6 typographische Feinheiten im Web

Web-Typographie en detail

twistedintellect.comtwis​ted​in​tel​lect​.com

Ein Blick in die Blog­sta­tis­tik zeigt, dass im Lauf des mehr als ein­jäh­ri­gen Beste­hens von Cas­tor und Pol­lux man­che The­men schnell in den Hin­ter­grund gerückt sind, obgleich diese dem ursprüng­li­chen Kon­zept zufolge ein inte­gra­ler Bestand­teil die­ses Blogs sein soll­ten. Eine die­ser The­men ist die Typo­gra­phie; und da ich mich in letz­ter Zeit wie­der inten­siv mit Web-Typographie beschäf­tigte, kommt es mir gele­gen, wie­der zu dem Thema zu schreiben.

Obgleich man im Inter­net Link­samm­lun­gen, Tuto­ri­als, Rat­ge­ber usw. zu genüge fin­det, wer­den doch m.E. man­che Aspekte die­ses kom­ple­xen The­mas unbe­rech­tig­ter­weise gar nicht oder nur ober­fläch­lich auf­ge­grif­fen. Wenn man ein­mal die übli­chen Sei­ten zum Thema Web-Typgraphie abgrast, wird man bald erken­nen, dass die Infor­ma­tio­nen über­aus redun­dant sind. Nicht ver­za­gen, dafür gibt es jetzt an die­ser Stelle ein kurze Liste jener typo­gra­phi­schen Fein­hei­ten, die im Web sel­ten oder gar nicht zur Spra­che kom­men – natür­lich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Zweck und Mes­sage
2. Typo­gra­phie ist die Kunst des Kon­trasts zwi­schen Schrift und Frei­räu­men
3. Ver­ti­ka­ler Rhyth­mus wird über­schätzt
4. Text­aus­zeich­nung ver­folgt einen seman­ti­schen Sinn
5. Details rich­tig ein­set­zen
6. Alles ist relativ

Die fol­gende Liste rich­tet sich in ers­ter Linie an jene, die bereits typo­gra­phi­sches Grund­ver­ständ­nis mit­brin­gen. Den­noch wird ein Groß­teil der Begriffe durch Links aufs Typo-Lexikon ergänzt.

annyas​.com

1. Zweck und Message

Typo­gra­phie heißt nicht, die hüb­sches­ten Fonts aus­zu­wäh­len. Nicht alle von uns kön­nen Frak­tur­schrif­ten lesen, noch weni­ger Kur­rent­schrif­ten wie Süt­ter­lin. Obgleich beide Schrift­klas­sen optisch sehr anspre­chend sind, erfül­len sie doch – zumin­dest im Inter­net – den wich­tigs­ten und womög­lich auch ein­zi­gen Zweck nicht, der der Typo­gra­phie zukommt: Les­bar­keit. Daher gilt für Text­kör­per und zumeist auch Über­schrif­ten: Gute Typo ist, was dem durch­schnitt­li­chen Leser nicht auf­fällt. Punkt. Gute Typo fällt i.d.R. nur jenen auf, die sich auch dafür inter­es­sie­ren – also auch dir und mir.

Den­noch heißt das nicht, dass Web­de­si­gner aus ihrem klei­nen Reper­toire an Web­fonts nichts machen kön­nen. Bis­her habe ich immer gute und erwar­tungs­ge­mäße Ergeb­nisse erzielt, wenn ich mir vor­her klar durch­dacht habe, was ich eigent­lich errei­chen will. Soll die Web­seite den Flair der gol­de­nen Zwan­zi­ger atmen? Soll sie klas­sisch und nach Vor­bild der Tages­zei­tun­gen aus Blei­satz­zei­ten daher­kom­men? Oder viel­leicht puris­tisch und dezent?
Die Ansprü­che und Erwar­tun­gen kön­nen viel­fäl­ti­ger Natur sein, jedoch, umso detail­lier­ter, desto bes­ser. Der nächste Schritt bestünde u.U. dann darin, Schrift­bei­spiele aus dem betref­fen­dem Kon­text zu sam­meln. Inter­net und Buch­han­del sind da wie geschaf­fen für.

Wenn man diese bei­den Gedan­ken bei allem im Hin­ter­kopf behält, hat man schon einen gro­ßen Teil der Arbeit geschafft.

