Die Malerei eroberte neue Räume

07. September 2011 von Matthias Planitzer
Die abc gibt Ausblicke auf neue Richtungen in der Malerei
Pablo Rasgado: Unfolded Architecture (Museum Walls), Galerie: Arratia, BeerPablo Ras­ga­do: Unfold­ed Archi­tec­tu­re (Muse­um Walls), Gale­rie: Arra­tia, Beer

Nach­dem in der Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts die Male­rei ihre Gren­zen wei­test­ge­hend aus­ge­tes­tet hat­te und selbst die avant­gar­dis­ti­schen Wer­ke nicht mehr scho­ckier­ten, son­dern auf eine pau­scha­le Güte und Akzep­tanz tra­fen, kris­tal­li­sier­te sich das unre­du­zier­ba­re Wesen der Male­rei her­vor. Cle­ment Green­berg brach­te dies 1962 in eine schmis­si­ge For­mel: Das Gemäl­de zeich­net sich durch Flach­heit und die Abgren­zung der Flach­heit (sprich: einer Ver­or­tung im Raum) aus. Damit war alles Skulp­tu­ra­le aus der Male­rei ver­bannt, die bei­den Kunst­gat­tun­gen exakt getrennt. Die­ses Dog­ma brö­ckel­te jedoch hier und da, als ein­zel­ne Künst­ler sich Jahr­zehn­te spä­ter von den klas­si­schen Kon­ven­tio­nen ver­ab­schie­de­ten und die Gren­zen ver­wisch­ten. Die­se spär­li­chen Vor­stö­ße blie­ben lan­ge unbe­ach­tet oder gin­gen in der Kri­tik unter; zu stark war der Ein­fluss Green­bergs geblie­ben.

Heu­te eröff­net die art ber­lin con­tem­pora­ry (abc), die unter dem The­ma »about pain­ting« gleich auf dop­pel­te Wei­se das Wesen der Male­rei unter­su­chen will. Einer­seits sind ein Groß­teil der Wer­ke der 130 teil­neh­men­den Künst­ler Gemäl­de, ande­rer­seits wer­den sie durch Foto­gra­fi­en, Instal­la­tio­nen, Skulp­tu­ren und Vide­os ergänzt, die einen refle­xi­ven Blick auf die Male­rei wagen. Das Fazit: Die Male­rei wird von den Künst­lern der­zeit neu durch­dacht und macht sich auf, neue Räu­me zu erobern. Und schreckt dabei auch nicht vor skulp­tu­ra­len Ele­men­ten zurück – Cle­ment Green­berg hät­te es mit Zäh­ne­knir­schen gese­hen.

Pablo Rasgado: Unfolded Architecture (Museum Walls), Galerie: Arratia, BeerPablo Ras­ga­do: Unfold­ed Archi­tec­tu­re (Muse­um Walls), Gale­rie: Arra­tia, Beer

Kura­to­rin Rita Kerst­ing ver­steht die »Male­rei nicht als Gat­tung, son­dern als Motiv und Posi­ti­on«. Sie sieht dar­in »kei­ne Ideo­lo­gie, son­dern eine Mög­lich­keit«. So kon­zen­triert sich »about pain­ting« weni­ger auf ver­schie­de­ne Tech­ni­ken, statt­des­sen will die Aus­stel­lung male­ri­sche Kon­ven­tio­nen auf­grei­fen und ihre Trans­for­ma­tio­nen dar­stel­len. Der Begriff des »Gemäl­des«, auch all­ge­mei­ner der des »Bil­des« soll unter­sucht wer­den, wobei ins­be­son­de­re die gat­tungs­frem­den und -fer­nen Expo­na­te inter­es­san­te Per­spek­ti­ven lie­fern.

Beson­ders auf­ge­fal­len ist in die­sem Hin­blick Pablo Ras­ga­do, der in sei­ne Werk­rei­he »Unfold­ed Archi­tec­tu­re (Muse­um Walls)« die­se Begriff­lich­kei­ten the­ma­ti­siert und neben­bei das Aus­stel­lungs- und Mes­sen­set­ting para­phra­siert. Hier­für brach der Künst­ler Tro­cken­bau­wän­de auf, arran­gier­te sie nach kom­po­si­to­ri­schen Gesichts­punk­ten auf Holz und bemal­te sie anschlie­ßend mit wei­ßer Acryl­far­be. Neben den Löchern, die Ras­ga­do in die Mes­se­wän­de der Gale­rie Arra­tia, Beer riss, wir­ken die Arbei­ten wie Ver­satz­stü­cke, die dem­sel­ben Gips­kar­ton ent­nom­men sind, an dem sie hän­gen. Ras­ga­do kom­men­tiert hier­mit nicht nur den klas­si­schen Begriff des Gemäl­des, er erwei­tert ihn auch um eine skulp­tu­ra­le Kom­po­nen­te und ent­sagt sich im sel­ben Hand­streich der Tra­di­ti­on des White Cube. Ein radi­ka­le­res State­ment zur Male­rei kann es kaum geben.

