Der kulturelle Erstickungstod

Wenn der Einzelne im Kollektiv untergeht

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Es gibt immer wie­der Künst­ler, die mich nicht mehr los­las­sen, deren Werk sich durch einen bestimm­ten Cha­rak­ter aus­zeich­nen, der meist schwer in Worte zu fas­sen, doch aber immer mit­rei­ßend, bezau­bernd, atem­be­rau­bend ist. Einer von ihnen ist zwei­fel­los auch Zhang Huan, zumin­dest gemes­sen daran, dass er in die­sem Monat schon zwei Mal bei Gany­med auftauchte.

Ich könnte mich in sei­ner Werk­über­sicht ver­lie­ren. Über­all wohin man blickt, tau­chen neue Schätze auf, fun­keln neue Bei­spiele sei­nes so unver­wech­sel­ba­ren Stils. Huan ist im bes­ten Sinne ein chi­ne­si­scher Künst­ler, jeden­falls deckt sich der Cha­rak­ter sei­ner Werke sehr gut mit mei­nem Bild von chi­ne­si­schen Tugen­den: streng, aber mild, prä­zise und aus­drucks­stark, doch aber kei­nes­falls laut kommt seine Kunst daher.

Kürz­lich erst wurde ich auf “Family tree” auf­merk­sam: Huan ließ hierzu sein Gesicht so lange mit den Tex­ten eini­ger bekann­ter chi­ne­si­scher Legen­den beschrei­ben, bis die Zei­chen ver­schwam­men, die Schrift unle­ser­lich wurde, das ein­zelne Wort unter der Last der vie­len ande­ren erstickt, Huans Gesicht nicht mehr zu erken­nen war. Eine Alle­go­rie auf die staat­lich ver­ord­nete, kul­tu­relle Mono­to­ni­tät im moder­nen China?

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Ein Mann mitt­le­ren Alters schaut mit erns­ter Miene, augen­schein­lich asia­ti­scher Her­kunft. Groß­auf­nahme, jeder Stop­pel auf sei­nem kah­len Kopf ist zu erken­nen. – Ein typi­sches Selbst­por­trät, wie Zhang Huan es zu schaf­fen pflegt. Aller­dings wird der Begriff “Selbst­por­trät” die­sen Auf­nah­men nicht gerecht, ist es doch nie Huan selbst, der im Mit­tel­punkt sei­ner Arbei­ten steht. Er ist bes­ten­falls der Dar­stel­ler sei­ner Werke, spielt jedoch nie die Haupt­rolle. Huan fun­giert in sei­nen Arbei­ten als Lein­wand für seine eigene Kunst. Mal wird er durch Anle­gen eines Anzugs aus Rin­der­fleisch zur Farce eines Body­buil­ders, ein ande­res Mal erscheint er mit Schrift­zei­chen auf sei­nem Kör­per und Tier­kno­chen um sei­nen Leib und erin­nert so (zumin­dest mich) an klas­si­sche Eucha­ris­tie­dar­stel­lun­gen.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Auch “Family tree” reiht sich in die lange Liste sol­cher Arbei­ten ein, in denen Huan sei­nen Kör­per als Medium nutzt, um seine Kunst und die Aus­sa­gen dahin­ter zu trans­por­tie­ren. Hierzu ließ er sein Gesicht von aus­ge­bil­de­ten Kal­li­gra­phen einen Tag lang mit ver­schie­de­nen tra­di­tio­nel­len, chi­ne­si­schen Legen­den beschrei­ben, bis die­ses am Abend gänz­lich schwarz war. Die Schrei­ber waren ange­hal­ten, trotz der zuneh­mend schlech­ten Les­bar­keit wei­ter wie gewohnt zu schrei­ben, solange, bis Huans Gesicht mit einer dicken, glän­zen­den Farb­schicht über­zo­gen war.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Mor­gens, also zu Beginn der Per­for­mance, sind die Zei­chen noch gut zu unter­schei­den. Sie erobern Huans Gesicht wie ein unbe­schrie­be­nes Papier, kön­nen atmen, ihre Bedeu­tung frei und klar zum Aus­druck brin­gen. Mit der Zeit füllt sich die begrenzte Flä­che, die Zei­chen drän­gen sich mehr und mehr, rin­gen um Platz, blei­ben aber doch wei­ter­hin erkennbar.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Irgend­wann ist jedoch der Punkt erreicht, wenn das geschrie­bene Wort zu einem chao­ti­schen Hau­fen wird, nur ein­zelne Stri­che und For­ma­tio­nen aus der Menge her­aus­ste­chen und einen Anhalt dar­auf geben, dass es sich eigent­lich um eine Unzahl Schrift­zei­chen han­delt. So füllt sich Huans Gesicht immer mehr mit wei­te­ren Infor­ma­tio­nen, die sich immer dich­ter unter die bereits nie­der­ge­schrie­be­nen drän­gen und letzt­lich, am Abend des Tages, alles ersti­cken, jeg­li­che Bedeu­tung ver­nich­ten und die eigent­lich so schil­lern­den Legen­den in ein stum­mes Nichts über­füh­ren. Auch das Gesicht selbst ver­än­dert sich, ist über die Zeit immer schwe­rer zu erken­nen, bis es schließ­lich ganz im Meer der Zei­chen untergeht.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Zhang Huan spielt bewusst mit dem Lebens­zy­klus von der Geburt bis zum Tod, vom unbe­fleck­ten, unbe­schrie­be­nen Neu­ge­bo­re­nen bis zum Greis, der durch seine Erzie­hung und Sozia­li­sie­rung, sein gan­zes Umfeld geprägt wurde und schluss­end­lich ein Abbild der gesell­schaft­li­chen Nor­men und Ten­den­zen ver­kör­pert. Er redu­ziert dies auf den Tages­zy­klus: Wenn er am Mor­gen noch das Klein­kind ist, das eine eigene, erkenn­bare Per­sön­lich­keit hat, und zuse­hends durch äußere Ein­flüsse geprägt wird, wird er doch bald zu einen altern­den Mann, der am Ende des Tages sein Gesicht, seine Iden­ti­tät ver­lo­ren hat.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Mit die­sem glän­zen­den, schwar­zen Gesicht ist Huan nicht mehr zu erken­nen; es könnte jeder andere sein, der da unter der star­ren Maske der kul­tu­rel­len Ein­flüsse erstickt. Diese lang­same Erstar­rung wird nur noch dadurch gestei­gert, dass das hoch­re­pe­ti­tive Beschrei­ben der immer glei­chen Flä­che mit den immer glei­chen Tex­ten sich zu einem flie­ßen­den Gesche­hen formt, wel­ches ziel­stre­big auf die gänz­li­che Unter­drü­ckung jeg­li­cher Spu­ren sei­ner Per­sön­lich­keit hin­ar­bei­tet. Es ist ein lang­sa­mer Pro­zess, der in “Family tree” abläuft, der dafür aller­dings umso unauf­halt­sa­mer auf sein Ziel hinsteuert.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Huan schreibt hierzu:

