Das Ende allen Luxus

Es hat sich ausgeträumt – so urteilt eine Ausstellung über Kunst aus Krisenzeiten

Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Aschegeld

Wenn man es mit Niko­laus Eber­stal­ler nimmt, dann ist jetzt genau der rich­tige Zeit­punkt für poli­ti­sche und sozi­al­kri­ti­sche Kunst. Wir befän­den uns jetzt auf dem Weg von einer Krise in die nächste, so argu­men­tiert der Wie­ner Künst­ler, der mit mehr als drei­ßig Kol­le­gen die­ser Tage bei Mica Moca in einer Aus­stel­lung zu eben jener zen­tra­len Frage ver­tre­ten ist: Wel­che Rolle spielt die Kunst in einer Zeit, die durch Finanz­kri­sen, Atom­un­fälle, Wet­ter­ex­treme und die all­ge­meine Erd­er­wär­mung geprägt ist?

Wenn man den Blick auf ver­gan­gene Jahr­zehnte und Jahr­hun­derte rich­tet, wird man erken­nen, daß die Kunst die Ereig­nisse häu­fig vor­weg nahm. Diese Ein­sicht erschließt sich so deut­lich frei­lich nur aus einer sol­chen Retro­spek­tive, den­noch muss die Frage gestellt wer­den, ob die Kunst in der Gegen­wart diese Rolle wei­ter­hin aus­fül­len kann. Ange­sichts der Ökono­mi­sie­rung des Kunst­mark­tes und der Rela­ti­vie­rung des Künst­le­ri­de­als vom unab­hän­gi­gen Chro­nis­ten und Kom­men­ta­tor schei­nen Zwei­fel daran nicht unbegründet.

Das vier­köp­fige Kura­to­ren­team um Nicole Loe­ser von Whi­te­con­cepts hat sich die­sem Thema ange­nom­men und nach Ant­wor­ten in der Kunst selbst gesucht. Dar­aus ent­stan­den ist die Aus­stel­lung “The end of the dream (comes too soon)” , die für kurze Zeit im Wed­din­ger Kul­tur­haus Mica Moca ihr Lager bezo­gen hat. Zwar fin­det heute Abend nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen die Finis­sage statt, trotz­dem war die Schau eine nähere Betrach­tung wert.

Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Aschegeld

Bereits der erste Aus­stel­lungs­raum im weit­läu­fi­gen Werk­statt­ge­bäude spricht Klar­text: Es bleibt keine Zeit für Phan­tas­te­reien, die Krise ist längst da. Maß­geb­lich für diese reso­lute Linie ist Niko­laus Eber­stal­ler, der hier mit drei Arbei­ten ver­tre­ten ist. So gibt etwa “Asche­geld” einen Aus­schnitt aus einem bereits län­ge­ren Pro­jekt wie­der, für das Eber­stal­ler in den Städ­ten Öster­reichs und Ost­eu­ro­pas eigens ange­fer­tig­tes Papier­geld unter die Leute bringt. Abge­bil­det sind sie­ben Kri­sen und Kata­stro­phen der Gegen­wart, ver­eint mit jeweils einer iko­nisch auf­ge­la­de­nen Welt­marke und der ent­spre­chen­den Tod­sünde. Die “Honey”-Banknoten wer­den wie Flug­zet­tel ver­brei­tet und hät­ten schon häu­fi­ger zu uner­war­te­ten Reak­tio­nen geführt. So wur­den sie bereits als eine mit finan­zi­el­lem Wert behaf­tete Wäh­rung ange­se­hen, für die Luxus­gü­ter erstan­den wer­den könn­ten. Dage­gen hiel­ten v.a. Kin­der die oran­ge­nen 20-Honey-Noten wegen des abge­bil­de­ten McDonald’s-Logos für wert­volle Burger-Coupons.

In “The end of the dream (comes too soon)” ist nicht nur eine Tafel mit allen Bank­no­ten, son­dern auch ein Asche­kreis des ver­brann­ten Gel­des zu sehen. Wie ein Bann­kreis umschlie­ßen ein­zelne und in Bün­deln her­um­lie­gende Scheine einen gro­ßen Asche­hau­fen, der von der Finanz­krise und der Abs­trak­tion des Wert­ver­lus­tes erzählt. Ein­zig wer im Kreis selbst steht, so urteilt Eber­stal­ler sar­kas­tisch, sei vor der Macht des Gel­des gefeit. Was hätte man dort auch noch zu verlieren?

