Der kulturelle Erstickungstod

31. August 2010 von Matthias Planitzer
"Family tree", © Zhang Huan Es gibt immer wieder Künstler, die mich nicht mehr loslassen, deren Werk sich durch einen bestimmten Charakter auszeichnen, der meist schwer in Worte zu fassen, doch aber immer mitreißend, bezaubernd, atemberaubend ist. Einer von ihnen ist zweifellos auch Zhang Huan, zumindest gemessen daran, dass er in diesem Monat schon zwei Mal bei Ganymed auftauchte. Ich könnte mich in seiner Werkübersicht verlieren. Überall wohin man blickt, tauchen neue Schätze auf, funkeln neue Beispiele seines so unverwechselbaren Stils. Huan ist im besten Sinne ein chinesischer Künstler, jedenfalls deckt sich der Charakter seiner Werke sehr gut mit meinem Bild von chinesischen Tugenden: streng, aber mild, präzise und ausdrucksstark, doch aber keinesfalls laut kommt seine Kunst daher. Kürzlich erst wurde ich auf "Family tree" aufmerksam: Huan ließ hierzu sein Gesicht so lange mit den Texten einiger bekannter chinesischer Legenden beschreiben, bis die Zeichen verschwammen, die Schrift unleserlich wurde, das einzelne Wort unter der Last der vielen anderen erstickt, Huans Gesicht nicht mehr zu erkennen war. Eine Allegorie auf die staatlich verordnete, kulturelle Monotonität im modernen China?

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Es gibt immer wieder Künstler, die mich nicht mehr loslassen, deren Werk sich durch einen bestimmten Charakter auszeichnen, der meist schwer in Worte zu fassen, doch aber immer mitreißend, bezaubernd, atemberaubend ist. Einer von ihnen ist zweifellos auch Zhang Huan, zumindest gemessen daran, dass er in diesem Monat schon zwei Mal bei Ganymed auftauchte.

Ich könnte mich in seiner Werkübersicht verlieren. Überall wohin man blickt, tauchen neue Schätze auf, funkeln neue Beispiele seines so unverwechselbaren Stils. Huan ist im besten Sinne ein chinesischer Künstler, jedenfalls deckt sich der Charakter seiner Werke sehr gut mit meinem Bild von chinesischen Tugenden: streng, aber mild, präzise und ausdrucksstark, doch aber keinesfalls laut kommt seine Kunst daher.

Kürzlich erst wurde ich auf „Family tree“ aufmerksam: Huan ließ hierzu sein Gesicht so lange mit den Texten einiger bekannter chinesischer Legenden beschreiben, bis die Zeichen verschwammen, die Schrift unleserlich wurde, das einzelne Wort unter der Last der vielen anderen erstickt, Huans Gesicht nicht mehr zu erkennen war. Eine Allegorie auf die staatlich verordnete, kulturelle Monotonität im modernen China?

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Ein Mann mittleren Alters schaut mit ernster Miene, augenscheinlich asiatischer Herkunft. Großaufnahme, jeder Stoppel auf seinem kahlen Kopf ist zu erkennen. – Ein typisches Selbstporträt, wie Zhang Huan es zu schaffen pflegt. Allerdings wird der Begriff „Selbstporträt“ diesen Aufnahmen nicht gerecht, ist es doch nie Huan selbst, der im Mittelpunkt seiner Arbeiten steht. Er ist bestenfalls der Darsteller seiner Werke, spielt jedoch nie die Hauptrolle. Huan fungiert in seinen Arbeiten als Leinwand für seine eigene Kunst. Mal wird er durch Anlegen eines Anzugs aus Rinderfleisch zur Farce eines Bodybuilders, ein anderes Mal erscheint er mit Schriftzeichen auf seinem Körper und Tierknochen um seinen Leib und erinnert so (zumindest mich) an klassische Eucharistiedarstellungen.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Auch „Family tree“ reiht sich in die lange Liste solcher Arbeiten ein, in denen Huan seinen Körper als Medium nutzt, um seine Kunst und die Aussagen dahinter zu transportieren. Hierzu ließ er sein Gesicht von ausgebildeten Kalligraphen einen Tag lang mit verschiedenen traditionellen, chinesischen Legenden beschreiben, bis dieses am Abend gänzlich schwarz war. Die Schreiber waren angehalten, trotz der zunehmend schlechten Lesbarkeit weiter wie gewohnt zu schreiben, solange, bis Huans Gesicht mit einer dicken, glänzenden Farbschicht überzogen war.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Morgens, also zu Beginn der Performance, sind die Zeichen noch gut zu unterscheiden. Sie erobern Huans Gesicht wie ein unbeschriebenes Papier, können atmen, ihre Bedeutung frei und klar zum Ausdruck bringen. Mit der Zeit füllt sich die begrenzte Fläche, die Zeichen drängen sich mehr und mehr, ringen um Platz, bleiben aber doch weiterhin erkennbar.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Irgendwann ist jedoch der Punkt erreicht, wenn das geschriebene Wort zu einem chaotischen Haufen wird, nur einzelne Striche und Formationen aus der Menge herausstechen und einen Anhalt darauf geben, dass es sich eigentlich um eine Unzahl Schriftzeichen handelt. So füllt sich Huans Gesicht immer mehr mit weiteren Informationen, die sich immer dichter unter die bereits niedergeschriebenen drängen und letztlich, am Abend des Tages, alles ersticken, jegliche Bedeutung vernichten und die eigentlich so schillernden Legenden in ein stummes Nichts überführen. Auch das Gesicht selbst verändert sich, ist über die Zeit immer schwerer zu erkennen, bis es schließlich ganz im Meer der Zeichen untergeht.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Zhang Huan spielt bewusst mit dem Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod, vom unbefleckten, unbeschriebenen Neugeborenen bis zum Greis, der durch seine Erziehung und Sozialisierung, sein ganzes Umfeld geprägt wurde und schlussendlich ein Abbild der gesellschaftlichen Normen und Tendenzen verkörpert. Er reduziert dies auf den Tageszyklus: Wenn er am Morgen noch das Kleinkind ist, das eine eigene, erkennbare Persönlichkeit hat, und zusehends durch äußere Einflüsse geprägt wird, wird er doch bald zu einen alternden Mann, der am Ende des Tages sein Gesicht, seine Identität verloren hat.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Mit diesem glänzenden, schwarzen Gesicht ist Huan nicht mehr zu erkennen; es könnte jeder andere sein, der da unter der starren Maske der kulturellen Einflüsse erstickt. Diese langsame Erstarrung wird nur noch dadurch gesteigert, dass das hochrepetitive Beschreiben der immer gleichen Fläche mit den immer gleichen Texten sich zu einem fließenden Geschehen formt, welches zielstrebig auf die gänzliche Unterdrückung jeglicher Spuren seiner Persönlichkeit hinarbeitet. Es ist ein langsamer Prozess, der in „Family tree“ abläuft, der dafür allerdings umso unaufhaltsamer auf sein Ziel hinsteuert.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Huan schreibt hierzu:

