Marzahner Lokalkolorit

09. Juli 2010 von Matthias Planitzer
Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Marzahn: wo graue Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und sozialer Verfall in einer Melange aus Trostlosigkeit und gescheitertem Sozialismus aufeinander treffen. Wo Schicksale besiegelt werden: Hier werden Menschen gemacht, die schon als Kinder keine Chance haben. Hier werden Menschen gemacht, die es zu beliebten Komikern bringen. Marzahn ist aber auch meine Heimat, ein Ort, den ich besser kenne und mehr liebe als alle jene, die über diesen Berliner Ostbezirk nicht mehr als diese vielen Klischees wissen. Als ich vor einiger Zeit die obigen Aufnahmen im Internet fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hatte ein Fotograf im Jahre 1999 diesen meinen Bezirk eingefangen und auf Film gebannt. Da hatte jemand meine Heimat fotografiert, den Ort, wo ich meine Kindheit verbracht habe: Die rechte der beiden abgebildeten Fassaden erkannte ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohnte, ein Gebäude, das heute so nicht mehr existiert. Es ist unglaublich, was ich beim Anblick dieser schlichten Bilder empfand, die ja nur die Fassadengestaltung eines in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hochgezogenen Häuserblocks festhalten. Aus Mangel an besseren Worten: "Heimweh", "Wehmut". Doch eigentlich etwas ganz anderes. Etwas Unbeschreibliches. Grund genug, mich mit der Fotoserie, dem dazugehörigen Bildband, meiner Heimat, wie ich sie in Erinnerung behalten habe und auch wie man sie jetzt vorfindet zu beschäftigen, und meine Identität zu hinterfragen. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Wenn man den Klischees glauben will, so ist Marzahn alles andere als ein Ort, an dem man wohnen und leben möchte. Man kann diese Vorurteile nicht gänzlich negieren, stammen sie doch aus der Zeit, als Marzahn als eines der größten Bauprojekte der DDR aus dem Boden gestampft wurde. Grau in grau sah hier alles aus, für Anpflanzungen war keine Zeit, auch Freizeitbeschäftigung suchte man hier vergeblich. Doch das gab sich schnell: die Bewohner begrünten ihren Bezirk auf eigene Faust, später spendierte die DDR-Führung große Freizeitzentren und sogar ein kleines Kino. Während meiner Kindheit war von jenem Klischee nichts mehr zu ahnen: Marzahn war längst ein grüner Bezirk geworden, wir Kinder fanden überall Spielplätze und -flächen, hatten im besten Sinne eine unbeschwerte Kindheit. Das obige Bild zeigt meine Grundschule etwa zu dem Zeitpunkt, als ich in der fünften oder sechsten Klasse war. Auch dieses Gebäude existiert nicht mehr, doch reicht dieses Foto allein aus, um allerhand Erinnerungen hervorsprudeln zu lassen: Tischtennis in der Hofpause, Fußball auf dem Sportplatz, mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Erinnerungen an eine Kindheit also, wie die meisten sie gehabt haben. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Das obige Foto zeigt in etwa, wie Kindheit in Marzahn aussehen konnte: Wir Kinder waren jeden Tag draußen, spielten auf den vielen Wiesen, fingen Grillen oder manchmal auch Frösche, kletterten auf Bäume, spielten Verstecken zwischen all dem Grün der Gebüsche und Wiesen und dem Grau der Plattenbauten. Als dieses Foto aufgenommen wurde, war ich gerade zehn oder elf Jahre alt, es zeigt vermutlich den Hinterhof, auf dem ich selbst so viele Sommernachmittage mit Orangeneis und Wasserpistole verbrachte. Eines der Kinder auf