Abschied von der Program Gallery

Raum, nicht Kunst, ist des Kurators wichtigstes Material.

Lynne Marsh, June14: The Philharmonie Project, Foto: Trevor Good, courtesy ProgramDer Diri­gent ist abge­tre­ten. – Lynne Marsh, June14: The Phil­har­mo­nie Pro­ject, cour­tesy Program

Zur Ver­nis­sage des “Phil­har­mo­nie Pro­ject” gab es kei­nen Zwei­fel mehr: Die Aus­stel­lung würde die letzte der Pro­gram Gal­lery sein. Nur wenige Wochen zuvor traf ich mich mit den Direk­to­ren Car­son Chan und Fotini Lazaridou-Hatzigoga zur Bespre­chung der vor­her­ge­hen­den Schau “Domi­ni­ons”. Bereits damals stand fest: Das ambi­tio­nierte Aus­stel­lungs­pro­jekt würde wegen immen­ser Miet­er­hö­hun­gen seine Räume an der Inva­li­den­straße ver­las­sen müs­sen. Die fie­ber­hafte Suche nach einem neuen Ort begann, blieb aller­dings ergeb­nis­los. So ent­schie­den die bei­den Macher, ihr Vorzeige-Projekt ein­zu­stel­len. Obwohl sich Pro­gram auf sei­nem Höhe­punkt befand – man soll bekannt­lich auf­hö­ren, wenn es am schöns­ten ist.

Ein Rück­blick auf eine lange Geschichte (Aus­stel­lungs­kri­tik wei­ter unten)

Wäh­rend sei­nes fünf­jäh­ri­gen Beste­hens stellte Pro­gram fast vier­zig mal aus; immer konnte man sich sicher sein, daß man nicht ent­täuscht würde. Das ein­zig­ar­tige Kon­zept, Archi­tek­tur und Kunst, aber auch Musik oder Tanz an einem Ort zusam­men­zu­brin­gen und das Zusam­men­spiel zu beob­ach­ten, brachte einige unge­wöhn­li­che Aus­stel­lun­gen her­vor. Man sah viele Instal­la­tio­nen, viele Licht­ar­bei­ten, sogar eine Kurzaus­stel­lung mit sieb­zig Künst­lern wurde gestemmt. Aller­dings wurde kei­ner der Künst­ler durch die Gale­rie ver­tre­ten – Pro­gram ver­stand sich stets als Non-Profit-Ausstellungsraum, der sich ganz dem Kon­zept und der immer drän­gen­den Frage ver­pflich­tet fühlte: Was geschieht, wenn Kunst und Archi­tek­tur aufeinandertreffen?

Sebastian Kriegsmann, Alexandro Tsolakis, Bastian Wibranek: DisconnectSebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis, Bas­tian Wibra­nek: Dis­con­nect

Eine der span­nends­ten Ant­wor­ten und damit einen der Höhe­punkte im fünf­jäh­ri­gen Beste­hen der Gale­rie gab die Aus­stel­lung “Dis­con­nect”. Im Som­mer die­ses Jah­res spannte ein Hand­voll Künst­ler eine elas­ti­sche Mem­bran hori­zon­tal durch den gesam­ten Aus­stel­lungs­raum und teilte ihn somit in einen unte­ren und einen obe­ren Bereich. Die Besu­cher konn­ten sich von bei­den Sei­ten der Poly­est­er­haut nähern und dank ihrer schier end­los schei­nen­den Ver­form­bar­keit in viel­fäl­tige Inter­ak­tion mit den Räu­men, aber auch mit ande­ren Besu­chern treten.

Pro­gram war jedoch auch für seine Resi­den­cies bekannt. Chan und Lazaridou-Hatzigoga gaben mehr als zwan­zig Künst­lern ein Refu­gium, in dem sie bis zu drei Monate lang unge­stört ihrer Arbeit nach­ge­hen konn­ten. Die För­de­rung trug Früchte: Oft­mals ent­stan­den aus den Resi­den­cies kluge und durch­dachte Aus­stel­lun­gen. Auch so manch ein Künst­ler war bald kein Unbe­kann­ter mehr. Timur Si-Qin gehört heute zu den inter­es­san­tes­ten Ver­tre­tern einer Gruppe jun­ger, inter­dis­zi­pli­när pro­fund gebil­de­ter Künst­ler, die in küh­ler, ana­ly­ti­scher Prak­tik zeit­ge­nös­si­schen Phä­no­me­nen ver­schie­dens­ter Wis­sen­schaf­ten einen künst­le­ri­schen Aus­druck geben. Auch Iris Tou­lia­tou voll­zog nach ihrer För­de­rung durch Pro­gram eine ein­drucks­volle Ent­wick­lung: Im kom­men­den Jahr wird sie eine große Ein­zel­aus­stel­lung in der Leip­zi­ger Gale­rie für zeit­ge­nös­si­sche Kunst eröffnen.

