Neue Maßstäbe

22. Oktober 2011 von Matthias Planitzer
Das Schlußwort

In der Tucholskystraße spielt sich Verwunderliches ab: Dann und wann hält ein Flaneur vor dem Milchglasfenster der Galerie Dittrich & Schlechtriem inne, erklimmt den Sims und späht durch einen schmalen Spalt, der den Blick auf das Innere freigibt. Manch einer schreckt zurück, um daraufhin neugieriger als zuvor noch einmal zu schauen, ob er denn seinen Augen trauen könne. Ja, man kann: Bei dem Diorama, das sich weit hinter das Glas erstreckt, handelt es sich um einen einzigen Bakterien- und Pilzrasen, der bis an alle Ecken reicht, wächst und sprießt und dafür ausreichen würde, sämtliche Cafés und Restaurants in der sauberen, ja vergleichsweise sterilen Umgebung in die Zwangsschließung zu treiben. Ein solcher Hygienemangel ließe nicht nur die Gutachter vom Gesundheitsamt die Haare zu Berge stehen, offenbar läuft auch so manch neugierigem Passanten ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn er, einmal hinein gelugt, gleich wieder Abstand vom Schaufenster nimmt.

Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program
Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program

Verantwortlich für diesen Schreck zeichnet sich Julian Charrière: Der Eliasson-Meisterschüler pendelt für seine Einzelausstellung „Horizons“ zwischen Mikro- und Makrokosmos; so formt er etwa aus Bakterien ganze Landschaften oder, wie im begehbaren Teil der Ausstellung zu sehen, manipuliert fotografisch Maßstäbe zwischen Bergen und Erdhaufen. Diesen Ansatz trieb er in der gestern geendeten Ausstellung „Dominions“ weiter, für die er zusammen mit Andreas Greiner die Räume der Program Gallery bespielte. Nur wenige hundert Meter entfernt entwarfen sie in der Invalidenstraße eine belebte Deutschlandkarte, deren Geodäsie ebenfalls durch das Zusammenspiel unzähliger Bakterien- und Pilzstämme bestimmt wurde.

Dem Besucher bot sich zunächst ein aseptisch grün gestrichener Raum. Wohlweislich wurde auf den Schockeffekt verzichtet, das Ansinnen war ganz wissenschaftlicher Natur. Denn die hier vereinigten Mikroben entstammen unterschiedlichen Ecken Deutschlands und der Schweiz, wo die beiden Künstler insgesamt fast dreißig Proben entnahmen, um sie später auf luftdicht versiegelten Nährmedien anzuzüchten. Die Kulturen stammen etwa von der Zugspitze, aus einem Schweinestall bei Hannover oder vom Rhonegletscher: Charrière und Greiner folgten wichtigen Landwegen und Verkehrsknotenpunkten, trugen auf ihrem Weg die Proben zusammen und stellten die Glaskästen später bei Program aus. Jeder Kasten ruhte auf hier einem Sockel, dessen Höhe mit der geographischen Höhe über Normalnull korrespondierte.

Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program
Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program

Auf diese Weise gelangte das Künstlerduo zu einer neuartigen Kartographie, die zwar zunächst die Staatsgebiete Deutschlands und der Schweiz zum Inhalt hatte, ihre Ordnung und Grenzen aber von Beginn an zersetzte. Die topographischen Beziehungen wurden bereits durch die freie Anordnung der Proben im Ausstellungsraum nivelliert, einzig die geographische Höhe blieb erhalten. Auch die denotativen Beziehungen wurden beseitigt; keines der Nährmedien wies durch entsprechende Beschriftung auf seinen Entnahmeort hin. Durch diese zweifache Elimination der Ortsdimension blieb der Bezug zum geographischen System lediglich angedeutet und war nur der Einbildungskraft zugänglich.

Folglich waren auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Proben rein imaginärer Natur. Dem ungeschulten Beobachter boten sich unterschiedliche Pilz-, weiße und grüne, flaumige und schleimige, sowie verschiedene Bakterienkolonien, rote, schwarze, weiße, dar. Dort, wo sich Kondenswasser sammelte und Risse das Nährmedium durchzogen, wuchsen die Stämme schneller als dort, wo die Platten auch nach Wochen nur eine verhaltene Besiedelung zeigten. Ihre Anordnung schien jedoch willkürlich; keines der Medien war in Reinkultur bewachsen. Wer aufmerksam und findig genug war, konnte fast jede Art auch fast überall antreffen. Lediglich die Verteilung und Ausprägung unterschieden sich in manchen Beispielen, doch Rückschlüsse auf den Entnahmeort konnten so nicht gezogen werden.

Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program
Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program

Auf Grundlage dieser Angleichung, dieser tabula rasa, erwuchs eine neue Kartographie, die sich nach anderen Koordinaten orientierte. Die Mikroben teilten und vermehrten sich, bildeten Kolonien und breiteten sich langsam auf den Platten aus. Sie überwucherten den Boden, schließlich sich gegenseitig und formten dichte Rasen, soweit es die Kästen zuließen. Das infrastrukturelle Prinzip, an das sich Charrière und Greiner während ihrer Reise hielten, als sie etwa am Frankfurter Flughafen oder im Dreiländereck ihre Proben entnahmen, fand auf diesem viel kleineren Maßstab seine Entsprechung. Ebenso wie die beiden Künstler breiteten sich die Mikroben entlang von Trassen und Straßen aus, formten Superkolonien oder mieden einander.

Es bildete sich eine Infrastruktur heraus, die nicht politischer, sondern biologischer Grundlage war. Allein das Milieu und seine vielgestaltigen Komponenten –: Populationen in Art, Größe und Lage, fungizide und antibiotische Stoffwechselprodukte, Nährstoffgehalt, Feuchtigkeit und Gashaushalt – bestimmten die Geschwindigkeit und Richtung des Wachstums. Das Chaosprinzip war federführend für die Entwicklung der Proben, keine (artifiziellen) Strukturen gaben eine Ordnung vor. Kolonien, die zu Beginn der Ausstellung ein rasantes Wachstum zeigten, hatten bald alle Nährstoffe aufgebraucht und starben, andere blühten erst spät auf. Denn gleich, ob eine Probe aus einem Windpark oder einem Tagebau kamen, ob sie in Cuxhaven oder in Zug gewonnen wurden, das Ergebnis ihrer Bebrütung war dem Zufall überlassen.

Julian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © ProgramJulian Charrière, Andreas Greiner: Dominions, © Program

Doch der Blick in die Glaskästen war nicht nur eine Vergrößerung des Mikrokosmos, der der (impliziten) Karte Deutschlands und der Schweiz zugrunde lag. Auch die umgekehrte Perspektive drängte sich auf, wenn sie, nach entsprechender Extrapolation, einen neuen Makrokosmos entwarf. Denn „Dominions“ zeigte nicht nur, daß die mikrobiologische Welt an allen Ecken der Länder grundsätzlich gleich ist. Die Ausstellung hinterfragte auch die Künstlichkeit menschlicher Struktur und Infrastruktur, insbesondere das Konzept der „Nation„, also sinngemäß „der Geburt, des Volkes“. Indem sie zwei verschiedene Ordnungsprinzipien, auf der einen Seite das politische, auf der anderen das biologische System, gegenüberstellte, kehrte sie auch die Disparitäten heraus, die sich letztlich alle auf die Gegensatzpaare „organisch“/“artifiziell“ und „chaotisch“/“geordnet“ reduzieren ließen. Die Trennung dieser Alternativen war nahezu vollkommen (in diesem Koordinatensystem traten die Kombinationen organisch-geordnet und artifiziell-chaotisch nicht auf), nur das Ausstellungsdesign gab Grenzen vor.

Diese Grenzen – die Größe und Geometrie der Kästen (organisch-geordnet) und ihre Anordnung im Raum (artifiziell-chaotisch) – waren es jedoch, die die Intelligibilität der Ausstellung erst ermöglichten. Sie gaben die Rahmenbedingungen vor, die für die Sinnhaftigkeit der Installation vonnöten war. Die somit erfolgte Kartierung nahm folglich einen zwitterhaften Zustand ein, der sich allerdings sowohl der geodätischen als auch der biologischen Lesart entzog. Die Installation formte ein eigenes Koordinatensystem, das keine Maßstäbe kannte. Mikro- und Makrokosmos waren eins geworden, lösten sich zugleich ineinander auf und formten einen unbestimmbaren Ort dazwischen.

Esoterisch Gestimmte hätten vielleicht den Mensch selbst in diesem Mittelpunkt gesehen. Eine nüchterne Betrachtungsweise hätte mitunter ein Vakuum erkannt, das von „Dominions“ bewusst freigelassen wurde. Für welche Auffassung man sich auch entschied, eines war klar: Julian Charrière und Andreas Greiner legten einen Maßstab an, der nicht nur neu und herausfordernd war, sondern auch die Rolle des Betrachters hinterfragte, der von ihm Gebrauch machte.

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Oktober im KUNST Maga­zin, in mei­ner kunst­kri­ti­schen Kolumne Das Schluß­wort.