Käthe-Kollwitz-Preis für Cardiff und Miller

Überschaubare Ausstellung in der Akademie der Künste kann leider nicht überzeugen

Janet Cardiff und George Bures Miller, © Gunnar GellerJanet Car­diff und George Bures Mil­ler, © Gun­nar Geller

All­jähr­lich ver­leiht die Aka­de­mie der Künste den mit 12.000 Euro dotier­ten Käthe-Kollwitz-Preis an einen her­aus­ra­gen­den Künst­ler, um sein Werk oder Œuvre zu ehren. Im ver­gan­ge­nen Jahr war das Mona Hatoum, zuvor erhiel­ten auch schon Mar­tin Kip­pen­ber­ger und Peter Wei­bel den begehr­ten Kunst­preis. Die­ses Jahr ehrt die drei­köp­fige Jury der Aka­de­mie das Künst­ler­paar Janet Car­diff und George Bures Mil­ler, das zuletzt in Ber­lin mit “The mur­der of crows” im Ham­bur­ger Bahn­hof zu Gast war.

Car­diffs und Mil­lers Werk ver­folgt die akus­ti­sche Explo­ra­tion des Rau­mes, sowie seine Unter­su­chung und Erschaf­fung. Die Juro­ren sehen in die­ser “ein­zig­ar­ti­gen künst­le­ri­schen Posi­tion” ihre Wahl begrün­det und unter­strei­chen die Vir­tuo­si­tät im Ein­satz der akus­ti­schen Mit­tel zum Zwe­cke der Illu­sion und Täu­schung. Teil der Aus­zeich­nung ist auch eine bis zum 14. August lau­fende Aus­stel­lung in der Aka­de­mie der Künste, in der vier Arbei­ten des Künst­ler­paa­res gezeigt werden.

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Cabinet of Curiousness", Foto: Larry Lamay, c/o die Künstler, Luhring Augustine, New York & Galerie Barbara Weiss, BerlinJanet Car­diff & George Bures Mil­ler: “The cabi­net of curious­ness”, Foto: Larry Lamay, cour­tesy die Künst­ler, Luhring Augus­tine, New York & Gale­rie Bar­bara Weiss, Berlin

Eine davon ist “The cabi­net of curious­ness”, ein anti­ker Schrank aus einem alten Biblio­theks­ar­chiv, des­sen Schub­la­den nun statt Kar­tei­kar­ten Laut­spre­cher ent­hal­ten. Wer neu­gie­rig genug ist, fin­det dahin­ter Auf­nah­men aus längst ver­gan­ge­ner Zeit, zumeist aus alten Spiel­fil­men oder Opern. Die ein­zel­nen Audio­schnip­sel las­sen sich nach Belie­ben arran­gie­ren, sodaß eigene Kom­po­si­tio­nen etwa aus Mono­lo­gen, Arien und sze­ni­schen Klän­gen mög­lich sind.

“The cabi­net of curious­ness” ist ein Relikt aus dem prä-digitalen Zeit­al­ter, eigent­lich nur eine Rekon­struk­tion des­sel­ben. Alte Auf­nah­men wer­den mit alten Mit­teln archi­viert und zugäng­lich gemacht. In einer Welt aus MP3, Inter­net und iPods wirkt diese vor­sint­flut­ar­tige Anord­nung doch reich­lich ein­ge­staubt und wenn anstelle der han­dels­üb­li­chen Laut­spre­cher Gram­mo­phone stün­den, fehlte nicht viel, um vom anti­qua­ri­schen Wert des Kabi­netts über­zeugt sein zu kön­nen. Es ist aber auch ein Fin­ger­zeig auf unse­ren heu­ti­gen Umgang mit sol­chen Medien. Die Archi­vie­rung gro­ßer Men­gen sol­cher Ton­spu­ren – d.h. im Ein­zel­nen: Lie­der, Alben, ganze Dis­co­gra­phien – erfolgt mit einer Rou­tine und Leich­tig­keit, die zuvor unbe­kannt war. Aus­züge aus ein­zel­nen Wer­ken wer­den anek­do­tisch als Sam­ples ver­wen­det; inso­fern ist auch die Kopier­wut der Post­mo­derne eine kon­tex­t­u­elle Facette des “Cabi­net of curiousness”.

