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10. Februar 2010 von Matthias Planitzer
"Google Portrait Series", © Aram Bartholl Noch bis vor kurzem war es zeitgemäß, als publizierendes Medium das Internet als Informations- und Kommunikationsplattform Nummer eins zu wählen, auch zum Unmut der älteren Generation, die von dieser rasanten Entwicklung überholt wurde. Seit kurzer Zeit jedoch werden vermehrt Inhalte aus der virtuellen Welt wieder ins reale Leben zurückgeholt. Philipp von HUNDERTMARK hat kürzlich ein Beispiel dafür ausgegraben (und ist mit seinem Blog nach dem heimtückischen Anschlag auf die Speicher endlich wieder online!); die erste Ausgabe vom Kunst-/Illustrations-/Fotografie-Blog It's nice that als Printversion liegt ja auch schon seit geschätzt einem Jahr in den Läden aus. Seit geraumer Zeit kann man sogar schon die zweite Ausgabe käuflich erwerben. Ob sich dort und andernorts ein Trend abzeichnet, vermag ich nicht zu beurteilen, was ich aber bestätigen kann, ist, dass auch die Kunstwelt diese Entwicklung abbildet und Online-Inhalte für Offline-Werke entdeckt hat. Angeregt zu diesem Artikel wurde ich durch Philipps Post sowie durch die diesjährige Transmediale, die eigentlich wie gewohnt bisher an an mir vorbeiging. Bis ich dann ohne es zu ahnen Teil eines dort ausgestellten Kunstprojekts wurde.

Aram Bartholl: Google Portrait Series»Goog­le Por­trait Series«, © Aram Bar­t­holl

Noch bis vor kur­zem war es zeit­ge­mäß, als publi­zie­ren­des Medi­um das Inter­net als Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form Num­mer eins zu wäh­len, auch zum Unmut der älte­ren Gene­ra­ti­on, die von die­ser rasan­ten Ent­wick­lung über­holt wur­de. Seit kur­zer Zeit jedoch wer­den ver­mehrt Inhal­te aus der vir­tu­el­len Welt wie­der ins rea­le Leben zurück­ge­holt. Phil­ipp von HUNDERTMARK hat kürz­lich ein Bei­spiel dafür aus­ge­gra­ben (und ist mit sei­nem Blog nach dem heim­tü­cki­schen Anschlag auf die Spei­cher end­lich wie­der online!); die ers­te Aus­ga­be vom Kunst-/Il­lus­tra­ti­ons-/Fo­to­gra­fie-Blog It’s nice that als Print­ver­si­on liegt ja auch schon seit geschätzt einem Jahr in den Läden aus. Seit gerau­mer Zeit kann man sogar schon die zwei­te Aus­ga­be käuf­lich erwer­ben.

Ob sich dort und andern­orts ein Trend abzeich­net, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len, was ich aber bestä­ti­gen kann, ist, dass auch die Kunst­welt die­se Ent­wick­lung abbil­det und Online-Inhal­te für Off­line-Wer­ke ent­deckt hat. Ange­regt zu die­sem Arti­kel wur­de ich durch Phil­ipps Post sowie durch die dies­jäh­ri­ge Trans­me­dia­le, die eigent­lich wie gewohnt bis­her an an mir vor­bei­ging. Bis ich dann ohne es zu ahnen Teil eines dort aus­ge­stell­ten Kunst­pro­jekts wur­de.

(M)ein belangloser Tweet auf dem Tweetscreen(M)ein belang­lo­ser Tweet auf dem Tweet­screen. © Tweet­screen

Nun, eigent­lich sah ich nie einen Grund, über Kunst zu schrei­ben, die mir nicht gefällt. Im vor­lie­gen­den Fal­le ist das etwas anders, denn einer mei­ner Tweets wur­de auf dem Tweet­screen der Trans­me­dia­le gezeigt. Nichts beson­de­res, durch die vie­len Twit­ter­le­sun­gen ist das Prin­zip ja bekannt. Was der Tweet­screen macht, ist schnell gesagt: Ein Com­pu­ter liest (wahl­los?) Tweets von Twit­ter-Usern aus Ber­lin aus und prä­sen­tiert die­se den Besu­chern des Hau­ses der Kul­tu­ren der Welt. Der Twit­te­rer erhält ein Foto davon und fer­tig.

Die Web­sei­te der Trans­me­dia­le berich­tet nicht gera­de im bekannt schwär­me­ri­schen Gale­ris­ten-Ton davon, sieht man v.a. die Berei­che­rung um eine phy­si­sche, öffent­li­che Note sowie den Wider­hall im Netz, »um hier als Aus­gangs­punkt für Kom­mu­ni­ka­ti­on zum The­ma zu die­nen.« Das Kon­zept des Tweet­screens spricht mich wenig an; klar, Tweets aus Ber­lin in Ber­lin zu ver­wer­ten, ist kei­ne per se schlech­te Idee, wenn dann aber der­art irrele­van­te Tweets gezeigt wer­den, fällt es mir schwer, dar­in Kunst zu erken­nen.

