Geläuterte Gemälde

11. Juni 2011 von Matthias Planitzer
"Stupid #1", © John Brown (c/o Wilde Gallery) Auf der von "based in Berlin" veranstalteten Pressetour, die im Shuttle nacheinander zu den fünf teilnehmenden Häusern führte, war die Dauer des Halts am Neuen Berliner Kunstverein großzügig genug bemessen, um sich ein wenig in der Nähe umzuschauen. Gleich gegenüber der Institution, auf der anderen Seite der Chausseestraße, befindet sich die Wilde Gallery, die mir zuvor schon häufiger im Vorbeifahren auffiel. Durch die großen Schaufenster hindurch fiel an diesem Tag der Blick auf riesige, düstere Bilder, die die Besucher allein kraft ihrer Fernwirkung anlocken. Diesem magischen Sog folgend finden man sich schnell in den Galerieräumen wieder und steht wie paralysiert vor der größten der ausgestellten Arbeiten. Es ist ein geschundenes und misshandeltes Bild, unfertig und im Werden begriffen. Man fühlt den Schmerz und die Wehmut, die von diesem Werk ausgehen, ist gefesselt von diesem kraftvollen Eindruck. "Stupid #1" ist Teil der Einzelausstellung des Kanadiers John Brown, dessen Maltechnik den Schlüssel zu dieser eindrucksvollen Wirkung birgt.
John Brown: Stupid #1»Stu­pid #1«, © John Brown (c/o Wil­de Gal­le­ry)

Auf der von »based in Ber­lin« ver­an­stal­te­ten Pres­se­tour, die im Shut­tle nach­ein­an­der zu den fünf teil­neh­men­den Häu­sern führ­te, war die Dau­er des Halts am Neu­en Ber­li­ner Kunst­ver­ein groß­zü­gig genug bemes­sen, um sich ein wenig in der Nähe umzu­schau­en. Gleich gegen­über der Insti­tu­ti­on, auf der ande­ren Sei­te der Chaus­see­stra­ße, befin­det sich die Wil­de Gal­le­ry, die mir zuvor schon häu­fi­ger im Vor­bei­fah­ren auf­fiel. Durch die gro­ßen Schau­fens­ter hin­durch fiel an die­sem Tag der Blick auf rie­si­ge, düs­te­re Bil­der, die die Besu­cher allein kraft ihrer Fern­wir­kung anlo­cken. Die­sem magi­schen Sog fol­gend fin­den man sich schnell in den Gale­rie­räu­men wie­der und steht wie para­ly­siert vor der größ­ten der aus­ge­stell­ten Arbei­ten.

Es ist ein geschun­de­nes und miss­han­del­tes Bild, unfer­tig und im Wer­den begrif­fen. Man fühlt den Schmerz und die Weh­mut, die von die­sem Werk aus­ge­hen, ist gefes­selt von die­sem kraft­vol­len Ein­druck. »Stu­pid #1« ist Teil der Ein­zel­aus­stel­lung des Kana­di­ers John Brown, des­sen Mal­tech­nik den Schlüs­sel zu die­ser ein­drucks­vol­len Wir­kung birgt.

John Brown: Stupid #1 (Detail)»Stu­pid #1« (Detail), © John Brown (c/o Wil­de Gal­le­ry)

Tritt man her­an, so erkennt man, daß Tei­le der Arbeit in sat­tem Impas­to gestal­tet, ande­re wie­der­um durch einen spar­sa­men, groß­flä­chi­gen Farb­auf­trag gekenn­zeich­net und wie­der ande­re das Ergeb­nis aus­gie­bi­ger Grat­ta­ge sind. Der Kör­per der dar­ge­stell­ten Figur ist stel­len­wei­se ein wüs­ter Hau­fen pas­to­ser Farb­kleck­se, die kei­nen figür­li­chen Kon­tu­ren fol­gen: Sie sind auf den Unter­grund mehr ein­ge­drückt als gemalt, nicht etwa ges­ti­ku­liert, son­dern platt und leb­los, dann wie­der in der­sel­ben Art weg­ge­kratzt, über­malt und ver­mengt. Dort wie­der­um, wo die wei­ßen Kratz­spu­ren flä­chig aus­ge­führt sind, erscheint der Mal­grund spie­gel­glatt. Man ver­mu­tet daher einen Kunst- oder einen Ver­bund­stoff als Trä­ger, wird aber über­rascht, wenn man erfährt, daß es sich um ein­fa­ches Holz han­delt.

