Hinter dem Horizont

02. November 2010 von Matthias Planitzer
"I'll meet you here", © Bas Jan Ader Thing is about the sea, is that you disappear without a trace. There is nothing left. You can't be found. It is a true disappearance. Tacita Dean über Bas Jan Ader Bas Jan Ader gehört unumstritten zu den wenigen Künstlern, die ich buchstäblich bewundere, in deren Werke ich am tiefsten eintauchen kann. Obgleich seine wichtigster Verdienst für die Kunst die Entwicklung der Gravity Art war, wurde er doch durch seinen tragischen Tod bekannt, dessen Umstände im Nachhinein oftmals als sein Grand œuvre angesehen wurden. Im Rahmens seines Triptychons "In search of the miraculous" bestand der performative zweite Teil darin, allein in einem nicht einmal vier Meter messendem Segelboot den Atlantik zu überqueren - ein Vorhaben, das nie zuvor gemeistert wurde. Bereits drei Wochen, nachdem Ader 1975 an der amerikanischen Ostküste ablegte, brach der Funkkontakt ab; nach neun Monaten fand man sein gekentertes Boot 150 Seemeilen vor der irischen Küste. Bis heute gibt es keinen Anhalt, was damals geschah; Bas Jan Ader gilt als verschollen, verschwunden. Allerdings bestehen nicht zu vernachlässigende Hinweise darauf, dass Bas Jan Ader tatsächlich seinen Tod geplant haben könnte. In diesem Falle ließe sich sein Verschwinden sogar als künstlerisches Meisterwerk interpretieren.

Bas Jan Ader: I'll meet you here„I’ll meet you here“, © Bas Jan Ader

Thing is about the sea, is that you disappear without a trace. There is nothing left. You can’t be found. It is a true disappearance.

Tacita Dean über Bas Jan Ader

Bas Jan Ader gehört unumstritten zu den wenigen Künstlern, die ich buchstäblich bewundere, in deren Werke ich am tiefsten eintauchen kann. Obgleich seine wichtigster Verdienst für die Kunst die Entwicklung der Gravity Art war, wurde er doch durch seinen tragischen Tod bekannt, dessen Umstände im Nachhinein oftmals als sein Grand œuvre angesehen wurden.

Im Rahmens seines Triptychons „In search of the miraculous“ bestand der performative zweite Teil darin, allein in einem nicht einmal vier Meter messendem Segelboot den Atlantik zu überqueren – ein Vorhaben, das nie zuvor gemeistert wurde. Bereits drei Wochen, nachdem Ader 1975 an der amerikanischen Ostküste ablegte, brach der Funkkontakt ab; nach neun Monaten fand man sein gekentertes Boot 150 Seemeilen vor der irischen Küste. Bis heute gibt es keinen Anhalt, was damals geschah; Bas Jan Ader gilt als verschollen, verschwunden.

Allerdings bestehen nicht zu vernachlässigende Hinweise darauf, dass Bas Jan Ader tatsächlich seinen Tod geplant haben könnte. In diesem Falle ließe sich sein Verschwinden sogar als künstlerisches Meisterwerk interpretieren.

Bas Jan Ader: In search of the miraculousPlakat für „In search of the miraculous“, © Bas Jan Ader

Bei einer Übersicht über das Gesamtwerk des Niederländers findet man die zunächst unscheinbar wirkende Arbeit „I’ll meet you here“. Es zeigt eine Strandkulisse, die gleich lautende Beschriftung verweist mit einem Pfeil auf den Horizont. David Horvitz stellt hierzu fest:

The arrow is pointed on the horizon, and the horizon is always an impossible place of destination. It is the point where the discernible becomes indiscernible, where one can disappear. It is at an unreachable distance because it is always away from where you are, yet still in the realm of the visible. It is always where you can never be, yet you can always see it.

Der Horizont als Umschlagpunkt zwischen einer fassbaren und einer unerreichbaren Dimension, wo das Mittelbare mit dem Unbegreiflichen verschmilzt. Quasi ein Tor in eine andere Welt ist der Horizont in diesem Kontext fast schon eine mythische Erscheinung. Bas Jan Ader war sich dessen offensichtlich bewusst, als er „I’ll meet you here“ anfertigte.