More culture is slowly smothering us and turning our faces black.

Demzufolge erstickt jeglicher kultureller Einfluss die persönlichen Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen, macht ihn gleich und uniformiert ihn zunehmend, sodass er durch seine kollektive Prägung seine Individualität verliert. (Ein dystopischer Gedanke, der sonst nur im gegenteiligen Sinne geschildert wird: Sonst ist es die Abwesenheit von Kultur, die zur Uniformierung und Kollektivierung einer Gesellschaft führt, s. etwa THX 1138.) Der Mensch gleicht sich nach Huans Ausführung seinen Genossen an, verliert jegliche Merkmale seiner Persönlichkeit, verkommt zum kleinsten Träger einer kollektiven Bewegung, die stumm und gespenstisch dem ihr indoktrinierten Weg folgt.

Zhang Huan: Family tree„Family tree“, © Zhang Huan

Damit zeichnet Huan allerdings ein Bild vom modernen China, das sich durch ein staatlich verordnetes Kulturprogramm auszeichnet, welches in einem zwanghaften Rahmen über politisch zweckmäßige und wertlose Kultur urteilt und damit die nationale Identitätsbildung vorantreibt. Das chinesische Volk wird mit einem kleinen Kanon an ausgesuchter Literatur, Musik und Kunst erzogen und unterhalten, welcher der Obrigkeit für ihre Interessen an einem großen, sozialistischen Volkskörper passend erscheinen. Darüber hinausgehende Bildung, auch solche in Eigeninitiative, wird mangels Verfügbarkeit an entsprechenden Quellen verwehrt und so kommt jedem Bürger dieselbe (kultur-)geschichtliche Bildung zu, was letztlich nicht etwa der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, sondern nur der Ausbildung eines homogenen Volkskörpers dienlich wird.

 

Was „Family tree“ jedoch so unverwechselbar „chinesisch“ macht, sind nicht etwa die entsprechenden Schriftzeichen oder der Umstand, dass Huan nun mal Chinese ist. Es ist diese ernste Ruhe, zugleich aber der strenge und entschlossene Ausdruck, mit der diese Performance auf jenes tradierte Bild vom alten Kaiserreich Chinas zurückgreift. Zugleich ist es erst diese stille Entschlossenheit, die „Family tree“ wie auch anderen Performances Huans ihre unvergleichliche Energie verleiht. Welche Form kann wohl besser geeignet sein, ein so chinesisches Thema wie dieses anzusprechen?

Kommentare

  1. Vielen Dank! Mir ging es genauso: ich konnte gar nicht mehr aufhören, in Zhang Huan’s wunderbar umfassender website (weltraum) umherzuwandern –
    .. mir gefällt deine allmähliche Annäherung zwischen bild und text – portrait und Spiegelung (Reflexion) ausgenommen gut! Nochmals danke!

    • Ich zügle mich davor, zu viel von Huans Portfolio auf einmal anzuschauen. Zu groß die Angst, die Werke nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit zu würdigen, zu groß die Befürchtung, etwas zu verpassen oder auf einmal ein Ende zu erreichen.
      Das mit dem Bild und den Texten bot sich einfach an. Nicht oft findet man Werkzyklen, die sich so stringent entwickeln. Ganz davon abgesehen, dass die Arbeiten einfach grandios sind… 😉

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