diesem Bild kannte ich sogar, es ging in meine Klasse, wurde oft von den anderen Kindern geärgert, war mit nur wenigen wirklich befreundet. Viele Jahre später erfuhr ich vom Tod an der Leitplanke. Jetzt schaut es mich an, von diesem elf Jahre alten Foto. Gerrit Engel bildet Erinnerungen ab. Keine wehmütigen oder gar traurigen, doch aber ganz private und wertvolle, die wohl nur schwer nachzuempfinden sind. Obgleich Engel wohl bei seinem Streifzug durch das Marzahn der ausgehenden 90er Jahre andere Ideen und Motive verfolgte, fing er doch auch für einen kleinen Kreis unter denjenigen, denen er Bericht erstattet, eine Welt ein, die sie besser kannten, als jeder andere. In der Legende des Bildbandes fehlt für dieses Foto die Ortsangabe. Was Engel wohl vergaß, kann ich aus meinem Gedächtnis ergänzen: Jan-Petersen-Straße 2-6. Erkennbar an der Fassadengestaltung, die gar nicht so trist war, wie Marzahnbesucher es wohl empfanden. Etwa drei Meter rechts vom Bild müsste sich ein großes Gebüsch, mitten auf der Wiese gelegen, befunden haben. Ich weiß noch, wie ich darin saß, Marienkäfer fing und in TicTac-Dosen sperrte. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Dann sind es Fotos wie diese, die mich in eine Welt eintauchen lassen, die in dieser Form nicht mehr existiert, die ganz meiner Erinnerung gehört, die den Mikrokosmos meiner gesamten Kindheit beherbergt. Ich kann ohnehin schon viele Erinnerungen mit einem einzigen, kleinen Detail assoziieren, Gerrit Engels Fotografien jedoch lösen in mir ein wahres Emotionalfeuerwerk aus. Es ist unglaublich, wie viele im Grunde genommen unwesentliche Assoziationen durch diese Abbildungen wieder ins Bewusstsein kommen und greifbar werden. In meinen Erinnerungen taucht Marzahn stets als ein Ort der kindlichen Unbeschwertheit und Sorglosigkeit auf. Auf diesen Fotos findet sich jedoch auch ein Bezirk, der durch Plattenbauten und Tristesse geprägt ist. Zwischen den Elfgeschossern fällt der Blick auf weitere Hochhäuser, hinter denen ein Plattenbau dem nächsten folgt. Bauten, deren Fassaden in uniforme Anonymität getaucht sind. Kein Blumenkasten, keine aufwändige Gardine, keine extravagante Fenstergestaltung durchbricht dieses Meer an trister Einheitlichkeit. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Man bekommt fast das Gefühl, Marzahn sei ein unbeseelter Ort, wo man keinen Menschen auf der Straße trifft, wo man lieber unter sich bleibt statt dem Leben da draußen zuzunicken. Es scheint, hier blinzelten die Leute vorsichtig zwischen ihren Jalousien, um eine kurzen Blick auf das erlahmte Leben vor ihren Haustüren zu erhaschen. Doch weit gefehlt: Bei Gerrit Engel stehen die Marzahner selbst im Vordergrund, die - alles andere als scheue Wesen - in ihrem Bezirk ein kleines, beschauliches Leben in Bescheidenheit führen und sich ein Kleinod teilen, das überall anders in der Republik einem unrühmlichen Ruf hinterhereilt, der so wenig mit der Realität zu tun hat. Da ist etwa ein Foto aus dem winterlichen Bürgerpark: Kinder fahren Schlitten, tollen umher, leben einen ruhigen Alltag, der wohl im besten Sinne der Begrifflichkeit des Kindseins entspricht. Das alles findet vor der Kulisse der hochaufragenden Plattenbauten statt. Auch hier wechseln sich Elfgeschosser und Hochhäuser ab, auch hier weiß man sofort, dass man in Marzahn ist. