Seeing is believing

22. September 2011 von Matthias Planitzer
Das Schlußwort

Bil­der, so weiß man spä­tes­tens seit Bel­ting, kön­nen eine unheim­li­che Macht ent­wi­ckeln. Ihnen wird bis­wei­len eine inne­woh­nen­de Auto­ri­tät bei­ge­mes­sen, die sich auf der Annah­me begrün­det, daß sie Zeug­nis­se eines Ereig­nis­ses, einer Bege­ben­heit – oder all­ge­mei­ner :– einer Tat­sa­che sei­en. Die­sen Schluß lässt die Pro­duk­ti­ons­rea­li­tät jedoch nicht unein­ge­schränkt zu. Was im Klei­nen die geglät­te­te Haut auf dem Urlaubs­fo­to, ist im Gro­ßen die geziel­te Instru­men­ta­li­sie­rung und Mani­pu­la­ti­on poli­tisch rele­van­ter Beweis­stü­cke. Die­se Bild­pro­pa­gan­da ist kein Novum des neu­en Jahr­tau­sends, erscheint aller­dings vor dem Hin­ter­grund der in der mus­li­mi­schen Welt nun schon seit zehn Jah­ren aus­ge­tra­ge­nen krie­ge­ri­schen und poli­ti­schen Kon­flik­te in einer neu­en Qua­li­tät.

Harm­lo­se­re Bei­spie­le wie die vor vier Jah­ren als Fäl­schung ent­larv­ten Fotos eines ira­ni­schen Rake­ten­tests tra­ten in die­ser Zeit in einen har­ten Kon­trast mit gefälsch­tem Beweis­ma­te­ri­al, das zur Legi­ti­mie­rung eines krie­ge­ri­schen Angriffs genutzt wur­de. Sol­che Fin­ten sind zwar mit einer gewis­sen Geschich­te in der Kriegs­kunst belegt, doch die ver­gleichs­wei­se güns­ti­gen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen sowie der noch jun­ge Dis­kurs über die Bild­wis­sen­schaf­ten las­sen eine dif­fe­ren­zier­te­re Betrach­tung zu.

Iñigo Manglano-Ovalle: Phantom Truck, Foto: Matthias PlanitzerIñi­go Mangla­no-Oval­le: Phan­tom Truck, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Viel­leicht wähl­te Kura­to­rin Susan­ne Pfef­fer den zehn­ten Jah­res­tag der Anschlä­ge in New York und Washing­ton DC für die Eröff­nung der Aus­stel­lung »See­ing is belie­ving« in den Kunst­wer­ken Ber­lin, weil die­ses Datum den Beginn eines immer noch wäh­ren­den Rei­he von Krie­gen mar­kiert, die durch eine aus­ge­klü­gel­te Bild­pro­pa­gan­da getra­gen wur­de. Als der dama­li­ge US-Außen­mi­nis­ter Colin Powell am 5. Febru­ar 2003 vor dem UN-Sicher­heits­rat sei­ne berühm­te Rede zur Legi­ti­mie­rung des Irak-Kriegs hielt, leg­te er zur Unter­maue­rung sei­ner Argu­men­te unschar­fe Satel­li­ten­fo­to­gra­fi­en vor, die von »aus­ge­wie­se­nen Bild­ex­per­ten« ana­ly­siert gewe­sen sein sol­len. Sie zeig­ten nach Powells Behaup­tung ein mobi­les Bio­waf­fen­la­bor, das Sad­dam Hus­sein zur Füh­rung eines völ­ker­rechts­feind­li­chen befä­higt habe. Spä­ter wur­de bekannt, daß die Fotos gefälscht waren.

Fik­ti­on wird Fakt

Die alte Maxi­me der Ähn­lich­keit kehrt sich um. Wir mes­sen die Welt nach den Ähn­lich­kei­ten, die sie mit den Bil­dern hat, und nicht umge­kehrt.

