Pistoletto bittet zur Buße

20. September 2011 von Matthias Planitzer
Die Serpentine Gallery zeigte "The mirror of judgement"
Michelangelo Pistoletto, Ausstellungsansicht, Serpentine Gallery, © 2011 Sebastiano PellionMichel­an­ge­lo Pis­to­let­to, Aus­stel­lungs­an­sicht, Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry, © 2011 Sebas­tia­no Pel­li­on

Der Weg zu Michel­an­ge­lo Pis­to­let­tos Ein­zel­aus­stel­lung in der Lon­do­ner Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry war ein ver­schlun­ge­ner. Man stieg an der Tube-Sta­ti­on Hyde Park Cor­ner aus, suchet einen Zugang zur namens­ge­ben­den Grün­an­la­ge, schlug einen mäan­dern­den Pfad nach dem ande­ren ein, pas­sier­te bizar­re Bäu­me und künst­li­che Was­ser­fäl­le, such­te sei­nen Weg vor­bei an all den nach Erho­lung suchen­den Lon­do­nern, um end­lich den Ken­sing­ton Gar­den auf­zu­spü­ren. Hier, im roya­len Nach­bar­park, muss­te man nur noch den Pavil­lon der renom­mier­ten Gale­rie fin­den. Wer dann erleich­tert auf­at­me­te und glaub­te, an das Ende des Irr­we­ges gelangt zu sein, der wur­de in Michel­an­ge­lo Pis­to­let­tos Aus­stel­lung »The mir­ror of jud­ge­ment« eines Bes­se­ren belehrt: das eigent­li­che Laby­rinth war noch zu meis­tern.

Pis­to­let­to hat­te die Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry in einen Irr­gar­ten der Kunst ver­wan­delt: Unend­li­che Papp­bah­nen mäan­der­ten müh­sam durch die Räu­me des Pavil­lons, schmieg­ten sich eng anein­an­der, umschlun­gen die Mau­ern eben­so wie einen schma­len Pfad in ihrer Mit­te und all die Ver­irr­ten, die ihm folg­ten. Hier und da gab die wuchern­de Pap­pe den Boden frei, wich vor geheim­nis­vol­len Objek­ten zurück, als gin­ge von ihnen ein Bann­kreis aus. Pis­to­let­to hat­te in sei­nem Pap­p­la­by­rinth eine Hand­voll Kunst­wer­ke ver­steckt – für jede Welt­re­li­gi­on eines.

Michelangelo Pistoletto, Ausstellungsansicht, Serpentine Gallery, © 2011 Sebastiano PellionMichel­an­ge­lo Pis­to­let­to, Aus­stel­lungs­an­sicht, Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry, © 2011 Sebas­tia­no Pel­li­on

Für Michel­an­ge­lo Pis­to­let­to selbst ist ein Laby­rinth »eine ver­schlun­ge­ne und unab­seh­ba­re Stra­ße, die uns an den Ort der Offen­ba­rung, des Wis­sens führt«. So schwüls­tig-reli­gi­ös wie sei­ne eige­nen Wor­te klin­gen, war »The mir­ror of jud­ge­ment« glück­li­cher­wei­se nur auf den ers­ten Blick. Trotz des Titels und der mit reich­lich tran­szen­den­tem Pathos bela­de­nen Insze­nie­rung eines Ober­lichts, die den Besu­cher in der Aus­stel­lung emp­fing. Denn was Pis­to­let­to in der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry kom­pri­miert ver­ein­te, war nicht weni­ger als ein kur­zer Abriss des bis­he­ri­gen Gesamt­werks des Arte-Pove­ra-Künst­lers.