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Gerrit Engel dokumentiert hier zweierlei: Auf der einen Seite gibt er den Vorurteilen Raum, die sicherlich nicht unbedingt einer Grundlage entbehren müssen, doch aber auch das widerspiegeln, was anderswo gedacht wird. Es scheint mir, als bestätige er zunächst den Betrachter, dessen Vorwissen wohl nur aus den bekannten Klischees besteht, begibt sich mit ihm auf eine Diskussionsebene um dann - und hier liegt wohl der Kern dieser Fotoserie - ein Bild zu bieten, das eine ganz andere Sprache spricht. Engel konfrontiert mit Einblicken, die zuvor keiner kannte, die wohl manch einen Düsseldorfer oder Kreuzberger überrascht haben müssen. Marzahn sieht bei ihm auf einmal ganz anders aus, ist doch aber unverkennbar dasselbe Marzahn, von dem man zuvor so viel gehört hatte. Das Haus, in dem aufwuchs, wie es heute aussieht Er fängt aber auch auf vielen seiner Fotografien einen Bezirk in der Größe einer mittelgroßen Stadt ein, der sich im Umbruch befindet. Am besten sichtbar wird dies in den vielen Modernisierungsprojekten, die seit dem Ende der 90er Jahre das Stadtbild komplett verändert haben. Da werden Projekte des Stadtumbaus mit Lob überhäuft und der mittlerweile weit über Berliner Grenzen hinweg bekannte Erholungspark räumt den Oscar der Parkgestaltung ab. Was im Großen geht, spielt sich auch im Kleinen ab: Heute sieht Marzahn völlig anders aus als es noch Gerrit Engels vor elf Jahren sah. Zwar dominieren nach wie vor Plattenbauten die Architektur Marzahns, doch sind diese nicht mehr wiederzuerkennen. Das Grau des Betons wich bunten Farben moderner Fassadengestaltung. Mediterrane Farbgebung trifft nun auf dezent-kühle Anstriche und gibt dem Bezirk ein Gesicht, das dieser Tage wohl so manchen Besucher überrascht. Das obige Foto etwa zeigt das Haus, in dem ich aufwuchs. Verglichen mit der rechten Ansicht des Eingangsfotos tut man sich doch schwer zu glauben, es handle sich hier um ein und dasselbe Gebäude. Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn", © Gerrit Engel Doch dadurch ist nun auch all jenes ferne Vergangenheit geworden, was Gerrit Engel als Kulisse seiner Fotoserie diente. Seine Dokumentation wäre wohl nicht an einem anderen Ort, vor einem anderen Hintergrund oder in einer anderen Zeit denkbar gewesen. Sie gibt eine nicht nur örtlich, ja auch zeitlich abgeschlossene Welt wieder. Man blickt in die Augen dieser Kinder und sieht nicht etwa Gesichter von heute, man sieht Angehörige einer vergangenen Zeit, die heute Anfang, Mitte zwanzig sind. Ich gehöre zu ihnen. Ebenso könnte ich an ihrer Stelle vor Denkmälern posieren, skeptischen Blickes durch die Brille hindurch den Fotografen mustern. Ebenso könnte ich stolzerfüllt mit meinem Schlitten auf der Anhöhe stehen. Ebenso könnte ich im Kreise meiner Freunde auf irgendwelchen Wiesen tollend gesehen werden. Genau wie auch sie gehört meine Kindheit einer längst vergessenen Zeit an, die nur noch in Erinnerungen und Klischees weiterlebt. Was würden sie wohl fühlen, könnten sie sich heute auf diesen Fotos erkennen? Würden sie sich ebenso lebhaft erinnern wie ich? Könnten sie sich vielleicht sogar an jenen Tag zurückversetzen, an dem ein Fotograf aus dem Westen kam und sie in mit ihrem ganz alltäglichen Leben ablichtete? Sie würden vielleicht dasselbe empfinden wie ich. Denn Gerrit Engel dokumentierte nicht etwa bloß die Wahrheit über einen so berüchtigen Berliner Ostbezirk, er hielt doch eigentlich ein Stück meiner eigenen Identität fest. Gerrit Engel: "Marzahn", erschienen 1999 in Köln im Verlag der Buchhandlung König ISBN: 3-88375-371-8

