Ex Antarctica lux

23. Juli 2010 von Matthias Planitzer
"Stellar Axis: Antarctica", © Lita Albuquerque Gelegentlich kann man in der zeitgenössischen Kunst den Gebrauch von kartographischen Methoden wiederfinden. Dann bedienen sich die Künstler der mathematischen Präzision, um die Elemente ihres Werkes in einem definierten Raum neu zu verorten und zu arrangieren und somit neue Beziehungen herzustellen. Beispiele hierfür sind meines Wissens rar gesät, jedoch erfreut es mich stets, neue Kunst kennenzulernen, die sich dem Medium "Landkarte" verschrieben hat. So geschehen als ich kürzlich über Lita Albuequerques Großprojekt "Stellar Axis: Antarctica" stolperte: Die Künstlerin erschuf hierzu auf dem antarktischen Kontinent, inmitten schneeüberzogener Berge und Eiswüsten aus 99 blauen Kugeln ein originalgetreues Abbild des Sternenhimmels über dem Südpol und erinnert uns ganz nebenbei an unsere Bedeutungslosigkeit im kosmischen Gefüge.

Lita Albuquerque: Stellar Axis: Antarctica»Stel­lar Axis: Ant­arc­tica«, © Lita Albu­quer­que

Gele­gent­lich kann man in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst den Gebrauch von kar­to­gra­phi­schen Metho­den wie­der­fin­den. Dann bedie­nen sich die Künst­ler der mathe­ma­ti­schen Prä­zi­si­on, um die Ele­men­te ihres Wer­kes in einem defi­nier­ten Raum neu zu ver­or­ten und zu arran­gie­ren und somit neue Bezie­hun­gen her­zu­stel­len. Bei­spie­le hier­für sind mei­nes Wis­sens rar gesät, jedoch erfreut es mich stets, neue Kunst ken­nen­zu­ler­nen, die sich dem Medi­um »Land­kar­te« ver­schrie­ben hat.

So gesche­hen als ich kürz­lich über Lita Albue­quer­ques Groß­pro­jekt »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica« stol­per­te: Die Künst­le­rin erschuf hier­zu auf dem ant­ark­ti­schen Kon­ti­nent, inmit­ten schnee­über­zo­ge­ner Ber­ge und Eis­wüs­ten aus 99 blau­en Kugeln ein ori­gi­nal­ge­treu­es Abbild des Ster­nen­him­mels über dem Süd­pol und erin­nert uns ganz neben­bei an unse­re Bedeu­tungs­lo­sig­keit im kos­mi­schen Gefü­ge.

Lita Albuquerque: Stellar Axis: Antarctica»Stel­lar Axis: Ant­arc­tica«, © Lita Albu­quer­que

Die Idee ist schnell erklärt: Lita Albu­quer­que ord­ne­te für »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica« 99 blaue Kugeln unter­schied­li­cher Grö­ße genau so unter dem ant­ark­ti­schen Him­mel an, dass sie ein Abbild des dor­ti­gen Ster­nen­him­mels zur Som­mer­son­nen­wen­de der süd­li­chen Hemi­sphä­re erga­ben. Hel­le­re Ster­ne fan­den durch grö­ße­re Kugeln, weni­ger hel­ler schei­nen­de Ster­ne durch klei­ne­re Kugeln ihr Äqui­va­lent auf dem kal­ten Boden des Ross-Schelf­ei­ses. Die Eigen­ro­ta­ti­on der Erde sowie der Umlauf um die Son­ne zeich­ne­ten im Ver­lauf eine unsicht­ba­re Spur durch den Schnee, die spi­ral­för­mig von den Ster­nen­äqui­va­len­ten aus­ging und im Jah­res­rhyth­mus wie­der zur ursprüng­li­chen Kon­stel­la­ti­on zurück­fand.

Zum Ende der auf zwei Jah­re aus­ge­leg­ten ephe­me­ren Instal­la­ti­on ver­sam­mel­te Albu­quer­que Wis­sen­schaft­ler und Mit­ar­bei­ter der nahe gele­ge­nen McMur­do-Sta­ti­on zu einer Per­for­mance, bei der jener spi­ral­för­mi­ge Ver­lauf gemein­sam abge­schrit­ten und so durch unzäh­li­ge Fuß­spu­ren im Schnee sicht­bar gemacht wer­den soll­te.

Lita Albuquerque: Stellar Axis: Antarctica»Stel­lar Axis: Ant­arc­tica«, © Lita Albu­quer­que

Ein Jahr spä­ter, 2007, ent­stand ana­log zur Per­for­mance im Süd­po­lar­meer am Nord­pol eine ähn­li­che spi­ral­för­mi­ge Kar­tie­rung per pedes, die unter ähn­li­chem Auf­wand durch­ge­führt wur­de. Allein für den den ant­ark­ti­schen Teil ihres Dipty­chons wen­de­te Albu­quer­que beein­dru­cken­de logis­ti­sche Res­sour­cen auf. Nach einer lan­gen Peri­ode der For­schung und Pla­nung, etwa wie man die Instal­la­ti­on vor den star­ken Win­den und stren­gen Tem­pe­ra­tu­ren schützt, konn­te das Team um die Künst­le­rin mit­hil­fe der US Air­force die Kugeln zum Bestim­mungs­ort trans­por­tie­ren und dort mit dem Auf­bau begin­nen.

