T.V. Hijack

01. Januar 2010 von Matthias Planitzer
"T.V. Hijack", © Chris Burden Die Präsenz der Medien hat über die Jahrzehnte hinweg stetig zugenommen; heute drängen dank Außenkorrespondenz, Live-Schaltung, Internet, Twitter usw. Inhalte aus allen vier Ecken der Erde innerhalb kürzester Zeit an unser interessiertes, oder vielleicht auch zunehmend desinteressiertes Ohr. Ereignisse und Schicksale finden nicht einfach nur statt und wären daher bloße Aufgabe der Berichterstattung, sie werden zunehmend in Echtzeit und oftmals auch unaufbereitet an den Konsumenten weitergegeben, der sich dadurch nicht mehr nur als Rezipient, sondern auch in größer werdendem Maße als Zeuge fühlt. Die Geiselnahme von Gladbeck, die Anschläge vom 11. September, die Livebilder von den Bombeneinschlägen in Saddam Husseins Palästen - diese und viele andere mehr oder weniger geschichtsträchtigen Ereignisse finden - gefühlt - nicht mehr an einem fernen Ort, sondern ganz in der Nähe statt. Trifft dies womöglich auch auf Sportweltmeisterschaften, Gedenk- und Staatsfeiern zu, tritt es doch insbesondere bei solch erschütternden Geschehnissen in den Vordergrund. Im Februar 1972 sollte beim Channel 3 im kalifornischen Irvine ein Live-Interview mit dem aufstrebenden Künstler Chris Burden stattfinden, der zuvor durch seine von autoaggressiver Gewalt und Bedrohung geprägte Kunst bekannt wurde. Burden nahm die Gelegenheit war, um auch daraus ein "Kunstwerk" zu schaffen - ob dies tatsächlich Kunst darstellt oder nicht, ist hierbei die große Frage. Chris Burden schildert die Ereignisse folgendermaßen: On January 14 I was asked to do a piece on a local television station by Phyllis Lutjeans. After several proposals were censored by the station or by Phyllis, I agreed to an interview situation. I arrived at the station with my own video crew so that could have my own tape. While the taping was in progress, I requested that the show be transmitted live. Since the station was not broadcasting at the time, they complied. In the course of the interview, Phyllis asked me to talk about some of the pieces I had thought of doing. I demonstrated a T.V. Hijack. Holding a knife to her throat, I threatened her life if the station stopped live transmission. I told her that I had planned to make her perform obscene acts. At the end of the recording, I asked for the tape of the show. I unwound the reel and destroyed the show by dousing the tape with acetone. The station manager was irate, and I offered him my tape which included the show and its destruction, but he refused. Was darf also Kunst? Darf sie die Unversehrtheit eines Nichtsahnenden derart aufs Spiel setzen?

Chris Burden: T.V. Hijack»T.V. Hijack«, © Chris Bur­den

Die Prä­senz der Medi­en hat über die Jahr­zehn­te hin­weg ste­tig zuge­nom­men; heu­te drän­gen dank Außen­kor­re­spon­denz, Live-Schal­tung, Inter­net, Twit­ter usw. Inhal­te aus allen vier Ecken der Erde inner­halb kür­zes­ter Zeit an unser inter­es­sier­tes, oder viel­leicht auch zuneh­mend des­in­ter­es­sier­tes Ohr. Ereig­nis­se und Schick­sa­le fin­den nicht ein­fach nur statt und wären daher blo­ße Auf­ga­be der Bericht­erstat­tung, sie wer­den zuneh­mend in Echt­zeit und oft­mals auch unauf­be­rei­tet an den Kon­su­men­ten wei­ter­ge­ge­ben, der sich dadurch nicht mehr nur als Rezi­pi­ent, son­dern auch in grö­ßer wer­den­dem Maße als Zeu­ge fühlt.

Die Gei­sel­nah­me von Glad­beck, die Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber, die Live­bil­der von den Bom­ben­ein­schlä­gen in Sad­dam Hus­seins Paläs­ten — die­se und vie­le ande­re mehr oder weni­ger geschichts­träch­ti­gen Ereig­nis­se fin­den — gefühlt — nicht mehr an einem fer­nen Ort, son­dern ganz in der Nähe statt. Trifft dies womög­lich auch auf Sport­welt­meis­ter­schaf­ten, Gedenk- und Staats­fei­ern zu, tritt es doch ins­be­son­de­re bei solch erschüt­tern­den Gescheh­nis­sen in den Vor­der­grund.

Im Febru­ar 1972 soll­te beim Chan­nel 3 im kali­for­ni­schen Irvi­ne ein Live-Inter­view mit dem auf­stre­ben­den Künst­ler Chris Bur­den statt­fin­den, der zuvor durch sei­ne von auto­ag­gres­si­ver Gewalt und Bedro­hung gepräg­te Kunst bekannt wur­de. Bur­den nahm die Gele­gen­heit war, um auch dar­aus ein »Kunst­werk« zu schaf­fen — ob dies tat­säch­lich Kunst dar­stellt oder nicht, ist hier­bei die gro­ße Fra­ge. Chris Bur­den schil­dert die Ereig­nis­se fol­gen­der­ma­ßen:

On Janu­ary 14 I was asked to do a pie­ce on a local tele­vi­si­on sta­ti­on by Phyl­lis Lut­jeans. After several pro­po­sals were cen­so­red by the sta­ti­on or by Phyl­lis, I agreed to an inter­view situa­ti­on. I arri­ved at the sta­ti­on with my own video crew so that could have my own tape. While the taping was in pro­gress, I requested that the show be trans­mit­ted live. Sin­ce the sta­ti­on was not broad­cas­ting at the time, they com­plied. In the cour­se of the inter­view, Phyl­lis asked me to talk about some of the pie­ces I had thought of doing. I demons­tra­ted a T.V. Hijack. Hol­ding a kni­fe to her throat, I threa­tened her life if the sta­ti­on stop­ped live trans­mis­si­on. I told her that I had plan­ned to make her per­form obs­ce­ne acts. At the end of the record­ing, I asked for the tape of the show. I unwound the reel and des­troy­ed the show by dou­sing the tape with ace­to­ne. The sta­ti­on mana­ger was ira­te, and I offe­red him my tape which inclu­ded the show and its dest­ruc­tion, but he refu­sed.