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Mar­zahn: wo graue Plat­ten­bau­ten, Arbeits­lo­sig­keit und sozia­ler Ver­fall in einer Melan­ge aus Trost­lo­sig­keit und geschei­ter­tem Sozia­lis­mus auf­ein­an­der tref­fen. Wo Schick­sa­le besie­gelt wer­den: Hier wer­den Men­schen gemacht, die schon als Kin­der kei­ne Chan­ce haben. Hier wer­den Men­schen gemacht, die es zu belieb­ten Komi­kern brin­gen.
Mar­zahn ist aber auch mei­ne Hei­mat, ein Ort, den ich bes­ser ken­ne und mehr lie­be als alle jene, die über die­sen Ber­li­ner Ost­be­zirk nicht mehr als die­se vie­len Kli­schees wis­sen.

Als ich vor eini­ger Zeit die obi­gen Auf­nah­men im Inter­net fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hat­te ein Foto­graf im Jah­re 1999 die­sen mei­nen Bezirk ein­ge­fan­gen und auf Film gebannt. Da hat­te jemand mei­ne Hei­mat foto­gra­fiert, den Ort, wo ich mei­ne Kind­heit ver­bracht habe: Die rech­te der bei­den abge­bil­de­ten Fas­sa­den erkann­te ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohn­te, ein Gebäu­de, das heu­te so nicht mehr exis­tiert.

Es ist unglaub­lich, was ich beim Anblick die­ser schlich­ten Bil­der emp­fand, die ja nur die Fas­sa­den­ge­stal­tung eines in den spä­ten Sieb­zi­gern und frü­hen Acht­zi­gern hoch­ge­zo­ge­nen Häu­ser­blocks fest­hal­ten. Aus Man­gel an bes­se­ren Wor­ten: »Heim­weh«, »Weh­mut«. Doch eigent­lich etwas ganz ande­res. Etwas Unbe­schreib­li­ches.

Grund genug, mich mit der Foto­se­rie, dem dazu­ge­hö­ri­gen Bild­band, mei­ner Hei­mat, wie ich sie in Erin­ne­rung behal­ten habe und auch wie man sie jetzt vor­fin­det zu beschäf­ti­gen, und mei­ne Iden­ti­tät zu hin­ter­fra­gen.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Wenn man den Kli­schees glau­ben will, so ist Mar­zahn alles ande­re als ein Ort, an dem man woh­nen und leben möch­te. Man kann die­se Vor­ur­tei­le nicht gänz­lich negie­ren, stam­men sie doch aus der Zeit, als Mar­zahn als eines der größ­ten Bau­pro­jek­te der DDR aus dem Boden gestampft wur­de. Grau in grau sah hier alles aus, für Anpflan­zun­gen war kei­ne Zeit, auch Frei­zeit­be­schäf­ti­gung such­te man hier ver­geb­lich. Doch das gab sich schnell: die Bewoh­ner begrün­ten ihren Bezirk auf eige­ne Faust, spä­ter spen­dier­te die DDR-Füh­rung gro­ße Frei­zeit­zen­tren und sogar ein klei­nes Kino.

