Ein moderner Don Quijote

31. Mai 2011 von Matthias Planitzer
"A story of deception" – Francis Alÿs im MoMA und MoMA PS 1 Bevor ich das Flugzeug nach New York bestieg, hatte ich keine großen Pläne für die Stadt. Die ein oder andere Ausstellung wollte ich besuchen, hier und dort ein wenig Zeit verbringen. Am meisten freute ich mich jedoch vermutlich auf die große Doppelausstellung "A story of deception", die das Museum of Modern Art und sein Außenstandort, das MoMA PS 1, dem bisherigen Werk Francis Alÿs' widmeten. Der in Mexiko Stadt ansässige Belgier wird im brandaktuellen artfacts-Ranking auf Platz 40 der wichtigsten Künstler weltweit gehandelt, was angesichts seiner herausragenden Klasse nicht verwundern dürfte. Alÿs ist für seine vielen Performances bekannt, in denen er unter Einsatz simpler poetischer und allegorischer Formensprache soziale und politische Themen anspricht, die häufig aus der mexikanischen Realität entspringen. Geprägt durch ein besonderes Bewusstsein für Zeitlichkeit in Form von seriellen oder zyklischen Rhythmen entfalten seine Arbeiten eine mal melancholische, mal komische Stimmung. Mal ist es der physische Kampf gegen Tornados oder gegen Straßenhunde, welcher Alÿs seine Grenzen aufzeigt; dann ist es wieder die Grenzpolitik Nordamerikas oder einfach das simple Gesetz der Physik, gegen die er kapitulieren muss. So ist sein Werk von einer fortwährenden Anstrengung gekennzeichnet, die sich wie ein roter Faden durch all seine Arbeiten zieht. Im MoMA wird mit der Ausstellung "A story of deception", welche sich aus der hauseigenen Sammlung speist, ein großer Teil des bisherigen Gesamtwerks gezeigt, der sich nicht nur die auf Video festgehaltenen Performances beschränkt, sondern auch eine Vielzahl Zeichnungen und Objekte unter einem Dach versammelt.

Francis Alÿs: A story of deception»A sto­ry of decep­ti­on« – Fran­cis Alÿs im MoMA und MoMA PS 1

Bevor ich das Flug­zeug nach New York bestieg, hat­te ich kei­ne gro­ßen Plä­ne für die Stadt. Die ein oder ande­re Aus­stel­lung woll­te ich besu­chen, hier und dort ein wenig Zeit ver­brin­gen. Am meis­ten freu­te ich mich jedoch ver­mut­lich auf die gro­ße Dop­pel­aus­stel­lung »A sto­ry of decep­ti­on«, die das Muse­um of Modern Art und sein Außen­stand­ort, das MoMA PS 1, dem bis­he­ri­gen Werk Fran­cis Alÿs‹ wid­me­ten. Der in Mexi­ko Stadt ansäs­si­ge Bel­gi­er wird im brand­ak­tu­el­len art­facts-Ran­king auf Platz 40 der wich­tigs­ten Künst­ler welt­weit gehan­delt, was ange­sichts sei­ner her­aus­ra­gen­den Klas­se nicht ver­wun­dern dürf­te.

Alÿs ist für sei­ne vie­len Per­for­man­ces bekannt, in denen er unter Ein­satz simp­ler poe­ti­scher und alle­go­ri­scher For­men­spra­che sozia­le und poli­ti­sche The­men anspricht, die häu­fig aus der mexi­ka­ni­schen Rea­li­tät ent­sprin­gen. Geprägt durch ein beson­de­res Bewusst­sein für Zeit­lich­keit in Form von seri­el­len oder zykli­schen Rhyth­men ent­fal­ten sei­ne Arbei­ten eine mal melan­cho­li­sche, mal komi­sche Stim­mung. Mal ist es der phy­si­sche Kampf gegen Tor­na­dos oder gegen Stra­ßen­hun­de, wel­cher Alÿs sei­ne Gren­zen auf­zeigt; dann ist es wie­der die Grenz­po­li­tik Nord­ame­ri­kas oder ein­fach das simp­le Gesetz der Phy­sik, gegen die er kapi­tu­lie­ren muss. So ist sein Werk von einer fort­wäh­ren­den Anstren­gung gekenn­zeich­net, die sich wie ein roter Faden durch all sei­ne Arbei­ten zieht.