Hans Bel­ting: »Das ech­te Bild. Bild­fra­gen als Glau­bens­fra­gen.« (2005)

Wie wer­den Fak­ten gemacht? Die­ser Fra­ge ging Iñi­go Mangla­no-Oval­le nach, der 2007 jenen Satel­li­ten­bil­dern mit »Phan­tom Truck« ein rea­les Kor­re­lat gab. Anhand des Bild­ma­te­ri­als, das vor den UN-Sicher­heits­rat gebracht wur­de, bau­te er einen zehn Meter lan­gen Las­ter nach, der mit Kis­ten, Gas­fla­schen und aller­lei ande­rem Inven­tar eines Bio­waf­fen­la­bors bela­den ist. Im KW Insti­tu­te fand der »Phan­tom Truck« in der Fins­ter­nis der gro­ßen Hal­le Platz, lau­ert dort nun dem nichts ahnen­den Besu­cher in einer gespens­ti­schen Stim­mung auf, um sich erst nach eini­gen Minu­ten vor dem an die Dun­kel­heit gewöh­nen­den Auge zu ent­hül­len. Es braucht eine Wei­le, bis aus den ers­ten Sche­men ein immer schär­fer wer­den­des Bild eines voll­be­la­de­nen Las­ters ent­steigt – bis die­ser erkennt­lich wird, erschaf­fen die neu­gie­rig tas­ten­den Hän­de, was Powell mit­hil­fe von Gra­fi­ken und Bild­ex­per­ten aus dem ver­schwom­me­nen Bild­ma­te­ri­al schöpf­te.

Iñi­go Mangla­no-Oval­le kehrt den Pro­zess der Bild­pro­duk­ti­on um. Fik­ti­on wird Fakt, jedoch erst im Nach­hin­ein, wenn bereits alles ent­schie­den ist. Ein abs­trak­tes Bild – und damit auch die Vor­stel­lung von sel­bi­gem – wird mit einem Mal zur greif­ba­ren Tat­sa­che, was sich wie­der­um ana­log zu Powells Stra­te­gem ver­hält: Aus Bild­rea­li­tät ent­wächst Kriegs­rea­li­tät.

Alfredo Jaar: May 1, 2011, Foto: Matthias PlanitzerAlfre­do Jaar: May 1, 2011, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

»See­ing is belie­ving« – das wird bei Powell und Mangla­no-Oval­le zur nüch­ter­nen For­mel einer mäch­ti­gen Bild­po­li­tik. »Nicht sehen und trotz­dem glau­ben«: das ist die Psy­cho­lo­gie hin­ter dem Foto vom 1. Mai, das die US-ame­ri­ka­ni­schen Macht­ha­ber in der Todes­stun­de Osa­ma Bin-Ladens zeigt. Sie schau­en gebannt auf einen Bild­schirm, auf dem die Erstür­mung sei­nes Anwe­sens live über­tra­gen wird. Es herrscht eine gespann­te Atmo­sphä­re: Hil­ary Clin­ton hält sich scho­ckiert die Hand vor den Mund, Barack Oba­ma schaut mit erns­ter Mine, Sicher­heits­be­ra­ter Denis McDo­nough ist sicht­lich ent­setzt. Cof­fee-to-go-Becher erzäh­len von einer ner­ven­auf­rei­ben­den Stim­mung. Ein­zig das Bild, das sol­che Reak­tio­nen her­vor­ruft, wird ver­heim­licht.

Zeu­gen­schaft und Auto­ri­täts­an­spruch

Alfre­do Jaar hebt die­se Fehl­stel­le in sei­ner Arbeit »May 1, 2011« her­vor. Die Arbeit ord­net den einig aus­ge­rich­te­ten Bli­cken einen wei­ßen Bild­schirm zu, ergänzt sie jeweils um eine Legen­de: Die Per­so­nen­auf­stel­lung aus dem Wei­ßen Haus wird detail­liert aus­ge­führt, die Erläu­te­rung des enig­ma­ti­schen Beweis­fo­tos bleibt so leer wie der Bild­schirm selbst. Der Behaup­tung, es hand­le sich um die letz­ten Bil­der aus dem Leben Osa­ma Bin-Ladens wird ein Nicht-Bild ent­ge­gen­ge­setzt, das miß­trau­isch kon­sta­tiert, daß die Vor­gän­ge eigent­lich im Unge­wis­sen lie­gen. Dabei ist die Ent­schei­dung der US-ame­ri­ka­ni­schen Füh­rung, die Bil­der geheim zu hal­ten, poli­tisch durch­aus sinn­voll. Schließ­lich wären die Reak­tio­nen v.a. in isla­mis­ti­schen Krei­sen nicht vor­her­seh­bar gewe­sen. Den­noch pro­kla­miert das Washing­to­ner Foto eine Wahr­heit, die zunächst nur Sug­ges­ti­on ist.

