Das archaische Vermächtnis

Zurück zu den Wurzeln der Menschheit

Christian Jankowski: Die Jagd“Die Jagd”, © Chris­tian Jankowski

Wo die bio­lo­gi­sche Evo­lu­tion auf­hört, fängt die kul­tu­relle Ent­wick­lung mit rasan­ter Geschwin­dig­keit erst an. Längst sind die Zei­ten vor­bei, da der Mensch noch sei­nem Genom ent­spre­chend ganz auf Jagd und Über­le­ben gesinnt die Wäl­der und Ebe­nen der alten Welt durch­streifte, durch Res­sour­cen­knapp­heit getrie­ben immer wei­ter­zog und schließ­lich selbst ent­le­genste Win­kel der Erde erreichte. Das moderne Leben dage­gen spielt sich ganz im Zei­chen der Urba­ni­sie­rung ab: Die Beute wird im Super­markt um die Ecke erlegt, der Kampf ums Über­le­ben wird längst nicht mehr aus­ge­foch­ten, die so frei­ge­wor­dene Zeit wird für alle Spiel­ar­ten des Amü­se­ments genutzt – Expan­sion und Explo­ra­tion fin­den nur noch auf einer kul­tu­rel­len Ebene statt.

Man mag in die­sen Punk­ten nicht überein­stim­men, Fakt ist jedoch, dass das Leben in der west­li­chen Welt nichts mehr mit den “archai­schen” For­men des tag­täg­li­chen Aus­kom­mens zu tun hat. Es lässt sich in der Geschichte der Mensch­heit gut ver­fol­gen, dass ein aus­rei­chen­des Ange­bot an Res­sour­cen oder gar der Über­fluss stets ein stär­ke­res Maß an Sess­haf­tig­keit nach sich zog. Das fängt mit dem Acker­bau an und hört mit moder­nem Städ­te­bau rund um Ein­kaufs– und Ver­gnü­gungs­zen­tren auf.

Ein ener­gie­ge­la­de­nes Thema, wie ich finde, zudem eines, das auch in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst zu inter­es­san­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen führt. Mal gip­felt es in poin­tier­ter Kon­sum­kri­tik, mal steht eine gewisse Weh­mut und Abbitte im Vor­der­grund. In jedem Fall aber tref­fen moderne Lebens­vor­stel­lun­gen auf längst ver­drängte Lebensaufgaben.

Christian Jankowski: Die Jagd“Die Jagd”, © Chris­tian Jankowski

So wählt etwa Chris­tian Jan­kow­ski in sei­ner Per­for­mance “Die Jagd” das Mit­tel der Kon­sum­kri­tik und schafft es dabei, Absur­di­tät und Humor ein­zu­flech­ten. Hier­für lebte er eine Woche lang nur von Din­gen, die er im Super­markt erjagt hat. Das ist durch­aus wört­lich zu neh­men, sieht man Jan­kow­ski doch im dabei ent­stan­de­nen Video mit Pfeil und Bogen durch die Regale zie­hen und Wasch­pul­ver, tief­ge­fro­rene Hähn­chen, Mar­ga­rine und Klo­pa­pier – kurzum: was der Mensch zum Leben braucht – erle­gen. Ein­mal erbeu­tet, lan­den die Waren dann im Ein­kaufs­wa­gen und wer­den in aller Ord­nung zur Kasse gebracht, wo sich die Kas­sie­re­rin auch nicht an den vie­len Pfei­len stört.

Bereits 1992 ent­stan­den, ist “Die Jagd” doch heute mehr denn je von Bedeu­tung.
Es ist der offene Bruch zwi­schen der moder­nen, kon­sum­ori­en­tier­ten Gesell­schaft und der archai­schen Lebens­weise, der der Per­for­mance ihre eigen­tüm­li­che Span­nung gibt. Nahezu absurd wirkt die Per­for­mance, doch aber nur, weil es für uns nicht mehr zum All­tag gehört, für unser Essen selbst zu sor­gen. Zwi­schen Erzeu­ger und Ver­brau­cher besteht heute keine Ver­bin­dung mehr, Lebens­mit­tel haben einen Wan­del zum Kon­sum­gut durch­ge­macht. Bequem­lich­keit und Über­fluss haben der Nah­rungs­auf­nahme weit­ge­hend ihren ursprüng­li­chen Sinn entzogen.

Lonnie van Brummelen: Route sédentaire“Route séden­taire”, © Lon­nie van Brummelen

Dage­gen nähert sich Lon­nie van Brum­me­len in ihrer Per­for­mance “Route séden­taire” (in etwa “Die sess­hafte Stre­cke”) dem Thema auf einem ande­ren Weg: Die Nie­der­län­de­rin schleppt eine Gips­sta­tue des Her­mes von Ams­ter­dam nach Lascaux hin­ter sich her, anfangs müh­sam, doch mit der Zeit immer schnel­ler, da sich die Sta­tue am Asphalt auf­reibt und so immer klei­ner wird. Nach drei Mona­ten in Lascaux ange­kom­men ist nur noch ein Gips­klum­pen übrig geblie­ben, hin­ter dem eine weiße Spur bis zum Beginn der Stre­cke reicht.

