Marzahner Lokalkolorit

Das Emotionalfeuerwerk hinter Kunst mit Heimatbezug

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Mar­zahn: wo graue Plat­ten­bau­ten, Arbeits­lo­sig­keit und sozia­ler Ver­fall in einer Melange aus Trost­lo­sig­keit und geschei­ter­tem Sozia­lis­mus auf­ein­an­der tref­fen. Wo Schick­sale besie­gelt wer­den: Hier wer­den Men­schen gemacht, die schon als Kin­der keine Chance haben. Hier wer­den Men­schen gemacht, die es zu belieb­ten Komi­kern brin­gen.
Mar­zahn ist aber auch meine Hei­mat, ein Ort, den ich bes­ser kenne und mehr liebe als alle jene, die über die­sen Ber­li­ner Ost­be­zirk nicht mehr als diese vie­len Kli­schees wissen.

Als ich vor eini­ger Zeit die obi­gen Auf­nah­men im Inter­net fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hatte ein Foto­graf im Jahre 1999 die­sen mei­nen Bezirk ein­ge­fan­gen und auf Film gebannt. Da hatte jemand meine Hei­mat foto­gra­fiert, den Ort, wo ich meine Kind­heit ver­bracht habe: Die rechte der bei­den abge­bil­de­ten Fas­sa­den erkannte ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohnte, ein Gebäude, das heute so nicht mehr existiert.

Es ist unglaub­lich, was ich beim Anblick die­ser schlich­ten Bil­der emp­fand, die ja nur die Fas­sa­den­ge­stal­tung eines in den spä­ten Sieb­zi­gern und frü­hen Acht­zi­gern hoch­ge­zo­ge­nen Häu­ser­blocks fest­hal­ten. Aus Man­gel an bes­se­ren Wor­ten: “Heim­weh”, “Weh­mut”. Doch eigent­lich etwas ganz ande­res. Etwas Unbeschreibliches.

Grund genug, mich mit der Foto­se­rie, dem dazu­ge­hö­ri­gen Bild­band, mei­ner Hei­mat, wie ich sie in Erin­ne­rung behal­ten habe und auch wie man sie jetzt vor­fin­det zu beschäf­ti­gen, und meine Iden­ti­tät zu hinterfragen.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Wenn man den Kli­schees glau­ben will, so ist Mar­zahn alles andere als ein Ort, an dem man woh­nen und leben möchte. Man kann diese Vor­ur­teile nicht gänz­lich negie­ren, stam­men sie doch aus der Zeit, als Mar­zahn als eines der größ­ten Bau­pro­jekte der DDR aus dem Boden gestampft wurde. Grau in grau sah hier alles aus, für Anpflan­zun­gen war keine Zeit, auch Frei­zeit­be­schäf­ti­gung suchte man hier ver­geb­lich. Doch das gab sich schnell: die Bewoh­ner begrün­ten ihren Bezirk auf eigene Faust, spä­ter spen­dierte die DDR-Führung große Frei­zeit­zen­tren und sogar ein klei­nes Kino.

Wäh­rend mei­ner Kind­heit war von jenem Kli­schee nichts mehr zu ahnen: Mar­zahn war längst ein grü­ner Bezirk gewor­den, wir Kin­der fan­den über­all Spiel­plätze und –flä­chen, hat­ten im bes­ten Sinne eine unbe­schwerte Kind­heit. Das obige Bild zeigt meine Grund­schule etwa zu dem Zeit­punkt, als ich in der fünf­ten oder sechs­ten Klasse war. Auch die­ses Gebäude exis­tiert nicht mehr, doch reicht die­ses Foto allein aus, um aller­hand Erin­ne­run­gen her­vor­spru­deln zu las­sen: Tisch­ten­nis in der Hof­pause, Fuß­ball auf dem Sport­platz, mit dem Fahr­rad nach Hause fah­ren. Erin­ne­run­gen an eine Kind­heit also, wie die meis­ten sie gehabt haben.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Das obige Foto zeigt in etwa, wie Kind­heit in Mar­zahn aus­se­hen konnte: Wir Kin­der waren jeden Tag drau­ßen, spiel­ten auf den vie­len Wie­sen, fin­gen Gril­len oder manch­mal auch Frö­sche, klet­ter­ten auf Bäume, spiel­ten Ver­ste­cken zwi­schen all dem Grün der Gebü­sche und Wie­sen und dem Grau der Plat­ten­bau­ten. Als die­ses Foto auf­ge­nom­men wurde, war ich gerade zehn oder elf Jahre alt, es zeigt ver­mut­lich den Hin­ter­hof, auf dem ich selbst so viele Som­mer­nach­mit­tage mit Oran­gen­eis und Was­ser­pis­tole verbrachte.

Eines der Kin­der auf die­sem Bild kannte ich sogar, es ging in meine Klasse, wurde oft von den ande­ren Kin­dern geär­gert, war mit nur weni­gen wirk­lich befreundet.

Viele Jahre spä­ter erfuhr ich vom Tod an der Leit­planke. Jetzt schaut es mich an, von die­sem elf Jahre alten Foto.