Im MoMA wird mit der Aus­stel­lung »A sto­ry of decep­ti­on«, wel­che sich aus der haus­ei­ge­nen Samm­lung speist, ein gro­ßer Teil des bis­he­ri­gen Gesamt­werks gezeigt, der sich nicht nur die auf Video fest­ge­hal­te­nen Per­for­man­ces beschränkt, son­dern auch eine Viel­zahl Zeich­nun­gen und Objek­te unter einem Dach ver­sam­melt.

Francis Alÿs: Rehearsal IStill aus »Rehear­sal I (Ensayo I)«, © Fran­cis Alÿs, The Muse­um of Modern Art, New York.

Fran­cis Alÿs hat eine beson­de­re Bezie­hung zu sei­ner Wahl­hei­mat Mexi­ko. Die meis­ten sei­ner Per­for­man­ces fin­den hier statt oder dre­hen sich um loka­leThe­men, dar­un­ter auch die Situa­ti­on der mexi­ka­ni­sche Aus­wan­de­rer auf dem Weg in die USA. Die Gren­ze bei­der Staa­ten wird bekannt­lich eng­ma­schig über­wacht und ist des­we­gen kaum pas­sier­bar, was auch immer wie­der in Alÿs‹ Arbei­ten the­ma­ti­siert wird. So fuhr er etwa 1997 in »The Loop« von Tijua­na zur benach­bar­ten Grenz­stadt San Die­go – eine Rei­se, die inner­halb von 35 Tagen ein­mal um den hal­ben Glo­bus führ­te und am Ende doch die Gren­ze über­wand, die für die meis­ten Mexi­ka­ner so undurch­dring­bar ist.

In einer ande­ren Arbeit, »Rehear­sal I (Ensayo I)« sieht man Alÿs in einem VW Käfer auf eine Düne zu fah­ren. Hin­ter ihr liegt die Gren­ze zu den USA, doch jeder Ver­such sie zu erklim­men schei­tert und so rollt das Auto mal um mal zurück. Der Käfer, das Volks­au­to der Mexi­ka­ner, wur­de nicht ohne Bedacht gewählt und so wird auch hier schnell klar, wel­ches Alÿs‹ Anlie­gen ist. Im Hin­ter­grund spielt eine Maria­chi-Kapel­le ihre immer glei­che Stro­phe, das fast halb­stün­di­ge Video über­spielt das eigent­lich erns­te Sujet mit spit­zer Komik. Es fällt schwer, Gedan­ken über den rea­len All­tag an der US-mexi­ka­ni­schen Gren­zen zu fas­sen und so wird der Fah­rer des VW zur tra­gi­ko­mi­schen Figur eines Don Qui­jo­te.

Francis Alÿs: TornadoStill aus »Tor­na­do«, © Fran­cis Alÿs, The Muse­um of Modern Art, New York

Der aus­sichts­lo­se, doch aus­dau­ern­de Kampf gegen höhe­re Mäch­te wird auch in »Tor­na­do« gefoch­ten. Als Teil einer Volks­wa­gen-Schen­kung ist das knapp 40-minü­ti­ge Video in einem eige­nen Saal des MoMA unter­ge­bracht und kann dort auf einer gro­ßen Lein­wand und mit sat­tem Sound sei­ne Wir­kung ent­fal­ten. Das Ergeb­nis einer über zehn­jäh­ri­gen Werk­ge­schich­te, wäh­rend der Fran­cis Alÿs hier­für die Hoch­ebe­nen Mexi­kos auf­such­te, zeigt den Wind­müh­len­kämp­fer im Duell mit etli­chen Wir­bel­stür­men. Nur mit einer Hand­ka­me­ra bewaff­net rennt der toll­küh­ne Künst­ler immer wie­der auf die Tor­na­dos zu, wird kurz von ihnen ver­schlun­gen und dann wie­der frei­ge­ge­ben.