Wäh­rend mei­ner Kind­heit war von jenem Kli­schee nichts mehr zu ahnen: Mar­zahn war längst ein grü­ner Bezirk gewor­den, wir Kin­der fan­den über­all Spiel­plät­ze und -flä­chen, hat­ten im bes­ten Sin­ne eine unbe­schwer­te Kind­heit. Das obi­ge Bild zeigt mei­ne Grund­schu­le etwa zu dem Zeit­punkt, als ich in der fünf­ten oder sechs­ten Klas­se war. Auch die­ses Gebäu­de exis­tiert nicht mehr, doch reicht die­ses Foto allein aus, um aller­hand Erin­ne­run­gen her­vor­spru­deln zu las­sen: Tisch­ten­nis in der Hof­pau­se, Fuß­ball auf dem Sport­platz, mit dem Fahr­rad nach Hau­se fah­ren. Erin­ne­run­gen an eine Kind­heit also, wie die meis­ten sie gehabt haben.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Das obi­ge Foto zeigt in etwa, wie Kind­heit in Mar­zahn aus­se­hen konn­te: Wir Kin­der waren jeden Tag drau­ßen, spiel­ten auf den vie­len Wie­sen, fin­gen Gril­len oder manch­mal auch Frö­sche, klet­ter­ten auf Bäu­me, spiel­ten Ver­ste­cken zwi­schen all dem Grün der Gebü­sche und Wie­sen und dem Grau der Plat­ten­bau­ten. Als die­ses Foto auf­ge­nom­men wur­de, war ich gera­de zehn oder elf Jah­re alt, es zeigt ver­mut­lich den Hin­ter­hof, auf dem ich selbst so vie­le Som­mer­nach­mit­ta­ge mit Oran­gen­eis und Was­ser­pis­to­le ver­brach­te.

Eines der Kin­der auf die­sem Bild kann­te ich sogar, es ging in mei­ne Klas­se, wur­de oft von den ande­ren Kin­dern geär­gert, war mit nur weni­gen wirk­lich befreun­det.

Vie­le Jah­re spä­ter erfuhr ich vom Tod an der Leit­plan­ke. Jetzt schaut es mich an, von die­sem elf Jah­re alten Foto.

Ger­rit Engel bil­det Erin­ne­run­gen ab. Kei­ne weh­mü­ti­gen oder gar trau­ri­gen, doch aber ganz pri­va­te und wert­vol­le, die wohl nur schwer nach­zu­emp­fin­den sind. Obgleich Engel wohl bei sei­nem Streif­zug durch das Mar­zahn der aus­ge­hen­den 90er Jah­re ande­re Ide­en und Moti­ve ver­folg­te, fing er doch auch für einen klei­nen Kreis unter den­je­ni­gen, denen er Bericht erstat­tet, eine Welt ein, die sie bes­ser kann­ten, als jeder ande­re.

In der Legen­de des Bild­ban­des fehlt für die­ses Foto die Orts­an­ga­be. Was Engel wohl ver­gaß, kann ich aus mei­nem Gedächt­nis ergän­zen: Jan-Peter­sen-Stra­ße 2–6. Erkenn­bar an der Fas­sa­den­ge­stal­tung, die gar nicht so trist war, wie Mar­zahn­be­su­cher es wohl emp­fan­den. Etwa drei Meter rechts vom Bild müss­te sich ein gro­ßes Gebüsch, mit­ten auf der Wie­se gele­gen, befun­den haben. Ich weiß noch, wie ich dar­in saß, Mari­en­kä­fer fing und in TicT­ac-Dosen sperr­te.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Dann sind es Fotos wie die­se, die mich in eine Welt ein­tau­chen las­sen, die in die­ser Form nicht mehr exis­tiert, die ganz mei­ner Erin­ne­rung gehört, die den Mikro­kos­mos mei­ner gesam­ten Kind­heit beher­bergt. Ich kann ohne­hin schon vie­le Erin­ne­run­gen mit einem ein­zi­gen, klei­nen Detail asso­zi­ie­ren, Ger­rit Engels Foto­gra­fi­en jedoch lösen in mir ein wah­res Emo­tio­nal­feu­er­werk aus. Es ist unglaub­lich, wie vie­le im Grun­de genom­men unwe­sent­li­che Asso­zia­tio­nen durch die­se Abbil­dun­gen wie­der ins Bewusst­sein kom­men und greif­bar wer­den.

