Der Letzte macht das Licht aus

02. Juli 2010 von Matthias Planitzer
Das Tollhaus des John Bock Im September 2008 war's, als auf dem Schlossplatz ein Projekt seine Taufe feierte, das von vornherein nur für zwei Jahre bestehen sollte. Nachdem sich zuvor zeigte, dass in Berlin eine Ausstellungsplattform für heimische und hier sesshaft gewordene Künstler fehlte, konnte das privat initiierte Projekt der Temporären Kunsthalle den Senat überzeugen und so kam es auch im Juni 2008 zum ersten Spatenstich. In dieser kurzen Zeit konnte sich der Ausstellungsort erstaunlich schnell als wichtige Adresse in der Berliner Kunstszene etablieren. Nun rückt das Jubiläum immer näher; die Temporäre Kunsthalle wird an ihrem zweiten Geburtstag zu Grabe getragen werden. Gestern feierte die letzte Ausstellung "FischGrätenMelkStand" ihre Vernissage. Ich war vor Ort und habe mir ein Bild gemacht. Ein Bild, dass allen Gewohnheiten der Kunstrezeption widerspricht.

John Bock: FischGrätenMelkStandDas Toll­haus des John Bock

Im Sep­tem­ber 2008 war’s, als auf dem Schloss­platz ein Pro­jekt sei­ne Tau­fe fei­er­te, das von vorn­her­ein nur für zwei Jah­re bestehen soll­te. Nach­dem sich zuvor zeig­te, dass in Ber­lin eine Aus­stel­lungs­platt­form für hei­mi­sche und hier sess­haft gewor­de­ne Künst­ler fehl­te, konn­te das pri­vat initi­ier­te Pro­jekt der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le den Senat über­zeu­gen und so kam es auch im Juni 2008 zum ers­ten Spa­ten­stich.

In die­ser kur­zen Zeit konn­te sich der Aus­stel­lungs­ort erstaun­lich schnell als wich­ti­ge Adres­se in der Ber­li­ner Kunst­sze­ne eta­blie­ren. Nun rückt das Jubi­lä­um immer näher; die Tem­po­rä­re Kunst­hal­le wird an ihrem zwei­ten Geburts­tag zu Gra­be getra­gen wer­den. Ges­tern fei­er­te die letz­te Aus­stel­lung »Fisch­Grä­ten­MelkStand« ihre Ver­nis­sa­ge. Ich war vor Ort und habe mir ein Bild gemacht. Ein Bild, dass allen Gewohn­hei­ten der Kunst­re­zep­ti­on wider­spricht.

... und die andere Hälfte der Schlange stand sich schon im Vorraum die Füße platt.… und die ande­re Hälf­te der Schlan­ge stand sich schon im Vor­raum die Füße platt.

Bereits bei der Ankunft an der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le war klar, dass hier eine ech­te Insti­tu­ti­on ihre Abschieds­aus­stel­lung ein­läu­ten wür­de. Gegen 21.00 Uhr reich­te eine lan­ge Schlan­ge ein gutes Stück um das Gebäu­de her­um, doch alles Hadern half nichts, ich stell­te mich dann doch an. Eine knap­pe Ent­schei­dung, denn kurz hin­ter mir erklär­te eine Mit­ar­bei­tern die Schlan­ge für zu Ende, schließ­lich schlie­ße das Haus ja in zwei Stun­den sei­ne Pfor­ten. Nach 90 lan­gen Minu­ten des Anste­hens war es dann soweit: Ich durf­te end­lich die Aus­stel­lung erkun­den.

Wer das übli­che White-Cube-Modell gewohnt war, der wird nicht schlecht gestaunt haben, ließ doch John Bock ein vier­stö­cki­ges Bau­ge­rüst auf­bau­en, in dem aller­lei Räu­me ver­floch­ten waren. Da hän­gen Wohn­wa­gen in der Luft, umge­dreh­te Häu­ser unter der Decke und wech­seln sich mit Räu­men aus ver­brann­ten Piz­zen oder Auto­rei­fen ab. Was ver­rückt klingt, ist es auch — hier erin­nert gar nichts an übli­che Kura­ti­ons­kon­zep­te, hier geht es mehr wie in einem Toll­haus zu. Wer das gleich­na­mi­ge Fahr­ge­schäft kennt, das hier in Ber­lin alle Jah­re wie­der auf einem der Weih­nachts­märk­te auf­ge­baut wird, wird ahnen, was ich mei­ne.

Ein Raum aus verbrannten Pizzen. Geruch inclusive.Ein Raum aus ver­brann­ten Piz­zen. Geruch inclu­si­ve.

Die gan­ze Anla­ge gleicht mehr einem rie­si­gen Spiel­platz denn einem logisch auf­ge­bau­ten Kunst­par­cours. Da klet­tert man über die Trä­ger der Dach­kon­struk­ti­on, kriecht durch Türen, die wohl für Zwer­gen gemacht sind, besteigt Lei­tern und ringt in schie­fen Räu­men nach Balan­ce. Der Besu­cher ist gefor­dert, die Kon­struk­ti­on zu erkun­den, über die Stock­wer­ke hin­weg die hier aus­ge­stell­te Kunst zu ent­de­cken, hier und dort durch Löcher zu lugen und Sicht­ach­sen zu fin­den, die gänz­lich neue Per­spek­ti­ven bie­ten.