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2. Typo­gra­phie ist die Kunst des Kon­trasts zwi­schen Schrift und Freiräumen

Diese These ist zwar auf ein­schlä­gi­gen Webdesign-Seiten in ähnli­cher Form weit ver­brei­tet, wird aber mei­ner Mei­nung nach eher stief­müt­ter­lich behan­delt. Meist wird dann nur über Zei­len­ab­stände und margins phi­lo­so­phiert, aber dahin­ter steckt noch weit­aus mehr. Man könnte die­sem umfang­rei­che Thema sicher­lich einige Sei­ten wid­men, doch will ich hier nur einige Denk­an­stöße geben, was diese These alles umfässt:

  • Eine Let­ter, eine Schrift wir­ken nur dann har­mo­nisch, wenn zwi­schen Buch­sta­ben­kör­per und Hin­ter­grund genü­gend Kon­trast herrscht. Dies schließt Helligkeits-, Farb– und Form­kon­traste ein. Fette und magere Schrif­ten büßen Kon­trast ein, Seri­fen­schrif­ten gewin­nen häu­fig Kon­trast mit stei­gen­der Schrift­größe, seri­fen­lose Schrif­ten eig­nen sich oftm­las für klei­nere Schriftgrößen.
  • Obgleich der Web­de­si­gner dar­auf nur durch seine Font­wahl Ein­fluss neh­men kann, ver­mag er dank CSS mikro­ty­po­gra­phi­sche Fak­to­ren der Spa­tio­nie­rung steu­ern: Kerning, Lauf­weite (beide über letter-spacing) und Wort­ab­stand (word-spacing). Zwar ist dies i.d.R. nur für Über­schrif­ten prak­ti­ka­bel, ist aller­dings bei Text­aus­zeich­nung in Form von Ver­sa­lien oder Kapi­täl­chen Pflicht.
  • Zei­len­länge und –abstand tra­gen eben­falls dazu bei, las­sen einen Text auf­ge­staut, zer­flos­sen, aus­ein­an­der­ge­ris­sen oder im güns­ti­gen Fall flie­ßend erscheinen.
  • Die Mischung der ein­ge­setz­ten Schrif­ten ent­schei­det neben sti­lis­ti­schen (s.o.) und seman­ti­schen Fak­to­ren auch über Span­nung und Har­mo­nie zwi­schen ver­schie­de­nen Tex­t­e­le­men­ten. Eine pro­bate Lösung ist es etwa, Über­schrif­ten in Seri­fen und Fließ­text in seri­fen­lo­sen Schrif­ten zu setzen.
  • Anord­nung und Abstände der ein­zel­nen opti­schen Ele­mente, also Absätze, Über­schrif­ten, Bil­der, Menüs, lay­ou­tei­gene Gra­fi­ken etc. pp. spie­len eine wich­tige Rolle im gesam­ten Web­de­sign und stel­len wohl auch den kom­ple­xes­ten Teil die­ser Liste dar. Rich­tig ein­ge­setzt, wer­den einer­seits Span­nun­gen und Kon­kur­ren­zen abge­baut, andern­orts wil­lent­lich erzeugt, Struk­tur erzeugt, ein­zelne Ele­mente in den Vor­der­grund gestellt, andere in Kon­text gebracht und ins­ge­samt in eine logi­sche, anspre­chende Hier­ar­chie gebracht.

hotmeteor.comhot​me​teor​.com

3. Ver­ti­ka­ler Rhyth­mus wird überschätzt

Die meis­ten Webtypographie-Ratgeber schwö­ren auf die­ses Instru­ment und geben dem fau­len Web­de­si­gner auch die pas­sen­den Werk­zeuge in die Hand (als ob ein Taschen­rech­ner nicht aus­rei­che). Das Anlie­gen ist rea­lis­tisch und wich­tig: Der Zei­len­ab­stand sollte im gesam­ten Doku­ment har­mo­nie­ren, also ent­we­der gleich sein oder Viel­fa­che erge­ben. Andern­falls stört sich das Auge an neben­ein­an­der ange­zeig­ten, unhar­mo­ni­schen Absät­zen – aber oft­mals auch nur dann.

Oft­mals macht es im Inter­net Sinn, diese Regel zu beher­zi­gen, näm­lich immer dann und genau dann, wenn Inhalte auch neben­ein­an­der ange­zeigt wer­den. Doch gerade in Blog­struk­tu­ren, die dem Mus­ter “Con­tent + eine Side­bar” fol­gen, kann die oft­mals zeit­rau­bende Arbeit, line-height, height, mar­gin und pad­ding der ein­zel­nen Ele­mente zu kali­brie­ren, unnö­tig sein. Man denke an Lay­outs mit text­ar­mer, viel­leicht auch fixer Side­bar und lan­gen, mög­li­cher­weise vor­ran­gig aus Bild­ma­te­rial beste­hen­den Content-Teilen: Der User scrollt die meiste Zeit und ver­liert so neben­ein­an­der lie­gende Inhalte schnell aus dem Auge.

