Käthe-Kollwitz-Preis für Cardiff und Miller

01. Juli 2011 von Matthias Planitzer
Janet Cardiff und George Bures Miller, © Gunnar Geller Alljährlich verleiht die Akademie der Künste den mit 12.000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis an einen herausragenden Künstler, um sein Werk oder Œuvre zu ehren. Im vergangenen Jahr war das Mona Hatoum, zuvor erhielten auch schon Martin Kippenberger und Peter Weibel den begehrten Kunstpreis. Dieses Jahr ehrt die dreiköpfige Jury der Akademie das Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller, das zuletzt in Berlin mit "The murder of crows" im Hamburger Bahnhof zu Gast war. Cardiffs und Millers Werk verfolgt die akustische Exploration des Raumes, sowie seine Untersuchung und Erschaffung. Die Juroren sehen in dieser "einzigartigen künstlerischen Position" ihre Wahl begründet und unterstreichen die Virtuosität im Einsatz der akustischen Mittel zum Zwecke der Illusion und Täuschung. Teil der Auszeichnung ist auch eine bis zum 14. August laufende Ausstellung in der Akademie der Künste, in der vier Arbeiten des Künstlerpaares gezeigt werden.
Janet Cardiff und George Bures Miller, © Gunnar GellerJanet Cardiff und George Bures Miller, © Gunnar Geller

Alljährlich verleiht die Akademie der Künste den mit 12.000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis an einen herausragenden Künstler, um sein Werk oder Œuvre zu ehren. Im vergangenen Jahr war das Mona Hatoum, zuvor erhielten auch schon Martin Kippenberger und Peter Weibel den begehrten Kunstpreis. Dieses Jahr ehrt die dreiköpfige Jury der Akademie das Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller, das zuletzt in Berlin mit „The murder of crows“ im Hamburger Bahnhof zu Gast war.

Cardiffs und Millers Werk verfolgt die akustische Exploration des Raumes, sowie seine Untersuchung und Erschaffung. Die Juroren sehen in dieser „einzigartigen künstlerischen Position“ ihre Wahl begründet und unterstreichen die Virtuosität im Einsatz der akustischen Mittel zum Zwecke der Illusion und Täuschung. Teil der Auszeichnung ist auch eine bis zum 14. August laufende Ausstellung in der Akademie der Künste, in der vier Arbeiten des Künstlerpaares gezeigt werden.

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Cabinet of Curiousness", Foto: Larry Lamay, c/o die Künstler, Luhring Augustine, New York & Galerie Barbara Weiss, BerlinJanet Cardiff & George Bures Miller: „The cabinet of curiousness“, Foto: Larry Lamay, courtesy die Künstler, Luhring Augustine, New York & Galerie Barbara Weiss, Berlin

Eine davon ist „The cabinet of curiousness“, ein antiker Schrank aus einem alten Bibliotheksarchiv, dessen Schubladen nun statt Karteikarten Lautsprecher enthalten. Wer neugierig genug ist, findet dahinter Aufnahmen aus längst vergangener Zeit, zumeist aus alten Spielfilmen oder Opern. Die einzelnen Audioschnipsel lassen sich nach Belieben arrangieren, sodaß eigene Kompositionen etwa aus Monologen, Arien und szenischen Klängen möglich sind.

„The cabinet of curiousness“ ist ein Relikt aus dem prä-digitalen Zeitalter, eigentlich nur eine Rekonstruktion desselben. Alte Aufnahmen werden mit alten Mitteln archiviert und zugänglich gemacht. In einer Welt aus MP3, Internet und iPods wirkt diese vorsintflutartige Anordnung doch reichlich eingestaubt und wenn anstelle der handelsüblichen Lautsprecher Grammophone stünden, fehlte nicht viel, um vom antiquarischen Wert des Kabinetts überzeugt sein zu können. Es ist aber auch ein Fingerzeig auf unseren heutigen Umgang mit solchen Medien. Die Archivierung großer Mengen solcher Tonspuren – d.h. im Einzelnen: Lieder, Alben, ganze Discographien – erfolgt mit einer Routine und Leichtigkeit, die zuvor unbekannt war. Auszüge aus einzelnen Werken werden anekdotisch als Samples verwendet; insofern ist auch die Kopierwut der Postmoderne eine kontextuelle Facette des „Cabinet of curiousness“.

Man kann das Musikarchiv also auch als einen Sampler im Jukebox-Format (freilich in antiquarischer Ausführung) begreifen, der zum neugierigen Experimentieren einlädt. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Ausgangsmaterial, das bleibt unbekannt. Die kurzen Soundschnipsel geben keinen Hinweis auf ihre Herkunft, bieten sich stattdessen zur freien Kombination an. So entstehen Kompositionen, die zwar nichts mehr mit dem Ausgangsmaterial zu tun haben, doch aber dank Sample-Fähigkeit ein neues Ganzes darstellen.

