Alles andere als Luft

14. Juni 2010 von Matthias Planitzer
"Work No. 551", © Martin Creed Wenn Kinder Bilder von idyllischen Landschaften malen, dann findet man neben strahlenden Sonnen und prächtigen Bäumen auch stets Wolken, die auf etwas verweisen, das für den kindlichen Geist so wohl einfacher zu fassen ist: der Himmel oder - allgemeiner - die Luft um uns herum. Das Problem ist schnell erkannt: Die Luft ist zwar allgegenwärtig und wie selbstverständlich da, doch fällt es schwer, ihrer gewahr zu werden. Umso eindrücklicher sind dann jene Momente, in denen wir die Luft um uns herum wahrnehmen können. Ein Orkan etwa lässt uns ehrfürchtig und klein werden; auch der Druckausgleich in großen Höhen erzeugt bei vielen ein unangenehmes Gefühl. Frische Luft lässt uns durchatmen, kühle Luft bringt Erfrischung. Martin Creed jedoch geht die Erfahrbarmachung der Luft von einer anderen Seite an. Seine Werkzeuge sind Kontakt, Enge und Beklemmung.

Martin Creed: Work No. 551»Work No. 551«, © Mar­tin Creed

Wenn Kin­der Bil­der von idyl­li­schen Land­schaf­ten malen, dann fin­det man neben strah­len­den Son­nen und präch­ti­gen Bäu­men auch stets Wol­ken, die auf etwas ver­wei­sen, das für den kind­li­chen Geist so wohl ein­fa­cher zu fas­sen ist: der Him­mel oder — all­ge­mei­ner — die Luft um uns her­um. Das Pro­blem ist schnell erkannt: Die Luft ist zwar all­ge­gen­wär­tig und wie selbst­ver­ständ­lich da, doch fällt es schwer, ihrer gewahr zu wer­den.

Umso ein­drück­li­cher sind dann jene Momen­te, in denen wir die Luft um uns her­um wahr­neh­men kön­nen. Ein Orkan etwa lässt uns ehr­fürch­tig und klein wer­den; auch der Druck­aus­gleich in gro­ßen Höhen erzeugt bei vie­len ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Fri­sche Luft lässt uns durch­at­men, küh­le Luft bringt Erfri­schung.

Mar­tin Creed jedoch geht die Erfahr­bar­ma­chung der Luft von einer ande­ren Sei­te an. Sei­ne Werk­zeu­ge sind Kon­takt, Enge und Beklem­mung.

Martin Creed: Work No. 360»Work No. 360«, © Mar­tin Creed

Mar­tin Creed hat sich durch sei­ne künst­le­ri­sche Arbeits­wei­se bereits einen Namen gemacht: Die Wer­ke wer­den streng durch­num­me­riert und bereits im Titel tref­fend beschrie­ben. Für eine gan­ze Serie an Wer­ken heißt das dann: »Half the air in a given space«. Bei »Work No. 551« (s.o.) wird Creed etwas kon­kre­ter:

Choo­se a space. Cal­cu­la­te the volu­me of the space. Using air, blow up moc­ca brown 40 cm bal­loons until they occu­py half the volu­me of the space.

Was sich so nüch­tern liest, ist aber eini­ges mehr. Soweit ich es recher­chie­ren konn­te, hat Creed wenigs­tens acht Mal Bal­lons glei­cher Far­be mit Luft, manch­mal teil­wei­se auch mit Heli­um befül­len las­sen und damit einen Raum ange­füllt, bis die Hälf­te buch­stäb­lich ein­ge­packt war.

Martin Creed: Work No. 200»Work No. 200«, © Mar­tin Creed

Auch, wenn ich noch nicht selbst eine die­ser Instal­la­tio­nen erle­ben konn­te, kann man doch erah­nen, wie erstaun­lich die Wir­kung sein muss: Zwar ist es nach wie vor Luft, die man durch­schrei­tet, doch leis­tet die­se unge­wohn­ten Wider­stand. Sie weicht nicht etwa ein­fach aus, man braucht eine Wei­le, um in die­sem zähen Ele­ment vor­an­zu­kom­men.