Ger­rit Engel bil­det Erin­ne­run­gen ab. Keine weh­mü­ti­gen oder gar trau­ri­gen, doch aber ganz pri­vate und wert­volle, die wohl nur schwer nach­zu­emp­fin­den sind. Obgleich Engel wohl bei sei­nem Streif­zug durch das Mar­zahn der aus­ge­hen­den 90er Jahre andere Ideen und Motive ver­folgte, fing er doch auch für einen klei­nen Kreis unter den­je­ni­gen, denen er Bericht erstat­tet, eine Welt ein, die sie bes­ser kann­ten, als jeder andere.

In der Legende des Bild­ban­des fehlt für die­ses Foto die Orts­an­gabe. Was Engel wohl ver­gaß, kann ich aus mei­nem Gedächt­nis ergän­zen: Jan-Petersen-Straße 2–6. Erkenn­bar an der Fas­sa­den­ge­stal­tung, die gar nicht so trist war, wie Mar­zahn­be­su­cher es wohl emp­fan­den. Etwa drei Meter rechts vom Bild müsste sich ein gro­ßes Gebüsch, mit­ten auf der Wiese gele­gen, befun­den haben. Ich weiß noch, wie ich darin saß, Mari­en­kä­fer fing und in TicTac-Dosen sperrte.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Dann sind es Fotos wie diese, die mich in eine Welt ein­tau­chen las­sen, die in die­ser Form nicht mehr exis­tiert, die ganz mei­ner Erin­ne­rung gehört, die den Mikro­kos­mos mei­ner gesam­ten Kind­heit beher­bergt. Ich kann ohne­hin schon viele Erin­ne­run­gen mit einem ein­zi­gen, klei­nen Detail asso­zi­ie­ren, Ger­rit Engels Foto­gra­fien jedoch lösen in mir ein wah­res Emo­tio­nal­feu­er­werk aus. Es ist unglaub­lich, wie viele im Grunde genom­men unwe­sent­li­che Asso­zia­tio­nen durch diese Abbil­dun­gen wie­der ins Bewusst­sein kom­men und greif­bar werden.

In mei­nen Erin­ne­run­gen taucht Mar­zahn stets als ein Ort der kind­li­chen Unbe­schwert­heit und Sorg­lo­sig­keit auf. Auf die­sen Fotos fin­det sich jedoch auch ein Bezirk, der durch Plat­ten­bau­ten und Tris­tesse geprägt ist. Zwi­schen den Elf­ge­schos­sern fällt der Blick auf wei­tere Hoch­häu­ser, hin­ter denen ein Plat­ten­bau dem nächs­ten folgt. Bau­ten, deren Fas­sa­den in uni­forme Anony­mi­tät getaucht sind. Kein Blu­men­kas­ten, keine auf­wän­dige Gar­dine, keine extra­va­gante Fens­ter­ge­stal­tung durch­bricht die­ses Meer an tris­ter Einheitlichkeit.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Man bekommt fast das Gefühl, Mar­zahn sei ein unbe­seel­ter Ort, wo man kei­nen Men­schen auf der Straße trifft, wo man lie­ber unter sich bleibt statt dem Leben da drau­ßen zuzu­ni­cken. Es scheint, hier blin­zel­ten die Leute vor­sich­tig zwi­schen ihren Jalou­sien, um eine kur­zen Blick auf das erlahmte Leben vor ihren Haus­tü­ren zu erhaschen.

Doch weit gefehlt: Bei Ger­rit Engel ste­hen die Mar­zah­ner selbst im Vor­der­grund, die – alles andere als scheue Wesen – in ihrem Bezirk ein klei­nes, beschau­li­ches Leben in Beschei­den­heit füh­ren und sich ein Kleinod tei­len, das über­all anders in der Repu­blik einem unrühm­li­chen Ruf hin­ter­he­reilt, der so wenig mit der Rea­li­tät zu tun hat.

Da ist etwa ein Foto aus dem win­ter­li­chen Bür­ger­park: Kin­der fah­ren Schlit­ten, tol­len umher, leben einen ruhi­gen All­tag, der wohl im bes­ten Sinne der Begriff­lich­keit des Kind­seins ent­spricht. Das alles fin­det vor der Kulisse der hoch­auf­ra­gen­den Plat­ten­bau­ten statt. Auch hier wech­seln sich Elf­ge­schos­ser und Hoch­häu­ser ab, auch hier weiß man sofort, dass man in Mar­zahn ist.

Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Ger­rit Engel doku­men­tiert hier zwei­er­lei: Auf der einen Seite gibt er den Vor­ur­tei­len Raum, die sicher­lich nicht unbe­dingt einer Grund­lage ent­beh­ren müs­sen, doch aber auch das wider­spie­geln, was anderswo gedacht wird. Es scheint mir, als bestä­tige er zunächst den Betrach­ter, des­sen Vor­wis­sen wohl nur aus den bekann­ten Kli­schees besteht, begibt sich mit ihm auf eine Dis­kus­si­ons­ebene um dann – und hier liegt wohl der Kern die­ser Foto­se­rie – ein Bild zu bie­ten, das eine ganz andere Spra­che spricht.

