Das archaische Vermächtnis

24. Februar 2010 von Matthias Planitzer
"Die Jagd", © Christian Jankowski Wo die biologische Evolution aufhört, fängt die kulturelle Entwicklung mit rasanter Geschwindigkeit erst an. Längst sind die Zeiten vorbei, da der Mensch noch seinem Genom entsprechend ganz auf Jagd und Überleben gesinnt die Wälder und Ebenen der alten Welt durchstreifte, durch Ressourcenknappheit getrieben immer weiterzog und schließlich selbst entlegenste Winkel der Erde erreichte. Das moderne Leben dagegen spielt sich ganz im Zeichen der Urbanisierung ab: Die Beute wird im Supermarkt um die Ecke erlegt, der Kampf ums Überleben wird längst nicht mehr ausgefochten, die so freigewordene Zeit wird für alle Spielarten des Amüsements genutzt - Expansion und Exploration finden nur noch auf einer kulturellen Ebene statt. Man mag in diesen Punkten nicht übereinstimmen, Fakt ist jedoch, dass das Leben in der westlichen Welt nichts mehr mit den "archaischen" Formen des tagtäglichen Auskommens zu tun hat. Es lässt sich in der Geschichte des Menschen gut verfolgen, dass ein ausreichendes Angebot an Ressourcen oder gar der Überfluss stets ein stärkeres Maß an Sesshaftigkeit nach sich zog. Das fängt mit dem Ackerbau an und hört mit modernem Städtebau rund um Einkaufs- und Vergnügungszentren auf. Ein energiegeladenes Thema, wie ich finde, zudem eines, das auch in der zeitgenössischen Kunst zu interessanten Auseinandersetzungen führt. Mal gipfelt es in pointierter Konsumkritik, mal steht eine gewisse Wehmut und Abbitte im Vordergrund. In jedem Fall aber treffen moderne Lebensvorstellungen auf längst verdrängte Lebensaufgaben.

Christian Jankowski: Die Jagd»Die Jagd«, © Chris­ti­an Jan­kow­ski

Wo die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­on auf­hört, fängt die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung mit rasan­ter Geschwin­dig­keit erst an. Längst sind die Zei­ten vor­bei, da der Mensch noch sei­nem Genom ent­spre­chend ganz auf Jagd und Über­le­ben gesinnt die Wäl­der und Ebe­nen der alten Welt durch­streif­te, durch Res­sour­cen­knapp­heit getrie­ben immer wei­ter­zog und schließ­lich selbst ent­le­gens­te Win­kel der Erde erreich­te. Das moder­ne Leben dage­gen spielt sich ganz im Zei­chen der Urba­ni­sie­rung ab: Die Beu­te wird im Super­markt um die Ecke erlegt, der Kampf ums Über­le­ben wird längst nicht mehr aus­ge­foch­ten, die so frei­ge­wor­de­ne Zeit wird für alle Spiel­ar­ten des Amü­se­ments genutzt — Expan­si­on und Explo­ra­ti­on fin­den nur noch auf einer kul­tu­rel­len Ebe­ne statt.

Man mag in die­sen Punk­ten nicht über­ein­stim­men, Fakt ist jedoch, dass das Leben in der west­li­chen Welt nichts mehr mit den »archai­schen« For­men des tag­täg­li­chen Aus­kom­mens zu tun hat. Es lässt sich in der Geschich­te der Mensch­heit gut ver­fol­gen, dass ein aus­rei­chen­des Ange­bot an Res­sour­cen oder gar der Über­fluss stets ein stär­ke­res Maß an Sess­haf­tig­keit nach sich zog. Das fängt mit dem Acker­bau an und hört mit moder­nem Städ­te­bau rund um Ein­kaufs- und Ver­gnü­gungs­zen­tren auf.