Nikolaus Eberstaller: Roter CherubNiko­laus Eber­stal­ler: Roter Cherub

Dem gegen­über steht ein ide­el­ler Ver­lust, der dem “Rote Che­rub” wider­fuhr. Der gefal­lene Engel liegt nur wenige Meter wei­ter am Boden, den Blick fürch­tend zum Him­mel erho­ben, als sei sein Sturz noch immer nicht been­det. Der Auf­prall der feu­er­ro­ten und ihrer Flü­gel beraub­ten Putte ist nicht abzu­se­hen und so ist sie zum Fal­len ver­dammt. Als Wäch­ter des Para­die­ses kam dem Che­ru­ben eine denk­bar ein­fa­che Auf­gabe zu, die – wenn man Eber­stal­ler folgt – auf den Erhalt einer auto­kra­ti­schen Ein­klas­sen­ge­sell­schaft gerich­tet ist, die der Arbeits­lo­sig­keit und dem Hedo­nis­mus fröhnt. Doch auch ohne diese zynisch über­spitzte Dar­le­gung lässt sich die Ver­ban­nung aus dem Para­dies nicht von der Hand wei­sen und so steht der gefal­lene Engel für eine leicht beseelte Gesell­schaft, der die Flü­gel gestutzt wurden.

Niko­laus Eber­stal­ler fand die Vor­lage für sei­nen “Roten Che­rub” in einem Anti­qua­riat: Eine mut­maß­lich der Kriegs­zer­stö­run­gen zum Opfer gefal­lene Kan­zel­putte bil­dete die Grund­lage für sie­ben Bron­ze­ab­güsse, die spä­ter in einer pol­ni­schen Auto­la­ckie­re­rei ihre satte Farbe erhiel­ten. Eber­stal­ler spielt an die­ser Stelle mit der alt-testamentalischen Aus­le­gung der Erde als Ver­ban­nungs­ort des Teu­fels, aber auch mit einer Pas­sage aus Eze­chiel, in der ein Che­rub wegen sei­ner Hoch­mut gefällt wird. So ist der Engel, kaum auf Erden ange­kom­men, bereits der irdi­schen Rea­li­tät aus Kri­sen und Zer­würf­nis­sen aus­ge­setzt gewe­sen, noch ehe er den Weg in den Aus­stel­lungs­raum fand.

Peter Kees: Embassy of ArcadiaPeter Kees: Embassy of Arcadia

Auch Peter Kees geht offen auf kul­tur– und kunst­his­to­ri­sche Motive ein. Mit “Embassy of Arca­dia” ent­wirft er einen fik­ti­ven Staat, der sich an der in der Früh­neu­zeit als idyl­li­scher Ort der Unbe­schwert­heit ver­klär­ten Land­schaft ori­en­tiert. Kees nimmt das Et in Arca­dia ego nicht weni­ger Ernst als der euro­päi­sche Hoch­adel, wenn er u.a. Flagge, diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tung und sogar Visa kon­stru­iert um eine heile Welt in eine greif­bare Form zu brin­gen. Als Zufluchts­stätte für “Flücht­linge, Schutz­su­chende, Träu­mer” gedacht, ist Kees’ Arka­dien ein poe­ti­sches Uto­pia, das an der Rea­li­tät schei­tert und zu einem iko­nisch erhöh­ten Ideal einer Alter­na­tiv­ge­sell­schaft wird.

Die­ses wird einige Räume wei­ter von Michael Zheng wie­der zer­stört: Für “Uto­pia” hat er eine Aus­gabe des gleich­na­mi­ges Klas­si­kers von Tho­mas Morus fast gänz­lich gemah­len, den fei­nen Staub auf einer lan­gen Tafel ver­teilt und ihn dem letz­ten ver­blie­be­nen Rest des Buches gegen­über­ge­stellt. Morus’ Uto­pia, das ein sozia­lis­ti­sches Staats­mo­dell ent­wirft, galt bei sei­ner Erschei­nung als kri­ti­scher Gegen­ent­wurf zu der von Des­po­tis­mus und Feme domi­nier­ten Poli­tik Eng­lands und sorgte dadurch euro­pa­weit für Auf­se­hen. In Zhengs Hand wird dar­aus jedoch ein ver­nich­ten­der Abge­sang an die Sozi­aluto­pie als Traum von einem gerech­te­ren, bes­se­ren Staat. Nir­gendwo sonst wird in der Aus­stel­lung der Titel “The end of the dream (comes too soon)” so klar; bei Zheng bleibt aller­dings selbst die Weh­mut auf der Strecke.

