Tanz zwischen den Räumen

Warum Architektur die Aufteilung sozialer Räume ist

Sebastian Kriegsmann, Alexandro Tsolakis, Bastian Wibranek: DisconnectSebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis, Bas­tian Wibra­nek: “Dis­con­nect”

Das Dogma der ent­rück­ten, unan­tast­ba­ren Kunst als ein­zige mög­li­che Mani­fes­ta­ti­ons­form gehört schon län­ger der Ver­gan­gen­heit an und wird immer stär­ker durch einen Ansatz ergänzt, der Inter­ak­ti­vi­tät und Par­ti­zi­pa­tion in den Vor­der­grund stellt. Der Ver­such, Kunst durch die Ein­la­dung zur Mit­ge­stal­tung leich­ter und inten­si­ver erfahr­bar zu machen, gewinnt zuse­hends an Popu­la­ri­tät und för­dert immer neue Spiel­ar­ten zu Tage. Par­ti­zi­pa­tive Kunst posi­tio­niert sich damit als ein Gegen­pol im Drei­eck aus der kon­tem­pla­ti­ven, päd­ago­gi­schen und der dis­tan­zier­ten, inhalts­lo­sen Form und stellt in die­ser Kon­stel­la­tion den ein­la­den­den, selbst­ge­stal­te­ri­schen Eck­punkt dar.

Die dar­aus resul­tie­rende Spon­ta­nei­tät und Impro­vi­sa­tion geben Raum für unter­schied­li­che span­nende Aus­gänge und tra­gen so zu einer gewis­sen Leben­dig­keit bei. So ist etwa im Rah­men der ges­tern in der Pro­gram Gal­lery eröff­ne­ten Aus­stel­lung “Dis­con­nect” des Archi­tek­ten­trios Sebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis und Bas­tian Wibra­nek der gesamte Gale­ri­en­raum auf Knie­höhe mit einer elas­ti­schen, wei­ßen Poly­es­ter­mem­bran durch­spannt, die somit zwei Räume ober– und unter­halb ihrer selbst von ein­an­der abtrennt. Die Besu­cher kön­nen beide Teil­räume sepa­rat betre­ten, darin her­um­to­ben, die Tex­til­haut viel­ge­stal­tig ver­for­men und mit­ein­an­der inter­agie­ren, schließ­lich sich selbst, die ande­ren Besu­cher wie auch die Stoff­bah­nen spie­le­risch erfah­ren. Diese Form der Inter­ak­tion ist es jedoch, die aus der zunächst archi­tek­to­ni­schen Raum­tei­lung eine soziale macht und zu inter­es­san­ten Span­nun­gen füh­ren kann.

Sebastian Kriegsmann, Alexandro Tsolakis, Bastian Wibranek: DisconnectSebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis, Bas­tian Wibra­nek: “Dis­con­nect”

Die Bewe­gun­gen der ande­ren Besu­cher sind durch die tren­nende Mem­bran jeder­zeit spür­bar und for­dern somit stets Reak­tio­nen ein: Die Besu­cher kön­nen ein­an­der igno­rie­ren oder auf­ein­an­der ein­ge­hen und die Tren­nung von­ein­an­der spie­le­risch explo­rie­ren. Räume wer­den kon­ti­nu­ier­lich auf­ge­wei­tet und ein­ge­engt, zer­stört und neu erschaf­fen. Die Besu­cher fin­den sich in einer sich ste­tig ver­än­dern­den Umge­bung wie­der, die durch sie und die ande­ren Anwe­sen­den immer wie­der neu geformt wird. Die Dyna­mik des Sys­tems ist letzt­lich der Grund dafür, daß es zum spie­le­ri­schen und neu­gie­ri­gen Umgang mit dem unge­wohn­ten Medium anregt. Tän­ze­ri­sche Inter­pre­ta­tio­nen wer­den durch die­ses Medium daher beson­ders geför­dert und wur­den ges­tern auch in Form einer Per­for­mance bei­spiel­haft eingebracht.

