Malträtierte Malerei

Nicola Samorì geißelt seine Gemälde: Das Öl hängt in Fetzen und liegt in Falten

Nicola Samorì: Pretesto per splendore, Foto: Adrian Sauer, courtesy Galerie Christian Ehrentraut, BerlinNicola Samorì: Pre­testo per sple­ndore, Foto: Adrian Sauer, cour­tesy Gale­rie Chris­tian Ehren­traut, Berlin

Was wurde gewet­tert über den ita­lie­ni­schen Bei­trag zur dies­jäh­ri­gen Venedig-Biennale: Der Pavil­lon mit sei­nen mehr als zwei­hun­dert Expo­na­ten sei ein Fanal der Bana­li­tät, der eine affek­tiert auf­ge­plus­terte “Postershop”-Kunst pro­pa­giere und zu allem Übel auch noch ein unfrei­wil­li­ges Spie­gel­bild der pikan­ten Polit­lage Ita­li­ens sei. Berlusconi-Freund und Kura­tor Vit­to­rio Sgarbi plante nicht weni­ger als den Angriff auf die Kunst-Mafia, die er im Mief der kano­nisch dik­tier­ten Avant­garde und dem pie­fi­gen Klün­gel des Upper-Class-Spießertum erkannt haben wollte. Die Reak­tion der Fach– und Publi­kums­presse auf die­sen Groß­an­griff auf die zeit­ge­nös­si­sche Kunst fiel in einer Härte aus, die man ihr noch vor kur­zer Zeit nicht mehr zuge­traut hatte; und doch stürzte sich alle Kri­tik aus­schließ­lich auf den Ramsch, den Plun­der, den Kitsch, mit dem die Wände des ita­lie­ni­schen Pavil­lons bei­nahe lücken­los behan­gen waren.

Zwi­schen Porno-Stars und Fetisch-Szenen fan­den sich jedoch auch weni­ger pole­mi­sche Bei­träge, die ange­sichts des exal­tier­ten Pomps um sie herum in ernst­haf­ter Stille unter­gin­gen. Die drei Gemälde Tin­to­ret­tos, die mit viel Trara zur Legi­ti­mie­rung grenz­über­schrei­ten­der ita­lie­ni­scher Kunst im zen­tra­len Pavil­lon aus­ge­stellt wer­den, fan­den zwar genü­gend Beach­tung. Sonst las man jedoch kaum kri­ti­sche Anmer­kun­gen zu den inter­es­san­te­ren Bei­spie­len ita­lie­ni­scher Kunst.

Viel­leicht über­sa­hen die Kri­ti­ker ja ein­fach nur Nicola Samorìs Bei­trag “Sco­riada (J.R.)”. Bei einem zwei mal drei Meter mes­sen­den Gemälde ist es aller­dings nur schwer vor­stell­bar, daß kein Rezen­sent dar­auf auf­merk­sam wurde. Das ganz in Grau gehal­tene Ölbild zeigt aus­schnitt­haft und in ent­spre­chen­der Ästhe­tik und Kom­po­si­tion die Pflege des Hlg. Sebas­tian. Der Titel – sinn­ge­mäß “die Gei­ße­lung” oder wört­lich “die Häu­tung” – passt aller­dings nicht nur auf das Motiv, son­dern auch auf die Tech­nik: Samorì riß buch­stäb­lich das Inkar­nat von der Lein­wand, ent­blößte so den blutig-roten Mal­grund des schmach­ten­den Heiligen.

