Ein unscharfes Profil

02. Juli 2011 von Matthias Planitzer
Die niederländische Kreativbranche zeigt Gesicht – und bleibt erstaunlich blaß
Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

Sie hat­ten ambi­tio­nier­te Zie­le: Das nie­der­län­di­sche Design- und Mode­in­sti­tut Prem­se­la, das mit staat­li­cher Unter­stüt­zung die natio­na­le Krea­tiv­wirt­schaft stär­ken will, zog aus, um auch im Aus­land das Pro­fil der nie­der­län­di­schen Krea­tiv­bran­che zu schär­fen. Mode, Design, Archi­tek­tur und Kunst soll­ten in einer ein­zi­gen Schau ver­eint ein­drucks­voll vor­ge­stellt wer­den; mit »Basic Instincts« eröff­ne­te am Don­ners­tag­abend in der Vil­la Eli­sa­beth jenes Aus­hän­ge­schild für nie­der­län­di­sche Leis­tun­gen auf die­sem Sek­tor.

Für die Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung enga­gier­te das Insti­tut nam­haf­te Ver­tre­ter wie Hen­rik Vibs­kov oder die Zoo-Maga­zi­ne-Macher José Klap und San­dor Lob­be; die Erwar­tun­gen lagen ent­spre­chend hoch. Ins­be­son­de­re das Kon­zept, alle Dis­zi­pli­nen glei­cher­ma­ßen und mit ihren wech­sel­sei­ti­gen Bezie­hun­gen glaub­haft dar­zu­stel­len, häng­te die Mess­lat­te hoch und gab allen Anlass, eine ein­drucks­vol­le Schau zu erwar­ten. Bereits im Vor­feld wur­de ange­kün­digt, daß die Aus­stel­lung in meh­re­re sog. »Land­schaf­ten« auf­ge­teilt wür­de, die ein­zel­ne Schwer­punk­te der Prä­sen­ta­ti­on dar­stel­len soll­ten.


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Ande­re Medi­en­ver­tre­ter, wie etwa der unge­nann­te Autor der Gla­mour oder Kol­le­gin Mir­ja­na von Les Mads, sahen »Basics Instincts« mit wohl­wol­len­dem Blick und kamen zu posi­ti­ven Urtei­len. So müs­se man »unbe­dingt hin­ge­hen« (Gla­mour), schließ­lich wür­den »die hohen Ansprü­che […] auf jeden Fall gehal­ten« (sic, Les Mads). Obwohl die Qua­li­tät der ein­zel­nen Aus­stel­lungs­stü­cke zumeist nicht zu unter­schät­zen ist, bleibt die Aus­stel­lung als sol­che, d.h. als kura­tier­tes Arran­ge­ment ver­schie­dens­ter Expo­na­te hin­ter den Erwar­tun­gen zurück.

Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

Obgleich der Fokus der Aus­stel­lung ein­deu­tig auf Mode und Design liegt (so viel muss vor jeder Kri­tik gesagt sein), lag mein Inter­es­se natür­lich bei der Kunst und der kura­to­ri­schen Leis­tung. Der in die­ser Hin­sicht ein­zi­ge bemer­kens­wer­te Bei­trag ist wenig über­ra­schend ein Aus­zug aus den Exac­titu­des von Ari Vers­lu­is und Ellie Uyt­ten­bro­ek (im Übri­gen das ein­zi­ge Aus­stel­lungs­stück, mit dem vor­her gerech­net wer­den konn­te, obgleich es zu mei­ner Ver­wun­de­rung nicht ange­kün­digt war). Den­noch, die bekann­te Sozi­al­stu­die der bei­den Künst­ler ist bereits so abge­nutzt, daß sie gegen den Unter­gang der sonst unauf­fäl­lig blei­ben­den Kunst in »Basic Instincts« nichts mehr aus­rich­ten kann.

