Beunruhigendes Schriftgut

30. September 2011 von Matthias Planitzer
Friederike Feldmann abstrahiert Schrift bis zur Bedeutungslosigkeit
Friederike Feldmann: Parole 3, Foto: Jens Ziehe, courtesy Galerie Barbara Weiss, BerlinFrie­de­ri­ke Feld­mann: Paro­le 3, Foto: Jens Zie­he, cour­te­sy Gale­rie Bar­ba­ra Weiss, Ber­lin

Es ist der ers­te Mai des ver­gan­ge­nen Jah­res: Wäh­rend in den Stra­ßen Kreuz­bergs die Paro­len ban­ner­tra­gen­der Trup­pen wider­hal­len, setzt Miri­am Böhm die­sem gel­len­dem Spek­ta­kel in der Schau­fens­ter­ga­le­rie SOX in der Ora­ni­en­stra­ße die nüch­ter­ne Ruhe des White Cube ent­ge­gen. Ein Monat spä­ter, als die Ruhe wie­der in Kreuz­berg ein­ge­kehrt ist, spannt Frie­de­ri­ke Feld­mann an sel­ber Stel­le ein blut­ro­tes Ban­ner über die Stra­ße. Auf vier­zig Qua­drat­me­tern Flä­che prangt eine hand­schrift­li­che Paro­le, doch kei­ner kann die zackig schrei­en­den Wor­te lesen. Das Trans­pa­rent muss­te ent­fernt wer­den, zu beun­ru­hi­gend war sei­ne aggres­si­ve Wir­kung.

Ein Jahr spä­ter sie­deln Feld­manns Schrif­ten in den Gale­ri­en­kon­text um – aus der Feld­stu­die wird ein Ver­such unter ana­ly­tisch sau­be­ren Labor­be­din­gun­gen. In der Zwi­schen­zeit hat­te Feld­mann Gele­gen­heit, ihre Tech­nik zu ver­fei­nern, und stellt nun unweit von der Ora­ni­en­stra­ße, in der Gale­rie Bar­ba­ra Weiss, eini­ge Werk­pro­ben aus. Die Aus­stel­lung »Die Auto­rin« zeigt ihre oft­mals ver­stö­rend kryp­ti­schen Wer­ke noch bis zum 29. Okto­ber.

Friederike Feldmann: o.T. 3, Foto: Jens Ziehe, courtesy Galerie Barbara Weiss, BerlinFrie­de­ri­ke Feld­mann: o.T. 3, Foto: Jens Zie­he, cour­te­sy Gale­rie Bar­ba­ra Weiss, Ber­lin

Ver­folgt man die in zwölf Arbei­ten nach­voll­zieh­ba­re Ent­wick­lung, erkennt man leicht, wie Feld­mann zu dem Effekt der Ver­stö­rung und Beun­ru­hi­gung gelangt. Die älte­ren Arbei­ten domi­nie­ren durch einen aus­drucks­star­ken Ges­tus. Kunst­voll geschwun­ge­ne Bögen, rasant gezo­ge­ne Lini­en und spit­ze Win­kel for­men Schrift­zei­chen, die kei­nes der gän­gi­gen Alpha­be­te kennt. Ange­lehnt an latei­ni­sche Let­tern erstellt Frie­de­ri­ke Feld­mann eine Qua­si-Schrift, die durch wech­selnd star­ken Farb­auf­trag, unter­schied­lich akzen­tu­ier­te Unter- und Über­län­gen sowie eine leben­di­ge Schreib­wei­se an ein typi­sches Hand­schrift­bild erin­nert.

Die Pro­por­tio­nen aus zacki­gen Lini­en und auf engs­tem Raum aus­la­den­den Bögen geben der Schrift eine exzen­tri­sche, zuwei­len aggres­si­ve Note. Die »Paro­le 3« ver­mag nicht zuletzt auch durch das sat­te Rot wie eine toben­de Wut­schrift oder eine auf­wie­geln­de Kamp­fes­auf­for­de­rung wir­ken. Im direk­ten Ver­gleich erscheint eine der unbe­ti­tel­ten Arbei­ten dank des nüch­ter­nen Schwarz-Weiß-Kon­tras­tes wie die Hand­schrift eines Künst­ler­ex­zen­tri­kers, des­sen wei­te Schrift­zei­chen den gan­zen ver­füg­ba­ren Raum ein­neh­men.