Installationsansicht Nicola Samorì: Imaginifragus, Foto: Adrian Sauer, courtesy Galerie Christian Ehrentraut, BerlinInstal­la­ti­ons­an­sicht Nicola Samorì: Ima­gi­nifra­gus, Foto: Adrian Sauer, cour­tesy Gale­rie Chris­tian Ehren­traut, Berlin

Mit die­ser ein­zig­ar­ti­gen Tech­nik dürfte Samorì unter den über zwei­hun­dert eben­falls aus­ge­stell­ten Kol­le­gen her­vor­ste­chen. Das Öl auf sei­nen Lein­wän­den liegt in Fal­ten, hängt in Fet­zen her­un­ter oder wurde mit blo­ßer Hand her­aus­ge­klaubt. Es befin­det sich in jedem erdenk­li­chen Zustand, nur nicht dort, wo man es übli­cher­weise erwar­tet. Samorì ent­wi­ckelte hier­für ver­schie­dene Tech­ni­ken, die es ihm erlau­ben, die ein­mal auf­ge­tra­gene Farbe von sei­nem ebe­nen Unter­grund zu lösen und in den Raum zu über­füh­ren. Man­che Arbei­ten erlan­gen dadurch skulp­tu­rale Qua­li­tä­ten. Obwohl sie wei­ter­hin als Gemälde impo­nie­ren, öffnen sie sich dank ihrer Plas­ti­zi­tät einem erwei­ter­ten For­men­in­ven­tar, das wohl am ehes­ten den Mög­lich­kei­ten der Assem­blage, aber auch der Décol­lage oder Grat­tage nahe kommt.

Die Gale­rie Chris­tian Ehren­traut zeigt in ihrer aktu­el­len Ein­zel­aus­stel­lung “Ima­gi­nifra­gus” eine Aus­wahl aktu­el­ler Arbei­ten Samorìs, die die ver­schie­de­nen Tech­ni­ken des Künst­lers anschau­lich doku­men­tie­ren. Im Ein­gangs­be­reich der Gale­rie wird der Besu­cher mit dem mit­tel­for­ma­ti­gen “Pre­testo per sple­ndore” begrüßt, das unter den aus­ge­stell­ten Wer­ken eine der über­zeu­gends­ten Leis­tun­gen dar­stellt. Das Bild­nis zeigt eine Frau­en­fi­gur vor dunk­lem Grund, die ein hel­les Tuch in den Betrach­ter­raum hält. Das Gesicht der Figur ist jedoch unkennt­lich: Samorì löste an die­ser Stelle die hauch­dünne Ölschicht nach vor­he­ri­gem Bei­zen ab und lässt sie in Fal­ten von dem Bild her­un­ter­hän­gen. Auf diese Weise bringt er den durch die aggres­sive Behand­lung zer­narb­ten, kup­fer­nen Mal­grund zum Vor­schein und erschafft eine moti­visch bedeut­same Leer­stelle, die nach bekann­ter Art eine flüch­tige und unge­wisse Natur ent­wi­ckelt und gleich­sam ein­fängt. Tech­nisch inter­es­san­ter erscheint aller­dings die silb­rig schim­mernde Rück­seite der Ölfo­lie, die den gemal­ten Fal­ten­wurf mit einem skulp­tu­ra­len Gegen­stück dop­pelt: Das Gesicht der Figur liegt ebenso in Fal­ten wie das Tuch, das sie dem Betrach­ter zeigt.

Nicola Samorì: Ogni estasi è indecente, Foto: Adrian Sauer, courtesy Galerie Christian Ehrentraut, BerlinNicola Samorì: Ogni est­asi è inde­cente, Foto: Adrian Sauer, cour­tesy Gale­rie Chris­tian Ehren­traut, Berlin

Nicht in allen aus­ge­stell­ten Arbei­ten nimmt die Bild­pro­duk­tion eine so starke Rolle ein wie in “Pre­testo per sple­ndore”. Das groß­for­ma­tige Gemälde “Ogni est­asi è inde­cente”, eine grau in grau gehal­tene Über­schich­tung ver­schie­de­ner his­to­ri­scher Bartholomäus-Darstellungen, legt den Schwer­punkt auf das Motiv, hin­ter dem die geschil­derte Tech­nik zurück­steht und ergän­zend den Bild­sinn her­vor­kehrt. Die vie­len sche­men­haft über­la­ger­ten Figu­ren Bar­tho­lo­mäi und der Schin­der erschei­nen hier als gespens­ti­sche Gestal­ten, deren Trei­ben gerade soweit im Unkla­ren liegt, daß wenigs­tens der iko­no­gra­phi­sche Zusam­men­hang erkenn­bar bleibt. Dabei ist es gerade die Tech­nik des Häu­tens der Lein­wand, die die­sen Sinn­ge­halt unter­streicht und das Motiv zwei­fels­frei als Bartholomäus-Darstellung erkenn­bar macht.