Hier noch lange Zeit über ver­ti­ka­len Rhyth­mus zu grü­beln, kann über­flüs­sig sein. Wich­tig ist dann nur, dass im Fließ­text selbst alles eini­ger­ma­ßen har­mo­niert – kleine Abwei­chun­gen vom Schema sind natür­lich erlaubt, ins­be­son­dere wenn strik­tes Ein­hal­ten die­ses Rhyth­mus bedeu­ten würde, dass ein­zelne Ele­mente einen lächer­lich gro­ßen oder klei­nen Zei­len­ab­stand erhiel­ten. Wie immer aller­dings, hängt die Ent­schei­dung am Ein­zel­fall – und was schlicht und ein­fach har­mo­niert. Gerade in die­sem Bereich kann es wert sein, ein wenig zu expe­ri­men­tie­ren, so kann zwi­schen zwei rhyth­misch kor­rek­ten Absät­zen eine arhyth­misch gesetzte Über­schrift dem Lay­out eine gewisse Dyna­mik ver­lei­hen (s. auch obi­ges Bild).

Auszeichnungs-FließschemaAuszeichnungs-Fließschema nach Robert Bring­hurst (via)

4. Text­aus­zeich­nung ver­folgt einen seman­ti­schen Sinn

Ob kur­siv, fett, unter­stri­chen, anders­far­big, in Kapi­täl­chen, gesperrt oder ander­wei­tig vom Nor­mal­text abwei­chend – sol­che und andere Text­aus­zeich­nun­gen ver­fol­gen stets einen seman­ti­schen Sinn, sol­len sie doch ein­zelne Worte bis ganze Sätze aus dem Kon­text her­aus­stel­len. Anders­far­big­keit und Unter­strei­chung sind dabei stan­dard­mä­ßig Links vor­be­hal­ten, ein Abwei­chen von die­ser Regel führt schnell zu Ver­wir­rung. Alle ande­ren jedoch kön­nen indi­vi­du­ell ein­ge­setzt wer­den, solange sie einer­seits Punkt 1 ent­spre­chen und ande­rer­seits kon­sis­tent blei­ben. Dem Leser muss klar sein, dass bspw. halb­fet­ter Text für Beto­nung und kur­si­ver Text für Zitate steht.

Schlech­ter Stil wäre in die­sem Sinne, v.a. zu starke (ganze Satz­teile in Ver­sa­lien) aber zu schwa­che Aus­zeich­nun­gen zu wäh­len, nach Gut­dün­ken zwi­schen ihnen zu wech­seln, sie unüber­legt zu mischen oder gar der­art viel her­vor­zu­he­ben, dass der Lese­fluß gra­vie­rend gestört wird. Ande­rer­seits gibt es auch eine feine Hier­ar­chie zwi­schen den ein­zel­nen Aus­zeich­nun­gen: So würde eine Pas­sage mit fet­ten Ver­sa­lien in gewöhn­li­chem Text viel zu stark her­vor­ste­chen, inner­halb von fet­tem Text jedoch ange­bracht sein.

Ori­en­tie­rung bie­tet da etwa das obige Fließ­schema, in dem die Schriftaus­zeich­nun­gen hier­ar­chisch von oben nach unten ange­ord­net sind. Pas­sende Kom­bi­na­tio­nen sind mit Linien ver­bun­den, die roten Linien geben die übli­chen Lösun­gen wie­der. Ein Bei­spiel: Ist ein Text­kör­per in Ver­sa­lien gesetzt, könn­ten Tex­t­eile durch fette Ver­sa­lien oder z.B. fet­ten, kur­si­ven Nor­mal­text her­vor­ge­ho­ben werden.

lordlikely.comlord​li​kely​.com

5. Details rich­tig einsetzen

Web-Typographie kann den Regeln der Kunst in jeder Hin­sicht ent­spre­chen, aber den­noch fad wir­ken. Dann ist man oft­mals an einen Punkt gelangt, wo der Unter­schied zwi­schen gutem und sehr gutem Lay­out im Detail steckt. Man kann dahin­ge­hend ande­rer Mei­nung sein, doch ist Typo­gra­phie m.E. auch das Wür­di­gen sti­lis­ti­scher Eigenheiten.