Iris Touliatou: The revenge of the model/Still waiting for brighter daysIris Tou­lia­tou: The revenge of the model/Still wait­ing for brigh­ter days

Iris Tou­lia­tou arbei­tet bereits jetzt aus­schließ­lich an Wer­ken, die sie für diese große Schau eigens anfer­tigt. Dabei war es erst Anfang die­ses Jah­res, daß sie bei Pro­gram neben fast sieb­zig Kol­le­gen ihre Arbei­ten zeigte, die bereits damals sofort begeis­tern konn­ten. Darin ver­band sich zwei­er­lei Poe­sie: auf der einen Seite die stim­mungs­volle Ästhe­tik, aber auch die poie­sis im theo­re­ti­schen Sinne. In ihren Foto­col­la­gen erstellte sie frag­men­ta­ri­sche Land­schaf­ten und Orte, die in neuer Anord­nung sehn­suchts­voll nach einer Erwei­te­rung ihrer Dimen­sio­nen streb­ten, um sich schließ­lich in dekon­struk­ti­ver Weise zu einer syn­the­tisch neu erschaf­fe­nen, erwei­ter­ten Form zu fügen. Darin sta­chen ihre Arbei­ten unter der Viel­zahl der eben­falls aus­ge­stell­ten Werke her­vor und hin­ter­lie­ßen einen blei­ben­den Eindruck.

Auch für sol­che ambi­tio­nier­ten Pro­jekte wie jene Aus­stel­lung “Metro­s­pec­tives 1.0″, die die Debatte um Based in Ber­lin vor­aus­schau­end kom­men­tierte, war Pro­gram bekannt. Denn neben dem übli­chen Aus­stel­lungs­be­trieb enga­gierte sich das Team um Chan und Lazaridou-Hatzigoga etwa in Work­shops und Sym­po­sien, öffent­lich zugäng­li­chen Pro­jek­ten oder För­der­pro­gram­men für stu­den­ti­sche Initiativen.

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promisesMat­thias Bal­le­strem, Anton Burda­kov: Built on promises

Das Direk­to­ren­ge­spann unter­hielt stets enge Kon­takte zu einer jun­gen Künst­ler­ge­ne­ra­tion, die durch klare und durch­dachte Kon­zep­tio­nen bril­lierte und in Pro­gram einen Raum fand, in dem sie kon­ven­tio­nelle Aus­stel­lungs­nor­men durch­bre­chen konnte. Pro­gram über­zeuge stets als künst­le­ri­sches Labo­ra­to­rium, das die Frei­heit und Spon­ta­nei­tät eines Pro­jekt­raums mit der pro­fun­den kura­to­ri­schen Exper­tise einer insti­tu­tio­nel­len Ein­rich­tung ver­band. Auf diese Weise ent­wi­ckelte sich Pro­gram zu einem Kunst­ort, der neuen, kon­zep­tio­nel­len Posi­tio­nen Raum gab und sie in einer Öffent­lich­keit prä­sen­tierte, die dies zu schät­zen wusste. Somit formte sich ein immer grö­ße­rer Kreis von Anhän­gern und Freun­den, der Kunst­schaf­fende aller Berei­che vereinte.

Auch bei der letz­ten Ver­nis­sage Ende ver­gan­ge­nen Monats ver­sam­melte sich eine Schar treuer Stamm­be­su­cher, die neu­gie­rig auf­nahm, was Chan und Lazaridou-Hatzigoga dies­mal aus dem Hut zau­bern wür­den. Nichts Gerin­ge­res als die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker. In Lynne Mar­shs ”The Phil­har­mo­nie Pro­ject”, das durch das Aus­stel­lungs­de­sign des Archi­tek­ten­kol­lek­tivs June14 von Johanna Meyer-Grohbrügge und Sam Cher­mayeff ergänzt wird, wer­den zwei Video­ar­bei­ten gezeigt, die in dem Kon­zert­haus am Pots­da­mer Platz entstanden.

Lynne Marsh, June14: The Philharmonie ProjectLynne Marsh, June14: The Phil­har­mo­nie Project

Hierzu unter­teil­ten Meyer-Grohbrügge und Cher­mayeff den Aus­stel­lungs­raum durch eine dia­go­nal ein­ge­spannte Büh­nen­kon­struk­tion in eine untere und eine obere Hälfte. Wäh­rend im unte­ren Teil ein Video abge­spielt wird, das den lee­ren Kon­zert­saal zeigte und um eine Ton­spur Carl Niel­sens fünf­ter Sym­pho­nie ergänzt, wird im obe­ren Teil des Rau­mes Ein­blick in den Regie­raum gewährt, in dem bei Live-Übertragungen die Kame­ra­schal­tun­gen koor­di­niert wer­den. Der Besu­cher kann hier die knap­pen Kom­man­dos eines ein­ge­spiel­ten Teams ver­fol­gen, das anhand der Par­ti­tur Niel­sens abwech­selnd Strei­cher, Blä­ser oder eben auch den Diri­gen­ten insze­niert. Das syn­chron lau­fende Video im unte­ren Teil des Rau­mes zeigt dage­gen jene fer­tig geschnit­tene Über­tra­gung, die durch das Regie-Team kon­zer­tiert wird.