Man möch­te fast urtei­len, John Brown miss­hand­le sei­ne Wer­ke. Ihre Geschich­te reicht oft­mals lan­ge zurück, meist lässt er sich durch eine Foto­gra­fie inspi­rie­ren, um dar­auf­hin Farb­schicht um Farb­schicht auf­zu­tra­gen und wie­der weg­zu­krat­zen. Ein Gemäl­de über­tüncht das ande­re, wird in Tei­len wie­der ent­fernt und macht Platz für das nächs­te. So geht das Spiel immer wei­ter, bis schlu­ßend­lich ein Ergeb­nis erreicht wird, das Aus­druck sei­nes Wer­dens ist. Den­noch über­wiegt der Ein­druck, daß etwas feh­le, daß die ent­fern­te Far­be schwe­rer wie­ge als die noch vor­han­de­ne.

John Browns Arbei­ten – allen vor­an »Por­trait of M.A.« – sind in der Auf­lö­sung begrif­fen. Die Spu­ren vor­an­ge­gan­ge­ner Zustän­de domi­nie­ren über das noch Prä­sen­te. Ver­lus­te wer­den sicht­bar. Trau­er und Schmerz stel­len sich ein. Manch­mal gesel­len sich auch Weh­mut und Melan­cho­lie dazu, näm­lich dann, wenn wie in »Stu­pid #1« das sich auf­lö­sen­de Bild eine Ästhe­tik der Aus­lö­schung aus­bil­det. Brown bringt es selbst am bes­ten auf den Punkt:

»My pain­ting is sub­trac­tive, scra­ping and scratching away the flesh of paint, down to the woo­den bones of the sup­port.«

John Brown: Portrait of M.A.»Por­trait of M.A.«, © John Brown (c/o Wil­de Gal­le­ry)

Browns Grat­ta­ge hat nichts mehr mit der zurück­hal­ten­den Mus­te­rung Max Ernsts oder den gra­zi­len Schwün­gen Wols‹ gemein. Ihr Ein­satz ist ungleich scho­nungs­lo­ser. Die Tech­nik ist radi­kal. Ihre Absicht ist es nicht, tie­fe­re Farb­schich­ten anzu­deu­ten oder kurz zu erwäh­nen. John Browns Ziel ist die Aus­lö­schung jeder Obstruk­ti­on, die den Mal­grund ver­deckt.

»The light in my pain­tings comes from the back, ins­te­ad of com­ing from the out­side. My remo­val of paint is under­ta­ken to allow more light to enter from the rear. […] I do so becau­se I want to see the light, becau­se I want to see what results from the scra­ping and sub­trac­tion.«

Die­ser Dua­lis­mus zwi­schen Licht und Dun­kel führt unwei­ger­lich eine mora­li­sche Kom­po­nen­te ein. Der Akt des Abkrat­zens ist die Süh­ne, das Licht die Läu­te­rung. Wenn man die­sen Faden wei­ter­spinnt, kommt man auf die Kathar­sis des Gemäl­des, wird jedoch auch erken­nen, daß jene des Publi­kums aus­bleibt. Denn Browns Wer­ke ver­fol­gen kei­ne Wir­kung des Schocks oder des Mit­leids, kei­nen Jam­mer und kei­ne Furcht. Ent­ge­gen der anti­ken und klas­si­schen Idee der Kathar­sis zie­len sei­ne Arbei­ten nicht dar­auf ab, den Betrach­ter durch emo­tio­na­le Bin­dung zu erzie­hen.

Die Eman­zi­pa­ti­on des Zuschau­ers, wie es so schön bei Ran­cié­re heißt, ist bei Brown bereits voll­zo­gen. Sei­ne Gemäl­de wol­len sich weder mit­tei­len noch ver­stan­den wer­den, ste­hen unge­ach­tet des Betrach­ters allein für sich und bau­en dadurch eine Distanz auf, die wie­der­um eine Ästhe­tik des Uner­reich­ba­ren und Unan­tast­ba­ren aus­bil­det. John Browns Arbei­ten wir­ken in der Tat fern und iso­liert, wer­den dadurch aber erst inter­es­sant und geben – wenn der neu­gie­ri­ge Betrach­ter ein­mal dar­auf ange­sprun­gen ist – eine ver­bor­ge­ne, hoch­emo­tio­na­le Dra­ma­tik wie­der, die sich weder auf­drängt noch anbie­dert.

Die Aus­stel­lung in der Wil­de Gal­le­ry (Chaus­see­stra­ße 7, 10115 Ber­lin) endet lei­der schon am 18. Juni. Wer wäh­rend der Öff­nungs­zei­ten mitt­wochs bis sams­tags von zwölf bis sechs Uhr Zeit fin­det, soll­te sich die Aus­stel­lung nicht ent­ge­hen las­sen – und unbe­dingt ganz nah an die Wer­ke her­an­ge­hen; es lohnt sich.

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