Bezeich­nen­der­weise ist der Kör­per des Hei­li­gen intakt, die Häu­tung hat eben erst begon­nen. Statt das Inkar­nat male­risch in Strei­fen abzu­zie­hen, wie es die übli­che Dar­stel­lungs­weise ver­langt, gei­ßelt Samorì es phy­sisch, indem er die zarte Ölhaut von der Lein­wand reißt und diese an Bar­tho­lo­mäi statt häu­tet. Der Bild­kör­per wird zum Kör­per­bild, Medium und Bild gehen eine moti­visch hin­ter­legte Sym­biose ein, die die zeit­ge­nös­si­sche Male­rei oft­mals ver­mis­sen lässt. Bei Samorì sind Bild­trä­ger und Bild nicht von ein­an­der zu tren­nen (und das ist nicht im bild­wis­sen­schaft­li­chen Sinne gedacht); das eine würde ohne das andere sei­nen kon­tex­t­u­el­len Gehalt verlieren.

Nicola Samorì: Onoufrios, Foto: Adrian Sauer, courtesy Galerie Christian Ehrentraut, BerlinNicola Samorì: Ono­uf­rios, Foto: Adrian Sauer, cour­tesy Gale­rie Chris­tian Ehren­traut, Berlin

Tat­säch­lich erscheint ein solch eng ver­wo­be­nes Netz sinn­stif­ten­der Bild–Teile unter allen aus­ge­stell­ten Arbei­ten in “Ogni est­asi è inde­cente” am ein­drucks­volls­ten. Andere Arbei­ten kön­nen die­ses Gleich­ge­wicht zwi­schen Tech­nik und Motiv nicht so spie­le­risch errei­chen und impo­nie­ren bis­wei­len als mate­ri­al­kund­li­ches Expe­ri­ment. Den­noch zeigt Nicola Samorì in “Ima­gi­nifra­gus” ein beein­dru­cken­des und viel­sei­ti­ges For­men­in­ven­tar, mit dem er seine spät­ba­rock inspi­rier­ten Motive mal­trä­tiert und bis aufs Äußerste ver­formt, teils ent­stellt. Tiefe Nar­ben durch­fur­chen seine Gemälde, wenn Samorì wie etwa in “Ono­uf­rios” kur­zer­hand seine Hände in die noch wei­che Farbe taucht, Stü­cke her­aus­klaubt und blu­ten­des Fleisch zurücklässt.

Andern­orts kräu­selt sich die Ölschicht zu wel­ken Blät­tern, fällt vom strah­len­den Bou­quet herab und wird im Ple­xi­glas­rah­men auf­ge­fan­gen. Ein kurz­wei­li­ges Mate­ri­al­ex­pe­ri­ment zwar; mehr als eine Zur­schau­stel­lung sei­ner Fer­tig­kei­ten hat Nicola Samorì für seine bei­den Blu­men­bil­der aller­dings wohl nicht vor­ge­se­hen. So bleibt “Ima­gi­nifra­gus” vor allem für Samorìs tech­ni­sche Rafi­nesse im Gedächt­nis, nur lei­der auch als Blick in einen Bau­kas­ten, des­sen Teile noch dar­auf war­ten, in einem gro­ßen Gan­zen auf­zu­ge­hen. Arbei­ten wie “Ogni est­asi è inde­cente” oder das nur in Vene­dig zu sehende “Sco­riada (J.R.)” geben erste Ein­drü­cke, wel­che Mög­lich­kei­ten sich Nicola Samorì noch eröff­nen. Eines ist aller­dings nach “Ima­gi­nifra­gus” gewiß: Es bleibt spannend.