Gleich, wo sich der Besu­cher befin­det, kann er stets gleich­zei­tig das Stück und die hek­ti­schen Schnitt­kom­man­dos hören. Die Video­spu­ren zei­gen dage­gen zwei Sei­ten der­sel­ben Rea­li­tät: Einer­seits den Regie-Raum und die ange­strengte Stim­mung darin, ande­rer­seits den lee­ren Kon­zert­saal, in dem gerade die Noten­blät­ter aus­ge­legt wer­den. Keine der Auf­nah­men kann sin­ner­hal­tend ohne die andere exis­tie­ren; die durch Meyer-Grohbrügge und Cher­mayeff voll­zo­gene örtli­che Tren­nung ist gerade klein genug, daß der Zusam­men­hang akus­tisch erhal­ten bleibt.

Lynne Marsh, June14: The Philharmonie ProjectLynne Marsh, June14: The Phil­har­mo­nie Project

So gerät “The Phil­har­mo­nie Pro­ject” zu einer Gegen­über­stel­lung zweier unter­schied­li­cher Per­spek­ti­ven eines Kon­zerts, das zwar nur vom Band kommt, doch aber genauso insze­niert wird wie eine Live-Aufnahme. Es gibt einen Ein­blick in die Pro­duk­ti­ons­pra­xis und ent­larvt auf diese Weise die Arbi­tra­ri­tät, die einer immer wie­der neu simu­lier­ba­ren Vor­stel­lung inne­wohnt. Das hör­bare Kon­zert trennt sich vor dem ent­fern­ten Zuschauer vom sicht­ba­ren. Beide Dimen­sio­nen der­sel­ben Vor­stel­lung wur­den von dem Regie-Team zusam­men­ge­fügt, obgleich jede für sich erstellt wurde. Einer sim­plen Ton­auf­nahme wird ein visu­el­les Kor­re­lat zuge­ord­net, das jedoch das Ver­spre­chen der Reprä­sen­ta­ti­vi­tät nicht ein­hal­ten kann. Im Regie-Raum wird aus minu­tiös ein­stu­dier­ter Rou­tine eine Tro­cken­übung mög­lich, die nicht mehr auf die genuine Ton­er­zeu­gung durch das Orches­ter ange­wie­sen ist. Lynne Marsh offen­bart auf diese Weise die (Mög­lich­keit der) Täu­schung, die kein Urteil über die Echt­heit einer resul­tie­ren­den “Live-Aufnahme” erlaubt. Das “Phil­har­mo­nie Pro­ject” demas­kiert diese mit reich­lich Ver­trau­ens­vor­schuß behaf­tete Annahme und hin­ter­fragt die Pro­duk­ti­ons­pra­xis sol­cher Aufnahmen.

So gerinnt die Aus­stel­lung zum Ein­stieg in eine bild­wis­sen­schaft­li­chen Debatte, die die Krise der Reprä­sen­ta­tion umfasst und das wach­sende Miß­trauen in Bil­der ein­schließt. Repro­du­zier­bar­keit (Ben­ja­min) und Reprä­sen­ta­tion (Belting) des Bil­des fin­den sich ihrer logi­schen Ver­wandt­schaft zufolge in einer unlös­ba­ren Bezie­hung ver­quickt, aus deren Intrans­pa­renz Mar­shs “Phil­har­mo­nie Pro­ject” nicht etwa her­aus, son­dern gera­de­wegs hin­ein führt. Das fes­selnde Gesche­hen auf den Lein­wän­den bil­det einen prä­gnan­ten Ein­stieg in eine sich immer wei­ter abstra­hie­rende Kon­tem­pla­tion über Mecha­nis­men des heu­ti­gen Medien(massen)konsums, Pro­duk­ti­ons– und Deu­tungs­mo­no­pole sowie ihrer erhal­ten­den (media­len) Strukturen.

Dem ent­ge­gen wirkt der Aus­stel­lungs­bau Meyer-Grohbrügges und Cher­mayeffs, die mit der örtli­chen Tren­nung bei­der Sin­nens­qua­li­tä­ten eine ana–lyti­sche Annä­he­rung an Bei­spiel und Thema begüns­ti­gen. Sie erschaf­fen somit eine kon­träre Struk­tur, die dem Erhalt ent­ge­gen­steht und einen ratio­na­len Zugang gewährt. Schließ­lich wird erst durch die archi­tek­to­ni­sche Sinn– und Sin­nes­ver­tei­lung der spon­tane Ein­stieg in den Dis­kurs ermöglicht.

Hierin schließt sich wie­derum der Kreis und es zeigt sich erneut, welch erstaun­li­che Ergeb­nisse Pro­grams Ansatz im Grenz­be­reich zwi­schen Kunst und Archi­tek­tur her­vor­bringt. Denn darin besteht Car­son Chans kura­to­ri­sche For­mel:

“Space, not art, is the curator’s pri­mary material.”

Schade, daß Ber­lin die­ser fri­sche kura­to­ri­sche Geist vor­erst ver­lo­ren geht. Aber ich habe mich ver­si­chert: Chan und Lazaridou-Hatzigoga neh­men neue Pro­jekte ins Visier. Inter­es­sante und aus­sichts­rei­che – so viel kann ich versprechen.