Vom Beobachter zum Beobachteten

14. März 2010 von Matthias Planitzer
"Reverse Television - Portraits of viewers", © Bill Viola Als ich Mitte Februar in der Temporären Kunsthalle war, die anlässlich der Berlinale die Ausstellung "Autokino" zeigte (und noch zeigt), war Teil der Vorstellung ein Kurzfilm, in dem nichts weiter als eine junge Asiatin vor steril-weißer Studioleinwand gezeigt wurde, wie sie auf den weißen Boden einen Haufen machte. Anfänglich vom schonungslosen Film irritiert, schaute ich mich in der Halle umher und beobachtete die anderen Gäste in den Autos und ihre Reaktionen. Manche schauten gespannt, andere wendeten sich voller Ekel ab, wieder andere rangen dem Film einen gewissen Humor ab. Man konnte ihre Gedanken förmlich hören. Bis ich dann den Blicken einer jungen Frau begegnete. Was dort stattfand, war ein Rollentausch: Diejenigen, die kamen, um sich die Filme anzusehen, wurden kurzum zu den Hauptdarstellern einer ganz eigenen Szenerie. Andere Menschen beim Beobachten zu beobachten übte wenigstens auf mich und die junge Frau wohl einen größeren Reiz aus als das eigentliche Filmprogramm. Diese Wendung ist jedoch nichts Neues, jedenfalls nicht in der Kunstwelt. Tatsächlich nähern sich verschiedene Künstler diesem Thema bewusst und erarbeiten dabei unterschiedliche Positionen. Über Fernando Sanchez' Videocollage "Me and my girlfriend" hatte ich ja bereits meine Gedanken geäußert und dabei auch über die besondere Situation des Beobachterwechsels geschrieben. Auch andere Künstler widmeten sich diesem Thema, sodass insbesondere in Bezug auf unseren Fernsehkonsum sehenswerte und auch manchmal überraschende Interventionen entstanden.

Bill Viola: Reverse Television - Portraits of viewers»Rever­se Tele­vi­si­on — Por­traits of view­ers«, © Bill Vio­la

Als ich Mit­te Febru­ar in der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le war, die anläss­lich der Ber­li­na­le die Aus­stel­lung »Auto­ki­no« zeig­te (und noch zeigt), war Teil der Vor­stel­lung ein Kurz­film, in dem nichts wei­ter als eine jun­ge Asia­tin vor ste­ril-wei­ßer Stu­dio­lein­wand gezeigt wur­de, wie sie auf den wei­ßen Boden einen Hau­fen mach­te. Anfäng­lich vom scho­nungs­lo­sen Film irri­tiert, schau­te ich mich in der Hal­le umher und beob­ach­te­te die ande­ren Gäs­te in den Autos und ihre Reak­tio­nen. Man­che schau­ten gespannt, ande­re wen­de­ten sich vol­ler Ekel ab, wie­der ande­re ran­gen dem Film einen gewis­sen Humor ab. Man konn­te ihre Gedan­ken förm­lich hören. Bis ich dann den Bli­cken einer jun­gen Frau begeg­ne­te.

Was dort statt­fand, war ein Rol­len­tausch: Die­je­ni­gen, die kamen, um sich die Fil­me anzu­se­hen, wur­den kurz­um zu den Haupt­dar­stel­lern einer ganz eige­nen Sze­ne­rie. Ande­re Men­schen beim Beob­ach­ten zu beob­ach­ten übte wenigs­tens auf mich und die jun­ge Frau wohl einen grö­ße­ren Reiz aus als das eigent­li­che Film­pro­gramm.

Die­se Wen­dung ist jedoch nichts Neu­es, jeden­falls nicht in der Kunst­welt. Tat­säch­lich nähern sich ver­schie­de­ne Künst­ler die­sem The­ma bewusst und erar­bei­ten dabei unter­schied­li­che Posi­tio­nen. Über Fer­nan­do San­chez‹ Video­col­la­ge »Me and my girl­fri­end« hat­te ich ja bereits mei­ne Gedan­ken geäu­ßert und dabei auch über die beson­de­re Situa­ti­on des Beob­ach­t­er­wech­sels geschrie­ben. Auch ande­re Künst­ler wid­me­ten sich die­sem The­ma, sodass ins­be­son­de­re in Bezug auf unse­ren Fern­seh­kon­sum sehens­wer­te und auch manch­mal über­ra­schen­de Inter­ven­tio­nen ent­stan­den.

Valie Export: Facing a family»Facing a fami­ly«, © Valie Export

Allem vor­an steht in die­sem Zusam­men­hang Valie Export, die ja ohne­hin für poin­tier­te, bis­wei­len pola­ri­sie­ren­de Kunst steht. Im Febru­ar 1971, als das Fern­se­hen bereits im media­len Mit­tel­punkt des bür­ger­li­chen Lebens stand, über­rasch­te sie mit ihrem Werk »Facing a fami­ly« (sowie ein wei­te­rer Aus­schnitt), das im ORF aus­ge­strahlt wur­de. Dar­in sieht man eine gut­bür­ger­li­che Fami­lie — Vater, Mut­ter, Sohn und Toch­ter — vor dem Fern­se­her ver­sam­melt, die Abend­nach­rich­ten lau­fen. Die Kin­der wer­den zu Bett geschickt, die­se wider­spre­chen, gehor­chen schließ­lich doch, der Vater schaut andäch­tig und still in die Röh­re und ganz neben­bei ent­fal­tet sich eine Fern­seh­kul­tur, die wohl auch noch heu­te vie­le Fami­li­en ken­nen. Das Video hält eini­ge Male inne und beleuch­tet so die Fami­lie in mar­kan­ten Augen­bli­cken des Fern­se­hens.