Doch die von außen auf­ge­zwun­gene Tren­nung der bei­den Räume wird noch wei­ter ver­schärft: Zwei Bea­mer pro­ji­zie­ren wan­dernde Licht­bal­ken auf die weiße Poly­es­ter­land­schaft, sodaß die Ver­for­mun­gen der elas­ti­schen Ober­flä­che her­vor­ge­ho­ben, d.h. auch die Fle­xi­bi­li­tät der hauch­dün­nen Trenn­schicht betont wird. Ande­rer­seits wird aber gerade dadurch auch die Prä­senz und Mate­ria­li­tät die­ser tex­ti­len Mem­bran her­aus­ge­stellt, der Fokus auf ihren Sta­tus als Grenze zwi­schen zwei ver­schie­de­nen Räu­men gelegt. Erst durch diese Insze­nie­rung gelingt es also, die bei­den Räume prä­zise defi­nie­ren und von ein­an­der tren­nen zu können.

Sebastian Kriegsmann, Alexandro Tsolakis, Bastian Wibranek: DisconnectSebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis, Bas­tian Wibra­nek: “Dis­con­nect”

“Dis­con­nect” ent­wirft dadurch einen Raum, der dis­pa­rat und hete­ro­ge­ni­siert ist; dies gleich in dop­pel­ter Hin­sicht: An die Stelle eines homo­ge­nen, unge­ord­ne­ten Rau­mes tritt eine hier­ar­chisch anmu­tende Anord­nung, die nicht nur zwi­schen den ohne­hin meta­pho­risch auf­ge­la­den Gegen­sätz­lich­kei­ten von oben und unten, schwarz und weiß unter­schei­det, son­dern auch mit­tels der Inter­ak­tion zwi­schen bei­den Räu­men eine soziale Span­nung aufwirft.

Die Besu­cher, die sich auf den bei­den Sei­ten der Stoff­bahn befin­den, sind zunächst räum­lich von ein­an­der getrennt, tre­ten jedoch durch die wech­sel­sei­tige Umfor­mung ihrer jewei­li­gen Räume unwei­ger­lich in Kon­takt und fin­den sich schnell in sozia­len Inter­ak­ti­ons­mus­tern wie­der. Da wer­den Wege ver­sperrt oder geöff­net, der eigene Platz ein­ge­engt oder erwei­tert und hier und da tre­ten die Besu­cher in direk­ten Kör­per­kon­takt, wenn sie überein­an­der stol­pern oder sich durch die Mem­bran hin­durch die Hände reichen.

Sebastian Kriegsmann, Alexandro Tsolakis, Bastian Wibranek: DisconnectSebas­tian Kriegs­mann, Alex­an­dro Tso­lakis, Bas­tian Wibra­nek: “Dis­con­nect”

Was in “Dis­con­nect” als Spiel daher­kommt, kann jedoch, wenn man die Par­al­lele zur Groß­stadt­ge­sell­schaft zieht, als Bei­spiel für sozia­les Ver­hal­ten in umris­se­nen Räu­men im All­ge­mei­nen gel­ten. Selbst wenn diese durch Stahl­be­ton vor­ge­formt schei­nen, model­liert doch erst die soziale Inter­ak­tion zwi­schen ihren Bewoh­nern die genauen Gren­zen, die jen­seits von dicken Mau­ern liegen. In jedem Fall trifft zunächst das Indi­vi­duum auf den Raum, in dem es sich bewegt und den es formt, jedoch nicht, ohne auch Räume ande­rer Indi­vi­du­uen zu beein­flus­sen, wor­aus sich somit eine soziale Hand­lung ergibt.

Spricht man mit Bas­tian Wibra­nek, erfährt man, daß für ihn Archi­tek­tur nicht die Auf­tei­lung phy­si­scher Räume, son­de­ren deren Nut­zung und die dar­aus ent­ste­hen­den sozia­len Bezie­hun­gen bezeich­net. Dem­nach seien leer­ste­hende Gebäude gewis­ser­ma­ßen unbe­seelt, sobald jedoch Bewoh­ner und Besu­cher in ihnen agie­ren, fin­det Archi­tek­tur statt. ”Disconnect” ist hier­für ein wun­der­ba­res Bei­spiel: Denn ohne die Betei­li­gung der Besu­cher ist es nichts wei­ter als eine ein­fa­che Stoff­bahn aus Poly­es­ter und Elastan.



Andere Stimmen

  1. Gany­med » Blog Archive » Mat­thias Planitzer schrieb am 28. Mai 2011:

    […] war auf Ein­la­dung von Volks­wa­gen und MoMA für knapp eine Woche in New York, um der Ankün­di­gung ihrer künf­ti­gen Part­ner­schaft bei­zu­woh­nen. Zuvor gin­gen mir Gedan­ken durch den Kopf, wie die Stadt auf mich wir­ken würde, zumal die […]