Wenn etwa der Stil eines Buches oder einer Zei­tung aus dem 18. oder 19. Jahr­hun­dert erreicht wer­den soll, ist es zweck­mä­ßig, klei­nere Über­schrif­ten in gesperrte Kapi­täl­chen zu set­zen, Orna­mente wie das Aldus­blatt, Schluß­stü­cke oder Initia­len ein­zu­bin­den. Auch sub­ti­lere Stil­mit­tel wie Mediä­val­zif­fern, unüb­li­che Liga­tu­ren (falls im Schrift­satz ent­hal­ten), Guil­le­mets kön­nen zu einem run­den Bild bei­tra­gen.
Wer bei Cas­tor und Pol­lux etwas auf­merk­sa­mer mit­liest, wird womög­lich schon bemerkt haben, dass bis auf das letzte Bei­spiel all diese Stil­mit­tel ein­ge­setzt werden.

Andere Stile erfor­dern natür­lich auch andere Stil­mit­tel, jedoch wird man dann zumeist auf lay­out­tech­ni­sche Mit­tel zurück­grei­fen müs­sen, stam­men doch die meis­ten typo­gra­phi­schen Stil­mit­tel aus eben jener Zeit. Bei­spiels­weise könnte sich ein “antik” wir­ken­der Stil auf alt­rö­mi­sche Inschrif­ten bezie­hen, somit in Ver­sa­lien gesetzte Antiqua-Schriften wie Tra­jan, Gara­mond oder Cas­lon zum Ein­satz kom­men und die Wör­ter statt mit Leer­zei­chen mit klei­nen Drei­ecken oder Krei­sen auf Höhe der Mit­tel­länge getrennt wer­den. (Kennt jemand den Namen dafür?)

danielmall.comdani​el​mall​.com

6. Alles ist relativ

Typo­gra­phie lässt sich ebenso wenig wie andere Kunst­spar­ten auf eine Hand­voll Regeln her­un­ter­bre­chen. Wer ein­mal einen Blick in die Lite­ra­tur­klas­si­ker der Typo­gra­phie gewagt hat, wird wis­sen, dass es noch weit­aus mehr zu ler­nen und zu beach­ten gibt. Das Inter­net ist für die Typo­gra­phie ein gänz­lich neues Medium mit eige­nen Anfor­de­run­gen, sodass ein nicht gerin­ger Teil der alt­her­ge­brach­ten Regeln gar nicht anwend­bar sind.

Den­noch kann ein Lay­out – ob im Web oder in Print – stink­lang­wei­lig sein, obgleich den Regeln der Kunst in allen Punk­ten ent­spro­chen wurde. Ebenso kann ein Lay­out, dass unkon­ven­tio­nell, gar rebel­lisch daher kommt, ein abso­lu­ter Erfolg sein. Will hei­ßen: Nur wer die Regeln kennt und anwen­den kann, kann sie auch über­ge­hen und ganz eigene Akzente setzen.

 

Wel­che Fein­hei­ten im Gebrauch von Typo­gra­phie im Web fal­len dir noch ein?



Andere Stimmen

  1. Brül­len­des W-Lan, das Steve Jobs typo­gra­fisch vor­her­sagte. » UARRR​.org schrieb am 19. Mai 2010:

    […] 6 typo­gra­phi­sche Fein­hei­ten im Web Obgleich man im Inter­net Link­samm­lun­gen, Tuto­ri­als, Rat­ge­ber usw. zu genüge fin­det, wer­den doch m.E. man­che Aspekte die­ses kom­ple­xen The­mas unbe­rech­tig­ter­weise gar nicht oder nur ober­fläch­lich auf­ge­grif­fen. Wenn man ein­mal die übli­chen Sei­ten zum Thema Web-Typgraphie abgrast, wird man bald erken­nen, dass die Infor­ma­tio­nen über­aus redun­dant sind. […]


  2. links for 2010-05-21 « just ano­ther weblog schrieb am 22. Mai 2010:

    […] 6 typo­gra­phi­sche Fein­hei­ten im Web (Cas­tor und Pol­lux) an die­ser Stelle ein kurze Liste jener typo­gra­phi­schen Fein­hei­ten, die im Web sel­ten oder gar nicht zur Spra­che kom­men (tags: cfischercom) […]


Kommentare

  1. Hol­ger Frohloff schrieb am 23. Mai 2010:

    Ein sehr inter­es­san­ter Bei­trag mit schö­nen Bei­spie­len. Ich abon­niere mal den Feed. Danke fürs Schrei­ben :)
    lg.