Ledig­lich zwei nett anzu­se­hen­de, groß­for­ma­ti­ge Foto­gra­fi­en mit Kratz­spu­ren von Amie Dicke, die lei­der abseits im Trep­pen­haus ste­hen, kön­nen etwas mehr Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen. Doch die Kunst steht ja nicht im Mit­tel­punkt der Schau.

Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

Die erwähn­ten Land­schaf­ten in »Basic Instincts« bil­den den kura­to­ri­schen Über­bau für die Ver­ei­ni­gung von Design, Mode, Archi­tek­tur und eben auch Kunst. Tat­säch­lich wur­de auf die Gestal­tung der ver­schie­de­nen The­men­räu­me viel wert gelegt. Spie­gel­ka­bi­net­te und gif­tig-gel­be Luft­pols­ter-Gän­ge wech­seln sich mit Gum­mi­band­kä­fi­gen und Pöm­pel-Gebir­gen ab und sor­gen so für die nöti­ge Abgren­zung zwi­schen den ein­zel­nen Berei­chen, die mit so klang­vol­len und nichts­sa­gen­den Namen wie »Soft Future« oder »Un-Desi­gned« beti­telt sind. Die knap­pen Sät­ze, mit denen aller­orts Info­ta­feln auf die kura­to­ri­sche Inten­ti­on der ein­zel­nen Land­schaf­ten hin­wei­sen, kön­nen eben­falls kein Licht ins Dun­kel brin­gen und blei­ben zu vage, um jeweils ein kon­kre­tes Cha­rak­te­ris­ti­kum fass­bar machen zu kön­nen.

Der Raum »Per­spec­tives« etwa, wel­cher neben den Pöm­peln zwei hüb­sche Klei­dungs­stü­cke Oda Paus­mas zeigt, basie­re »auf der Per­spek­ti­ve des Betrach­ters, die sich mit dem Blick­win­kel immer wie­der ver­än­dert«. Die­se Aus­sa­ge, so tri­vi­al wie bedeu­tung­los, ist jedoch so klar nur in einem metal­le­nen Schrift­zug zu erken­nen, der aus ver­schie­de­nen Blick­rich­tun­gen unter­schied­li­che Wor­te gegen­tei­li­ger Bedeu­tung offen­bart. Die rest­li­chen Objek­te die­ser Land­schaft wir­ken dage­gen ange­sichts des Kon­texts fehl am Plat­ze. Den­noch, mit der Absicht der Aus­stel­lung im Blick, das Pro­fil der nie­der­län­di­schen Krea­tiv­bran­che zu schär­fen, muss man sich fra­gen, wie ein solch all­ge­mei­ner Sach­ver­halt zum sti­lis­ti­schen oder gar inhalt­li­chen Cha­rak­te­ris­ti­kum der Kul­tur die­ses Lan­des erho­ben wer­den kann.

Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

Ähn­lich abstrus wer­den auch die rest­li­chen Land­schaf­ten in Wor­te und For­men gepresst (»Ide­al­bild, das den opti­ma­len Stil zeigt, wie die Din­ge aus­se­hen soll­ten«). Den­noch sind ein­zel­ne Details in der Aus­ge­stal­tung der Räu­me durch­aus gelun­gen, wenn bei­spiels­wei­se die kunst­vol­len Klei­der Iris van Her­pens in den Gum­mi­bän­dern des sie umge­ben­den Käfigs eine optisch wie sen­su­ell pas­sen­de Ent­spre­chung fin­den.

