Der Letzte macht das Licht aus

Die Kunsthalle verabschiedet sich mit einem Knall

John Bock: FischGrätenMelkStandDas Toll­haus des John Bock

Im Sep­tem­ber 2008 war’s, als auf dem Schloss­platz ein Pro­jekt seine Taufe fei­erte, das von vorn­her­ein nur für zwei Jahre beste­hen sollte. Nach­dem sich zuvor zeigte, dass in Ber­lin eine Aus­stel­lungs­platt­form für hei­mi­sche und hier sess­haft gewor­dene Künst­ler fehlte, konnte das pri­vat initi­ierte Pro­jekt der Tem­po­rä­ren Kunst­halle den Senat über­zeu­gen und so kam es auch im Juni 2008 zum ers­ten Spatenstich.

In die­ser kur­zen Zeit konnte sich der Aus­stel­lungs­ort erstaun­lich schnell als wich­tige Adresse in der Ber­li­ner Kunst­szene eta­blie­ren. Nun rückt das Jubi­läum immer näher; die Tem­po­räre Kunst­halle wird an ihrem zwei­ten Geburts­tag zu Grabe getra­gen wer­den. Ges­tern fei­erte die letzte Aus­stel­lung “Fisch­Grä­ten­Melk­Stand” ihre Ver­nis­sage. Ich war vor Ort und habe mir ein Bild gemacht. Ein Bild, dass allen Gewohn­hei­ten der Kunst­re­zep­tion widerspricht.

... und die andere Hälfte der Schlange stand sich schon im Vorraum die Füße platt.… und die andere Hälfte der Schlange stand sich schon im Vor­raum die Füße platt.

Bereits bei der Ankunft an der Tem­po­rä­ren Kunst­halle war klar, dass hier eine echte Insti­tu­tion ihre Abschieds­aus­stel­lung ein­läu­ten würde. Gegen 21.00 Uhr reichte eine lange Schlange ein gutes Stück um das Gebäude herum, doch alles Hadern half nichts, ich stellte mich dann doch an. Eine knappe Ent­schei­dung, denn kurz hin­ter mir erklärte eine Mit­ar­bei­tern die Schlange für zu Ende, schließ­lich schließe das Haus ja in zwei Stun­den seine Pfor­ten. Nach 90 lan­gen Minu­ten des Anste­hens war es dann soweit: Ich durfte end­lich die Aus­stel­lung erkunden.

Wer das übli­che White-Cube-Modell gewohnt war, der wird nicht schlecht gestaunt haben, ließ doch John Bock ein vier­stö­cki­ges Bau­ge­rüst auf­bauen, in dem aller­lei Räume ver­floch­ten waren. Da hän­gen Wohn­wa­gen in der Luft, umge­drehte Häu­ser unter der Decke und wech­seln sich mit Räu­men aus ver­brann­ten Piz­zen oder Auto­rei­fen ab. Was ver­rückt klingt, ist es auch – hier erin­nert gar nichts an übli­che Kura­ti­ons­kon­zepte, hier geht es mehr wie in einem Toll­haus zu. Wer das gleich­na­mige Fahr­ge­schäft kennt, das hier in Ber­lin alle Jahre wie­der auf einem der Weih­nachts­märkte auf­ge­baut wird, wird ahnen, was ich meine.

Ein Raum aus verbrannten Pizzen. Geruch inclusive.Ein Raum aus ver­brann­ten Piz­zen. Geruch inclusive.

Die ganze Anlage gleicht mehr einem rie­si­gen Spiel­platz denn einem logisch auf­ge­bau­ten Kunst­par­cours. Da klet­tert man über die Trä­ger der Dach­kon­struk­tion, kriecht durch Türen, die wohl für Zwer­gen gemacht sind, besteigt Lei­tern und ringt in schie­fen Räu­men nach Balance. Der Besu­cher ist gefor­dert, die Kon­struk­tion zu erkun­den, über die Stock­werke hin­weg die hier aus­ge­stellte Kunst zu ent­de­cken, hier und dort durch Löcher zu lugen und Sicht­ach­sen zu fin­den, die gänz­lich neue Per­spek­ti­ven bieten.

Denn jeder der Räume beher­bergt Werke ver­schie­de­ner Künst­ler und ist – wenn viel­leicht auch nicht immer auf Anhieb erkenn­bar – einem Thema gewid­met, das hier nicht nur wie gewohnt durch die aus­ge­stell­ten Arbei­ten, son­dern auch durch die Raum­ge­stal­tung reprä­sen­tiert wird. So wird dann auch die Rezep­tion mas­siv beein­flusst, wenn in besag­tem Raum mit dem schrä­gen Boden Arbei­ten gezeigt wer­den, die dem aktu­el­len Gleich­ge­wichts­ge­fühl widerstreben.