Michael Zheng: UtopiaMichael Zheng: Utopia

Das Gros der rest­li­chen Arbei­ten kommt, gemes­sen an die­sen Bei­spie­len, eher geheim­nis­voll und zurück­hal­tend daher. Hier tref­fen die wehen­den Kamp­fes­fah­nen der Kura­to­ren auf eine plötz­li­che Flaute, ein­zig die gesang­lich unter­malte Zer­le­gung eines Autos (Haj­nal Németh) ver­mag ein wenig fri­schen Wind zu ver­strö­men. Pro­gram­ma­ti­sche Bei­träge fin­den sich kaum, und wenn, dann wer­den oft­mals die Kon­zepte und Ideen nicht gänz­lich klar. So besitzt vie­les zwar hohen ästhe­ti­schen Cha­rak­ter – etwa eine mit Kübeln und Pro­jek­to­ren gefüllte Regal­land­schaft –, scheint aber ange­sichts der poli­ti­schen Dring­lich­keit zahn­los (wenn wie hier alt­be­kannte Pro­bleme unse­rer Gesell­schaft als leuch­tende Pik­to­gramme in dre­cki­ger Brühe erscheinen).

Posi­tiv auf­ge­fal­len ist dage­gen Jenny Michels “Grä­ber­feld der Ideen”, für das sie Poly­es­ter­wachs­blö­cke mit feins­ten, dicht gewo­be­nen Gra­vu­ren nach der Art der Hologramm-Gläser ver­sah. Tech­nisch fas­zi­nie­rend und ästhe­tisch eine Augen­weide blieb nur lei­der der inhalt­li­che Bezug zur Aus­stel­lung unklar. Als Kar­tie­rung einer Gesell­schaft oder der Ver­deut­li­chung der Kom­ple­xi­tät sozia­ler Pro­zesse der Gegen­wart betrach­tet, scheint es zu unge­lenk und unplau­si­bel, um die­sen Geist frei von kura­to­ri­schen Ein­zwän­gun­gen atmen zu kön­nen. So bleibt das “Grä­ber­feld der Ideen” lei­der nur ein ent­zü­cken­der Anblick in einem sonst pro­gram­ma­tisch auf­ge­la­de­nen Ausstellungskonzept.

Ausstellungsansicht "The end of a dream (comes too soon)"Aus­stel­lungs­an­sicht “The end of a dream (comes too soon)”

Auch Vero­nika Wit­tes “XY 1–5 Nr.3 Inflata­ble”, eine Video­in­stal­la­tion über gegen­wär­tige Schön­heits­ideale, und Robert Bar­tas “Depo­sit”, die täu­schend echte Insze­nie­rung eines hin­ter Schloß und Rie­gel gefan­ge­nen Man­nes, fie­len durch ori­gi­nelle Ansätze auf, die von den rau­hen Räum­lich­kei­ten des Mica Moca spie­lend leicht getra­gen und in ihrer Wir­kung ver­stärkt wurden.

So bleibt “The end of the dream (comes too soon)” eine kurz­wei­lige und mit viel Elan, aber nicht immer grad­li­nig kura­tierte Aus­stel­lung, die lei­der viel zu kurz gera­ten ist, um den Ber­li­nern eine Chance zum Ken­nen­ler­nen zu geben. Nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen fin­det bereits heute von 16:00 bis 20:00 die Finis­sage statt – übri­gens auch eine der weni­gen letz­ten Gele­gen­hei­ten, die char­mant rus­ti­ka­len Werk­stattshal­len des Mica Moca zu ent­de­cken, ehe das Kul­tur­pro­jekt Ende des Monats Lofts wei­chen muss.

The end of the dream (comes too soon)
Mica Moca
Lin­do­wer Straße 22, 13347 Berlin