Das Ende allen Luxus

03. September 2011 von Matthias Planitzer
Es hat sich ausgeträumt – so urteilt eine Ausstellung über Kunst aus Krisenzeiten
Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Asche­geld

Wenn man es mit Niko­laus Eber­stal­ler nimmt, dann ist jetzt genau der rich­ti­ge Zeit­punkt für poli­ti­sche und sozi­al­kri­ti­sche Kunst. Wir befän­den uns jetzt auf dem Weg von einer Kri­se in die nächs­te, so argu­men­tiert der Wie­ner Künst­ler, der mit mehr als drei­ßig Kol­le­gen die­ser Tage bei Mica Moca in einer Aus­stel­lung zu eben jener zen­tra­len Fra­ge ver­tre­ten ist: Wel­che Rol­le spielt die Kunst in einer Zeit, die durch Finanz­kri­sen, Atom­un­fäl­le, Wet­ter­ex­tre­me und die all­ge­mei­ne Erd­er­wär­mung geprägt ist?

Wenn man den Blick auf ver­gan­ge­ne Jahr­zehn­te und Jahr­hun­der­te rich­tet, wird man erken­nen, daß die Kunst die Ereig­nis­se häu­fig vor­weg nahm. Die­se Ein­sicht erschließt sich so deut­lich frei­lich nur aus einer sol­chen Retro­spek­ti­ve, den­noch muss die Fra­ge gestellt wer­den, ob die Kunst in der Gegen­wart die­se Rol­le wei­ter­hin aus­fül­len kann. Ange­sichts der Öko­no­mi­sie­rung des Kunst­mark­tes und der Rela­ti­vie­rung des Künst­ler­ide­als vom unab­hän­gi­gen Chro­nis­ten und Kom­men­ta­tor schei­nen Zwei­fel dar­an nicht unbe­grün­det.

Das vier­köp­fi­ge Kura­to­ren­team um Nico­le Loe­ser von White­con­cepts hat sich die­sem The­ma ange­nom­men und nach Ant­wor­ten in der Kunst selbst gesucht. Dar­aus ent­stan­den ist die Aus­stel­lung »The end of the dream (comes too soon)« , die für kur­ze Zeit im Wed­din­ger Kul­tur­haus Mica Moca ihr Lager bezo­gen hat. Zwar fin­det heu­te Abend nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen die Finis­sa­ge statt, trotz­dem war die Schau eine nähe­re Betrach­tung wert.

Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Asche­geld

Bereits der ers­te Aus­stel­lungs­raum im weit­läu­fi­gen Werk­statt­ge­bäu­de spricht Klar­text: Es bleibt kei­ne Zeit für Phan­tas­te­rei­en, die Kri­se ist längst da. Maß­geb­lich für die­se reso­lu­te Linie ist Niko­laus Eber­stal­ler, der hier mit drei Arbei­ten ver­tre­ten ist. So gibt etwa »Asche­geld« einen Aus­schnitt aus einem bereits län­ge­ren Pro­jekt wie­der, für das Eber­stal­ler in den Städ­ten Öster­reichs und Ost­eu­ro­pas eigens ange­fer­tig­tes Papier­geld unter die Leu­te bringt. Abge­bil­det sind sie­ben Kri­sen und Kata­stro­phen der Gegen­wart, ver­eint mit jeweils einer iko­nisch auf­ge­la­de­nen Welt­mar­ke und der ent­spre­chen­den Tod­sün­de. Die »Honey«-Banknoten wer­den wie Flug­zet­tel ver­brei­tet und hät­ten schon häu­fi­ger zu uner­war­te­ten Reak­tio­nen geführt. So wur­den sie bereits als eine mit finan­zi­el­lem Wert behaf­te­te Wäh­rung ange­se­hen, für die Luxus­gü­ter erstan­den wer­den könn­ten. Dage­gen hiel­ten v.a. Kin­der die oran­ge­nen 20-Honey-Noten wegen des abge­bil­de­ten McDonald’s-Logos für wert­vol­le Bur­ger-Cou­pons.

In »The end of the dream (comes too soon)« ist nicht nur eine Tafel mit allen Bank­no­ten, son­dern auch ein Asche­kreis des ver­brann­ten Gel­des zu sehen. Wie ein Bann­kreis umschlie­ßen ein­zel­ne und in Bün­deln her­um­lie­gen­de Schei­ne einen gro­ßen Asche­hau­fen, der von der Finanz­kri­se und der Abs­trak­ti­on des Wert­ver­lus­tes erzählt. Ein­zig wer im Kreis selbst steht, so urteilt Eber­stal­ler sar­kas­tisch, sei vor der Macht des Gel­des gefeit. Was hät­te man dort auch noch zu ver­lie­ren?