Was so nach nur fünf Tagen ent­stand, war ein per­fek­tes Abbild des süd­li­chen Ster­nen­him­mels. Lita Albu­quer­que hol­te mit »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica« buch­stäb­lich die Ster­ne vom Him­mel, trans­fe­rier­te sie in einen Maß­stab mensch­li­chen Aus­ma­ßes und gab ihnen eine greif­ba­re Gestalt. Wenigs­tens eine poten­ti­ell greif­ba­re Gestalt, hat­ten doch nur sehr weni­ge Per­so­nen die Gele­gen­heit, die Instal­la­ti­on wäh­rend ihres zwei­jäh­ri­gen Bestehens aus nächs­ter Nähe zu sehen.

Lita Albuquerque: Stellar Axis: Antarctica»Stel­lar Axis: Ant­arc­tica«, © Lita Albu­quer­que

Das Gros der­je­ni­gen, die von »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica« erfuh­ren und erfah­ren, sind auf Fotos ange­wie­sen, die wie­der­um nur eine Kar­tie­rung jener im Ross-Schelf­eis Gestalt gewor­de­nen Kar­te dar­stel­len. Den­noch bleibt Albu­quer­ques Groß­in­stal­la­ti­on greif­ba­rer als jede papier­ne Ster­nen­kar­te, sind hier doch Ster­ne in einem erfahr­ba­ren Maß­stab mate­ria­li­siert. Die Wei­te des Ster­nen­fel­des dürf­te auch Betrach­ter der Foto­gra­fi­en beein­dru­cken, die stand­punkt­fer­ne Ster­ne als uner­reich­bar erschei­nen lässt. Man kann die Anla­ge förm­lich abschrei­ten und dabei erah­nen, wel­che galak­ti­schen Dimen­sio­nen hier ver­bor­gen sind.

Dabei bleibt der Bezug zwi­schen Abbild und Ori­gi­nal am Fir­ma­ment stets erhal­ten. Selbst wenn tags­über am Him­mel kei­ne Ster­ne zu sehen sind, erin­nern die blau­en Sphä­ren, die nicht zufäl­lig das Him­mes­blau wider­spie­geln, an die stän­di­ge Anwe­sen­heit ihrer Kor­re­la­ten am Him­mels­zelt. Wir, die städ­ti­sche Bevöl­ke­rung, die dank Stra­ßen- und sons­ti­ger Nacht­be­leuch­tung ein nächt­li­ches Hin­ter­grund­rau­schen an unzäh­li­gen Licht­quel­len erzeugt, haben uns den Blick auf die Ster­ne selbst ver­baut und auch dadurch die­sen Blick ver­lernt. Obgleich einst der nächt­li­che Ster­nen­him­mel eine gro­ße Bedeu­tung für uns hat­te, ist er doch mitt­ler­wei­le in Ver­ges­sen­heit gera­ten und kann nur noch für roman­ti­sche Som­mer­näch­te und ambi­tio­nier­ten (Amateur-)Forschergeist her­hal­ten.

Lita Albu­quer­que erin­nert an die Ster­ne über unse­rem Him­mel, die tags wie nachts da sind und immer da waren, indem sie sie ein­fach auf die Erde holt, dort­hin wo der gemei­ne Städ­ter für gewöhn­lich sei­nen Blick hin­wen­det. Albu­quer­ques »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica« ist also ein Ver­weis auf jene Kon­stan­ten des irdi­schen Lebens, die es in sei­nen kos­mi­schen Zusam­men­hang ein­ord­net, wel­che es so win­zig klein erschei­nen las­sen, wie es in unse­rer heu­ti­gen Zeit nur noch Star Trek und Kon­sor­ten ver­mö­gen.

Lita Albuquerque: Teil der Performance zur Stellar Axis: AntarcticaTeil der Per­for­mance zu »Stel­lar Axis: Ant­arc­tica«, © Lita Albu­quer­que

Die­ser Umstand wird noch durch die abschlie­ßen­de Per­for­mance betont. Die schein­ba­re Rota­ti­on der Kon­stel­la­tio­nen am Him­mel wird aus­schließ­lich durch die Eigen­be­we­gung der Erde bedingt, denn eigent­lich ste­hen die Ster­ne still. Durch Sicht­bar­ma­chung die­ser Rota­ti­ons­be­we­gung in der Per­for­mance zum Schluss des zwei­jäh­ri­gen Bestehens der Instal­la­ti­on wird die Win­zig­keit der Erde gemes­sen an inter­stel­la­ren Maß­stä­ben noch ein­mal her­vor­ge­ho­ben.

Hier setzt auch »Stel­lar Axis: North­po­le« an, wofür eben­falls eine Spi­ra­le in den Schnee gezeich­net wur­de. Die bei­den Tei­le des Werks bezeich­nen die Durch­tritts­punk­te der Erd­ach­se auf der Ober­flä­che und unter­strei­chen damit noch­mals die Rol­le des Pla­ne­ten Erde im Welt­raum.

Und doch bleibt »Stel­lar Axis« eben­so fern wie die Ster­ne, auf die es sich bezieht, und zeich­net so einen Abriss von der Bedeu­tungs­lo­sig­keit unse­rer Erde im kos­mi­schen Gefü­ge: So unbe­deu­tend, weil irrele­vant für unse­ren All­tag, »Stel­lar Axis« für uns ist, so gering sind auch wir in kos­mi­schen Grö­ßen­ord­nun­gen. »Stel­lar Axis« macht Maß­stä­be sicht­bar, ist ein Spie­gel der inter­stel­la­ren Ord­nung.