Ein ener­gie­ge­la­de­nes The­ma, wie ich fin­de, zudem eines, das auch in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst zu inter­es­san­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen führt. Mal gip­felt es in poin­tier­ter Kon­sum­kri­tik, mal steht eine gewis­se Weh­mut und Abbit­te im Vor­der­grund. In jedem Fall aber tref­fen moder­ne Lebens­vor­stel­lun­gen auf längst ver­dräng­te Lebens­auf­ga­ben.

Christian Jankowski: Die Jagd»Die Jagd«, © Chris­ti­an Jan­kow­ski

So wählt etwa Chris­ti­an Jan­kow­ski in sei­ner Per­for­mance »Die Jagd« das Mit­tel der Kon­sum­kri­tik und schafft es dabei, Absur­di­tät und Humor ein­zu­flech­ten. Hier­für leb­te er eine Woche lang nur von Din­gen, die er im Super­markt erjagt hat. Das ist durch­aus wört­lich zu neh­men, sieht man Jan­kow­ski doch im dabei ent­stan­de­nen Video mit Pfeil und Bogen durch die Rega­le zie­hen und Wasch­pul­ver, tief­ge­fro­re­ne Hähn­chen, Mar­ga­ri­ne und Klo­pa­pier — kurz­um: was der Mensch zum Leben braucht — erle­gen. Ein­mal erbeu­tet, lan­den die Waren dann im Ein­kaufs­wa­gen und wer­den in aller Ord­nung zur Kas­se gebracht, wo sich die Kas­sie­re­rin auch nicht an den vie­len Pfei­len stört.

Bereits 1992 ent­stan­den, ist »Die Jagd« doch heu­te mehr denn je von Bedeu­tung.
Es ist der offe­ne Bruch zwi­schen der moder­nen, kon­sum­ori­en­tier­ten Gesell­schaft und der archai­schen Lebens­wei­se, der der Per­for­mance ihre eigen­tüm­li­che Span­nung gibt. Nahe­zu absurd wirkt die Per­for­mance, doch aber nur, weil es für uns nicht mehr zum All­tag gehört, für unser Essen selbst zu sor­gen. Zwi­schen Erzeu­ger und Ver­brau­cher besteht heu­te kei­ne Ver­bin­dung mehr, Lebens­mit­tel haben einen Wan­del zum Kon­sum­gut durch­ge­macht. Bequem­lich­keit und Über­fluss haben der Nah­rungs­auf­nah­me weit­ge­hend ihren ursprüng­li­chen Sinn ent­zo­gen.

Lonnie van Brummelen: Route sédentaire»Rou­te séden­taire«, © Lon­nie van Brum­me­len

Dage­gen nähert sich Lon­nie van Brum­me­len in ihrer Per­for­mance »Rou­te séden­taire« (in etwa »Die sess­haf­te Stre­cke«) dem The­ma auf einem ande­ren Weg: Die Nie­der­län­de­rin schleppt eine Gips­sta­tue des Her­mes von Ams­ter­dam nach Las­caux hin­ter sich her, anfangs müh­sam, doch mit der Zeit immer schnel­ler, da sich die Sta­tue am Asphalt auf­reibt und so immer klei­ner wird. Nach drei Mona­ten in Las­caux ange­kom­men ist nur noch ein Gips­klum­pen übrig geblie­ben, hin­ter dem eine wei­ße Spur bis zum Beginn der Stre­cke reicht.

In dem mehr als vier­stün­di­gen Film durch­quert Lon­nie van Brum­me­len meh­re­re Län­der und trifft ent­lang des Weges doch immer wie­der auf Indus­trie­ge­bie­te, Fabri­ken und eine Viel­zahl an Klein- und Vor­städ­ten. Ste­tig kom­men ihr Autos ent­ge­gen, huschen an ihr vor­bei und sind so schnell wie­der weg, wie sie gekom­men sind.

Es exis­tiert nur ein ein­zi­ges Video­band von »Rou­te séden­taire«, das sich mit der Zeit eben­so wie die Gips­sta­tue immer wei­ter abnutzt, bis nichts mehr davon erkenn­bar ist.