Was darf also Kunst? Darf sie die Unver­sehrt­heit eines Nichts­ah­nen­den der­art aufs Spiel set­zen?

Chris Burden: T.V. Hijack»T.V. Hijack«, © Chris Bur­den

Das Fern­se­hen nimmt im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert eine Son­der­rol­le in der Medi­en­land­schaft ein, darf es doch als ein­zi­ges unein­ge­schränkt als Mas­sen­me­di­um bezeich­net wer­den. Obgleich die neue Tech­no­lo­gie mit gro­ßen (künst­le­ri­schen) Hoff­nun­gen erwar­tet wur­de, zeich­ne­te sich früh ab, dass eine bele­ben­de Viel­falt an Sen­de­an­stal­ten nicht auf­kom­men wür­de. In den USA ist das Fern­se­hen seit jeher ein hart umkämpf­tes, rein von kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen getrie­be­nes Wirt­schafts­feld, in den euro­päi­schen Län­dern muss es durch Ver­staat­li­chung hohen poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Anfor­de­run­gen stand­hal­ten.

Für Kunst war (den­noch?) hier wie dort wenig Platz im Sen­de­pro­gramm. Künst­ler waren so wie alle ande­ren ledig­lich Rezi­pi­en­ten, eini­ge von ihnen the­ma­ti­sier­ten dies, indem sie Fern­seh­ge­rä­te angrif­fen oder ander­wei­tig ver­ar­bei­te­ten — Beuys sei da bei­spiel­haft genannt. Kunst fand im Sen­de­all­tag nicht statt, bes­ten­falls wur­de dar­über berich­tet — wie etwa auch über den pola­ri­sie­ren­den (sprich: quo­ten­brin­gen­den) Chris Bur­den.

Die­ser sah also am 9. Febru­ar 1972 die Gele­gen­heit gekom­men, das Medi­en­mo­no­pol zu durch­bre­chen, ein­mal den Künst­ler auf den Stuhl des Inten­dan­ten zu set­zen:

T.V. Hijack was ulti­mate­ly about who is in con­trol over what’s pre­sen­ted through the media.

John Lennon, Yoko Ono: »Rape«, © John Len­non, Yoko Ono

Dass dies mit gewalt­vol­len Mit­teln geschieht — mehr als frag­lich. Aller­dings ist Bur­dens Ver­knüp­fung von Fern­se­hen, Gewalt und eines frag­wür­di­gen Kunst­be­griffs nicht ganz neu.

Drei Jah­re zuvor hat­ten John Len­non und Yoko Ono einen Film initi­iert, in dem die nichts ahnen­de Pas­san­tin Eva Majlath von einem Kame­ra­team uner­müd­lich ver­folgt wird, nach Anwei­sung »bis er [der Kame­ra­mann] sie in einer Gas­se in die Enge treibt und, falls mög­lich, bis sie in einer fal­len­den Posi­ti­on ist«. Majlath sprach kein Eng­lisch, ver­geb­lich ver­such­te sie zwei Tage lang, mit ihren Ver­fol­gern zu reden oder ihnen zu ent­kom­men. Zwar wird sie nie von ihnen berührt, den­noch ist der gesam­te 77minütige Film namens »Rape« sehr stark sexu­ell auf­ge­la­den — und ist eben­so wie Bur­dens »T.V. Hijack« ein schwe­rer Ein­griff in die psy­chi­sche Unver­sehrt­heit eines Unfrei­wil­li­gen. Bei­de stel­len auf höchst anschau­li­che und beklem­men­de Art und Wei­se dar, dass das neue Medi­um »Fern­se­hen« sei­ne Schat­ten­sei­ten hat und in Über­wa­chung bzw. Mei­nungs­mo­no­po­lis­mus umschla­gen kann.

 

Den­noch bleibt die Fra­ge offen, wie weit Kunst gehen darf. Darf sie Gewalt üben? Darf sie Per­sön­lich­keits­rech­te ver­let­zen? Dazu besteht m.E. kein öffent­li­cher, ethisch fun­dier­ter Kon­sens. Mei­ne Mei­nung ist die, dass Kunst sich nicht frag­wür­di­gen Geset­zen beu­gen darf, jedoch in kei­nem Fall Men­schen-, Per­sön­lich­keits-, und Grund­rech­te als Aus­druck uni­ver­sel­ler ethi­schen Grund­ver­ständ­nis­ses ver­let­zen darf. Ein Künst­ler mag eine Bot­schaft haben, jedoch kann es dies nicht wert sein, Rech­te ande­rer zu über­ge­hen.

Den­noch scheint es mir, als gesche­hen solch extre­me Aktio­nen wie »T.V. Hijack« nur vor Kame­ras. Ist es nicht bezeich­nend, dass ein solch gewalt­vol­ler Über­griff auf die media­le Hoheit gera­de auf einer Platt­form statt­fin­det, die von sol­chen Ereig­nis­sen lebt?