Kein Vernissage-Sekt mehr in Berlin?

Klimawechsel in der Berliner Galerienszene

Eine typische VernissageEine typi­sche Ver­nis­sage: mit dem Sekt in der Hand posie­ren für die Kamera (via)

Den Mythos des Künst­lers umgibt die hei­lige Aura eines eigen­bröt­le­ri­schen Frei­geis­tes, der sich nimmt, was ihm gefällt, und gibt, was ihm gerade gut genug dünkt, um für das Publi­kum her­hal­ten zu kön­nen. So oder so ähnlich wird der Pathos des Künst­lers jeden­falls gern dar­ge­stellt. Die­ses Bild dürfte jetzt wohl wie­der eini­gen Ber­li­ner Gale­rie­gän­gern in den Geist kom­men, wenn sie von den neus­ten Begeh­ren der Ber­li­ner Künst­ler hören. Diese lie­ßen näm­lich von gewerk­schaft­li­cher Seite eine For­de­rung an den Ber­li­ner Gale­ri­en­bund aus­rich­ten und berich­ten folgendermaßen:

[…] daher tre­ten wir an alle Ber­li­ner Gale­rien, staat­li­che wie pri­vate, orga­ni­siert im Ber­li­ner Gale­ri­en­bund, heran und for­dern, dass die Kunst wie­der im Mit­tel­punkt steht. Wir sind es leid, dass Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen mehr von der Vor­stel­lung eines neuen Geschäfts­mo­dells als von einer Kunst­ver­an­stal­tung haben. Wir sind es leid, dass wir Künst­ler auf den Ver­nis­sa­gen als bloße Han­dels­ware ange­se­hen wer­den, und wir sind es leid, dass Kunst zum rei­nen Kon­sum­ob­jekt ver­kommt.
[…] Daher for­dern wir, dass fortan Sekt­emp­fänge und kalte Buf­fets nicht mehr inte­gra­ler Bestand­teil einer Ber­li­ner Ver­nis­sage sein dür­fen, dass die Besu­cher nicht mehr dazu ange­hal­ten wer­den, von Eröff­nung zu Eröff­nung zu tin­geln um hier und da Pro­secco zu genie­ßen. Wir miss­bil­li­gen diese Alles-kostenlos-Mentalität, die sich in man­chen Tei­len des Ber­li­ner Publi­kums breit gemacht hat, […]

In einem ähnlich har­schen Ton liest sich auch der Rest der Pres­se­mit­tei­lung. Aller­dings ent­hält sie auch viel Wah­res, schien auf den Ver­nis­sa­gen Ber­lins doch oft­mals Pro­secco und Cham­pa­gner wich­ti­ger als die aus­ge­stellte Kunst. Ob sich eine “Alles-kostenlos-Mentalität” bereits in die­sem Umfang ein­ge­stellt hat, ist frag­lich, man kann jedoch nicht die Augen davor ver­schlie­ßen, dass in der Tat nicht wenige Besu­cher nach dem zwei­ten Glas Sekt auch schnell wie­der verschwinden.

Was die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Kunst angeht, kann ich selbst nicht viel zu sagen. Man muss zwar sehen, dass Gale­rien i.d.R. als Ver­kaufs­räume gedacht sind, den­noch habe auch ich manch­mal das Gefühl, dass Gale­ris­ten sich mehr als Ver­kauf­sagen­ten denn als Kura­to­ren ver­ste­hen. Wenn Kunst also zur “blo­ßen Han­dels­ware” ver­kommt, dann ist das eine sehr bedau­er­li­che Entwicklung.

Eine Reak­tion des Ber­li­ner Gale­ri­en­bun­des wie eines sei­ner Mit­glie­der steht mei­nes Wis­sens nach aus, zumin­dest liest man in den ein­schlä­gi­gen Maga­zi­nen und News­let­tern noch nichts davon. Die Lage dürfte jedoch ange­spannt sein, wel­cher Gale­rist möchte es sich schon gern mit der gesam­ten Ber­li­ner Künst­ler­schaft ver­scher­zen? Nur wenige haben ein Port­fo­lio, dass auf Ber­li­ner Kunst ver­zich­ten kann. Denn wie schon bemerkt, Kunst ist eine Wirtschaftsbranche.

Ein Kli­ma­wech­sel in der Ber­li­ner Gale­ri­en­land­schaft scheint gar nicht so unver­nünf­tig und wer weiß: Viel­leicht hat ja die “Alles-kostenlos-Mentalität” bald ein Ende?

 

P.S.: Soeben erreichte mich eine Mail der Lucas Car­rieri Art Gal­lery, in der es heißt:

Der Künst­ler He Junyan wird bei der Ver­nis­sage anwe­send sein und eine Rede zu sei­nem Werk hal­ten. Dazu wer­den Cocktails-Buffet gereicht.

Wir wür­den uns freuen Sie zu die­sem Anlass bei uns in der Gal­lery begrü­ßen zu dür­fen und bit­ten Sie uns Ihr Kom­men zu bestätigen.

Es möge jeder selbst urtei­len, wel­chen “Anlass” er hier zum Kom­men sieht…


Kommentare

  1. Katha­rina schrieb am 1. April 2010:

    Ich finde ja dass sie recht haben, dass Kunst kein Kon­sum­ob­jekt wer­den soll, aber man kann die Leute auch nicht an Kunst inter­es­sie­ren, nur weil man ihnen den Sekt wegnimmt.


  2. pus­sy­im­plo­der schrieb am 27. April 2010:

    als even­tu­el­ler kom­men­tar zum thema
    http://​www​.pus​sy​im​plo​der​.com/​2​0​10/640/

    bg
    pi