Nikolaus Eberstaller: Roter CherubNiko­laus Eber­stal­ler: Roter Che­rub

Dem gegen­über steht ein ide­el­ler Ver­lust, der dem »Rote Che­rub« wider­fuhr. Der gefal­le­ne Engel liegt nur weni­ge Meter wei­ter am Boden, den Blick fürch­tend zum Him­mel erho­ben, als sei sein Sturz noch immer nicht been­det. Der Auf­prall der feu­er­ro­ten und ihrer Flü­gel beraub­ten Put­te ist nicht abzu­se­hen und so ist sie zum Fal­len ver­dammt. Als Wäch­ter des Para­die­ses kam dem Che­ru­ben eine denk­bar ein­fa­che Auf­ga­be zu, die – wenn man Eber­stal­ler folgt – auf den Erhalt einer auto­kra­ti­schen Ein­klas­sen­ge­sell­schaft gerich­tet ist, die der Arbeits­lo­sig­keit und dem Hedo­nis­mus fröhnt. Doch auch ohne die­se zynisch über­spitz­te Dar­le­gung lässt sich die Ver­ban­nung aus dem Para­dies nicht von der Hand wei­sen und so steht der gefal­le­ne Engel für eine leicht beseel­te Gesell­schaft, der die Flü­gel gestutzt wur­den.

Niko­laus Eber­stal­ler fand die Vor­la­ge für sei­nen »Roten Che­rub« in einem Anti­qua­ri­at: Eine mut­maß­lich der Kriegs­zer­stö­run­gen zum Opfer gefal­le­ne Kan­zel­put­te bil­de­te die Grund­la­ge für sie­ben Bron­ze­ab­güs­se, die spä­ter in einer pol­ni­schen Auto­la­ckie­re­rei ihre sat­te Far­be erhiel­ten. Eber­stal­ler spielt an die­ser Stel­le mit der alt-tes­ta­men­ta­li­schen Aus­le­gung der Erde als Ver­ban­nungs­ort des Teu­fels, aber auch mit einer Pas­sa­ge aus Eze­chiel, in der ein Che­rub wegen sei­ner Hoch­mut gefällt wird. So ist der Engel, kaum auf Erden ange­kom­men, bereits der irdi­schen Rea­li­tät aus Kri­sen und Zer­würf­nis­sen aus­ge­setzt gewe­sen, noch ehe er den Weg in den Aus­stel­lungs­raum fand.

Peter Kees: Embassy of ArcadiaPeter Kees: Embas­sy of Arca­dia

Auch Peter Kees geht offen auf kul­tur- und kunst­his­to­ri­sche Moti­ve ein. Mit »Embas­sy of Arca­dia« ent­wirft er einen fik­ti­ven Staat, der sich an der in der Früh­neu­zeit als idyl­li­scher Ort der Unbe­schwert­heit ver­klär­ten Land­schaft ori­en­tiert. Kees nimmt das Et in Arca­dia ego nicht weni­ger Ernst als der euro­päi­sche Hoch­adel, wenn er u.a. Flag­ge, diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tung und sogar Visa kon­stru­iert um eine hei­le Welt in eine greif­ba­re Form zu brin­gen. Als Zufluchts­stät­te für »Flücht­lin­ge, Schutz­su­chen­de, Träu­mer« gedacht, ist Kees‹ Arka­di­en ein poe­ti­sches Uto­pia, das an der Rea­li­tät schei­tert und zu einem iko­nisch erhöh­ten Ide­al einer Alter­na­tiv­ge­sell­schaft wird.

Die­ses wird eini­ge Räu­me wei­ter von Micha­el Zheng wie­der zer­stört: Für »Uto­pia« hat er eine Aus­ga­be des gleich­na­mi­ges Klas­si­kers von Tho­mas Morus fast gänz­lich gemah­len, den fei­nen Staub auf einer lan­gen Tafel ver­teilt und ihn dem letz­ten ver­blie­be­nen Rest des Buches gegen­über­ge­stellt. Morus‹ Uto­pia, das ein sozia­lis­ti­sches Staats­mo­dell ent­wirft, galt bei sei­ner Erschei­nung als kri­ti­scher Gegen­ent­wurf zu der von Des­po­tis­mus und Feme domi­nier­ten Poli­tik Eng­lands und sorg­te dadurch euro­pa­weit für Auf­se­hen. In Zhengs Hand wird dar­aus jedoch ein ver­nich­ten­der Abge­sang an die Sozi­al­uto­pie als Traum von einem gerech­te­ren, bes­se­ren Staat. Nir­gend­wo sonst wird in der Aus­stel­lung der Titel »The end of the dream (comes too soon)« so klar; bei Zheng bleibt aller­dings selbst die Weh­mut auf der Stre­cke.