Die Arte Pove­ra scheint in Euro­pa wie­der ver­stärkt in den Mit­tel­punkt des Inter­es­ses zu rücken. Im ver­gan­ge­nen Jahr erkann­ten man­che Beob­ach­ter in den Ver­käu­fen der Art Basel eine Rück­kehr zu der ita­lie­ni­schen Bewe­gung aus den 1960er Jah­ren. Die­ses Jahr zie­hen die Insti­tu­tio­nen nach: der Markt­trend sie­delt in die Aus­stel­lungs­räu­me über. Wäh­rend Sotheby’s kürz­lich die Auk­ti­on der »bis­her umfas­sends­ten Arte-Pove­ra-Samm­lung« bekannt gab, kün­dig­te die­se Woche das Tate Modern die Ein­zel­aus­stel­lung Ali­ghie­ro e Boet­tis für das kom­men­de Früh­jahr an. Auch die Deut­schen sind auf den Zug auf­ge­sprun­gen: Sowohl das Kur­haus Kle­ve als auch der Ber­li­ner Schin­kel­pa­vil­lon eröff­ne­ten erst kürz­lich jeweils Aus­stel­lun­gen von Jan­nis Kou­nel­li. Auch die Gale­rie Kon­rad Fischer nutzt mit einer Schau Gui­sep­pe Peno­nes die Gunst der Stun­de – das gestie­ge­ne Inter­es­se an der Arte Pove­ra wird offen­sicht­lich auch nicht von der kürz­li­chen Nach­richt des tra­gi­schen Todes Vet­tor Pisa­nis getrübt.

Michelangelo Pistoletto, Ausstellungsansicht, Serpentine Gallery, © 2011 Sebastiano PellionMichel­an­ge­lo Pis­to­let­to, Aus­stel­lungs­an­sicht, Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry, © 2011 Sebas­tia­no Pel­li­on

Pis­to­let­to blieb sei­nen Arte-Pove­ra-Wur­zeln treu: Bil­li­ge Well­pap­pe traf auf Anti­qui­tä­ten und simp­le Spie­gel. Fünf­zig Jah­re nach sei­nem ers­ten Mir­ror Pain­ting »The pre­sent« ist die­ses Medi­um noch immer ein wich­ti­ger Bestand­teil in Pis­to­let­tos Arse­nal. Fünf­zig Jah­re sind es auch, die die­ses Medi­um zur Reduk­ti­on auf sei­ne abso­lu­te Essenz gebraucht hat: Pis­to­let­tos Spie­gel sind kei­ne Pain­tings mehr im eigent­li­chen Sin­ne, sie sind nicht mehr Trä­ger einer Mal- und welt­li­chen Bedeu­tungs­ebe­ne. Sie sind zunächst ein­fach nur Spie­gel, abs­tra­hier­te Vir­tua­li­tät; vir­tua­li­ty aber auch in der Dicho­to­mie, die nur die eng­li­sche Spra­che wie­der­ge­ben kann: abs­tra­hier­te Wirk­sam­keit.

Denn die Reduk­ti­on auf eine simp­le Spie­gel­flä­che ver­fehl­te ihre Wir­kung nicht: Ob am Bet­pult oder auf dem Gebets­tep­pich, der Beich­ten­de fand vor den Mir­rors of Jud­ge­ment sei­ne gerech­te Buße. Nie­der­kni­en aus­drück­lich erlaubt. Jeg­li­cher Tran­szen­denz beraubt erfolg­te der Rich­ter­spruch in der direk­ten Kon­fron­ta­ti­on mit dem eige­nen Sün­den­re­gis­ter. Pis­to­let­to ent­mach­te­te das Got­tes­ge­richt, er setz­te das in vir­tua­li­ty wider­spie­geln­de Gewis­sen an sei­ner statt. Kon­fes­si­on war neben­säch­lich, ob Jud‹ oder Christ, Mos­lem oder Bud­dhist, hier wur­de jeder nach dem­sel­ben Maß gemes­sen. Selbst Anhän­ger sei­nes eige­nen meta-reli­giö­sen Kon­zepts des »drit­ten Para­die­ses« erhiel­ten hier ihr gerech­tes Urteil.

Michelangelo Pistoletto, Ausstellungsansicht, Serpentine Gallery, © 2011 Sebastiano PellionMichel­an­ge­lo Pis­to­let­to, Aus­stel­lungs­an­sicht, Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry, © 2011 Sebas­tia­no Pel­li­on