Die Anwe­sen­den stol­pern ein wenig des­ori­en­tiert und sicht­lich irri­tiert durch den Raum. Sie müs­sen sich erst einen Weg bah­nen, kön­nen ja kaum einen Meter weit schau­en und so geht es eher wie im dich­ten Urwald zu als in einem Raum, der ja nur mit Luft gefüllt ist. Hier las­tet sie zu allen Sei­ten auf den Anwe­sen­den und hat nichts mehr mit dem unbe­merk­ten, leich­ten Stoff zu tun, der uns stän­dig umgibt.

Martin Creed: Work No. 329»Work No. 329«, © Mar­tin Creed

Creed macht die Luft greif­bar, sicht­bar, schlicht erfahr­bar. Er zwingt dem sonst so mit­tei­lungs­lo­sen Ele­ment eine neue Gestalt auf und zwingt damit auch den Betrach­ter in eine neue Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Umwelt. Er kann sich nicht mehr frei bewe­gen, denn Creed nimmt ihm die­se Frei­heit, er ist nun gezwun­gen, über sei­ne Rol­le in einem nur schein­bar lee­ren Raum nach­zu­den­ken.

Der Anwe­sen­de muss sich erst neu im Raum ver­or­ten, schließ­lich hat er schlicht die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren. Wie gut im obi­gen Video zu sehen ist, domi­niert Enge die Gefühls­welt. Von allen Sei­ten tür­men sich unüber­blick­ba­re Wän­de auf, die über­zu­kip­pen und alles unter ihnen zu begra­ben dro­hen. Beklem­mung kommt auf, Bedräng­nis. Und das alles nur wegen etwas Luft.

Martin Creed: Work No. 268»Work No. 268«, © Mar­tin Creed

Mar­tin Creed bringt wirft mit sei­nen Bal­lon­in­stal­la­tio­nen die Sin­nes­er­fah­run­gen über den Hau­fen, die jeder von uns mit dem Ele­ment Luft gemacht hat. Das schließt opti­sche wie hap­ti­sche Qua­li­tä­ten ein, bezieht sich auf Ver­form­bar­keit, Träg­heit, Aura und Stim­mung. Bei ihm erhält Luft plötz­lich ein Wesen, das wir von einem sol­chen Stoff bis­her nicht kann­ten.

So schafft es Creed, der Luft in sei­nen Arbei­ten immer wie­der neue Akzen­te zu geben. Wäh­rend etwa die rosa Bal­lons »Work No. 329« feder­leicht schei­nen, sieht man in den mok­ka­brau­nen Pen­dants in »Work No. 551« schwe­re, klo­bi­ge Kugeln. Die schwar­zen Bal­lons in »Work No. 268« wir­ken wie ein zäher Ölfilm, der kraft sei­ner dun­kel-düs­te­ren Ruhe schwer auf dem Raum las­tet (vgl. auch Edith Dekyndts »Ground Con­trol«) , woge­gen die wei­ßen Exem­pla­re in »Work No. 200« wie wei­che Wol­ken daher­kom­men.

Damit bring Creed auch Begriff­lich­kei­ten in eine Form, die zumin­dest in der deut­schen Spra­che exis­tie­ren: Wir sagen, die Luft sei manch­mal dick, mal drü­ckend oder schwer und bedie­nen uns dazu Qua­li­tä­ten, die dem hap­ti­schen Sinn zuzu­ord­nen sind. Es dürf­te also nicht ver­wun­der­lich sein, war­um Creed so star­ke Effek­te erzielt.

Und doch ver­hal­ten sich die Arbei­ten wie das, wie sie sind: Öff­net man die Gale­rie­tür, strömt die Luft auf die Stra­ße und die von der Stra­ße in den Gale­rie­raum (s. die ers­te Abbil­dung). Lässt ein unacht­sa­mer Besu­cher einen der Bal­lons plat­zen, so macht das zunächst nichts aus, schließ­lich ent­weicht die ent­hal­te­ne Luft ja nicht, sie geht nur wie­der in ihre gewohn­te Gestalt über. Und doch, lie­ßen die Kura­to­ren sol­che Zer­stö­run­gen zu, wären die Instal­la­tio­nen in höchs­tem Maße eine Abbil­dung des­sen, was sie sein wol­len: ein unfaß­ba­res Ele­ment von ephe­me­rem Wesen.