Man kann das Musik­ar­chiv also auch als einen Sam­pler im Jukebox-Format (frei­lich in anti­qua­ri­scher Aus­füh­rung) begrei­fen, der zum neu­gie­ri­gen Expe­ri­men­tie­ren ein­lädt. Im Mit­tel­punkt steht dabei nicht das Aus­gangs­ma­te­rial, das bleibt unbe­kannt. Die kur­zen Sound­schnip­sel geben kei­nen Hin­weis auf ihre Her­kunft, bie­ten sich statt­des­sen zur freien Kom­bi­na­tion an. So ent­ste­hen Kom­po­si­tio­nen, die zwar nichts mehr mit dem Aus­gangs­ma­te­rial zu tun haben, doch aber dank Sample-Fähigkeit ein neues Gan­zes darstellen.

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Killing Machine", Foto: Seber Ugarte & Lorena LopezJanet Car­diff & George Bures Mil­ler: “The Kil­ling Machine”, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

Die über­zeu­gendste Arbeit der über­schau­ba­ren Aus­stel­lung des Künst­ler­paa­res ist jedoch “The Kil­ling Machine”. Der Besu­cher betritt einen abge­dun­kel­ten Raum, in des­sen Mitte eine eigen­ar­tige Appa­ra­tur steht. Ein mit einem Fell abge­deck­ter Stuhl, mit Schnal­len und Rie­men aus­ge­rüs­tet, eine Anzahl Fern­se­her und Laut­spre­cher, einige Lam­pen, Robo­ter­arme, aller­hand Kabel und Anzei­gen drän­gen sich auf engs­tem Raum. Es wirkt wie eine Folter-, viel­leicht auch eine Ver­suchsein­rich­tung im Selbst­bau­prin­zip, die aus der Kon­zep­tion und der Hand eines Irren stammt.

Davor steht ein Schreib­tisch mit Stuhl, offen­sicht­lich der Platz des Beob­ach­ters, des Unter­su­chers oder gar des sadis­ti­schen Zuschauers. Ein Spot­licht beleuch­tet einen Knopf. Man wird auf­ge­for­dert, ihn zu drü­cken, erin­nert sich dabei an das Mil­gram– und auch an das Stanford-Experiment, zögert, wird aber doch von der Neu­gier ange­trie­ben, was sich dahin­ter ver­ber­gen mag. Unsicherheit mischt sich bei. Soll man Platz neh­men? Auf dem Ver­suchs­stuhl? An Stelle des Versuchsleiters?

Janet Cardiff & George Bures Miller: "The Killing Machine", Foto: Seber Ugarte & Lorena LopezJanet Car­diff & George Bures Mil­ler: “The Kil­ling Machine”, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

Wenn man dann doch den Knopf drückt, setzt sich die Appa­ra­tur für einige Minu­ten in Gang. Der Ver­suchs­stuhl fährt in die Waa­ge­rechte, ein Schwenk­arm bringt einen Laut­spre­cher in Posi­tion. Getra­ge­nes Gei­gen­spiel ertönt, man erin­nert sich an “The mur­der of crows”. Die Robo­ter­arme schwen­ken stot­ternd und auf­ge­regt hin und her, scan­nen mit ihren ange­brach­ten Lam­pen akri­bisch den ima­gi­nä­ren Pro­ban­den. Die Moni­tore wer­den einer nach dem ande­ren ein­ge­schal­ten und zei­gen Stör­bil­der, die Musik wird lau­ter, hek­ti­scher, Trom­meln stim­men ein. Bald dar­auf wird die vir­tu­elle Ver­suchs­per­son mit Bol­zen­schüs­sen mal­trä­tiert, das Schau­spiel nimmt wei­ter an Fahrt zu und endet letzt­lich mit dem abrup­ten Abschal­ten der Apparatur.