Michael Zheng: UtopiaMicha­el Zheng: Uto­pia

Das Gros der rest­li­chen Arbei­ten kommt, gemes­sen an die­sen Bei­spie­len, eher geheim­nis­voll und zurück­hal­tend daher. Hier tref­fen die wehen­den Kamp­fes­fah­nen der Kura­to­ren auf eine plötz­li­che Flau­te, ein­zig die gesang­lich unter­mal­te Zer­le­gung eines Autos (Haj­nal Németh) ver­mag ein wenig fri­schen Wind zu ver­strö­men. Pro­gram­ma­ti­sche Bei­trä­ge fin­den sich kaum, und wenn, dann wer­den oft­mals die Kon­zep­te und Ide­en nicht gänz­lich klar. So besitzt vie­les zwar hohen ästhe­ti­schen Cha­rak­ter – etwa eine mit Kübeln und Pro­jek­to­ren gefüll­te Regal­land­schaft –, scheint aber ange­sichts der poli­ti­schen Dring­lich­keit zahn­los (wenn wie hier alt­be­kann­te Pro­ble­me unse­rer Gesell­schaft als leuch­ten­de Pik­to­gram­me in dre­cki­ger Brü­he erschei­nen).

Posi­tiv auf­ge­fal­len ist dage­gen Jen­ny Michels »Grä­ber­feld der Ide­en«, für das sie Poly­es­ter­wachs­blö­cke mit feins­ten, dicht gewo­be­nen Gra­vu­ren nach der Art der Holo­gramm-Glä­ser ver­sah. Tech­nisch fas­zi­nie­rend und ästhe­tisch eine Augen­wei­de blieb nur lei­der der inhalt­li­che Bezug zur Aus­stel­lung unklar. Als Kar­tie­rung einer Gesell­schaft oder der Ver­deut­li­chung der Kom­ple­xi­tät sozia­ler Pro­zes­se der Gegen­wart betrach­tet, scheint es zu unge­lenk und unplau­si­bel, um die­sen Geist frei von kura­to­ri­schen Ein­zwän­gun­gen atmen zu kön­nen. So bleibt das »Grä­ber­feld der Ide­en« lei­der nur ein ent­zü­cken­der Anblick in einem sonst pro­gram­ma­tisch auf­ge­la­de­nen Aus­stel­lungs­kon­zept.

Ausstellungsansicht "The end of a dream (comes too soon)"Aus­stel­lungs­an­sicht »The end of a dream (comes too soon)«

Auch Vero­ni­ka Wit­tes »XY 1–5 Nr.3 Infla­ta­ble«, eine Video­in­stal­la­ti­on über gegen­wär­ti­ge Schön­heits­idea­le, und Robert Bar­tas »Depo­sit«, die täu­schend ech­te Insze­nie­rung eines hin­ter Schloß und Rie­gel gefan­ge­nen Man­nes, fie­len durch ori­gi­nel­le Ansät­ze auf, die von den rau­hen Räum­lich­kei­ten des Mica Moca spie­lend leicht getra­gen und in ihrer Wir­kung ver­stärkt wur­den.

So bleibt »The end of the dream (comes too soon)« eine kurz­wei­li­ge und mit viel Elan, aber nicht immer grad­li­nig kura­tier­te Aus­stel­lung, die lei­der viel zu kurz gera­ten ist, um den Ber­li­nern eine Chan­ce zum Ken­nen­ler­nen zu geben. Nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen fin­det bereits heu­te von 16:00 bis 20:00 die Finis­sa­ge statt – übri­gens auch eine der weni­gen letz­ten Gele­gen­hei­ten, die char­mant rus­ti­ka­len Werk­statt­shal­len des Mica Moca zu ent­de­cken, ehe das Kul­tur­pro­jekt Ende des Monats Lofts wei­chen muss.

The end of the dream (comes too soon)
Mica Moca
Lin­do­wer Stra­ße 22, 13347 Ber­lin