Friederike Feldmann: PS 5, Foto: Jens Ziehe, courtesy Galerie Barbara Weiss, BerlinFrie­de­ri­ke Feld­mann: PS 5, Foto: Jens Zie­he, cour­te­sy Gale­rie Bar­ba­ra Weiss, Ber­lin

Jün­ge­re Wer­ke Feld­manns geben einen Teil die­sen abs­tra­hie­ren­den Ges­tus zuguns­ten einer les­ba­re­ren Schrift auf. Da tau­chen ver­ein­zelt bekann­te Buch­sta­ben auf, ein »k« oder ein »r« bie­tet schwa­chen Halt im ver­zwei­fel­ten Ver­such, die Schrift­stü­cke zu ent­zif­fern. Den­noch lau­fen alle Lese­ver­su­che ins Lee­re; auf Feld­manns Paro­len lässt sich kein Reim machen. Dar­auf begrün­det sich eine magi­sche Aura, wie man sie auch vom Voy­nich-Manu­skript oder dem Codex Rohon­c­zi kennt: der Zau­ber des Unent­schlüs­sel­ba­ren. Man ver­mu­tet unwill­kür­lich eine Bot­schaft, wo Schrift­zei­chen ste­hen, selbst wenn man die­se nicht lesen kann. Die­sen Fehl­schluss wuss­te auch Lui­gi Sera­fi­ni künst­le­risch auf­zu­grei­fen, als er vor eini­gen Jah­ren zugab, daß sein Codex Sera­phi­nia­nus kei­nen tie­fe­ren Sinn ent­hal­te. Das kryp­ti­sche Schrift­stück war für ihn letzt­lich nur ein Instru­ment, um den Leser in die Rol­le eines Kin­des zurück­zu­ver­set­zen, das stau­nend in die geheim­nis­vol­len Bücher der Erwach­se­nen ein­taucht.

Auch Frie­de­ri­ke Feld­manns Paro­len leben von die­ser Täu­schung. Sie wer­den in den lee­ren Raum hin­ein­ge­schrie­en, ver­stum­men und blei­ben unge­hört. Durch den Ver­zicht auf eine kom­mu­ni­ka­ti­ve Absicht (wel­chen frei­lich auch der Betrach­ter ein­se­hen muss) gehen sie bes­ten­falls in eine typo­gra­phi­sche Detail­ana­ly­se auf, die die ver­schie­de­nen Kom­bi­na­tio­nen der Bestand­tei­le eines fes­ten Inven­tars an typo­gra­phi­schen Ele­men­ten in Har­mo­ni­en und Dis­har­mo­ni­en, Stim­mun­gen und Emo­tio­nen auf­ge­hen lässt.

Ausstellungsansicht "Die Autorin", Foto: Jens Ziehe, courtesy Galerie Barbara Weiss, BerlinAus­stel­lungs­an­sicht »Die Auto­rin«, Foto: Jens Zie­he, cour­te­sy Gale­rie Bar­ba­ra Weiss, Ber­lin

Die Abkehr vom Zweck­haf­ten und Expli­zi­ten treibt auf der ande­ren Sei­te auch die Abs­trak­ti­on der Schrift auf die Spit­ze, wel­che als ide­el­les Instru­ment der Deno­ta­ti­on rea­ler Tat­sa­chen ohne­hin schon auf ihren Kern redu­ziert vor­liegt. Durch die Weg­nah­me die­ses letz­ten Res­tes, näm­lich der Funk­ti­on als semio­ti­sches Sys­tem, wird die Schrift bei Feld­mann gänz­lich ihres Zwe­ckes beraubt, wird damit nich­tig, aber auch erha­ben. Feld­mann führt damit eine écri­tu­re auto­ma­tique in Rein­form her­bei, die den Ges­tus des Schrei­bens in eine male­ri­sche Dimen­si­on über­führt. Ihre Schrift-Bil­der wer­den daher aus gutem Grund wie Male­rei beschrie­ben: »pig­men­tier­te Tusche auf gebleich­ten Nes­sel« bzw. »pig­men­tier­te Tusche auf Papier«. Inso­fern las­sen sich ihre Schrift-Bil­der auch als spit­ze Kom­men­ta­re auf die omni­prä­sen­te Kri­se der Reprä­sen­ta­ti­on lesen. Oder eben nicht lesen; wer kann das schon ent­schei­den.

Dadurch spannt sich der Bogen zurück zur Vor­täu­schung eines expli­zi­ten Inhalts. Denn hier liegt ver­mut­lich auch der Grund für die beun­ru­hi­gen­de Wir­kung der Paro­len Feld­manns: Die Schrift-Bil­der sind zwei­er­lei Illu­sio­nen: Sie reprä­sen­tie­ren allein ihre Inhalts­lee­re, sind weder Schrift noch Bild.