Aram Bartholl: Google Portrait, comission by Daniel Michelis»Goog­le Por­trait«, Auf­trags­ar­beit für Dani­el Miche­lis, © Aram Bar­t­holl

Da es aber bei Cas­tor und Pol­lux um Kunst geht, die mir gefällt, die mich inspi­riert und mich nicht mehr los­lässt, bin ich froh, dass es zu die­sem The­ma auch Posi­tiv­bei­spie­le gibt, allen vor­an die Arbei­ten des in Ber­lin ansäs­si­gen Künst­lers Aram Bar­t­holl. Denn Bar­t­holl wid­met sich bevor­zugt der Fra­ge, inwie­fern das Inter­net und sei­ne Inhal­te unse­re alt­be­kann­te Off­line-Welt beein­flus­sen.

Eini­ge die­ser Arbei­ten gehö­ren der Serie »Goog­le Por­trait« an, für die Bar­t­holl jeweils die URL einer Goog­le-Suche nach sei­nem Namen mit­tels eines sog. Matrix-Bar­codes kodiert hat und die­sen dann mit Edding, Tin­te oder Pas­tell­krei­de auf Papier bringt, qua­si ein Por­trät von sich erstellt. So sind bereits Por­träts für die deut­sche, eng­li­sche, chi­ne­si­sche und korea­ni­sche Goog­le-Ver­si­on ent­stan­den (s. ganz oben), die sich deut­lich von­ein­an­der unter­schei­den. Nun kann man mit jedem han­dels­üb­li­chen Smart­pho­ne die­sen Bar­code ent­schlüs­seln las­sen und die kodier­te URL besu­chen.

In den heu­ti­gen Zei­ten, wo Goog­le und ande­re Such­ma­schi­nen zu den meis­ten von uns Infor­ma­tio­nen archi­viert, die oft­mals seit lan­ger Zeit im Web her­um­geis­tern, wur­de so man­cher Ruf durch Jugend­sün­den und teils wohl auch geziel­te Dif­fa­mie­rung zer­stört. Die Ent­wick­lung geht sogar soweit, dass spe­zi­el­le Craw­ling­sei­ten alle auf­find­ba­ren Infor­ma­tio­nen zu einer Per­son hübsch zusam­men­stel­len und jedem zugäng­lich machen, eine Löschung kann dort nur sel­ten erwirkt wer­den. In den USA etwa, wo anhand der soci­al secu­ri­ty num­ber selbst Gehäl­ter, Adres­sen, Bil­dung und wei­te­re inti­me Details recher­chiert wer­den kön­nen, ist man längst damit ver­traut, was auch bei uns nach und nach vie­len bewusst wird: Goog­le ist iden­ti­täts­bil­dend.

Wie könn­te man dies bes­ser auf den Punkt brin­gen als mit »Goog­le Por­trait«? Hin­ter einer kryp­tisch erschei­nen­den Infor­ma­ti­on, einem Bar­code wie auch einer lan­gen URL, befin­det sich das Per­sön­lichs­te, was einen Men­schen aus­macht. Ein Blick auf die­sen Schwall an inti­men Infor­ma­tio­nen genügt, um eine Per­son ken­nen­zu­ler­nen, sich ein Urteil zu bil­den und dar­aus sei­ne (geschäft­li­chen) Schlüs­se zu zie­hen. Letzt­lich kann in Zei­ten des all­ge­gen­wär­ti­gen Infor­ma­ti­ons­flus­ses so manch eine real exis­tie­ren­de Per­sön­lich­keit auf eine blo­ße URL, einen nichts­sa­gen­den Code her­un­ter­ge­bro­chen wer­den.

 

Als ich Aram Bar­t­holls Kunst ent­deck­te, wuss­te ich erst gar nicht, wo ich mit der Begeis­te­rung anfan­gen soll­te: Ein Gesamt­werk von einer der­art gro­ßen Viel­fäl­tig­keit habe ich bei einem auf­stre­ben­dem Künst­ler wie Bar­t­holl sel­ten gese­hen. Zuvor kann­te ich schon eini­ge älte­re Arbei­ten, wuss­te aber nicht, dass sie alle von einer Per­son stamm­ten.

Aram Bar­t­holls Wer­ke the­ma­ti­sie­ren zwar fast alle die vir­tu­el­le Welt des Inter­nets und ihren Ein­fluss auf »unse­re« Rea­li­tät, beleuch­ten doch aber sehr direkt immer wie­der neue Facet­ten und brin­gen neue Bei­spie­le für die­se Inter­ak­ti­on bei­der Wel­ten. Einen län­ge­ren Besuch auf sei­ner Sei­te wie auch auf der Home­page des von ihm mit betreu­ten Pro­jekts F.A.T. (Free Art & Tech­no­lo­gy) kann ich daher unein­ge­schränkt emp­feh­len!

PS: Schau dir unbe­dingt auch Bar­t­holls Pro­jekt »Chi­na Chan­nel« an — ein Fire­fox-Addon, mit dem man auch außer­halb Chi­nas die Zen­sur­po­li­tik der chi­ne­si­schen Macht­ha­ber erle­ben kann.
PPS: Wer mit dem Titel die­ses Arti­kels nicht viel anfan­gen kann, dem sei die Wiki­pe­dia anemp­foh­len.

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