Das Video zieht den Betrach­ter sofort in den Bann: Die aus der Fer­ne so ruhig und hyp­no­ti­sie­rend umher­wir­beln­den Sand­stür­me zie­hen ihre Krei­se durch die Sier­ra und je näher Alÿs ihnen kommt, je tie­fer er atmet und je lau­ter keucht, des­to bedroh­li­cher wer­den sie, zie­hen den Staub unter den Füßen des Künst­ler hin­weg und mit einem Mal, wenn er den ent­schei­den­den Schritt in den Sturm gewagt hat, über­dröhnt das Brau­sen des Tor­na­dos jeg­li­che Wahr­neh­mung. Das Bild bricht für einen Moment ab, der Betrach­ter ist in sei­ner Unge­wiss­heit über den Aus­gang des wag­hal­si­gen Unter­neh­mens gefan­gen; nur der unglaub­li­che Lärm ver­si­chert ihm, daß es noch nicht aus­ge­stan­den ist. Dann, ganz unvor­her­ge­se­hen, ist es für einen Augen­blick still – hat er das Auge des Sturms erreicht? Ist die Kame­ra zer­schmet­tert wor­den? – und dann wird der Künst­ler und mit ihm der Betrach­ter auch schon wie­der aus dem Sturm aus­ge­spuckt. Das Aben­teu­er ist vor­über, nur das auf­ge­reg­te Keu­chen des furcht­lo­sen Alÿs bleibt.

Auch in »Tor­na­do« über­wiegt der Ein­druck, Alÿs bür­de sich eine aus­sichts­lo­se Sisy­phos-Arbeit auf. Jeder Ver­such, den Tor­na­do zu bezwin­gen, schei­tert kläg­lich: Die Wind­ho­se speit den hoch­mü­ti­gen Künst­ler aus und zieht unbe­küm­mert wei­ter. Doch Alÿs gibt nicht auf und ver­sucht es immer wie­der aufs Neue. Der Kampf gegen den Tor­na­do wird zu einem unglei­chen Duell zwi­schen Natur und Mensch, in der letz­te­rer nur den Kür­ze­ren zie­hen kann. Alÿs kommt in »Tor­na­do« schnell an sei­ne Gren­zen und muss sei­ne Unbe­deut­sam­keit im Ver­gleich zur Natur­kraft ein­se­hen. Jedoch zieht er nicht etwa das­sel­be Urteil dar­aus wie der Zuschau­er: Statt vor der Über­macht der Natur zu kapi­tu­lie­ren, bleibt er bei sei­ner Sache und tritt somit auch dafür ein, sei­ne Idea­le und Absich­ten wei­ter zu ver­fol­gen, gleich wie absurd oder aus­sichts­los sie schei­nen mögen.

Eine wei­te­re zen­tra­le Arbeit Alÿs‹ ist im MoMA PS1 zu sehen: »El Grin­go« führt das ent­schlos­se­ne Vor­ha­ben aus »Rehear­sal I (Ensayo I)« und »Tor­na­do« fort, jedoch nimmt Alÿs es in die­sem Fal­le mit Stra­ßen­hun­den Hid­al­gos auf. Par­al­lel zu »Tor­na­do« beginnt die mit­tels Video doku­men­tier­te Per­for­mance mit einem Teil der Annä­he­rung, auf den die eigent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung folgt, wel­che schließ­lich auch hier dar­in endet, daß der Künst­ler kapi­tu­lie­ren muss.

Ähn­lich beklem­mend und fas­zi­nie­rend zugleich wohnt auch in »El Grin­go« der Betrach­ter dem Gesche­hen bei, des­sen Span­nung ste­tig zunimmt. Ver­hal­ten sich die Hun­de zunächst eher zurück­hal­tend, gehen sie schon bald in die Offen­si­ve, bei­ßen zu, zer­ren gar an dem Ein­dring­ling und rei­ßen end­lich die Kame­ra zu Boden. Es ist ein dra­ma­ti­sches Schau­spiel, das dar­in endet, daß die Hun­de sich um die Kame­ra ver­sam­meln und sie neu­gie­rig beschnüf­feln.