Der Betrach­ter emp­fin­det Bewun­de­rung und Schau­der zugleich. Die aus­ge­klü­gelte Maschine ver­eint in ihrer tech­ni­sche Umset­zung diese bei­den Emo­tio­nen, wird dabei durch die akus­ti­sche Kom­po­nente der Instal­la­tion unter­stützt und schafft es so, für die ganze Dauer der Spiel­zeit die ganze Auf­merk­sam­keit zu ban­nen. Man beob­ach­tet die Vor­gänge ein zwei­tes und auch ein drit­tes Mal, läuft um die Appa­ra­tur herum, nimmt neue Blick­win­kel ein und bleibt doch durch­weg fas­zi­niert. Gele­gent­lich iden­ti­fi­ziert man sich mit dem fik­ti­ven Opfer, fühlt nach, emp­fin­det sogar ein wenig Angst, bis wann die Maschine rasch wie­der aufs Neue bewundert.

Wie muss sich das Milgram-Experiment für die Ver­suchs­teil­neh­mer ange­fühlt haben, die glaub­ten, per Knopf­druck Strom­stöße ver­tei­len zu kön­nen? Die meis­ten fan­den Gefal­len, ent­deck­ten eine sadis­ti­sche Ader und stei­ger­ten die Strom­span­nung auf töd­li­che Werte. Ein ähnli­ches Gefühl – wenn auch wohl ungleich schwä­cher – ent­wi­ckelt man beim zwei­ten und drit­ten Knopf­druck, der die “Kil­ling Machine” anwirft. Statt Gefal­len am zuge­füg­ten Leid steht aber Gefal­len an der Ästhe­tik, am Ein­druck und an der Emo­tion. Den­noch bleibt auch hier ein fader Beige­schmack des unter­schwel­li­gen Sadismus.

 

Wer andere Werke Car­diffs und Mil­lers kennt, etwa “The mur­der of crows” oder “Storm room”, wird die Ver­gabe des Käthe-Kollwitz-Preises an die bei­den Künst­ler nach­voll­zie­hen kön­nen. In der Tat heben sich ihre Werke durch die Raf­fi­nesse im Erschaf­fen akus­ti­scher Räume ab, jedoch muss man sich an die­ser Stelle auch wun­dern, wie die Aus­wahl für die Schau in der Aka­de­mie der Künste getrof­fen wurde. Ledig­lich “The Kil­ling Machine” kann mit der Qua­li­tät älte­rer Arbei­ten mit­hal­ten, die ande­ren drei gezeig­ten Werke (außer­dem die asyn­chrone Video­in­stal­la­tion “Sync to sync” und das Minua­tur­ho­tel­zim­mer “Secret Hotel”) kom­men dage­gen ver­gleichs­weise schwach daher.

Ob am Ende Pro­bleme in der Zusam­men­ar­beit mit den Gale­ris­ten und Samm­lern hier­für ver­ant­wort­lich gemacht wer­den kön­nen oder es ein­fach nur ver­säumt wurde, bedeut­sa­mere Arbei­ten des Künst­ler­paa­res für die Schau zu gewin­nen, bleibt unklar. Schade eigent­lich, denn am Ende könn­ten die Besu­cher ver­wun­dert sein, wie das Aus­ge­stellte mit der Lob­rede der Jury ver­ein­bar sein soll. Denn so viel steht fest: Den Käthe-Kollwitz-Preis haben Bures und Mil­ler alle­mal ver­dient. Nur lei­der fällt es der Aka­de­mie schwer, ihre Wahl mit einer über­zeu­gen­den Schau zu unterstreichen.