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Killing Machine", Foto: Seber Ugarte & Lorena LopezJanet Cardiff & George Bures Miller: „The Killing Machine“, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

Die überzeugendste Arbeit der überschaubaren Ausstellung des Künstlerpaares ist jedoch „The Killing Machine“. Der Besucher betritt einen abgedunkelten Raum, in dessen Mitte eine eigenartige Apparatur steht. Ein mit einem Fell abgedeckter Stuhl, mit Schnallen und Riemen ausgerüstet, eine Anzahl Fernseher und Lautsprecher, einige Lampen, Roboterarme, allerhand Kabel und Anzeigen drängen sich auf engstem Raum. Es wirkt wie eine Folter-, vielleicht auch eine Versuchseinrichtung im Selbstbauprinzip, die aus der Konzeption und der Hand eines Irren stammt.

Davor steht ein Schreibtisch mit Stuhl, offensichtlich der Platz des Beobachters, des Untersuchers oder gar des sadistischen Zuschauers. Ein Spotlicht beleuchtet einen Knopf. Man wird aufgefordert, ihn zu drücken, erinnert sich dabei an das Milgram- und auch an das Stanford-Experiment, zögert, wird aber doch von der Neugier angetrieben, was sich dahinter verbergen mag. Unsicherheit mischt sich bei. Soll man Platz nehmen? Auf dem Versuchsstuhl? An Stelle des Versuchsleiters?

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Killing Machine", Foto: Seber Ugarte & Lorena LopezJanet Cardiff & George Bures Miller: „The Killing Machine“, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

Wenn man dann doch den Knopf drückt, setzt sich die Apparatur für einige Minuten in Gang. Der Versuchsstuhl fährt in die Waagerechte, ein Schwenkarm bringt einen Lautsprecher in Position. Getragenes Geigenspiel ertönt, man erinnert sich an „The murder of crows“. Die Roboterarme schwenken stotternd und aufgeregt hin und her, scannen mit ihren angebrachten Lampen akribisch den imaginären Probanden. Die Monitore werden einer nach dem anderen eingeschalten und zeigen Störbilder, die Musik wird lauter, hektischer, Trommeln stimmen ein. Bald darauf wird die virtuelle Versuchsperson mit Bolzenschüssen malträtiert, das Schauspiel nimmt weiter an Fahrt zu und endet letztlich mit dem abrupten Abschalten der Apparatur.

Der Betrachter empfindet Bewunderung und Schauder zugleich. Die ausgeklügelte Maschine vereint in ihrer technische Umsetzung diese beiden Emotionen, wird dabei durch die akustische Komponente der Installation unterstützt und schafft es so, für die ganze Dauer der Spielzeit die ganze Aufmerksamkeit zu bannen. Man beobachtet die Vorgänge ein zweites und auch ein drittes Mal, läuft um die Apparatur herum, nimmt neue Blickwinkel ein und bleibt doch durchweg fasziniert. Gelegentlich identifiziert man sich mit dem fiktiven Opfer, fühlt nach, empfindet sogar ein wenig Angst, bis wann die Maschine rasch wieder aufs Neue bewundert.

Wie muss sich das Milgram-Experiment für die Versuchsteilnehmer angefühlt haben, die glaubten, per Knopfdruck Stromstöße verteilen zu können? Die meisten fanden Gefallen, entdeckten eine sadistische Ader und steigerten die Stromspannung auf tödliche Werte. Ein ähnliches Gefühl – wenn auch wohl ungleich schwächer – entwickelt man beim zweiten und dritten Knopfdruck, der die „Killing Machine“ anwirft. Statt Gefallen am zugefügten Leid steht aber Gefallen an der Ästhetik, am Eindruck und an der Emotion. Dennoch bleibt auch hier ein fader Beigeschmack des unterschwelligen Sadismus.

 

Wer andere Werke Cardiffs und Millers kennt, etwa „The murder of crows“ oder „Storm room“, wird die Vergabe des Käthe-Kollwitz-Preises an die beiden Künstler nachvollziehen können. In der Tat heben sich ihre Werke durch die Raffinesse im Erschaffen akustischer Räume ab, jedoch muss man sich an dieser Stelle auch wundern, wie die Auswahl für die Schau in der Akademie der Künste getroffen wurde. Lediglich „The Killing Machine“ kann mit der Qualität älterer Arbeiten mithalten, die anderen drei gezeigten Werke (außerdem die asynchrone Videoinstallation „Sync to sync“ und das Minuaturhotelzimmer „Secret Hotel“) kommen dagegen vergleichsweise schwach daher.

Ob am Ende Probleme in der Zusammenarbeit mit den Galeristen und Sammlern hierfür verantwortlich gemacht werden können oder es einfach nur versäumt wurde, bedeutsamere Arbeiten des Künstlerpaares für die Schau zu gewinnen, bleibt unklar. Schade eigentlich, denn am Ende könnten die Besucher verwundert sein, wie das Ausgestellte mit der Lobrede der Jury vereinbar sein soll. Denn so viel steht fest: Den Käthe-Kollwitz-Preis haben Bures und Miller allemal verdient. Nur leider fällt es der Akademie schwer, ihre Wahl mit einer überzeugenden Schau zu unterstreichen.