Denn jeder der Räu­me beher­bergt Wer­ke ver­schie­de­ner Künst­ler und ist — wenn viel­leicht auch nicht immer auf Anhieb erkenn­bar — einem The­ma gewid­met, das hier nicht nur wie gewohnt durch die aus­ge­stell­ten Arbei­ten, son­dern auch durch die Raum­ge­stal­tung reprä­sen­tiert wird. So wird dann auch die Rezep­ti­on mas­siv beein­flusst, wenn in besag­tem Raum mit dem schrä­gen Boden Arbei­ten gezeigt wer­den, die dem aktu­el­len Gleich­ge­wichts­ge­fühl wider­stre­ben.

Schiefer Raum, ausgelotete KunstSchie­fer Raum, aus­ge­lo­te­te Kunst

Und so zieht sich die­se rezep­ti­ve Ein­fluss­nah­me durch die gan­ze Aus­stel­lung. Enge Räu­me, gro­ße Räu­me, stin­ken­de Räu­me, sti­cki­ge Räu­me, dunk­le Räu­me. Die Wahr­neh­mung wird immer wie­der neu bean­sprucht, noch ehe die aus­ge­stell­ten Wer­ke selbst betrach­tet wer­den kön­nen. Da liegt auch der Knack­punkt. Zumin­dest bei der Ver­nis­sa­ge.

Das sich ste­tig neu repro­du­zie­ren­de Kalei­do­skop der Raum­ge­stal­tung lenk­te zunächst die gan­ze Auf­merk­sam­keit auf sich. Das geschäf­ti­ge Trei­ben die­ser Eröff­nung tat dann ihr übri­ges, sodass kaum Ruhe und Muße blieb, sich mit den aus­ge­stell­ten Wer­ken oder zumin­dest den Raum­kon­zep­ten zu beschäf­ti­gen. Schnell stell­te sich dadurch eine Ent­de­cker­mo­ti­va­ti­on ein, die dar­auf abziel­te, zu sehen, was die­ses wun­der­sa­me Gebäu­de wohl noch zu bie­ten habe.

Das Gerüst und die vie­len aben­teu­er­li­chen Kon­struk­tio­nen stan­den im Vor­der­grund; da kam auch nicht zuletzt wegen der bald enden­den Besuch­zeit die Kunst­be­trach­tung zu kurz. Bis dann das Aus­stel­lungs­en­de in ande­rer Form kam: Tat­säch­lich nimmt die begeh­ba­re Instal­la­ti­on nicht ein­mal die Hälf­te der Kunst­hal­le ein, der Rest bleibt bis auf eine fade Refe­renz an Urs Fischers »You« ein­fach leer. Da war er wie­der, der Anti­ty­pos White Cube.

John Bock stellt alles auf den KopfJohn Bock stellt alles auf den Kopf

John Bock stellt hier­mit zwei unter­schied­li­che Kura­ti­ons­prin­zi­pi­en gegen­über, die die zwei Pole einer mög­li­chen Rezep­ti­ons­äs­the­tik mar­kie­ren. Nüch­ter­ne Förm­lich­keit vs. mani­pu­la­ti­ves Emo­ti­ons­ka­rus­sell. Den­noch ist eine kla­re Hier­ar­chie zu erken­nen, schließ­lich befin­det sich Bocks Instal­la­ti­on ja im Inne­ren des White Cubes, wird von ihm beher­bergt und geschützt, steht also in kura­ti­ver Abhän­gig­keit. Aller­dings durch­bre­chen eini­ge weni­ge Tei­le der Instal­la­ti­on die­sen kon­ser­vie­ren­den Pan­zer, befin­den sich außer­halb des eigent­li­chen Aus­stel­lungs­rau­mes und geben den Blick auf die Stadt frei.

Die­se Instal­la­ti­on will aus­bre­chen, will sich von der tra­hier­ten Vor­stel­lung des Kon­ser­va­to­ri­ums los­lö­sen und sich in alle Him­mels­rich­tung aus­deh­nen. Die Hül­le der ster­ben­den Kunst­hal­le wird hier per­fo­riert und ent­lässt eine kura­to­ri­sche Idee, die alles dage­we­se­ne erneu­ert, allem wider­spricht, alles anders machen will. Aus der Asche des Phoe­nix ent­springt eine küh­ne Vor­stel­lung, die zeigt: Es geht auch anders.

 

Oder nicht? Sehe ich das alles womög­lich mit zu viel Begeis­te­rung und zu unkri­ti­schem Blick? Mög­lich.

In jedem Fal­le aber wird man zuge­ben müs­sen, dass die letz­te Aus­stel­lung der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le einen gelun­ge­nen Abschied dar­stellt, der ganz in der Tra­di­ti­on der bis­he­ri­gen Erfol­ge steht. Und auch, wenn man sich mit dem unge­wohn­ten Kon­zept zunächst anfreun­den muss, wird man doch nicht umhin kom­men, die Anders­ar­tig­keit und Radi­ka­li­tät von »Fisch­Grä­ten­MelkStand« anzu­er­ken­nen.

Dafür ist jeden­falls noch bis zum 31.08. aus­rei­chend Gele­gen­heit — ruhi­ge Vor­mit­ta­ge sei­en hier­für beson­ders emp­foh­len.
(Eben­so wie ein Blick in die Sei­ten­räu­me des Shop­be­reichs, wo eine klei­ner Über­blick über die zwei Jah­re des Bestehens gege­ben wird.)

P.S.: Eben erhielt ich die Ein­la­dung zum Vor­trag mit John Bock am kom­me­nen Mon­tag! Mehr Infos bei Face­book.