Schaurig-schöne Klänge

26. November 2010 von Matthias Planitzer
Klangkunst im Alten Leichenschauhaus

Dead Composers Society #3Dead Com­po­sers Socie­ty #3 im Alten Lei­chen­schau­haus

Klang­kunst ist wohl eine der Kunst­gat­tun­gen, für die ich mich am meis­ten erei­fern kann. Die ephe­me­re, zuwei­len auch per­for­ma­ti­ve Natur sowie die emo­tio­na­len Mög­lich­kei­ten sind in ande­ren (bild­ne­risch künst­le­ri­schen) Gen­res kaum zu wie­der­fin­den, zudem trägt die Tat­sa­che, dass jede Form von Klang­kunst unwei­ger­lich bis zu einem gewis­sen Grad auch Instal­la­ti­ons­kunst ist, dazu bei, dass die­se Aspek­te in einer so unnach­ahm­li­chen Art und Wei­se ver­eint wer­den kön­nen.

Im Fal­le der Dead Com­po­sers Socie­ty, die kürz­lich ihre drit­te Auf­la­ge erfuhr, wird die­sem Punkt defi­ni­tiv Rech­nung getra­gen: Als Ort für ihre Sound­per­for­man­ces wähl­te die Künst­ler­grup­pe Berg26 ein leer­ste­hen­des, her­un­ter­ge­kom­me­nes und kal­tes Lei­chen­schau­haus aus der Grün­der­zeit.

Dead Composers Society #3Dead Com­po­sers Socie­ty #3

Per­for­ma­ti­ve Klang­kunst, ist das nicht eigent­lich Musik? Zu die­sem Schluss könn­te man schnell gelan­gen, doch der Unter­schied ist so klein wie bedeu­tend. Musik ist im Gegen­satz zur Klang­kunst los­ge­löst vom Ort. Der Kon­zert­raum steht im Diens­te der Musik, ist blo­ßes Vehi­kel. Im Fal­le der Klang­kunst tritt die­ser jedoch mit dem Hör­ba­ren in Kon­takt, ist ihm gleich­ran­gig und fun­giert als sei­ne Quel­le, sein Bezugs­punkt und eben­so wie in der Musik sein Reso­nanz­kör­per. Erst, wenn die­se instal­la­ti­ve Kom­po­nen­te nach­weis­bar ist, also das Hör­ba­re nicht vom Raum zu tren­nen ist, kann wohl von Klang­kunst, von Sound­in­stal­la­ti­on gespro­chen wer­den.

Ein im Zer­fall begrif­fe­nes Lei­chen­schau­haus dürf­te dem­nach genü­gend Stoff bie­ten, um einen spür­ba­ren Dia­log mit klang­li­chen For­men und Inhal­ten her­zu­stel­len.

Dead Composers Society #3Dead Com­po­sers Socie­ty #3

Dem Pas­san­ten ver­rät das unauf­fäl­li­ge, hel­le Back­stein­haus in der Han­no­ve­ra­ner Stra­ße weder, was hier vie­le Jahr­zehn­te vor sich ging, noch was hin­ter sei­nen Mau­ern des Nachts geschieht. Betritt man den direkt zur Stra­ße gele­ge­nen Sek­ti­ons­saal, steht man in einer Art Basi­li­ka: Ein lan­ges und hohes Längs­schiff wird, durch je einen Bogen­gang getrennt, von zwei Sei­ten­schif­fen flan­kiert. Dar­in sind wäh­rend der Per­for­mance­aben­de aller­hand Instru­men­te auf­ge­baut. Neben klas­si­schen Key­boards und han­dels­üb­li­chen Note­books fin­det man hier mit Spots beleuch­te­te Zithern, die mit Strauch­werk bespielt wer­den oder ein Arse­nal an Orgel­pfei­fen, die peni­bel auf­ge­reiht an Ope­ra­ti­ons­be­steck erin­nern.

Für die drit­te Aus­ga­be der Dead Com­po­sers Socie­ty ließ sich Ron Kui­vi­la etwas beson­de­res ein­fal­len und spann­te für »Spark Line (acce­le­ra­ting)« ein­mal quer durchs Längs­schiff zwei Dräh­te, die, nur weni­ge Mil­li­me­ter von­ein­an­der ent­fernt und Stark­strom füh­rend, unter­ein­an­der Licht­bö­gen aus­bil­de­ten. Das dadurch ent­ste­hen­de Kna­cken und Knis­tern wur­de von Mikro­fo­nen auf­ge­nom­men und viel­fach ver­lang­samt über die all­seits auf­ge­stell­ten Laut­spre­cher abge­spielt. Die Abspiel­ge­schwin­dig­keit der so immer wie­der von neu­em auf­ge­nom­me­nen Klän­ge wur­de lang­sam erhöht, bis sie letzt­lich ein Viel­fa­ches der Ori­gi­nal­ge­schwin­dig­keit erreich­te und die auf­ge­nom­me­nen mit den abge­spiel­ten Klän­gen in einem Punkt kon­ver­gier­ten.