Raphael Danke: Nervöser VeloursRapha­el Dan­ke: Ner­vö­ser Velours

Dage­gen bre­chen ande­re Künst­ler in ande­re Rich­tun­gen auf. Die Turi­ner Gale­rie Nor­ma Man­gio­ne stellt mit Rapa­hel Dan­kes »Ner­vö­ser Velours« eine Arbeit aus, die die Annä­he­rung an die Skulp­tur noch wei­ter treibt. Eine Hand­voll mit Velours bezo­ge­ner Plan­ken und Käs­ten ste­hen in kon­stru­ki­vis­ti­scher Anord­nung bei­ein­an­der. Das Velours erscheint stel­len­wei­se rau wie eine Lein­wand und lässt auf­grund sei­ner Span­nung die dar­un­ter lie­gen­de Kon­struk­ti­on durch­schei­nen. Zudem lässt das Mate­ri­al durch die Model­lier­bar­keit sei­ner Strich­rich­tung eine Bear­bei­tung ähn­lich der Male­rei zu. Der Künst­ler greift hier­mit ein Boden­ge­mäl­de auf und trans­for­miert es in einen drei­di­men­sio­na­len Kon­text, saugt eine Skulp­tur aus einem Gemäl­de.

Eben­falls in den Raum hin­ein bewegt sich Mat­thi­as Wei­scher, der mit »Skulp­tur 2« ein Para­vent auf­stellt, das als male­ri­sches Diora­ma auf­tritt. Eine Gar­ten­sze­ne schmückt die Vor­der­sei­te der zer­glie­der­ten Lein­wand, dar­um grup­pie­ren sich geweiß­te geo­me­tri­sche For­men. Aller­dings sind es maß­geb­lich die­se skulp­tu­ra­len Ele­men­te, die sei­nen Vor­stoß in den Raum tra­gen, sodaß das gan­ze Vor­ha­ben ein wenig unge­lenk erscheint. Die male­ri­sche Kom­po­nen­te beschränkt sich allein auf das Para­vent und eine bun­te Tape­te im Hin­ter­grund und geht damit nicht weit über die Glie­der­al­tar­bil­der des Mit­tel­al­ters und der Früh­re­nais­sance hin­aus. Die Aus­ar­bei­tung der »Skulp­tur 2« legt nahe, daß die Trans­for­ma­ti­on des Gemäl­des in den Raum die domi­nie­ren­de Absicht des Künst­lers war. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint sie jedoch lei­der zu unplau­si­bel.

Sergej Jensen: Ohne Titel
Ser­gej Jen­sen: Ohne Titel

Dage­gen tritt Ser­gej Jen­sens in sei­ner Annä­he­rung an den Raum weni­ger for­ciert auf und erzielt auch ein über­zeu­gen­de­res Ergeb­nis. Der von der Gale­rie Neu vor­ge­stell­te Künst­ler ver­sah eine übli­che Lein­wand mit ver­schie­de­nen Lei­nen­fet­zen und gelangt so zu einer Patch­work-Lein­wand, die inter­es­san­te Struk­tu­ren offen­bart. Die Fet­zen heben sich an ihren Rän­dern von der Unter­la­ge ab, drin­gen dadurch auch in eine räum­li­che Dimen­si­on vor, ohne jedoch gänz­lich ihre fla­che Grund­la­ge zu ver­las­sen. Abge­se­hen von sei­ner hohen ästhe­ti­schen Qua­li­tät besticht die Arbeit durch sei­ne wider­spruchs­freie Kon­zep­ti­on. Jen­sen nutzt für sein unbe­ti­tel­tes Werk nur Mate­ria­li­en, die der Gat­tung der Male­rei ent­spre­chen, arbei­tet also in einem geschlos­se­nen Begriffs­sys­tem und gewinnt allein dadurch ein hohes Maß an Plau­si­bi­li­tät.

Es sind aber auch die nüch­ter­ne Vor­ge­hens­wei­se und der Ver­zicht auf gro­ße Effek­te, die die Arbeit in eine höhe­re Sphä­re ent­rü­cken und dadurch eine Ästhe­tik begrün­den, wie sie in den letz­ten Jah­ren immer mehr Ver­brei­tung fin­det. Der Ver­zicht auf didak­ti­sche oder reprä­sen­ta­ti­ve Absich­ten ver­leiht auch Jen­sens Arbeit eine Ele­ganz, die noch weit­hin sicht- und spür­bar ist.

