La pluie

Unterwegs auf den Wegen der Inspiration

Marcel Broodthaers: La pluie (Projet pour un texte)“La pluie (Pro­jet pour un texte)”, © Mar­cel Broodthaers (via)

Ein Mann sitzt im Regen, kau­ert auf sei­nem Gar­ten­stuhl, die Kiste zu sei­nen Füßen dient ihm als Tisch. Dar­auf aus­ge­brei­tet ein Bogen Papier, zudem ein Tin­ten­fass und Schreib­uten­si­lien. Er setzt die Feder zum Schrei­ben an, bringt uner­müd­lich sein Wort zum durch­weich­ten Papier. Der Regen spült die fri­schen Worte hin­weg, löscht den Gedan­ken aus, ertränkt die Stimme des Mannes.

Der bel­gi­sche Künst­ler Mar­cel Broodthaers hat 1969 in sei­nem zwei­mi­nü­ti­gem 16mm-Schwarz-Weiß-Film “La pluie (Pro­jet pour un text”) eben jene Szene dar­ge­stellt. Online gibt es den Film lei­der nicht, nur ein­zelne Stills, was es jedoch gibt, sind Fotos und Filme jener Werke, die sich durch Broodthaers melan­cho­li­schen, sehr ein­drück­li­chen Film inspi­rie­ren lie­ßen und dort anknüp­fen: – eine kleine Motivgeschichte.

Marcel Broodthaers: La pluie (Projet pour un texte)“La pluie (Pro­jet pour un texte)”, © Mar­cel Broodthaers (via)

Der wei­tere Ver­lauf des kur­zen Fil­mes ist schnell erzählt: Unbe­irrt vom Regen, der die Buch­sta­ben weg­schwemmt, bringt Broodthaers beharr­lich seine Worte zum Papier. Die Kamera fokus­siert auf den Schrei­bakt, Broodthaers taucht wie­der und wie­der die Feder ins Tin­ten­fass, setzt ums ein und andere Mal an, die Tinte formt zwi­schen­zeit­lich Aqua­rell­bil­der bis Broodthaers zum Schluss seine Arbeit signiert und nur noch das Papier und ein wenig ver­wäs­serte Tinte übrig blei­ben, der Titel “Pro­jet pour un text” ein­ge­blen­det wird.

Weder geht es in “La pluie (Pro­jet pour un text)” um das Geschrie­bene, noch um das Aus­lö­schen des­sel­ben. Es ist das beharr­li­che, sisy­phos­hafte Ankämp­fen, das Schrei­ben selbst, das Broodthaers getränkt in Melan­cho­lie in den Mit­tel­punkt sei­nes Stumm­films stellt.

Fast vier­zig Jahre spä­ter hat dann Amy Ame­lia Jones ihre eigene Ver­sion von “La Pluie (Pro­jet pour un text)” gedreht und sich dabei sehr eng ans Ori­gi­nal gehal­ten. Ebenso wie Broodthaers sitzt sie vor einer wei­ßen Mauer, wel­che jedoch nicht mit “Dépar­te­ment des Aigles” son­dern mit “Depart­ment of Refi­gu­ra­tion” beschrif­tet ist. Broodthaers hebt sich durch sein schwar­zes Hemd gegen den wei­ßen Hin­ter­grund sowie mit sei­ner wei­ßen Hose gegen dunk­lem Boden ab; Jones wählt eben­falls schwarz-weiß, ver­schmilzt aber mit dem Hintergrund.

Im Gegen­satz zu Broodthaers Vor­bild setzt der Regen erst nach eini­ger Zeit ein und schwemmt dann die Tinte hin­fort. Zudem fängt die Kamera gegen Ende des Films die Künst­le­rin mit dem Wort “Refi­gu­ra­tion” im Hin­ter­grund ein, sie schaut auf und mimt lang­sam ein trau­ri­ges Gesicht. Wäh­rend also im Ori­gi­nal von 1969 das Gesche­hen noch wer­tungs­frei abläuft, steht bei Jones über allem die Refi­gu­ra­tion, also die Neu­er­fin­dung im Vor­der­grund. Auch optisch unter­stellt sich die Künst­le­rin ganz die­ser Idee und gibt dem Motiv durch das neue, wer­tende Ende eine neue Bedeu­tung: Der Akt des Schrei­bens ist nur noch eine Not­wen­dig­keit, das Geschrie­bene selbst sowie das Ver­lan­gen, sich aus­zu­drü­cken ste­hen nun im Mit­tel­punkt. Doch der Akteur kapituliert.

Eine Alle­go­rie auf die vie­len jun­gen Künst­ler­ge­ne­ra­tio­nen, die ihren Enthu­si­as­mus mit dem star­ken Drang näh­ren zu Wort zu kom­men? Frag­lich, unter­stellt diese These doch, dass es Broodthaers nicht um die Inhalte, nur um das Erschaf­fen sei­ner Kunst ging. Dies ist sicher­lich nur eine Les­art, aber wie ich finde, eine nicht uninteressante.