Bis heute bleibt unklar, ob Ader seinen Tod auf See hingenommen oder gar geplant habe, als er in seiner kleinen Jolle in Cape Cod ablegte. In der Tat weiß man nichts über die Umstände seines Todes; es existieren mehr Mythen als brauchbare Fakten. So fand man später in seinem Spind ein Buch über Donald Crowhurst, einen Segler, der 1969 während einer Weltregatta über Bord sprang und seitdem ebenfalls verschollen ist. Eine unübersehbare Parallele?

Donald Crowhurst an Bord der Teignmouth ElectronDonald Crowhurst an Bord der Teignmouth Electron

Eher nicht. Crowhurst war ein fehlgeleiteter, psychisch erkrankter Segler, der für den Regattasieg Logbucheinträge fälschte; niemand, der etwas auf der hohen See suchte. Seine Biografie liest sich nicht ohne eine gewisse morbide Faszination, die wohl auch Ader gespürt haben könnte. Doch dieses Schicksal war zu plump um nachgeahmt zu werden. Dennoch, die Frage, wie ein erfolgreicher, mitten im Leben stehender Geschäftsmann wie Crowhurst von der See erst um den Verstand und dann zu Tode gebracht werden konnte, übt einen gewissen Reiz aus. Wollte Ader es Odysseus und Crowhurst gleich tun und dem lieblichen Gesang der hinterlistigen Sirenen lauschen?

In der biografischen Dokumentation über Bas Jan Ader kommt auch ein Segelveteran zu Wort, der die einzigartige Erfahrung und das Geheimnis des Hochseesegelns in der ständigen Gratwanderung zwischen Leben und Tod sieht und glaubt, dass auch Ader diese Einsicht gefunden habe. Warum Regisseur Rene Daalder diesen Kommentar einfließen lassen hat, kann nur spekuliert werden, doch trägt dies zusätzlich zur Mystifizierung des Todes Aders bei.

Es ist wiederum David Horvitz, der eine weitere Sicht auf diesen mystischen Charakter der See gibt. In dem künstlich auf alt getrimmten, kurzen Video „Rarely seen Bas Jan Ader Film“ sieht man einen Mann, der mit seinem Fahrrad voller Eifer in die Fluten fährt, dabei immer höher vom Meer umspült wird und schlussendlich im Sand versinkt. Noch ehe er fallen kann, endet der Film.

Horvitz gibt hier wieder, was eine Seefahrt, zudem eine, die in jugendlichem Übermut festen Blickes auf den Horizont unternommen wird, bedeuten kann. Die anfängliche Seefahrer- und Weltenerobererromantik weicht schnell der Einsicht, dass das Meer alles unerbittlich verschlingt, was sich hochmütig es zu bezwingen erhebt. Es ist launisch, mürrisch und erschüttert jene, die es zu erobern suchen.

Auch das war Ader bekannt, als er mit dem kaum vier Meter langen Boot ablegte. Er hatte bereits einmal den Atlantik überquert, als er als hoffnungsvoller Immigrant auf einem Boot in Marokko anheuerte und die Überfahrt nutzte, um ihn den USA eine Existenz aufzubauen. Hier fand er zwar ein gutes Auskommen, erlangte einen Lehrstuhl in Kalifornien und führte eine glückliche Ehe, doch seine Wurzeln waren noch immer daheim in den Niederlanden verankert.

„In search of the miraculous“ war ein Versuch, diese Emigration umzukehren. Nachdem er im ersten Teil des Triptychons rituell Abschied nahm, sollte die Übersetzung nach Amsterdam folgen, wo er im letzten Teil des Zyklus feierlich aufgenommen werden sollte. Sein Interesse an der See war also eher sekundär, dennoch besteht eine unleugbare Parallele zu seinen anderen Arbeiten.

Bas Jan Ader wurde bekannt als Begründer der Gravity Art und zeigte, wie ich im vergangenen Jahr darlegte, dass es hierbei darauf ankommt, sich der Schwerkraft hinzugeben, im Loslassen, im Aufgeben – nicht im Fallen! – seinen Platz im Kosmos der Natur und ihre Gesetze zu finden. Doch dieser Augenblick der Hingabe war stets ein viel zu kurzer. Auf der See jedoch konnte Ader diesen Moment ins Unendliche verlängern: Er verschwand auf der Grenze zwischen den Dimensionen, am Horizont, wo letztlich alles ihn hinführte.

Kommentare

  1. the artist’s body as gravity makes itself its master.

  2. Großartiger Artikel! Bin echt voll drin versunken.

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