More cul­ture is slowly smo­the­ring us and turning our faces black.

Dem­zu­folge erstickt jeg­li­cher kul­tu­rel­ler Ein­fluss die per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten, die einen Men­schen aus­ma­chen, macht ihn gleich und uni­for­miert ihn zuneh­mend, sodass er durch seine kol­lek­tive Prä­gung seine Indi­vi­dua­li­tät ver­liert. (Ein dysto­pi­scher Gedanke, der sonst nur im gegen­tei­li­gen Sinne geschil­dert wird: Sonst ist es die Abwe­sen­heit von Kul­tur, die zur Uni­for­mie­rung und Kol­lek­ti­vie­rung einer Gesell­schaft führt, s. etwa THX 1138.) Der Mensch gleicht sich nach Huans Aus­füh­rung sei­nen Genos­sen an, ver­liert jeg­li­che Merk­male sei­ner Per­sön­lich­keit, ver­kommt zum kleins­ten Trä­ger einer kol­lek­ti­ven Bewe­gung, die stumm und gespens­tisch dem ihr indok­tri­nier­ten Weg folgt.

Zhang Huan: Family tree“Family tree”, © Zhang Huan

Damit zeich­net Huan aller­dings ein Bild vom moder­nen China, das sich durch ein staat­lich ver­ord­ne­tes Kul­tur­pro­gramm aus­zeich­net, wel­ches in einem zwang­haf­ten Rah­men über poli­tisch zweck­mä­ßige und wert­lose Kul­tur urteilt und damit die natio­nale Iden­ti­täts­bil­dung vor­an­treibt. Das chi­ne­si­sche Volk wird mit einem klei­nen Kanon an aus­ge­such­ter Lite­ra­tur, Musik und Kunst erzo­gen und unter­hal­ten, wel­cher der Obrig­keit für ihre Inter­es­sen an einem gro­ßen, sozia­lis­ti­schen Volks­kör­per pas­send erschei­nen. Dar­über hin­aus­ge­hende Bil­dung, auch sol­che in Eigen­in­itia­tive, wird man­gels Ver­füg­bar­keit an ent­spre­chen­den Quel­len ver­wehrt und so kommt jedem Bür­ger die­selbe (kultur-)geschichtliche Bil­dung zu, was letzt­lich nicht etwa der Ent­fal­tung der eige­nen Per­sön­lich­keit, son­dern nur der Aus­bil­dung eines homo­ge­nen Volks­kör­pers dien­lich wird.

 

Was “Family tree” jedoch so unver­wech­sel­bar “chi­ne­sisch” macht, sind nicht etwa die ent­spre­chen­den Schrift­zei­chen oder der Umstand, dass Huan nun mal Chi­nese ist. Es ist diese ernste Ruhe, zugleich aber der strenge und ent­schlos­sene Aus­druck, mit der diese Per­for­mance auf jenes tra­dierte Bild vom alten Kai­ser­reich Chi­nas zurück­greift. Zugleich ist es erst diese stille Ent­schlos­sen­heit, die “Family tree” wie auch ande­ren Per­for­man­ces Huans ihre unver­gleich­li­che Ener­gie ver­leiht. Wel­che Form kann wohl bes­ser geeig­net sein, ein so chi­ne­si­sches Thema wie die­ses anzusprechen?


Kommentare

  1. Bea­trice schrieb am 31. August 2010:

    Vie­len Dank! Mir ging es genauso: ich konnte gar nicht mehr auf­hö­ren, in Zhang Huan’s wun­der­bar umfas­sen­der web­site (welt­raum) umher­zu­wan­dern -
    .. mir gefällt deine all­mäh­li­che Annä­he­rung zwi­schen bild und text – por­trait und Spie­ge­lung (Refle­xion) aus­ge­nom­men gut! Noch­mals danke!


  2. Mat­thias schrieb am 31. August 2010:

    Ich zügle mich davor, zu viel von Huans Port­fo­lio auf ein­mal anzu­schauen. Zu groß die Angst, die Werke nicht mit der nöti­gen Auf­merk­sam­keit zu wür­di­gen, zu groß die Befürch­tung, etwas zu ver­pas­sen oder auf ein­mal ein Ende zu errei­chen.
    Das mit dem Bild und den Tex­ten bot sich ein­fach an. Nicht oft fin­det man Werk­zy­klen, die sich so strin­gent ent­wi­ckeln. Ganz davon abge­se­hen, dass die Arbei­ten ein­fach gran­dios sind… ;)