In dem mehr als vier­stün­di­gen Film durch­quert Lon­nie van Brum­me­len meh­rere Län­der und trifft ent­lang des Weges doch immer wie­der auf Indus­trie­ge­biete, Fabri­ken und eine Viel­zahl an Klein– und Vor­städ­ten. Ste­tig kom­men ihr Autos ent­ge­gen, huschen an ihr vor­bei und sind so schnell wie­der weg, wie sie gekom­men sind.

Es exis­tiert nur ein ein­zi­ges Video­band von “Route séden­taire”, das sich mit der Zeit ebenso wie die Gips­sta­tue immer wei­ter abnutzt, bis nichts mehr davon erkenn­bar ist.

Lonnie van Brummelen: Route sédentaire“Route séden­taire”, © Lon­nie van Brummelen

Das Werk ist eine ein­zige Alle­go­rie: Da zieht eine Frau aus dem moder­nen, urba­nen Ams­ter­dam auf einen drei Monate dau­ern­den Trek und bringt bzw. zwingt den grie­chi­schen Gott der Rei­sen­den und der Fah­ren­den zur Wiege mensch­li­cher Kul­tur. Mehr als das, die Gott­heit oder viel mehr das, wofür sie steht, ver­liert kon­ti­nu­ier­lich an Sub­stanz, ja an Bedeu­tung und ist – in Form der Krei­de­spur – letzt­end­lich doch selbst sess­haft geworden.

Man kann “Route séden­taire” als ver­geb­li­chen, weh­mü­ti­gen Ver­such der Wie­der­her­stel­lung alter Ord­nun­gen ver­ste­hen, man kann darin aber auch die end­gül­tige Auf­gabe die­ses archai­schen Erbes sehen: Selbst der Gott, der nie ras­tet, ist am Ende doch sess­haft gewor­den. Und sagt damit im kul­tu­rel­len Sinne viel über die Men­schen aus, die ihn sich einst erschaf­fen haben.

 

Rede­wen­dun­gen wie “end­lich sess­haft wer­den” sind mit einer gewis­sen Ambi­va­lenz behaf­tet, man kann Posi­ti­ves wie Nega­ti­ves damit asso­zi­ie­ren. Die Kul­tu­re­vo­lu­tion hat diese und andere Stil­blü­ten her­vor­ge­bracht, die jedoch alle­samt zei­gen, dass wir uns von einer Lebens­weise ent­fernt haben, die trotz allem noch in einem gewis­sen Maße in uns prä­sent sind. Ohne die­ses Bewusst­sein wür­den wir über “Die Jagd” gar nicht lachen, Werke wie “Route séden­taire” gar nicht nach­voll­zie­hen können.

Apro­pos: Die Her­mes­sta­tue aus “Route séden­taire” tauchte schon zwei Jahre zuvor in van Brum­me­lens Performance/Video “Movi­star” auf, wo Her­mes aus dem Him­mel, quasi aus dem Olymp ins Meer fiel und dort von der Künst­le­rin vor dem Ertrin­ken geret­tet wurde. Der Gott des Wan­der­vol­kes wurde quasi von den Herr­schen­den ver­bannt, ent­mach­tet und von der Künst­le­rin gerettet.


Kommentare

  1. mar­tina schrieb am 27. Februar 2010:

    Nach dei­nem Arti­kel sehe ich mei­nen Mann schon fast wie­der mit Pfeil und Bogen in einem Leder­tanga durch den Wald hüp­fen. Nicht dass ich die­sen Anblick ver­schmä­hen würde, aber die heu­tige Kon­sum­ge­sell­schaft sorgt doch tag um tag dafür das Wir immer beque­mer wer­den. In mei­nen Augen täte uns ein­mal im Jahr eine Woche wie in den alten Zei­ten recht gut. Mal wie­der erle­ben und erfah­ren, was eigent­lich Leben bedeutet.


  2. Mat­thias schrieb am 27. Februar 2010:

    Wäre inter­es­sant, wie da viele auf ihre Gren­zen sto­ßen wür­den!
    Ande­rer­seits könnte auch das wach­sende Inter­esse an Trek­king– und ande­ren Rei­sen, bei denen eine ver­gleichs­weise ein­fa­che Lebens­weise bewusst gesucht wird, ein Zei­chen dafür sein, dass immer mehr Men­schen sich nach einer Aus­zeit oder einem Kon­trast­pro­gramm seh­nen. Und sei es nur das “Aben­teuer”, wenn dem so ist, dann zeigt das doch, dass wir ein recht ver­wöhn­tes und v.a. auch ein­tö­ni­ge­res Leben füh­ren, wel­che wie­derum sicher­lich lie­ber einen Monat gefah­ren– und hun­ger­frei gelebt haben würden.