In mei­nen Erin­ne­run­gen taucht Mar­zahn stets als ein Ort der kind­li­chen Unbe­schwert­heit und Sorg­lo­sig­keit auf. Auf die­sen Fotos fin­det sich jedoch auch ein Bezirk, der durch Plat­ten­bau­ten und Tris­tesse geprägt ist. Zwi­schen den Elf­ge­schos­sern fällt der Blick auf wei­te­re Hoch­häu­ser, hin­ter denen ein Plat­ten­bau dem nächs­ten folgt. Bau­ten, deren Fas­sa­den in uni­for­me Anony­mi­tät getaucht sind. Kein Blu­men­kas­ten, kei­ne auf­wän­di­ge Gar­di­ne, kei­ne extra­va­gan­te Fens­ter­ge­stal­tung durch­bricht die­ses Meer an tris­ter Ein­heit­lich­keit.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Man bekommt fast das Gefühl, Mar­zahn sei ein unbe­seel­ter Ort, wo man kei­nen Men­schen auf der Stra­ße trifft, wo man lie­ber unter sich bleibt statt dem Leben da drau­ßen zuzu­ni­cken. Es scheint, hier blin­zel­ten die Leu­te vor­sich­tig zwi­schen ihren Jalou­si­en, um eine kur­zen Blick auf das erlahm­te Leben vor ihren Haus­tü­ren zu erha­schen.

Doch weit gefehlt: Bei Ger­rit Engel ste­hen die Mar­zahner selbst im Vor­der­grund, die — alles ande­re als scheue Wesen — in ihrem Bezirk ein klei­nes, beschau­li­ches Leben in Beschei­den­heit füh­ren und sich ein Klein­od tei­len, das über­all anders in der Repu­blik einem unrühm­li­chen Ruf hin­ter­her­eilt, der so wenig mit der Rea­li­tät zu tun hat.

Da ist etwa ein Foto aus dem win­ter­li­chen Bür­ger­park: Kin­der fah­ren Schlit­ten, tol­len umher, leben einen ruhi­gen All­tag, der wohl im bes­ten Sin­ne der Begriff­lich­keit des Kind­seins ent­spricht. Das alles fin­det vor der Kulis­se der hoch­auf­ra­gen­den Plat­ten­bau­ten statt. Auch hier wech­seln sich Elf­ge­schos­ser und Hoch­häu­ser ab, auch hier weiß man sofort, dass man in Mar­zahn ist.

Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Ger­rit Engel doku­men­tiert hier zwei­er­lei: Auf der einen Sei­te gibt er den Vor­ur­tei­len Raum, die sicher­lich nicht unbe­dingt einer Grund­la­ge ent­beh­ren müs­sen, doch aber auch das wider­spie­geln, was anders­wo gedacht wird. Es scheint mir, als bestä­ti­ge er zunächst den Betrach­ter, des­sen Vor­wis­sen wohl nur aus den bekann­ten Kli­schees besteht, begibt sich mit ihm auf eine Dis­kus­si­ons­ebe­ne um dann — und hier liegt wohl der Kern die­ser Foto­se­rie — ein Bild zu bie­ten, das eine ganz ande­re Spra­che spricht.

Engel kon­fron­tiert mit Ein­bli­cken, die zuvor kei­ner kann­te, die wohl manch einen Düs­sel­dor­fer oder Kreuz­ber­ger über­rascht haben müs­sen. Mar­zahn sieht bei ihm auf ein­mal ganz anders aus, ist doch aber unver­kenn­bar das­sel­be Mar­zahn, von dem man zuvor so viel gehört hat­te.

Das Haus, in dem ich aufwuchs, wie es heute aussiehtDas Haus, in dem auf­wuchs, wie es heu­te aus­sieht

Er fängt aber auch auf vie­len sei­ner Foto­gra­fi­en einen Bezirk in der Grö­ße einer mit­tel­gro­ßen Stadt ein, der sich im Umbruch befin­det. Am bes­ten sicht­bar wird dies in den vie­len Moder­ni­sie­rungs­pro­jek­ten, die seit dem Ende der 90er Jah­re das Stadt­bild kom­plett ver­än­dert haben. Da wer­den Pro­jek­te des Stadt­um­baus mit Lob über­häuft und der mitt­ler­wei­le weit über Ber­li­ner Gren­zen hin­weg bekann­te Erho­lungs­park räumt den Oscar der Park­ge­stal­tung ab. Was im Gro­ßen geht, spielt sich auch im Klei­nen ab: Heu­te sieht Mar­zahn völ­lig anders aus als es noch Ger­rit Engels vor elf Jah­ren sah.