Vibeke Tandberg: Eye eyeVibe­ke Tand­berg: Eye eye

Doch die abc gewährt auch ande­re Bli­cke auf die Male­rei. Die Gale­rie Klos­ter­fel­de zeigt mit einem Tri­pty­chon Vibe­ke Tand­bergs ein Bei­spiel für die Ver­schrän­kung von ver­schie­de­nen Begriffs- und Bezeich­nungs­di­men­sio­nen. Für die Arbei­ten schrieb die Künst­le­rin »Eye, eye« oder »Hand, hand« auf ein­fa­che Lein­wän­de und erschafft damit einen semio­ti­schen Über­blick über die ver­schie­de­nen Ebe­nen eines Begriffs und des dazu­ge­hö­ri­gen Objekts. Statt Augen oder Hän­de zu malen, also an die Stel­le eines Signi­fi­kats einen visu­el­len Signi­fi­kan­ten zu set­zen, ersetzt sie die­sen durch sei­nen sprach­li­chen Signif­kat. Daß sie dabei kei­nes­wegs die­sen Zwi­schen­schritt über­springt, sprich: ein­fach nur die zuge­hö­ri­gen Wor­te aus­schreibt, unter­streicht sie durch den Gebrauch der Male­rei.

Die gemal­ten Let­tern behaup­ten ein male­ri­sche Dimen­si­on, die durch die Lein­wand auf­ge­spannt wird. Damit setzt sie einen semio­ti­schen Kom­plex auf, der wie­der ein­mal wun­der­bar die alte Wör­rin­ger­sche Debat­te um die Bild­haf­tig­keit und die Reprä­sen­ta­ti­ons­sys­te­me der Kunst auf­geht. Der Betrach­ter des Tri­pty­chons fühlt sich näm­lich kei­nes­wegs an die signi­fi­zier­ten Din­ge (also Augen oder Hän­de) erin­nert, statt­des­sen ver­bleibt er auf der abs­tra­hier­ten Ebe­ne der Begriff­lich­keit gefan­gen. Tand­berg fügt hier­mit einen wei­te­ren Kom­men­tar der immer noch andau­ern­de Debat­te zu, spinnt die Idee noch ein­mal wei­ter und stellt eine Fra­ge, die heu­te noch wich­ti­ger erscheint als je zuvor: Wie oft kann ein Signi­fi­kat an die Stel­le eines ande­ren gesetzt wer­den, ehe das ursprüng­lich bezeich­ne­te Ding nicht mehr erkannt wer­den kann?

Birgit MegerleBir­git Meger­le (Gale­rie Neu)

Die abc gibt jedoch auf Auf­schluß dar­über, wie die Male­rei ande­re Gen­res beein­flusst. Bir­git Meger­le fer­tig­te (für die Gale­rie Neu, nicht am Platz der Gal­le­ria Fon­ti) Klei­der aus Lei­nen und bemal­te sie, als wären sie eine Lein­wand. Tat­säch­lich tritt die Funk­tio­na­li­tät des Objekts in den Hin­ter­grund, bleibt ange­sichts der Prä­senz der male­ri­schen Kom­po­nen­te eine Andeu­tung. Ein ähn­li­cher Ein­fluss lässt sich auch auf die Foto­gra­fie bele­gen, wenn etwa Künst­ler wie Josh Brand durch eine male­ri­sche Ästhe­tik inspi­riert wer­den oder Jit­ka Hanzlo­vá für ihre Por­träts auf Kom­po­si­ti­on und Bild­lo­gik der alten Herr­scher­bil­der zurück­greift. Annet­te Kis­ling beschreibt die Male­rei lie­ber über ihre Rah­men­be­din­gun­gen und zeigt in ihrer Foto­gra­fie »Museo 4« nicht mehr als das: Ein gewöhn­li­cher Rah­men, von der Sei­te foto­gra­fiert, ohne Blick auf sei­nen Inhalt.

Den­noch machen Gemäl­de das Gros der Expo­na­te der dies­jäh­ri­gen abc aus. Man ent­deckt dar­un­ter jedoch nicht viel Neu­es, jeden­falls nicht, wenn man nach fri­schen male­ri­schen Ide­en sucht. Das ist »about pain­ting« aller­dings auch nicht zur Last zu legen, denn die hier ver­ein­ten Gemäl­de zeich­nen einen guten Abriss von der Viel­falt die­ses neu erstark­ten Gen­res. Dabei ist die Qua­li­tät durch­gän­gig hoch; man fin­det kaum Arbei­ten, die aus die­sem hohen Maß­stab her­aus­fal­len. Dadurch ist die abc mit ihren 130 ver­tre­te­nen Künst­lern aus 125 Gale­ri­en mit gro­ßer inter­na­tio­na­ler Betei­li­gung ein schö­ner, doch erstaun­lich kom­pak­ter Über­blick über die Male­rei der Gegen­wart. Die Erwar­tun­gen an die Mes­se wur­den nicht ent­täuscht und so behaup­tet abc mit Recht den Anspruch auf die wich­tigs­te Ver­an­stal­tung im Kunst­herbst.

Die art ber­lin con­tem­pora­ry fei­ert heu­te von 18.00 bis 21.00 Eröff­nung, der Ein­tritt kos­tet zwan­zig Euro(!).
Lucken­wal­der Stra­ße 4–6, 10963 Ber­lin
08.09 – 10.09. von 12.00 bis 21.00 Uhr, am 11.09. von 12.00 bis 19.00 Uhr.
Tages­kar­te acht Euro, ermä­ßigt sechs. Kata­log zehn Euro.

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