waren – er fühlt es ein­fach. Auch im Inter­view betont er immer wie­der, wie wich­tig für ihn das Gefühl sei. Nicht die Inter­pre­ta­tion oder die Suche nach einem Sujet inter­es­siere ihn, allein der Ein­druck sei­ner gewal­ti­gen Instal­la­tio­nen zähle.

Die zeich­nen sich vor allem immer wie­der durch eines aus: Die kon­trast­rei­che Kom­po­si­tion von Licht und Dun­kel­heit, Ton und Stille, sowie eine Vor­liebe für die nume­ri­sche Annä­he­rung an die Unend­lich­keit wer­den mit digi­ta­ler Ästhe­tik zu maxi­ma­len Ein­drü­cken auf­ge­baut, die im Grunde nur mini­male Mit­tel benö­ti­gen. Ryoji Ike­das Arbei­ten for­dern und über­for­dern, zuwei­len stra­pa­zie­ren und belas­ten sie den Besu­cher. Dabei ent­fal­ten sie eine ein­neh­mende Ästhe­tik, die beson­nen und kon­zen­triert tat­säch­lich beru­hi­gend wirkt. Von Ike­das Arbei­ten geht ein unheim­li­cher Sog aus, der ihn mitt­ler­weile zum Vor­rei­ter einer digi­ta­len Avant­garde gemacht hat.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Für seine Aus­stel­lung im Ham­bur­ger Bahn­hof hat Ryoji Ikeda die Sym­me­trie der bei­den Räume im Ost– und im West­flü­gel in einem kom­ple­men­tä­ren Dua­lis­mus gegen­über gestellt. Den west­li­chen Raum ließ er schwarz aus­klei­den und abdun­keln, wäh­rend sein östli­ches Pen­dant ganz in glei­ßen­dem Weiß gehal­ten ist. Bei­der­orts wird der Besu­cher sinn­lich her­aus­ge­for­dert: Im wei­ßen Raum gene­riert ein mons­trö­ser Laut­spre­cher einen hoch­fre­quen­ten Sinus­ton, wäh­rend im schwar­zen Saal ein Flut­licht sei­nen fokus­sier­ten Licht­strahl auf gan­zer Länge durch den Raum wirft.

An den Wän­den schließt sich Ike­das Zah­len­spiel an: sind es im wei­ßen Raum win­zig und eng an eng auf schwarze Tafeln gedruckte Zah­len­fol­gen, wer­den sie in der Dun­kel­heit des schwar­zen Rau­mes als hek­tisch rau­schende Pro­jek­tio­nen auf die Wände gebannt. Gele­gent­lich hält die ras­selnde Zif­fern­reihe inne, um dann schnell fort­zu­fah­ren und wie­der ebenso rasch durch­zu­wech­seln. Ledig­lich von einem fein oszil­lie­ren­den Sinus­ton beglei­tet, nähert sich der Daten­strom immer wei­ter der nume­ri­schen Unend­lich­keit an.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Ryoji Ikeda gelingt mit „db“ die Pola­ri­sie­rung zweier sym­me­tri­scher Räume, aber auch Klang– und Licht-Spektren. Auf diese kom­ple­men­tä­ren Klang-Licht-Räume weist bereits der Titel, wie exem­pla­risch am Ein­gang aus­ge­führt, hin. Hier wer­den auf einer Tafel bei­spiels­weise „dark“ und „bright“, „deaf“ und „blind“, „dimen­sion“ und „boun­dary“, aber auch „dis­or­der“ und „balance“ oder „decent“ und „bru­tal“ gegen­über­ge­stellt. Wäh­rend sich im einen Raum das Licht fokus­siert und der Ton dif­fus aus­brei­tet, ver­hält es sich im ande­ren umge­kehrt: Im wei­ßen Raum wird eine ste­hende Sinus­welle gene­riert, indes das Licht den gan­zen Raum erfüllt. In Abhän­gig­keit von Anzahl und Posi­tion der anwe­sen­den Besu­cher vari­iert hier der Hör­ein­druck als auch dort die Aus­leuch­tung des Rau­mes. Durch­quert eine Per­son den Strahl, hat dies Aus­wir­kun­gen auf den gan­zen Raum.