Zwar domi­nie­ren nach wie vor Plat­ten­bau­ten die Archi­tek­tur Mar­zahns, doch sind die­se nicht mehr wie­der­zu­er­ken­nen. Das Grau des Betons wich bun­ten Far­ben moder­ner Fas­sa­den­ge­stal­tung. Medi­ter­ra­ne Farb­ge­bung trifft nun auf dezent-küh­le Anstri­che und gibt dem Bezirk ein Gesicht, das die­ser Tage wohl so man­chen Besu­cher über­rascht. Das obi­ge Foto etwa zeigt das Haus, in dem ich auf­wuchs. Ver­gli­chen mit der rech­ten Ansicht des Ein­gangs­fo­tos tut man sich doch schwer zu glau­ben, es hand­le sich hier um ein und das­sel­be Gebäu­de.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie »Mar­zahn«, © Ger­rit Engel

Doch dadurch ist nun auch all jenes fer­ne Ver­gan­gen­heit gewor­den, was Ger­rit Engel als Kulis­se sei­ner Foto­se­rie dien­te. Sei­ne Doku­men­ta­ti­on wäre wohl nicht an einem ande­ren Ort, vor einem ande­ren Hin­ter­grund oder in einer ande­ren Zeit denk­bar gewe­sen. Sie gibt eine nicht nur ört­lich, ja auch zeit­lich abge­schlos­se­ne Welt wie­der. Man blickt in die Augen die­ser Kin­der und sieht nicht etwa Gesich­ter von heu­te, man sieht Ange­hö­ri­ge einer ver­gan­ge­nen Zeit, die heu­te Anfang, Mit­te zwan­zig sind.

Ich gehö­re zu ihnen. Eben­so könn­te ich an ihrer Stel­le vor Denk­mä­lern posie­ren, skep­ti­schen Bli­ckes durch die Bril­le hin­durch den Foto­gra­fen mus­tern. Eben­so könn­te ich stol­zer­füllt mit mei­nem Schlit­ten auf der Anhö­he ste­hen. Eben­so könn­te ich im Krei­se mei­ner Freun­de auf irgend­wel­chen Wie­sen tol­lend gese­hen wer­den. Genau wie auch sie gehört mei­ne Kind­heit einer längst ver­ges­se­nen Zeit an, die nur noch in Erin­ne­run­gen und Kli­schees wei­ter­lebt.

Was wür­den sie wohl füh­len, könn­ten sie sich heu­te auf die­sen Fotos erken­nen? Wür­den sie sich eben­so leb­haft erin­nern wie ich? Könn­ten sie sich viel­leicht sogar an jenen Tag zurück­ver­set­zen, an dem ein Foto­graf aus dem Wes­ten kam und sie in mit ihrem ganz all­täg­li­chen Leben ablich­te­te?

Sie wür­den viel­leicht das­sel­be emp­fin­den wie ich. Denn Ger­rit Engel doku­men­tier­te nicht etwa bloß die Wahr­heit über einen so berüch­ti­gen Ber­li­ner Ost­be­zirk, er hielt doch eigent­lich ein Stück mei­ner eige­nen Iden­ti­tät fest.

Ger­rit Engel: »Mar­zahn«,
erschie­nen 1999 in Köln im Ver­lag der Buch­hand­lung König
ISBN: 3–88375-371–8

Kommentare

  1. Einen wei­te­ren vor­ur­teils­lo­sen Ein­blick in Mar­zahn und über sei­ne Bewoh­ner gab’s übri­gens mal beim Deutsch­land­ra­dio. Auch in Text­form.