Sein »Neu­es Unend­lich­keits­zei­chen«, wie er es nennt, wur­de von allen reli­giö­sen Sym­bo­len am pro­mi­nen­tes­ten insze­niert. Ein ver­spie­gel­ter Obe­lisk stach in die Kup­pel des zen­tra­len Pavil­lon­raums und hielt jenes dreischlau­fi­ge Objekt an Ort und Stel­le. Zwei Rin­ge für die natür­li­che und die men­schen­ge­mach­te Welt, ein wei­te­rer zur syn­the­ti­schen Ver­ei­ni­gung die­ser gegen­sätz­li­chen Sphä­ren. Das ist das Heils­sym­bol Pis­to­let­tos, über­kon­fes­sio­nell und dadurch säku­lar, durch­aus auch pro­fan. Seit­dem es 2003 erson­nen wur­de, ziert es Pis­to­let­tos Ban­ner und wird pro­pa­giert, wo auch immer es auf­taucht: Ob in den päd­ago­gi­schen Work­shops sei­ner Cit­t­a­dell­ar­te-Stif­tung oder bei der vene­zia­ni­schen Bien­na­le 2005, es sucht jeden sich bie­ten­den Weg in die Köp­fe der Men­schen.

Die­ser nim­mer­mü­de Eifer zeich­ne­te sich auch in der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ry ab. Wäh­rend die Buß- und Bet­ge­le­gen­hei­ten in den umlie­gen­den Räu­men erst an den Enden der ver­schlun­ge­nen Pfa­de auf­ge­spürt wer­den muss­ten, führ­ten alle Wege zu den gro­ßen Rin­gen. Im Rück­griff auf römisch-katho­li­sche Prin­zi­pi­en der Macht­be­haup­tun­gen instal­lier­te Michel­an­ge­lo Pis­to­let­to hier sei­ne eige­ne Meta-Reli­gi­on, setz­te sie über alle ande­ren. Der Obe­lisk insze­nier­te in die­ser expo­nier­ten Lage das »drit­te Para­dies« als eine über­ge­ord­ne­te Alter­na­ti­ve zu den Dog­men der Welt­re­li­gio­nen.

Michelangelo Pistoletto: Le trombe del giudizio, Ausstellungsansicht "Pistoletto: Le porte di Palazzo Fabroni", Palazzo Fabroni, Pistoia, 1995. c/o Cittadellarte-Fondazione Pistoletto, Biella, Foto: C. AbateMichel­an­ge­lo Pis­to­let­to: Le trom­be del giudi­zio, Aus­stel­lungs­an­sicht »Pis­to­let­to: Le por­te di Palaz­zo Fabro­ni«, Palaz­zo Fabro­ni, Pis­toia, 1995. c/o Cit­t­a­dell­ar­te-Fon­da­zio­ne Pis­to­let­to, Biel­la, Foto: C. Aba­te

Vor die­sem Hin­ter­grund blieb jedoch unver­ständ­lich, war­um in »The mir­ror of jud­ge­ment« erneut die »Trom­be del giudi­zio« auf­tauch­ten. Obgleich sie einen wich­ti­gen Platz im Werk Pis­to­let­tos ein­neh­men, wirk­ten sie wegen ihrer archai­schen Kon­no­ta­ti­on fehl am Plat­ze. Die 1968 urauf­ge­führ­te Per­for­mance blieb zwar aus, den­noch erschien eine so dro­hen­de Stim­me vom Jüngs­ten Gericht ob der ver­söhn­li­chen Bot­schaft der Aus­stel­lung unge­lenk plat­ziert. In die­sem Punkt zeig­te sich, daß die Balan­ce zwi­schen Werk­über­sicht und aktu­el­ler Ein­zel­aus­stel­lung nicht exakt gefun­den wur­de. »The mir­ror of jud­ge­ment« ver­ein­te zwar kom­men­tarhaft bedeut­sa­me Ele­men­te in Pis­to­let­tos Werk, ver­moch­te die­se jedoch lei­der nicht in ein gänz­lich stim­mi­ges Gesamt­bild über­tra­gen.

Abge­se­hen von den »Trom­be del giudi­zio« bot sich aller­dings eine kurz­wei­li­ge Aus­stel­lung, die durch Irr­gän­ge und Buß- und Bet­ge­le­gen­hei­ten Par­ti­zi­pa­ti­on ein­for­der­te. Ob man sich dem gele­gent­lich etwas schwüls­ti­gen Duk­tus hin­ge­ben woll­te, muss­te jeder Besu­cher selbst ent­schei­den. Eine Schau für über­zeug­te Athe­is­ten war »The mir­ror of jud­ge­ment« jeden­falls nicht. Wer wegen Pis­to­let­to kam, dürf­te aller­dings auch nichts ande­res erwar­tet haben.