Die Auto­ri­tät des Bil­des wird in die­ser neu­ar­ti­gen Bild­po­li­tik noch wei­ter erhöht: Es ist nun nicht mehr das Zeug­nis einer Tat­sa­che, son­dern das Zeug­nis der Zeu­gen­schaft der­sel­ben. Die Distanz zur Tat­sa­che wird grö­ßer, eben­so der Auto­ri­täts­an­spruch. Um nicht in Zwei­fel gezo­gen zu wer­den, muss es Plau­si­bi­li­tät durch Zeu­gen­schaft gene­rie­ren. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Füh­rungs­rie­ge erwies sich immer­hin als glaub­haft genug, um kein öffent­li­ches Miß­trau­en zu erwe­cken.

Taysir Batniji: Watchtowers, Foto: Matthias PlanitzerTay­sir Bat­ni­ji: Watch­towers, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Eine ähn­li­che Ver­ket­tung unter­schied­li­cher Reprä­sen­ta­tio­nen för­dert auch Tay­sir Bat­ni­ji zu Tage. Sei­ne viel­tei­li­ge Serie »Watch­towers« sucht den inni­gen Kon­takt zu den Was­ser­tür­men Hil­da und Bernd Bechers, zeigt aller­dings israe­li­sche Wach­tür­me in der West Bank. Der Bien­na­le-Teil­neh­mer wählt in den Schwarz-Weiß-Foto­gra­fi­en die­sel­be Bild­spra­che wie das Künst­ler­paar, wenn er in sei­ner nüch­ter­nen und seri­el­len Anord­nung zu einem ana­ly­ti­schen Archi­tek­tur­por­trät gelangt. Erst auf dem zwei­ten Blick offen­bart sich, daß Bat­ni­ji nicht die Per­fek­ti­on der Bechers erreicht: eini­ge der Foto­gra­fi­en sind unscharf, die per­spek­ti­vi­schen Ein­stel­lun­gen vari­ie­ren stark und auch das neu­tra­le Him­mel­weiß erscheint nicht durch­gän­gig.

Eine Sti­lana­ly­se der Repor­ta­ge­fo­to­gra­fie

All die­se sti­lis­ti­schen Unrein­hei­ten begrün­den sich in der Schaf­fens­ge­schich­te der Serie. Bat­ni­ji blieb die Ein­rei­se in das West­jor­dan­land ver­wehrt, also beauf­trag­te er einen paläs­ti­nen­si­schen Foto­gra­fen mit der Anfer­ti­gung der Foto­gra­fi­en. Oft­mals aus Ver­ste­cken her­aus auf­ge­nom­men, errei­chen die Bil­der daher nicht die kon­zep­tio­nel­le Per­fek­ti­on wie die bekann­te Vor­la­ge der Bechers.

Nicht zuletzt wegen die­ses ver­meint­li­chen Makels impo­nie­ren die »Watch­towers« als ein Stück Repor­ta­ge­fo­to­gra­fie. Sobald man sich jedoch in die­se beque­me Rezi­pi­en­ten­rol­le begibt, ist man schon ihrer Macht erle­gen. Die ihr zuge­mes­se­ne Auto­ri­tät begrün­det sich allein auf ihre Pro­duk­ti­ons- und Rezep­ti­ons­me­cha­nis­men, wel­che anschei­nend einer all­ge­mei­nen Kon­ven­ti­on unter­lie­gen. Erst der Ver­gleich mit dem Vor­bild aus der Kunst kehrt die Eck­punk­te her­aus, wel­che das Spe­zi­fi­sche der (poli­ti­schen) Repor­ta­ge­fo­to­gra­fie begrün­den: Inten­ti­on, Pro­duk­ti­on, Ver­viel­fäl­ti­gung, Dis­tri­bu­ti­on, Pro­pa­gan­da.

Mit die­sem Werk­zeug betreibt Bat­ni­ji eine Sti­lana­ly­se der Repor­ta­ge­fo­to­gra­fie, die zu kei­nem guten Schluß kommt. Sie zeigt ein Extrem auf, das die Suche nach der per­fek­ten (sprich: loh­nen­den) Auf­nah­me mit einem hohen Risi­ko ver­bin­det, um dann das fer­ti­ge Foto in einer für die poli­tisch beab­sich­tig­ten Zwe­cke zugäng­li­chen Gesell­schaft zu ver­brei­ten. Am Ende die­ser lan­gen Bild­his­to­rie steht der Rezi­pi­ent, dem es schwer fällt, all dies von ein­an­der zu tren­nen.