Dead Composers Society #3Dead Com­po­sers Socie­ty #3

Dadurch, dass der Raum mit sei­nen akus­ti­schen Eigen­schaf­ten sowie das zum gro­ßen Teil sich unter­hal­ten­de Publi­kum die Auf­nah­men stän­dig beein­fluss­ten, ergab sich ein ste­tig ver­än­dern­der Klang­tep­pich, der per­ma­nent sich selbst und den Raum refe­ren­zier­te und ver­stärk­te. Ein anfangs fei­nes und kaum hör­ba­res Stück wur­de so schnell zu einer dump­fen, manch­mal dröh­nen­den, sich immer wei­ter auf­schich­ten­den Schall­wand, aus der gele­gent­lich Geläch­ter, Pfif­fe oder ande­re höher­fre­quen­te Geräu­sche her­aus­sta­chen, um dann eini­ge Zeit spä­ter im dunk­len Klang­meer unter­zu­ge­hen.

Ein schau­ri­ges, nicht min­der beein­dru­cken­des Hör­erleb­nis, das nicht nur die ohne­hin schon auf­ge­la­de­ne Atmo­sphä­re die­ses Lei­chen­schau­hau­ses unter­strich, auch durch sei­ne beson­de­re Dyna­mik das akus­ti­sche Abbild des Publi­kums immer wei­ter ver­zerr­te und ent­stell­te. Das schwat­zen­de Gäs­te stör­te zwar teils erheb­lich den Hör­ge­nuss, wur­de aber in »Spark Line (acce­le­ra­ting)« poin­tiert auf­ge­grif­fen.

Dead Composers Society #3Ein Teil der instru­men­ta­len Viel­falt: Orgel­pfei­fen, bizarr­re Sai­ten­in­stru­men­te und Elek­tro­ni­sches

Auch eine wei­te­re Per­for­mance, für die die vier Künst­ler Fran­ces­co Cava­lie­re, Chris­to­pher Kli­ne, Micha­el Nort­ham und Mar­cel Tür­kow­sky eine »tona­le, geclus­ter­te Impro­vi­sa­ti­on über ›B‹ (123.5Hz)« kon­zer­tier­ten, litt lei­der unter dem respekt­lo­sen Publi­kum. Den­noch konn­te das Werk über­zeu­gen.

Über etli­che Minu­ten hin­weg nutz­ten sie neben Key­boards und ande­ren elek­tro­ni­schen Gerä­ten ein reich­hal­ti­ges Inven­tar an Musik­in­stru­men­ten. Orgel­pfei­fen, Kuh­glo­cken, eine mit einem Bogen bespiel­te Zither und ein per Staub­we­del gespiel­te ande­res exo­ti­sches Sai­ten­in­stru­ment gehör­ten zu den Instru­men­ten, die die vier Künst­ler ein­setz­ten, um über die­se schier unend­lich schei­nen­de Zeit­span­ne hin­weg ein und den­sel­ben Ton zu spie­len, und in einer über­ra­schen­den Reich­hal­tig­keit immer wie­der neu zu inter­pre­tie­ren und zu unter­ma­len.

 

Die Impro­vi­sa­ti­on über ›B‹ war in der Gän­ze betrach­tet ein in sich geschlos­se­nes, an- und abschwel­len­des Klang­clus­ter, das, nach Mög­lich­kei­ten der Umdeu­tung und Neu­mo­del­lie­rung eines ein­zel­nen gege­be­nen Tons for­schend, zu einem orga­ni­schen Gan­zen wuchs und so einen klang­li­chen Mikro­kos­mos explo­rier­te. Wenn her­kömm­li­che Musik auf dem Zusam­men­spiel meh­re­rer Töne funk­tio­niert, so ging die­se Per­for­mance ins Detail und redu­zier­te das musi­ka­li­sche Ele­ment der Klang­kunst auf ein Min­dest­maß. Was übrig blieb, war der in all sei­nen Facet­ten dar­ge­stell­te, irre­du­zi­ble Kern des musi­ka­li­schen Hör­erleb­nis­ses: ein ein­zel­ner, fluk­tu­ie­ren­der Ton.

 

Dead Composers Society #3Dead Com­po­sers Socie­ty #3

Obgleich nicht alle der im Alten Lei­chen­schau­haus gezeig­ten Per­for­man­ces tat­säch­lich ein­deu­tig als Klang­kunst zu iden­ti­fi­zie­ren waren — eini­ges hat­te auf­grund feh­len­den Raum­be­zugs mehr Musi­ka­li­sches als Instal­la­ti­ves -, bot die Künst­ler­trup­pe Berg26 einen viel­sei­ti­gen und nie lang­wei­li­gen Ein­blick in die Mög­lich­kei­ten der Klang­kunst respek­ti­ve der expe­ri­men­tel­len Musik. Elek­tro­nisch erzeug­te Klän­ge tra­fen auf Sai­ten- und Orgel­spiel, Ver­zer­rung und Ampli­fi­ka­ti­on taten den Rest.

Obgleich die anwe­sen­den Gäs­te das Gesche­hen nur wenig wür­dig­ten, ist ein Besuch einer der kom­men­den Vor­stel­lun­gen jedem zu emp­feh­len, der nicht nur eine ein­ma­li­ge Kulis­se, son­dern auch hörens- und erle­bens­wer­te Klang­kunst erle­ben will.