Man kann in die­sem Lehr­stück über den Fern­seh­kon­sum auf das Pro­gramm im Pro­gramm ach­ten, man wird aber das Gesche­hen vor dem Fern­se­her inter­es­san­ter fin­den. Das trifft einer­seits auf die dar- und vor­ge­stell­te Fami­lie zu, aber auch auf die eige­ne. Da »Facing a fami­ly« sei­ner­zeit im regu­lä­ren Fern­seh­pro­gramm gezeigt wur­de, kann man erah­nen, was wohl die über­rum­pel­ten Zuschau­er gedacht haben müs­sen. Ihnen wur­de mit einem Mal ein Spie­gel vor­ge­hal­ten: Das sind eure Gewohn­hei­ten, dies eure Marot­ten. So lebt ihr, so seid ihr.

Der Zuschau­er mag es — zumin­dest heu­te — gewohnt sein, sein Fern­seh­ver­hal­ten reflek­tie­ren zu kön­nen. Jedoch nie wie in »Facing a fami­ly«, näm­lich durch das Fern­se­hen selbst pro­vo­ziert. Es wird schnell klar, dass der Fern­seh­ap­pa­rat eben nicht nur ein Medi­um dar­stellt, wie Zei­tun­gen oder Bücher. Er steht schon 1971 im Fami­li­en­mit­tel­punkt, ver­sam­melt die Fami­lie an einem Ort und ver­mag so auch zum Stand­ort des fami­liä­ren Bei­sam­men­seins wer­den.

Was aber, wenn die por­trä­tier­ten Fern­seh­zu­schau­er nicht mehr irgend­ein Pro­gramm ver­fol­gen, son­dern den Kreis des Beob­ach­tens schlie­ßen?

Elf Jah­re nach »Facing a fami­ly«, 1982, geht der Ame­ri­ka­ner Bill Vio­la die­sen einen Schritt wei­ter und mar­kiert mit »Rever­se Tele­vi­si­on — Por­traits of View­ers« die nächs­te Dimen­si­on des Beob­ach­tens von Beob­ach­tern. Für die­ses Pro­jekt erstell­te er 44 Video­por­träts (bspw. Por­trait No. 21) von Fern­seh­zu­schau­ern in ihren Woh­nun­gen, die in die Kame­ra schau­en, als hand­le es sich um einen Fern­seh­ap­pa­rat. Die kur­zen Video­schnip­sel waren dazu bestimmt, das lau­fen­de Fern­seh­pro­gramm zu unter­bre­chen und so auch die Zuschau­er zu über­ra­schen.

Bei Bill Vio­la wird die Irri­ta­ti­on noch erhöht: Nicht nur, dass mit einem Male ein Frem­der auf dem Schirm erscheint, der offen­sicht­lich eben­falls fern­sieht. Zudem scheint die­ser dem nichts­ah­nen­den Zuschau­er zuzu­schau­en. Ungleich Valie Exports Inter­ven­ti­on ste­hen sich die Zuschau­er mit einem Male gegen­über. Ver­lief die Rich­tung des Beob­ach­tens in »Facing a fami­ly« noch line­ar, kehrt sie nun bei Bill Vio­la wie­der zurück und ver­liert sich in einer kreis­för­mi­gen Bewe­gung, was den Zuschau­er wohl sehr irri­tie­ren muss. Er ver­lässt sei­ne Rol­le als Rezi­pi­ent und nimmt unver­hofft den gegen­tei­li­gen Part an, wird selbst zum Mit­tel­punkt des Inter­es­ses und kann sich nicht im Kla­ren dar­über sein, wer von den bei­den Inter­agie­ren­den letz­ten Endes der Zuschau­er und wer der Dar­stel­ler ist.

Es geht also nicht mehr dar­um, einen Spie­gel vor­zu­hal­ten, wie es Valie Export tat. Bill Vio­las Inter­ven­ti­on greift einen viel geschütz­te­ren Bereich an, wenn er den über­rum­pel­ten Zuschau­er ins Ram­pen­licht stellt und dort zum Agie­ren auf­for­dert. Er hat gar nicht mehr die Wahl, sich der Situa­ti­on zu ent­zie­hen; er ist schon betei­ligt, ehe er rea­li­sie­ren kann, was gesche­hen ist.

 

Die Tätig­keit des Beob­ach­tens ver­läuft für gewöhn­lich in einer linea­ren Rich­tung: Ein Gegen­stand wird von einem Zuschau­er beob­ach­tet. Die Ein­sei­tig­keit die­ses Sach­ver­halts ist ins­be­son­de­re bei tele­vi­su­el­len Medi­en in Stein gemei­ßelt. Umso über­ra­schen­der ist es, wenn die­ses Gesetz auf­ge­ho­ben wird. In »Facing a fami­ly« wird ein Drit­ter, eine ande­re Per­son beim Fern­se­hen beob­ach­tet; bei Bill Vio­la dage­gen ist man es selbst, der durch den Fern­se­her beob­ach­tet wird.

Hier zeich­net sich also eine Ent­wick­lung ab, die mit­un­ter noch wei­ter­ge­hen kann. Fer­nan­do San­chez ver­stärkt die Inti­mi­tät die­ser Situa­ti­on, zudem wäre es denk­bar, dem ahnungs­lo­sen Zuschau­er statt einer Per­son wie in »Rever­se Tele­vi­si­on — Por­traits of view­ers« gleich eine gan­zes Publi­kum vor­zu­füh­ren.

Und wer weiß: Viel­leicht wird uns in ein paar Jah­ren eine ganz ande­re Dimen­si­on des Beob­ach­tens von Beob­ach­tern über­ra­schen…