Ausstellungsansicht, Foto: Matthias PlanitzerAus­stel­lungs­an­sicht, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Wie in die­sem Bei­spiel will auch die rest­li­che Aus­stel­lung den Mecha­nis­men der Bild­po­li­tik nach­spü­ren. So sieht man etwa in Gian­ni Mot­tis Video »Shock and Awe« den auf­ge­reg­ten Geor­ge Bush kurz vor sei­ner Fern­seh­an­spra­che zur Kriegs­er­klä­rung gegen den Irak. Klei­ne Scher­ze und die sicht­ba­re Anspan­nung des Prä­si­den­ten ste­hen in einem auf­fäl­li­gen Kon­trast zu dem Ernst der fol­gen­den Rede. Dage­gen lie­fern die haupt­be­ruf­li­chen Kriegs­be­richt­erstat­ter Adam Broom­berg und Oli­ver Cha­na­rin Bei­spie­le für unge­wöhn­li­che Repor­ta­ge­fo­to­gra­fie, wenn sie auf einem Afgha­ni­stan-Ein­satz nur abs­trak­te Auf­nah­men lie­fern oder am Bei­spiel der Fotos eines ira­ki­schen Fol­ter­kel­lers gezielt der Ent­hu­ma­ni­sie­rung des Krie­ges ent­ge­gen­wir­ken.

Eine inhalt­lich dich­te Aus­stel­lung

Das erklär­te Ziel, über »Macht und Sta­tus des Bil­des« nach­zu­den­ken, wird in »See­ing is belie­ving« mit unter­schied­li­cher Deut­lich­keit ver­folgt. So bleibt unklar, wel­chen Bezug die Dar­stel­lung zoll­pflich­ti­ger Gegen­stän­de und geschmug­gel­ter Selbst­bau-Waf­fen zum eigent­li­chen Aus­stel­lungs­in­halt haben. Zudem bil­den die zumeist vor dem Hin­ter­grund der Nah­ost­kon­flik­te ent­stan­de­nen Arbei­ten in ihrer Gän­ze nur ein Bei­spiel für die­se wei­te The­ma­tik ab; die Unter­su­chung wei­te­rer Dimen­sio­nen und Phä­no­me­ne wäre sicher­lich ertrag­reich gewe­sen, hät­te aber zwangs­wei­se die Aktua­li­tät der Aus­stel­lung gemin­dert. So exem­pli­fi­ziert »See­ing is belie­ving« den spe­zi­fi­schen Fall der Bild­rea­li­tät in Zei­ten des Ter­rors und Krie­ges und erreicht dar­in immer­hin eine beacht­li­che inhalt­li­che Dich­te. Lei­der fällt es auf­grund der vie­len Video­in­stal­la­tio­nen schwer, über alle vier Stock­wer­ke des KW Insti­tu­tes hin­weg auf­merk­sam zu blei­ben. Die zen­tra­len Expo­na­te rei­hen sich glück­li­cher­wei­se zu Beginn der Aus­stel­lung anein­an­der, den­noch ertappt man sich dabei, die nur 24 Arbei­ten bald ein­fach nur noch abzu­lau­fen. Mit dem hilf­rei­chen Aus­stel­lungs­heft­chen an der Hand lässt sich immer­hin ent­schei­den, wel­che Vide­os man lie­ber gleich über­springt.

Trotz die­ses hohen Zeit­auf­wan­des lohnt es sich, das KW Insti­tu­te wenigs­tens für die vor­ge­stell­ten Wer­ke auf­zu­su­chen. Ins­be­son­de­re der »Phan­tom Truck« ist eine Erfah­rung wert, und wenn es nur dabei blie­be. Zeit dafür bleibt jeden­falls genug: »See­ing is belie­ving« wird noch bis zum 13. Novem­ber die Besu­cher emp­fan­gen.

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Sep­tem­ber im KUNST Maga­zin, in mei­ner kunst­kri­ti­schen Kolum­ne Das Schluß­wort.