Engel kon­fron­tiert mit Ein­bli­cken, die zuvor kei­ner kannte, die wohl manch einen Düs­sel­dor­fer oder Kreuz­ber­ger über­rascht haben müs­sen. Mar­zahn sieht bei ihm auf ein­mal ganz anders aus, ist doch aber unver­kenn­bar das­selbe Mar­zahn, von dem man zuvor so viel gehört hatte.

Das Haus, in dem ich aufwuchs, wie es heute aussiehtDas Haus, in dem auf­wuchs, wie es heute aussieht

Er fängt aber auch auf vie­len sei­ner Foto­gra­fien einen Bezirk in der Größe einer mit­tel­gro­ßen Stadt ein, der sich im Umbruch befin­det. Am bes­ten sicht­bar wird dies in den vie­len Moder­ni­sie­rungs­pro­jek­ten, die seit dem Ende der 90er Jahre das Stadt­bild kom­plett ver­än­dert haben. Da wer­den Pro­jekte des Stadt­um­baus mit Lob über­häuft und der mitt­ler­weile weit über Ber­li­ner Gren­zen hin­weg bekannte Erho­lungs­park räumt den Oscar der Park­ge­stal­tung ab. Was im Gro­ßen geht, spielt sich auch im Klei­nen ab: Heute sieht Mar­zahn völ­lig anders aus als es noch Ger­rit Engels vor elf Jah­ren sah.

Zwar domi­nie­ren nach wie vor Plat­ten­bau­ten die Archi­tek­tur Mar­zahns, doch sind diese nicht mehr wie­der­zu­er­ken­nen. Das Grau des Betons wich bun­ten Far­ben moder­ner Fas­sa­den­ge­stal­tung. Medi­ter­rane Farb­ge­bung trifft nun auf dezent-kühle Anstri­che und gibt dem Bezirk ein Gesicht, das die­ser Tage wohl so man­chen Besu­cher über­rascht. Das obige Foto etwa zeigt das Haus, in dem ich auf­wuchs. Ver­gli­chen mit der rech­ten Ansicht des Ein­gangs­fo­tos tut man sich doch schwer zu glau­ben, es handle sich hier um ein und das­selbe Gebäude.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie “Mar­zahn”, © Ger­rit Engel

Doch dadurch ist nun auch all jenes ferne Ver­gan­gen­heit gewor­den, was Ger­rit Engel als Kulisse sei­ner Foto­se­rie diente. Seine Doku­men­ta­tion wäre wohl nicht an einem ande­ren Ort, vor einem ande­ren Hin­ter­grund oder in einer ande­ren Zeit denk­bar gewe­sen. Sie gibt eine nicht nur örtlich, ja auch zeit­lich abge­schlos­sene Welt wie­der. Man blickt in die Augen die­ser Kin­der und sieht nicht etwa Gesich­ter von heute, man sieht Ange­hö­rige einer ver­gan­ge­nen Zeit, die heute Anfang, Mitte zwan­zig sind.

Ich gehöre zu ihnen. Ebenso könnte ich an ihrer Stelle vor Denk­mä­lern posie­ren, skep­ti­schen Bli­ckes durch die Brille hin­durch den Foto­gra­fen mus­tern. Ebenso könnte ich stol­zer­füllt mit mei­nem Schlit­ten auf der Anhöhe ste­hen. Ebenso könnte ich im Kreise mei­ner Freunde auf irgend­wel­chen Wie­sen tol­lend gese­hen wer­den. Genau wie auch sie gehört meine Kind­heit einer längst ver­ges­se­nen Zeit an, die nur noch in Erin­ne­run­gen und Kli­schees weiterlebt.

Was wür­den sie wohl füh­len, könn­ten sie sich heute auf die­sen Fotos erken­nen? Wür­den sie sich ebenso leb­haft erin­nern wie ich? Könn­ten sie sich viel­leicht sogar an jenen Tag zurück­ver­set­zen, an dem ein Foto­graf aus dem Wes­ten kam und sie in mit ihrem ganz all­täg­li­chen Leben ablichtete?

Sie wür­den viel­leicht das­selbe emp­fin­den wie ich. Denn Ger­rit Engel doku­men­tierte nicht etwa bloß die Wahr­heit über einen so berüch­ti­gen Ber­li­ner Ost­be­zirk, er hielt doch eigent­lich ein Stück mei­ner eige­nen Iden­ti­tät fest.

Ger­rit Engel: “Mar­zahn”,
erschie­nen 1999 in Köln im Ver­lag der Buch­hand­lung König
ISBN: 3−88375−371−8


Kommentare

  1. Mat­thias schrieb am 9. Juli 2010:

    Einen wei­te­ren vor­ur­teils­lo­sen Ein­blick in Mar­zahn und über seine Bewoh­ner gab’s übri­gens mal beim Deutsch­land­ra­dio. Auch in Text­form.