Ike­das Inter­esse für phy­si­ka­li­sche Wel­len zieht sich durch sein gesam­tes Werk. In abso­lu­ter Prä­zi­sion redu­ziert er Schall und Licht auf ihren Wel­len­cha­rak­ter und lässt sie im Wech­sel­spiel mit dem Besu­cher und sei­ner Wahr­neh­mung inter­agie­ren. Gleich­sam Künst­ler wie Kom­po­nist for­derte er 1996 in „+/−“ die Träg­heit des Gehörs her­aus und kon­stru­ierte im Jahre 2000 mit­tels wei­ßen Rau­schens in „matrix“ eine klang­li­che Raum­geo­me­trie. Dann, vier Jahre spä­ter, nutzte er opti­sches Rau­schen und löste damit den Aus­stel­lungs­raum in „spec­tra“ in glei­ßend hel­lem Licht auf, um 2008 in „Test Pat­tern“ und „data.matrix“ sowohl Licht als auch Schall zur Dekon­struk­tion jeg­li­cher Sin­nes­er­fah­rung einzusetzen.

Udo Kittelmann im Lichte Ryoji Ikedas' "db", Foto: Matthias PlanitzerUdo Kit­tel­mann im Lichte Ryoji Ike­das‘ „db“, Foto: Mat­thias Planitzer

Tat­säch­lich ver­birgt sich hin­ter die­sen abs­trak­ten Expe­ri­men­ten mit Licht und Klang eine Figu­ra­tion digi­ta­ler Daten­men­gen, auf die Ikeda immer wie­der durch seine Zah­len­fol­gen hin­weist. Der Werk­kom­plex „V≠L“ führt sie 2008 erst­mals in Form der Rei­hen „the irre­du­ci­ble“ und „the trans­cen­den­tal“ ein: Darin geht Ikeda der nume­ri­schen Unend­lich­keit an ihren bei­den Polen nach und kal­ku­liert die Stel­len ver­schie­de­ner Prim­zah­len und tran­szen­den­ter, also reel­ler irra­tio­na­ler, unend­li­cher Zah­len und stellt sie in sei­nen Wer­ken dar. In „db“ sind dar­aus sowohl die Pro­jek­tio­nen, als auch die Dru­cke und wei­tere Edel­stahl­ra­die­run­gen ent­nom­men. Im Falle der Pro­jek­tio­nen im schwar­zen Raum bil­det die Berech­nung der Nach­kom­ma­stel­len von π außer­dem die Grund­lage des beglei­ten­den klang­li­chen Rau­schens, das sich wie­derum im opti­schen Rau­schen des wei­ßen Rau­mes komplementarisiert.

Ryoji Ikeda nähert sich auf diese Weise – klang­lich, optisch und damit auch digi­tal – der nume­ri­schen Unend­lich­keit und ihrer Para­doxa: dis­krete Bina­ri­tät, Abzähl­bar­keit und Tran­szen­denz an und treibt sie so immer wei­ter ins Unge­wisse fort. Damit steht er nicht zuletzt auch in der Nach­folge On Kawa­ras und Roman Opał­kas, die eben­falls mit­hilfe der abstra­hie­ren­den Kraft der Zah­len die Unend­lich­keit aus­zu­mes­sen such­ten. Im Unter­schied zu ihnen geht Ikeda jedoch nicht von einer zeit­li­chen und daher seri­ell erfass­ba­ren Dimen­sion der Unend­lich­keit aus, son­dern erkennt sie in der Kal­ku­la­tion und Par­ti­ku­la­tion. Dies führt ihn im Gegen­satz zu den vor­ge­nann­ten Künst­lern nicht in die gäh­nende Weite eines sich immer wei­ter erstre­cken­den Zah­len­rau­mes, son­dern in die sich immer wei­ter ver­dich­tende Enge der Nachkommastellen.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyoji Ikeda: db, Foto: Mat­thias Planitzer

Die Kura­to­rin­nen Ingrid Busch­mann und Gabriele Knap­stein hat­ten mög­li­cher­weise die­selbe Asso­zia­tion, als sie den Weg zum wei­ßen Raum mit eini­gen spä­te­ren Wer­ken Opał­kas flan­kier­ten. Was die­sem nicht gelang – die end­gül­tige Bemes­sung der Unend­lich­keit –, dem kommt Ikeda ein Stock­werk dar­über bereits ein gan­zes Stück näher: Opał­kas letzte Zahl vor sei­nem Tod im ver­gan­ge­nen Jahr war die 5 590 000 – Ryoji Ike­das „the irre­du­ci­ble [n°10]“ ist immer­hin 101.000.000 mal größer.

Ryoji Ike­das Aus­stel­lung „db“ wird heute 20:00 Uhr im Ham­bur­ger Bahn­hof eröff­net und wird par­al­lel zur Trans­me­diale, dem Club Trans­me­diale und der März­mu­sik bis zum 9. April gezeigt.