Francis Alÿs: Duett»Duett«, © Fran­cis Alÿs

Die Ver­bin­dung die­ser Bei­spie­le zu den rest­li­chen Wer­ken (bspw. »Mira­ge«, »When faith moves moun­ta­ins«, »Para­dox of Pra­xis I (Some­ti­mes doing some­thing leads to not­hing)« oder »Duett«) ist zwar offen­sicht­lich –: der zykli­sche, aus einer seri­el­len Anord­nung immer glei­cher Akti­ons­ele­men­te her­vor­ge­hen­de und sich aus die­ser schein­ba­ren Mono­to­nie erhe­ben­de, dadurch an Mys­tik gewin­nen­de Cha­rak­ter all die­ser Per­for­man­ces –, doch heben sich die genann­ten Arbei­ten deut­lich vom Rest ab. Ers­tens ist es stets der aus­sichts­lo­se Kampf eines Ein­zel­nen gegen teils über­mäch­ti­ge Kräf­te. Zwei­tens fal­len die obi­gen Arbei­ten im Gegen­satz zu den meis­ten ande­ren im MoMA und im MoMA PS1 aus­ge­stell­ten Wer­ken Fran­cis Alÿs‹ durch einen Per­spek­tiv­wech­sel auf, der den Künst­ler aus dem Fokus des Kunst­werks rückt. Alÿs nimmt den Betrach­ter in die Pflicht und führt ihn an gemein­sa­me Gren­zen.

Dem aus­zu­fech­ten Kampf eines moder­nen Don Qui­jo­tes ver­mag der Zuschau­er nichts ent­ge­gen­zu­set­zen, er kommt nicht umhin, in der Situa­ti­on, in der sich mit einem Mal wie­der­fin­det, die auf­ge­dräng­ten Rol­le des wage­mu­ti­gen Wind­müh­len­kämp­fers anzu­neh­men und durch­zu­ste­hen. Selbst wenn er das Vor­ha­ben Alÿs in Zwei­fel zieht, kann er ihm doch nicht ent­kom­men und ist wenigs­tens so lan­ge an ihn gebun­den, wie er nicht auf­steht und den Raum ver­lässt. Aber auch dann, wenn die Gefahr aus­ge­stan­den zu sein scheint, wird er aufs Neue über­rascht und sieht sich erneut in der­sel­ben miss­li­chen Lage. Dies trifft frei­lich weni­ger auf »Rehear­sal I (Ensayo I)« denn auf die ande­ren bei­den Bei­spie­le zu, ist doch aber im Kern auch dort vor­han­den, obgleich es dank der komi­schen Stim­mung ein­fa­cher ist, sich von der Situa­ti­on zu distan­zie­ren.

Wer jedoch den Blick von der Video­do­ku­men­ta­ti­on ab- und sich den umfang­rei­chen wei­te­ren Mate­ria­li­en – Skiz­zen, Plä­ne, Zeich­nun­gen, Beschrei­bun­gen etc. – zuwen­det, die jede der aus­ge­stell­ten Arbei­ten Alÿs‹ beglei­ten, wird erken­nen, daß auch die Vide­os nur Tei­le über­ge­ord­ne­ter Pro­jek­te sind, die sich weit über die eigent­li­che Aus­füh­rung erhe­ben. Plan und Durch­füh­rung sind nur zwei Facet­ten einer wei­ter­rei­chen­den Idee und so fällt es letzt­lich schwer, den Werk­cha­rak­ter ein­deu­tig in sei­ner mani­fes­ten oder in sei­ner gedach­ten Form fest­zu­hal­ten. Ange­sichts all die­ser Andeu­tun­gen bleibt unsi­cher, ob das Gese­he­ne über­haupt von Bedeu­tung oder gar real ist. Doch die­ser Authen­ti­zi­täts­ver­lust – und dar­in besteht die meis­ter­li­che Leis­tung hin­ter die­sen Arbei­ten – führt nicht etwa wie sonst so häu­fig zu Ableh­nung und Abkehr vom Kunst­werk, ganz im Gegen­teil, sie beschwört erst den Mythos her­auf, der es wie eine dich­te Aura umgibt.

Fran­cis Alÿs geht also zwei­er­lei Täu­schun­gen: Nicht nur, daß er als Prot­ago­nist einer Per­for­mance auf­tritt, die eigent­lich durch den Betrach­ter allein getra­gen wer­den muss; er lässt uns auch noch dar­über im Unkla­ren, ob all das real oder nur erdacht ist. Am Ende ist die Aus­stel­lung im MoMA und MoMA PS1 also genau das, was es eigent­lich von Anfang an ver­sprach: A sto­ry of decep­ti­on.