Seufzender Stahlbeton

26. September 2011 von Matthias Planitzer
Wenn Architektur eine Stimme hätte: Aufnahmen von Abrissarbeiten
Sophie Erlund: This house is my body (Ausstellungsansicht), Foto: PSM GallerySophie Erlund: This hou­se is my body (Aus­stel­lungs­an­sicht), Foto: PSM Gal­le­ry

Als im ver­gan­ge­nen Win­ter das Zür­cher Migros Muse­um in sei­ner Aus­stel­lung »Dis­pla­ced frac­tures« nach den Bruch­li­ni­en such­te, die glei­cher­ma­ßen die Archi­tek­tur wie den mensch­li­chen Kör­per durch­zie­hen, da war auch Oscar Tua­zon nicht weit. Der Ame­ri­ka­ner zeig­te einen zer­trüm­mer­ten Beton­block, der unter sei­ner eige­nen Last nie­der­ge­bro­chen war. Frag­men­te unter­schied­li­cher Grö­ße erzähl­ten in ein­stim­mi­ger Poe­sie von der Zer­brech­lich­keit des Men­schen; man moch­te ein lei­ses Seuf­zen des gebro­che­nen Betons ver­neh­men.

Man hät­te Tua­zons äch­zen­dem Trüm­mer­hau­fen eine eben­so hoch­emo­tio­na­le Sound­in­stal­la­ti­on an die Sei­te stel­len wol­len, schon allein, um die Illu­si­on auf die Spit­ze zu trei­ben und das Kunst­er­leb­nis zu erhö­hen. In der Rück­schau betrach­tet, hät­te sich dafür Sophie Erlunds »This hou­se is my body« wun­der­bar geeig­net; allein, ihr Werk kam ein Jahr zu spät für die Zür­cher Schau. Erlund ver­leiht in ihrer Arbeit ster­ben­den Gebäu­de eine Stim­me: Sie gewann über Jah­re hin­weg bei Abriß­ar­bei­ten Sound­ma­te­ri­al, lausch­te mit spe­zi­el­len Mikro­pho­nen seuf­zen­dem Stahl­be­ton und äch­zen­dem Bau­schutt. Dar­aus kom­po­nier­te sie eine Sound­skulp­tur mit mensch­li­chen Zügen; die Ber­li­ner PSM Gal­le­ry stellt sie der­zeit aus.

Sophie Erlund: This house is my body (Ausstellungsansicht), Foto: PSM GallerySophie Erlund: This hou­se is my body (Aus­stel­lungs­an­sicht), Foto: PSM Gal­le­ry

Wie schreibt man über Klang­kunst? Wie soll man sie in pas­sen­de Wor­te fas­sen, in tref­fen­den Sät­zen ver­pa­cken? Daß in die­sem Fal­le geschrie­ben wer­den muss, ist unum­stöß­lich, allein die emo­tio­na­le Ener­gie ver­langt es. Zunächst, was fest steht: Sophie Erlund such­te in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren immer wie­der abriß­rei­fe Gebäu­de auf und plat­zier­te an Wän­den und Pfei­lern Kon­takt­mi­kro­fo­ne, die die Schwin­gun­gen und Erschüt­te­run­gen der Unter­la­ge auf­nah­men. Auf die­se Wei­se horch­te sie in den Stahl­be­ton hin­ein und konn­te dem Schlag der Press­luft­häm­mer und der schie­ren Gewalt der Bull­do­zer nach­spü­ren.

Das so gewon­ne­ne Mate­ri­al arran­gier­te sie nach dem Sche­ma einer klas­si­schen Sym­pho­nie. Dar­in erzählt sie von der Zer­stö­rung eines Gebäu­des, setzt bei den ein­häm­mern­den Maschi­nen ein und fährt mit dem Äch­zen des Gemäu­ers fort. Die Kom­po­si­ti­on endet dar­auf in dem lang­sa­men Zer­fall des Baus.

Sophie Erlund: This house is my body (Ausstellungsansicht), Foto: PSM GallerySophie Erlund: This hou­se is my body (Aus­stel­lungs­an­sicht), Foto: PSM Gal­le­ry

In der PSM Gal­le­ry trifft »This hou­se is my body« auf einen größ­ten­teils roh belas­se­nen Raum: Rau gestri­che­ner Est­rich, kal­te Mau­ern und das gepress­te Geflecht der Dach­däm­mung bie­ten dem klang­ge­wor­de­nen Archi­tek­tur­tod eine geeig­ne­te Kulis­se. Mit­hil­fe von Richt­laut­spre­chern, die im gan­zen Raum ver­teilt sind, erschafft Erlund zudem eine Sound­skulp­tur, die über­all anders klingt. Auf die­se Wei­se gelingt ihr die Ver­schrän­kung des rea­len archi­tek­to­ni­schen Rau­mes mit einem klang­li­chen Gegen­stück.

Sophie Erlund gibt dem Gebäu­de eine mensch­li­che Gestalt. Sie schenkt ihm das Fleisch, in das die Maschi­nen sich fres­sen, die Stim­me, die es auf­schrei­en und stöh­nen lässt, und die Sterb­lich­keit, deren Los es erlei­den muss. Die Archi­tek­tur lei­det und mit ihr lei­det der Mensch. Mit­ge­fühl prägt das Kunst­er­leb­nis. Und so fin­det man sich bald auf dem kal­ten Gale­ri­en­bo­den wie­der, ange­strengt lau­schend, das Schick­sal des Gebäu­des ver­fol­gend.

»This hou­se is my body« ist ein ech­tes Klang­er­leb­nis – eines, das man am bes­ten selbst macht. Gele­gen­heit dazu besteht noch bis zum 22. Okto­ber in der PSM Gal­le­ry.