Dabei sind eini­ge der Expo­na­te durch­aus vor­zeig­bar. Man­che der Desi­gn­ob­jek­te sind dem auf­merk­sa­men Beob­ach­ter bereits aus ein­schlä­gi­gen Maga­zi­nen bekannt und zeu­gen von dem Bekannt­heits­grad, den nie­der­län­di­sches Design immer­hin durch unge­wöhn­li­che Ansät­ze bereits stel­len­wei­se erreicht hat. Die­se guten Ein­zel­leis­tun­gen gehen jedoch lei­der in der Prä­sen­ta­ti­on unter, weil sie zu ver­schie­den von den ande­ren Stü­cken in ihrer Umge­bung sind. Die kura­to­ri­sche Ein­bin­dung in die Land­schaf­ten erfolgt durch­ge­hend der­ma­ßen unprä­zi­se und kaum tref­fend, daß die Cha­rak­te­ris­ti­ka der ein­zel­nen Expo­na­te nicht etwa her­aus­ge­stellt wer­den, son­dern gänz­lich unter­ge­hen.

Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

In den extra­va­gan­ten, teils kunst­voll aus­ge­ar­bei­te­ten Land­schaf­ten ertrin­ken die Aus­stel­lungs­stü­cke förm­lich und kön­nen kaum Bezie­hun­gen zuein­an­der aus­bil­den. So steht jedes für sich allein und ist nur schwer im über­ge­ord­ne­ten Kon­text zu erken­nen und zu erfah­ren, obwohl die schwam­mi­gen The­men groß­zü­gig genug gefasst sein soll­ten, dies zu ermög­li­chen. Die Fol­ge ist, daß man durch die Räu­me geht und zwar jedes Stück für sich in sei­ner ästhe­ti­schen Qua­li­tät wahr­nimmt, aber dabei nicht die zugrun­de lie­gen­den Struk­tu­ren erkennt, die das »typisch Nie­der­län­di­sche« aus­ma­chen.

Doch wor­an liegt das? Man hat den Ein­druck, als sei die Aus­wahl der Desi­gner, Archi­tek­ten und Künst­ler bereits vor der Kon­zep­ti­on des kura­to­ri­schen Ansat­zes, viel­leicht nach wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten getrof­fen wor­den. Den Stel­len­wert der Wirt­schafts­kraft der nie­der­län­di­schen Krea­tiv­in­dus­trie haben jeden­falls auch die bei­den Haupt­red­ner des Abends, Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Neu­mann und der nie­der­län­di­sche Minis­ter für inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit, Ben Kna­pen, betont und als Grund für die Initia­ti­on der Wan­der­aus­stel­lung durch­schei­nen las­sen. Soll­te die Wahl der aus­ge­stell­ten Stü­cke also tat­säch­lich pri­mär nach wirt­schaft­li­cher statt nach sti­lis­ti­scher Rele­vanz erfolgt sein, wäre es nicht ver­wun­der­lich, wenn dar­un­ter die Kura­ti­on lei­det, so denn sie einen ande­ren Ansatz wählt als den öko­no­mi­schen.

Basic Instincts, Foto: Trevor GoodBasic Instincts, Foto: Tre­vor Good

»Basic Instincts« ist aber kei­ne Mes­se und will – so kom­mu­ni­ziert es die Auf­ma­chung – auch kei­ne sein und so ist frag­lich, wel­che Stei­ne dem Aus­stel­lungs­team in den Weg gelegt wur­den.

So ist »Basic Instincts« zwar eine Aus­stel­lung, die teils bemer­kens­wer­te Ein­zel­leis­tun­gen ver­eint, es aber nicht schafft, sie in einen Meta­kon­text ein­zu­bet­ten, der kraft sei­ner Ori­gi­na­li­tät einen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen kann. Die Auf­ga­be, das Pro­fil der nie­der­län­di­schen Krea­tiv­bran­che zu schär­fen, wur­de jeden­falls ver­fehlt. Und so geht man heim und weiß noch immer nicht genau, was eigent­lich typisch nie­der­län­disch ist.

Wer wei­ter for­schen möch­te, der kann dies noch bis zum 31. Juli bei frei­em Ein­tritt mitt­wochs bis sonn­tags von jeweils 12–19 Uhr in der Vil­la Eli­sa­beth in der Inva­li­den­stra­ße 3 in Angriff neh­men.