Pornos im Mittelpunkt der Kunst

02. März 2010 von Matthias Planitzer
Ausschnitt aus "Me and my girlfriend", © Fernando Sanchez Hey, English speaking reader! I translated this article for you - the English version is only a click ahead! Die Frage, was Pornografie von Kunst unterscheidet, ist wahrscheinlich so alt wie die Pornografie selbst. Und kann vermutlich nicht einmal annähernd geklärt werden - vorausgesetzt, eine Unterscheidung ist heute überhaupt noch von Belang. Ob Pornos eine eigene Kunstgattung darstellen, will ich gar nicht näher auseinandersetzen, viel interessanter scheint es mir, wie Künstler in ihren Arbeiten mit Pornos umgehen, sie bewusst einsetzen und zum zentralen Thema ihrer Werke machen. Einer von diesen Künstlern ist der ohnehin beachtenswerte Fernando Sanchez, der sich der Pornographie in "Me and my girlfriend" auf eine gelungene Art und Weise genähert hat. (Ach - und wer hätte es gedacht -, nach dem Klick wird's noch freizügiger.)
Fernando Sanchez: Ausschnitt aus "Me and my girlfriend"Aus­schnitt aus »Me and my girl­fri­end«, © Fer­nan­do San­chez

Die Fra­ge, was Por­no­gra­fie von Kunst unter­schei­det, ist wahr­schein­lich so alt wie die Por­no­gra­fie selbst. Und kann ver­mut­lich nicht ein­mal annä­hernd geklärt wer­den — vor­aus­ge­setzt, eine Unter­schei­dung ist heu­te über­haupt noch von Belang. Ob Por­nos eine eige­ne Kunst­gat­tung dar­stel­len, will ich gar nicht näher aus­ein­an­der­set­zen, viel inter­es­san­ter scheint es mir, wie Künst­ler in ihren Arbei­ten mit Por­nos umge­hen, sie bewusst ein­set­zen und zum zen­tra­len The­ma ihrer Wer­ke machen.

Einer von die­sen Künst­lern ist der ohne­hin beach­tens­wer­te Fer­nan­do San­chez, der sich der Por­no­gra­phie in »Me and my girl­fri­end« auf eine gelun­ge­ne Art und Wei­se genä­hert hat.

(Ach — und wer hät­te es gedacht -, nach dem Klick wird’s noch frei­zü­gi­ger.)

Fernando Sanchez: Ausschnitt aus "Me and my girlfriend"Aus­schnitt aus »Me and my girl­fri­end«, © Fer­nan­do San­chez

Por­no­gra­fie fußt auf einer gewis­sen Vor­lie­be für Voy­eu­ris­mus: zuschau­en und im Hin­ter­grund blei­ben. Kame­ras bie­ten an die­ser Stel­le den Vor­teil, nicht per­sön­lich und v.a. unbe­merkt am Gesche­hen teil­ha­ben zu kön­nen. Der Zuschau­er wird nur pas­siv mit ein­be­zo­gen. Was aber, wenn er wider Erwar­ten doch Teil der Hand­lung wird?

Das dach­te sich womög­lich auch Fer­nan­do San­chez, der Sze­nen­schnip­sel aus Ama­teur­por­nos gesam­melt hat, in denen die Dar­stel­ler in die Kame­ra schau­en und somit gewis­ser­ma­ßen eine Ver­bin­dung zum Zuschau­er auf­bau­en. Anein­an­der gereiht ent­stand so das fast acht­mi­nü­ti­ge Video »Me and my girl­fri­end«. Der Zuschau­er fühlt sich fast bedrängt, wird er doch auf ein­mal zum Beob­ach­te­ten, ist er es, der in einem inti­men, oft­mals pein­lich erleb­tem Moment über­rascht wird.

Mehr noch, erzäh­len die­se Sze­nen doch auch etwas über die auf­ge­nom­me­nen Paa­re. Vie­le der Dar­stel­ler schei­nen besorgt (Bin ich gut genug? Kann man mich auch sehen?), ja sogar in Gedan­ken ver­lo­ren. Bei man­chen ver­mu­tet man Ängst­lich­keit, wer da wohl zuschaue, ande­re wir­ken schlicht lust­los. Ein Sinn­bild für die Por­no­in­dus­trie? Die Meta­pher vom ewig trau­ri­gen Clown?

Es ist aber auch eine Anspie­lung auf den ste­tig wach­sen­den Markt der Por­no­in­dus­trie. Allein US-ame­ri­ka­ni­sche Fir­men erwirt­schaf­ten jähr­lich 13 Mil­li­ar­den Dol­lar, etwa 1% des dor­ti­gen Brut­to­in­land­pro­duk­tes. Por­nos sind also längst eta­bliert, im übri­gen denkt der Ver­brau­cher eben­so wenig dar­über nach wie über sei­nen Lieb­lings­jo­ghurt. Fol­ge ist hier wie dort eine rei­ne Kon­sum­hal­tung, wobei der Zuschau­er zum blo­ßen Rezi­pi­en­ten degra­diert, das Ver­hält­nis streng ein­sei­tig ist.

Die­ses Prin­zip wird jedoch in »Me and my girl­fri­end« ins Gegen­teil ver­kehrt: Die Ama­teur­dar­stel­ler, die also kein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se ver­fol­gen, for­dern den Zuschau­er mit einem Mal auf, sein Kon­sum­ver­hal­ten zu durch­bre­chen und — wenn auch nur kurz — die Situa­ti­on zu reflek­tie­ren. Auf ein­mal wen­det sich das Pro­dukt gegen den Kon­su­men­ten, stif­tet Ver­wir­rung und ist ein ech­tes Über­ra­schungs­mo­ment. (Bis auf die mora­li­sche Kon­no­ta­ti­on, die wird man im Por­no wohl ver­mis­sen.) Es zwingt ihn genau dazu, was er nicht tun will: nach­den­ken.

