Old News

24. Dezember 2010 von Matthias Planitzer
Old News Die Welt um uns herum wird immer unübersichtlicher. Man mag dies auf die allseits phantomhaft beschworene Globalisierung oder die wachsenden Verflechtungen im internationalen Politzirkus zurückführen, doch wird man damit kaum der Lage gerecht, macht zudem einen recht ohnmächtigen Eindruck. Die Komplexität des öffentlichen Geschehens zu entwirren ist eine wichtige Aufgabe der Medien, insbesondere der Tagespresse, welche unter hohem Zeitdruck nur das Wichtigste aus dem Tagesgeschehen ziehen und sinnvoll gekürzt vermitteln muss. Daß die Redakteure der Lokal- wie auch der überregionalen Presse bisweilen an diesem Auftrag scheitern, zeigt sich dann, wenn der Leser in der Informationsflut untergeht. Knappe Nachrichten über den jüngsten Verkehrsunfall werden nicht selten mit derselben Zeilenzahl gewürdigt wie beiläufige Berichte aus den Parlamenten und Ministerien. Letztlich ist es die Aufgabe des Lesers, aus dem auf ihn abgewälzten Datenchaos das für ihn Relevante herauszufiltern. Dies erfordert ein scharfes und kritisches Denken, das eigentlich von den Redakteuren aufgebracht werden sollte. Daß hierbei dennoch Manipulation und Propaganda leicht ihren Weg zum vertrauensseligen Leser finden, ist leicht zu ersehen. Ob bewusst oder unbewusst: Das Medium wächst durch die Auswahl der Themen und Berichte, aber auch durch die Ausgestaltung dieser zu einem Apparat, der einerseits die Interessen der Schreibenden inkorporiert, auf der anderen Seite aber auch die Interessen der Leserschaft abbildet. Der dänische Künstler Jacob Fabricius geht in seinem Projekt "Old News" dieser und anderen medienwissenschaftlichen Fragen nach. Im Editorial dieser Zeitung, die ausschließlich aus alten Artikeln und sogar Kontaktanzeigen besteht, geht sein Künstlerkollege Joachim Koester auf eben dieses Problem ein und fragt: Welches sind die Kriterien, nach denen entschieden wird, was veröffentlichungswürdige Nachrichten sind? Und warum geben die Zeitungen über diesen Prozess keine Auskunft? Die Antworten liefern 24 Künstler, die eingeladen wurden, jeweils vier Artikel einer bestimmten Zeitspanne aus den Zeitungen auszuschneiden, die sie täglich lesen, diese einzureichen und somit selbst zu entscheiden: Was ist relevant? Was ist typisch? Was blieb ungehört?

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Die Welt um uns herum wird immer unübersichtlicher. Man mag dies auf die allseits phantomhaft beschworene Globalisierung oder die wachsenden Verflechtungen im internationalen Politzirkus zurückführen, doch wird man damit kaum der Lage gerecht, macht zudem einen recht ohnmächtigen Eindruck. Die Komplexität des öffentlichen Geschehens zu entwirren ist eine wichtige Aufgabe der Medien, insbesondere der Tagespresse, welche unter hohem Zeitdruck nur das Wichtigste aus dem Tagesgeschehen ziehen und sinnvoll gekürzt vermitteln muss. Daß die Redakteure der Lokal- wie auch der überregionalen Presse bisweilen an diesem Auftrag scheitern, zeigt sich dann, wenn der Leser in der Informationsflut untergeht. Knappe Nachrichten über den jüngsten Verkehrsunfall werden nicht selten mit derselben Zeilenzahl gewürdigt wie beiläufige Berichte aus den Parlamenten und Ministerien.

Letztlich ist es die Aufgabe des Lesers, aus dem auf ihn abgewälzten Datenchaos das für ihn Relevante herauszufiltern. Dies erfordert ein scharfes und kritisches Denken, das eigentlich von den Redakteuren aufgebracht werden sollte. Daß hierbei dennoch Manipulation und Propaganda leicht ihren Weg zum vertrauensseligen Leser finden, ist leicht zu ersehen. Ob bewusst oder unbewusst: Das Medium wächst durch die Auswahl der Themen und Berichte, aber auch durch die Ausgestaltung dieser zu einem Apparat, der einerseits die Interessen der Schreibenden inkorporiert, auf der anderen Seite aber auch die Interessen der Leserschaft abbildet.

Der dänische Künstler Jacob Fabricius geht in seinem Projekt „Old News“ dieser und anderen medienwissenschaftlichen Fragen nach. Im Editorial dieser Zeitung, die ausschließlich aus alten Artikeln und sogar Kontaktanzeigen besteht, geht sein Künstlerkollege Joachim Koester auf eben dieses Problem ein und fragt: Welches sind die Kriterien, nach denen entschieden wird, was veröffentlichungswürdige Nachrichten sind? Und warum geben die Zeitungen über diesen Prozess keine Auskunft?

Die Antworten liefern 24 Künstler, die eingeladen wurden, jeweils vier Artikel einer bestimmten Zeitspanne aus den Zeitungen auszuschneiden, die sie täglich lesen, diese einzureichen und somit selbst zu entscheiden: Was ist relevant? Was ist typisch? Was blieb ungehört?