Schiefer Raum, ausgelotete KunstSchie­fer Raum, aus­ge­lo­tete Kunst

Und so zieht sich diese rezep­tive Ein­fluss­nahme durch die ganze Aus­stel­lung. Enge Räume, große Räume, stin­kende Räume, sti­ckige Räume, dunkle Räume. Die Wahr­neh­mung wird immer wie­der neu bean­sprucht, noch ehe die aus­ge­stell­ten Werke selbst betrach­tet wer­den kön­nen. Da liegt auch der Knack­punkt. Zumin­dest bei der Vernissage.

Das sich ste­tig neu repro­du­zie­rende Kalei­do­skop der Raum­ge­stal­tung lenkte zunächst die ganze Auf­merk­sam­keit auf sich. Das geschäf­tige Trei­ben die­ser Eröff­nung tat dann ihr übri­ges, sodass kaum Ruhe und Muße blieb, sich mit den aus­ge­stell­ten Wer­ken oder zumin­dest den Raum­kon­zep­ten zu beschäf­ti­gen. Schnell stellte sich dadurch eine Ent­de­cker­mo­ti­va­tion ein, die dar­auf abzielte, zu sehen, was die­ses wun­der­same Gebäude wohl noch zu bie­ten habe.

Das Gerüst und die vie­len aben­teu­er­li­chen Kon­struk­tio­nen stan­den im Vor­der­grund; da kam auch nicht zuletzt wegen der bald enden­den Besuch­zeit die Kunst­be­trach­tung zu kurz. Bis dann das Aus­stel­lungs­ende in ande­rer Form kam: Tat­säch­lich nimmt die begeh­bare Instal­la­tion nicht ein­mal die Hälfte der Kunst­halle ein, der Rest bleibt bis auf eine fade Refe­renz an Urs Fischers “You” ein­fach leer. Da war er wie­der, der Anti­ty­pos White Cube.

John Bock stellt alles auf den KopfJohn Bock stellt alles auf den Kopf

John Bock stellt hier­mit zwei unter­schied­li­che Kura­ti­ons­prin­zi­pien gegen­über, die die zwei Pole einer mög­li­chen Rezep­ti­ons­äs­the­tik mar­kie­ren. Nüch­terne Förm­lich­keit vs. mani­pu­la­ti­ves Emo­ti­ons­ka­rus­sell. Den­noch ist eine klare Hier­ar­chie zu erken­nen, schließ­lich befin­det sich Bocks Instal­la­tion ja im Inne­ren des White Cubes, wird von ihm beher­bergt und geschützt, steht also in kura­ti­ver Abhän­gig­keit. Aller­dings durch­bre­chen einige wenige Teile der Instal­la­tion die­sen kon­ser­vie­ren­den Pan­zer, befin­den sich außer­halb des eigent­li­chen Aus­stel­lungs­rau­mes und geben den Blick auf die Stadt frei.

Diese Instal­la­tion will aus­bre­chen, will sich von der tra­hier­ten Vor­stel­lung des Kon­ser­va­to­ri­ums los­lö­sen und sich in alle Him­mels­rich­tung aus­deh­nen. Die Hülle der ster­ben­den Kunst­halle wird hier per­fo­riert und ent­lässt eine kura­to­ri­sche Idee, die alles dage­we­sene erneu­ert, allem wider­spricht, alles anders machen will. Aus der Asche des Pho­enix ent­springt eine kühne Vor­stel­lung, die zeigt: Es geht auch anders.

 

Oder nicht? Sehe ich das alles womög­lich mit zu viel Begeis­te­rung und zu unkri­ti­schem Blick? Möglich.

In jedem Falle aber wird man zuge­ben müs­sen, dass die letzte Aus­stel­lung der Tem­po­rä­ren Kunst­halle einen gelun­ge­nen Abschied dar­stellt, der ganz in der Tra­di­tion der bis­he­ri­gen Erfolge steht. Und auch, wenn man sich mit dem unge­wohn­ten Kon­zept zunächst anfreun­den muss, wird man doch nicht umhin kom­men, die Anders­ar­tig­keit und Radi­ka­li­tät von “Fisch­Grä­ten­Melk­Stand” anzuerkennen.

Dafür ist jeden­falls noch bis zum 31.08. aus­rei­chend Gele­gen­heit – ruhige Vor­mit­tage seien hier­für beson­ders emp­foh­len.
(Ebenso wie ein Blick in die Sei­ten­räume des Shop­be­reichs, wo eine klei­ner Über­blick über die zwei Jahre des Beste­hens gege­ben wird.)

P.S.: Eben erhielt ich die Ein­la­dung zum Vor­trag mit John Bock am kom­me­nen Mon­tag! Mehr Infos bei Facebook.