 

Unterm Strich jedoch, das Erleb­nis Por­no ist mit Sze­nen wie aus »Me and my girl­fri­end« wohl ver­saut…

Kommentare

  1. Habe mir den 8 Minü­ti­gen kaum Jugend­frei­en Film von Herrn San­chez ange­se­hen, ein Names eines Por­no­dar­stel­lers wür­dig oder einer guten Scho­ko­la­de.
    Und ja ich kann dei­nen Gedan­ken­strän­gen fol­gen, auch wenn ich glau­be das du viel zu weit gehst in dei­ner Argu­men­ta­ti­on der umge­kehr­ten Kon­sum­theo­rie… Viel mehr glau­be ich das die Bli­cke in die Kame­ra ein­fach nur Zei­chen von Hilf­lo­ser Unpro­fes­sio­na­li­tät sind. Somit sind Ama­teur­por­nos schon Kunst aber zu ver­glei­chen mit Bil­dern gemal von 5. Kläss­lern!

    • Gut, man kann da natür­lich ande­rer Mei­nung sein. Und ich geb auch zu, dass ich zu dem Punkt unter einem gewis­sen Ide­en­rausch geschrie­ben habe.
      Und sicher­lich sind die Bli­cke auch ein Zei­chen von Unpro­fes­sio­na­li­tät, aber irgend­ei­nen Zweck oder irgend­ei­ne Absicht (im psy­cho­lo­gi­schen Sin­ne) müs­sen sie ja ver­fol­gen. Es heißt ja so schön: »Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren«, das zen­tra­le Dog­ma der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie. Ich fin­de, die Paa­re geben schon etwas über sich preis, nicht nur, dass sie Ama­teu­re sind. Eben auch die genann­ten Din­ge: Unsi­cher­heit, Sor­ge um das eige­ne Aus­se­hen etc. Und das sind auch Din­ge, die man wohl von einem (pro­fes­sio­nel­len) Por­no nicht erwar­ten wür­de — viel­leicht, weil die Dar­stel­ler sonst die­se Pro­ble­me zu über­spie­len wis­sen?

  2. Hi this is the artist who com­pi­led this work, and i agree with much of the argu­ment here and the pre­vious 2 com­ments lack insight to the sen­si­bi­li­ty of sexua­li­ty today. Con­cern for their appearan­ce should be a ready­ma­de, an obvious rea­li­ty — but bey­ond that lies and extre­me sales pitch, invested of cour­se in the body, in per­for­mance. The fact is that they are loo­king at them­sel­ves but in our age of soci­al media that means they are loo­king at us, cau­se we are too self-awa­re. But I’m not a huge fan of intel­lec­tua­lism the­se days. enjoy the snow, i miss ber­lin. ciao.

  3. Neu­lich kam bei SternTV eine sehr inter­es­san­te Sen­dung, bei der über­prüft wur­de, wie reif Deutsch­land tat­säch­lich ist. Kör­per­lich kön­nen Teen­ager schon mit Erwach­se­nen mit­hal­ten, aber geis­tig konn­te ich bedeu­ten­de Unter­schie­de fest­stel­len. Ein Mit­ar­bei­ter einer Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on hat erklärt, dass ihm regel­mä­ßig Vide­os von ein­deu­ti­gen Akten sei­ner Schü­ler ange­bo­ten wer­den, damit er die­se bewer­ten kann. Natür­lich ver­sucht er dann zu erklä­ren, dass es eine sehr fal­sche Ein­stel­lung ist. Vie­le Jugend­li­che, die in den fal­schen Kreis gelan­gen, haben sehr unter­schied­li­che Ansich­ten von Lie­be und Sex.

    • Wenn ich mich kor­rekt an eine Vor­le­sung zurück erin­ne­re, so haben in Deutsch­land 30% aller 14jährigen bereits Kon­takt mit Por­no­gra­phie gehabt, die gewalt­tä­ti­ge Hand­lun­gen, Sodo­mie o.Ä. zum Inhalt hat. Wei­te­re 60% hat­ten bereits Kon­takt mit »gewöhn­li­cher« Por­no­gra­phie. So im Dreh waren die Pro­zent­sät­ze ange­ord­net, man kann sich vor­stel­len, wie ungläu­big und erschro­cken zugleich wir aus­ge­schaut haben müs­sen.
      Por­no­kon­sum ist in die­sem Alter nichts, wor­über man sich Sor­gen machen müss­te, doch der Zugang zu här­te­ren Por­nos und ins­be­son­de­re sol­chen, die bereits die Gren­ze zur Ille­ga­li­tät über­schrit­ten haben, ist doch erschre­ckend ein­fach. In die­sem Alter prägt sich der größ­te Teil des Sexu­al­ver­hal­tens, da kön­nen sol­che Ein­flüs­se durch­aus ihre Spu­ren hin­ter­las­sen.

Andere Meinungen

  1. […] seem to be a hot topic right now as I noti­ced brow­sing through my usu­al sites and blogs. Cas­tor and Pol­lux dis­co­ve­r­ed an inte­res­ting artist working with ama­teur clips and Amy&Pink made a list of the […]