Old NewsPropaganda kann sehr offensichtlich sein

Diese Aufgabe gehen die Teilnehmer ganz unterschiedlich an. Der Mexikaner Tercerunquinto sammelte Kuriositäten, Andrea Riviere widmete sich dem ungern diskutierten Thema der Benachteiligung von Asylanten in England und John Miller nimmt die aussterbende Gattung der Kontaktanzeigen unter die Lupe. Die meisten anderen Künstler dagegen versuchen auf ihre Art und Weise ihren Blick auf die Berichterstattung großer Tagesblätter wiederzugeben und einen anderen, einen eigenen Fokus auf Erwähnenswertes und Belangloses zu lenken.

Die Artikel werden kommentarlos und nüchtern aneinandergereiht, nur ein kurzes Vorwort lässt die Künstler kurz über ihre Intentionen zu Wort kommen. Der Eindruck beim Durchblättern der als gewöhnliche Zeitungen aufgemachten Ausgaben ist der einer detektivischen Beweisaufnahme des Pressegeschehens. In der Tat liest sich „Old News“ zunächst wie eine zusammenhanglose Aneinanderreihung diverser Ausschnitte aus unterschiedlichen Zeitungen unterschiedlicher Länder und Sprachen. Nimmt man sich jedoch ein wenig Zeit, werden Zusammenhänge und Strukturen klar, der analytische Charakter offenbart sich nach und nach.

Die erste Ausgabe, die das Pressejahr 2004 unter die Lupe nimmt, widmet sich der grundlegenden Frage, wie Tageszeitungen Nachrichten für die Berichterstattung auswählen. Verlagsinterne Interessen scheinen dafür ein wichtiger Faktor zu sein. So zeigt etwa die New York Post eine bedenklich parteiische Ausrichtung, wenn das uramerikanische Kulturdenkmal des Marlboro-Mannes zur Heroisierung der eigenen Truppen im Irakkrieg genutzt wird. Doch auch die geschickte Anordnung von Artikeln innerhalb einer Zeitungsausgabe als meinungsbildendes Instrument wird dargestellt, wenn etwa ein Bericht über einen Aufstand in einem englischen Asylantenheim mit einer Kostenaufstellung für solche Unterkünfte gegenübergestellt wird.

Old NewsWerbung übertrumpft redaktionelle Inhalte

Die sechste und bislang letzte Ausgabe dagegen, die sich auf den August des Jahres 2009 konzentriert, stellt das Informationschaos selbst in den Vordergrund. Teil der kuratorischen Idee war es, Artikel aus aller Welt ohne besondere thematische Festlegung zusammenzutragen und so einen Querschnitt durch das internationale Mediengeschehen zu geben. Dabei wechseln sich belanglose Artikel mit Börsennews, Anzeigen und Hinweisen auf Online-Angebote ab.

Kaum einer der Ausschnitte lässt auf einen zeitlichen oder inhaltlichen Kontext schließen. Das, was neben den Nachrichten aus Politik und Wirtschaft die Blätter ausmacht, wird hier entlarvt: Bloßes Füllwerk, das ohne jegliche Relevanz bleibt und somit von Ausgabe zu Ausgabe wiederholt werden kann. Ohne die Nachbarschaft zu den redaktionellen Artikeln, das es zu seiner Legitimation missbrauchen, steht es mit einem Male als das da, was es eigentlich ist: Datenmüll.

Die sechste Ausgabe stellt somit ein Grundgerüst, fast sogar einen zeitlosen Prototypen einer beliebigen Tageszeitung dar – freilich mit Ausnahme der meisten Qualitätsblätter. Doch das tut der Relevanz der „Old News NO.6“ keinen Abbruch, schließlich wird hier all jenen Blättern auf den Zahn gefühlt, die das Gros der Leser konsumiert.

Old NewsDie Interessenlage bleibt schwer durchschaubar

Mit den bislang sechs Ausgaben entsteht eine Kartierung der Medienlandschaft, die einen Überblick darüber gibt, wie Presse funktioniert. Mit dem nüchternen Blick eines außenstehenden Beobachters werden verborgen liegende Prozesse aufgedeckt, unterschwellig vermittelte Interessen enttarnt und Mechanismen der Meinungsbildung identifiziert.

Im Vorwort des Herausgebers in der ersten Ausgabe wird der Soziologe Patrick Champagne folgendermaßen zitiert:

It is still true that the media now form an integral part of reality effects by creating a media-oriented vision of reality that contributes to creating the reality it claims to describe.

Was nach einer oft gehörten Leier eines wirren Verschwörungstheoretikers klingt, wird durch das analytische Vorgehen der „Old News“ systematisch dargelegt. Eine Frage lässt das Projekt jedoch bewusst offen: Ist das geschilderte Vorgehen ethisch verwerflich oder braucht unsere Gesellschaft gar diese Form der Berichterstattung?

Auf meinem Galerientrip durch Reykjavík habe ich auch das Nýlistasafnið, das New Living Art Museum besucht, wo „Old News“ ausgestellt wurde. Für euch habe ich je ein Exemplar der 96-seitigen ersten Ausgabe von 2004 und eines der 72-seitigen letzten Ausgabe vom August 2009 mitgebracht.

Wenn du eine von beiden gewinnen willst, hinterlasse einfach bis zum Ende des Jahres einen Kommentar mit einer gültigen E-Mail-Adresse und gib an, welche du haben möchtest. Das Los entscheidet – in diesem Sinne, viel Glück!

Kommentare

  1. ich würde mich sehr über die erste ausgabe freuen – und wünsche eine frohe weihnacht!

  2. Wenn das 2009er-Exemplar unter meinem Weihnachtsbaum liegen würde, wäre das schön! 🙂

  3. 2009 bitte. 🙂

Andere Meinungen

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