Haegue Yang: Quasi MB - In the middle of its story“Quasi MB – In the middle of its story”, © Hae­gue Yang

Einen ande­ren Blick auf das Motiv hat die Korea­ne­rin Hae­gue Yang ent­wi­ckelt: In ihrer 18-teiligen Arbeit “Quasi MB – In the middle of its story” greift sie das Thema auf, indem sie dem säu­ber­lich gedruck­ten Text das hand­ge­schrie­bene und vom Regen ero­dierte Äqui­va­lent gegen­über­stellt. Die Texte der ein­zel­nen Teile der Reihe sind unter­schied­lich stark ver­frem­det: hier sind sie noch gut les­bar, dort ent­ste­hen – wie auch zwi­schen­zeit­lich bei Broodthaers – Aqua­relle und wie­der ein ande­res Mal hat der Regen das Papier in Stü­cke gerissen.

Yang beleuch­tet ebenso wie Jones nicht mehr den per­for­ma­ti­ven Teil des Motivs, ihr Fokus liegt nun­mehr auf dem Wech­sel­spiel zwi­schen Geschrie­be­nem und Regen. Auf der einen Seite stellt sie den Infor­ma­ti­ons– und Iden­ti­täts­ver­lust dar, ande­rer­seits die­sem den ursprüng­li­chen Inhalt in kon­ser­vier­ter Form ent­ge­gen. Der per­sön­li­che, hand­ge­schrie­bene Text ist dem Ver­fall unter­wor­fen, der kühle Schreib­ma­schi­nen­text dage­gen über­dau­ert die Zeit.

Bas Jan Ader: Thoughts unsaid, then forgotten“Thoughts unsaid, then for­got­ten”, © Bas Jan Ader

Die letzte Adapta­tion in die­sem Bunde stammt von Bas Jan Ader, seine Instal­la­tion “Thoughts unsaid, then for­got­ten”, die ich ja schon ein­mal so vorstellte:

Im Jahre 1973 wur­den diese Worte [Anm.: “Thoughts unsaid, then for­got­ten”] in grau-blauer Farbe auf eine der Wände der Nova Sco­tia School of Art and Design im kana­di­schen Hali­fax geschrie­ben; alles ver­lief nach Anwei­sun­gen, die Bas Jan Ader aus der Ferne sandte. Dane­ben sollte ein ein­fa­cher Strauß Blu­men gestellt wer­den, wel­che Sorte sei egal, nur keine Rosen. Nach eini­gen Tagen wur­den die Worte in dem­sel­ben Weiß der Gale­rie­wände über­stri­chen, aus­ge­löscht, gleich­ge­macht. Nichts erin­nerte mehr an jene Inschrift. Die Blu­men ver­blie­ben an ihrem Platz, bis zum Ende der ein­wö­chi­gen Aus­stel­lung welk­ten sie unbe­rührt an der Stelle, wo zuvor noch die Worte geschrie­ben standen.

Auch Bas Jan Ader geht es nicht mehr um das sisy­phos­hafte Ankämp­fen, bei ihm wer­den viel mehr die Aus­lö­schung und das Ver­ges­sen jener Gedan­ken zum Gegen­stand der Betrach­tung. Er bringt jene Worte, die bei Broodthaers für immer ver­schwun­den blie­ben, wie­der ins Gedächt­nis zurück, erin­nert – beleuch­tet sie, auch im wört­li­chen Sinne. Den­noch, Ader geht es nicht um ein Reka­pi­tu­lie­ren der ein­mal ver­ges­se­nen Gedan­ken, er weist ledig­lich auf das Ver­ges­sen selbst hin und ver­liert bei sei­ner Adapta­tion des Motivs nicht den melan­cho­li­schen Grund­ton, den man bei Broodthaers findet.

 

Das Ver­fol­gen eines Motivs auf sei­nen Wegen der Inspi­ra­tion und Adapta­tion kann, wie ich finde, eine sehr span­nende Ange­le­gen­heit sein. Von einem bestimm­ten Werk aus­ge­hend und dann in Rich­tung Gegen­wart explo­rie­rend kön­nen dabei nicht nur neue Blick­win­kel auf das Motiv selbst, son­dern auch auf den Aus­gangs­punkt, in die­sem Fall Broodthaers Kurz­film gewon­nen werden.

Das Spiel funk­tio­niert natür­lich auch in die andere Rich­tung, ist aber, was das Bei­spiel von “La pluie (Pro­ject pour un text)” angeht, unge­mein schwie­ri­ger. Die Ein­ord­nung Broodthaers’ Kunst ist wegen der schlech­ten Über­lie­fe­rung bis­her nicht die nötige Auf­merk­sam­keit zuteil gewor­den, jedoch fin­den auch im Inter­net ver­ein­zelt detail­lierte Betrach­tun­gen sei­nes Schaf­fens. Eine davon (PDF, 1,8MB) ist jedoch 2008 im re·bus, einem Kunst­jour­nal der Uni­ver­sity of Essex, erschie­nen und stellt Zusam­men­hänge zu Dürers “Melen­co­lia I” her – sehr aus­führ­lich, aber empfehlenswert!