Lonnie van Brummelen: Route sédentaire»Rou­te séden­taire«, © Lon­nie van Brum­me­len

Das Werk ist eine ein­zi­ge Alle­go­rie: Da zieht eine Frau aus dem moder­nen, urba­nen Ams­ter­dam auf einen drei Mona­te dau­ern­den Trek und bringt bzw. zwingt den grie­chi­schen Gott der Rei­sen­den und der Fah­ren­den zur Wie­ge mensch­li­cher Kul­tur. Mehr als das, die Gott­heit oder viel mehr das, wofür sie steht, ver­liert kon­ti­nu­ier­lich an Sub­stanz, ja an Bedeu­tung und ist — in Form der Krei­de­spur — letzt­end­lich doch selbst sess­haft gewor­den.

Man kann »Rou­te séden­taire« als ver­geb­li­chen, weh­mü­ti­gen Ver­such der Wie­der­her­stel­lung alter Ord­nun­gen ver­ste­hen, man kann dar­in aber auch die end­gül­ti­ge Auf­ga­be die­ses archai­schen Erbes sehen: Selbst der Gott, der nie ras­tet, ist am Ende doch sess­haft gewor­den. Und sagt damit im kul­tu­rel­len Sin­ne viel über die Men­schen aus, die ihn sich einst erschaf­fen haben.

 

Rede­wen­dun­gen wie »end­lich sess­haft wer­den« sind mit einer gewis­sen Ambi­va­lenz behaf­tet, man kann Posi­ti­ves wie Nega­ti­ves damit asso­zi­ie­ren. Die Kul­tur­evo­lu­ti­on hat die­se und ande­re Stil­blü­ten her­vor­ge­bracht, die jedoch alle­samt zei­gen, dass wir uns von einer Lebens­wei­se ent­fernt haben, die trotz allem noch in einem gewis­sen Maße in uns prä­sent sind. Ohne die­ses Bewusst­sein wür­den wir über »Die Jagd« gar nicht lachen, Wer­ke wie »Rou­te séden­taire« gar nicht nach­voll­zie­hen kön­nen.

Apro­pos: Die Her­messta­tue aus »Rou­te séden­taire« tauch­te schon zwei Jah­re zuvor in van Brum­me­lens Performance/Video »Movistar« auf, wo Her­mes aus dem Him­mel, qua­si aus dem Olymp ins Meer fiel und dort von der Künst­le­rin vor dem Ertrin­ken geret­tet wur­de. Der Gott des Wan­der­vol­kes wur­de qua­si von den Herr­schen­den ver­bannt, ent­mach­tet und von der Künst­le­rin geret­tet.

Kommentare

  1. Nach dei­nem Arti­kel sehe ich mei­nen Mann schon fast wie­der mit Pfeil und Bogen in einem Leder­tan­ga durch den Wald hüp­fen. Nicht dass ich die­sen Anblick ver­schmä­hen wür­de, aber die heu­ti­ge Kon­sum­ge­sell­schaft sorgt doch tag um tag dafür das Wir immer beque­mer wer­den. In mei­nen Augen täte uns ein­mal im Jahr eine Woche wie in den alten Zei­ten recht gut. Mal wie­der erle­ben und erfah­ren, was eigent­lich Leben bedeu­tet.

    • Wäre inter­es­sant, wie da vie­le auf ihre Gren­zen sto­ßen wür­den!
      Ande­rer­seits könn­te auch das wach­sen­de Inter­es­se an Trek­king- und ande­ren Rei­sen, bei denen eine ver­gleichs­wei­se ein­fa­che Lebens­wei­se bewusst gesucht wird, ein Zei­chen dafür sein, dass immer mehr Men­schen sich nach einer Aus­zeit oder einem Kon­trast­pro­gramm seh­nen. Und sei es nur das »Aben­teu­er«, wenn dem so ist, dann zeigt das doch, dass wir ein recht ver­wöhn­tes und v.a. auch ein­tö­ni­ge­res Leben füh­ren, wel­che wie­der­um sicher­lich lie­ber einen Monat gefah­ren- und hun­ger­frei gelebt haben wür­den.

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