La pluie

05. Dezember 2009 von Matthias Planitzer
"La pluie (Projet pour un texte)", © Marcel Broodthaers (via) Ein Mann sitzt im Regen, kauert auf seinem Gartenstuhl, die Kiste zu seinen Füßen dient ihm als Tisch. Darauf ausgebreitet ein Bogen Papier, zudem ein Tintenfass und Schreibutensilien. Er setzt die Feder zum Schreiben an, bringt unermüdlich sein Wort zum durchweichten Papier. Der Regen spült die frischen Worte hinweg, löscht den Gedanken aus, ertränkt die Stimme des Mannes. Der belgische Künstler Marcel Broodthaers hat 1969 in seinem zweiminütigem 16mm-Schwarz-Weiß-Film "La pluie (Projet pour un text") eben jene Szene dargestellt. Online gibt es den Film leider nicht, nur einzelne Stills, was es jedoch gibt, sind Fotos und Filme jener Werke, die sich durch Broodthaers melancholischen, sehr eindrücklichen Film inspirieren ließen und dort anknüpfen: - eine kleine Motivgeschichte.

Marcel Broodthaers: La pluie (Projet pour un texte)»La plu­ie (Pro­jet pour un tex­te)«, © Mar­cel Broodtha­ers (via)

Ein Mann sitzt im Regen, kau­ert auf sei­nem Gar­ten­stuhl, die Kis­te zu sei­nen Füßen dient ihm als Tisch. Dar­auf aus­ge­brei­tet ein Bogen Papier, zudem ein Tin­ten­fass und Schreib­uten­si­li­en. Er setzt die Feder zum Schrei­ben an, bringt uner­müd­lich sein Wort zum durch­weich­ten Papier. Der Regen spült die fri­schen Wor­te hin­weg, löscht den Gedan­ken aus, ertränkt die Stim­me des Man­nes.

Der bel­gi­sche Künst­ler Mar­cel Broodtha­ers hat 1969 in sei­nem zwei­mi­nü­ti­gem 16mm-Schwarz-Weiß-Film »La plu­ie (Pro­jet pour un text«) eben jene Sze­ne dar­ge­stellt. Online gibt es den Film lei­der nicht, nur ein­zel­ne Stills, was es jedoch gibt, sind Fotos und Fil­me jener Wer­ke, die sich durch Broodtha­ers melan­cho­li­schen, sehr ein­drück­li­chen Film inspi­rie­ren lie­ßen und dort anknüp­fen: — eine klei­ne Motiv­ge­schich­te.

Marcel Broodthaers: La pluie (Projet pour un texte)»La plu­ie (Pro­jet pour un tex­te)«, © Mar­cel Broodtha­ers (via)

Der wei­te­re Ver­lauf des kur­zen Fil­mes ist schnell erzählt: Unbe­irrt vom Regen, der die Buch­sta­ben weg­schwemmt, bringt Broodtha­ers beharr­lich sei­ne Wor­te zum Papier. Die Kame­ra fokus­siert auf den Schreibakt, Broodtha­ers taucht wie­der und wie­der die Feder ins Tin­ten­fass, setzt ums ein und ande­re Mal an, die Tin­te formt zwi­schen­zeit­lich Aqua­rell­bil­der bis Broodtha­ers zum Schluss sei­ne Arbeit signiert und nur noch das Papier und ein wenig ver­wäs­ser­te Tin­te übrig blei­ben, der Titel »Pro­jet pour un text« ein­ge­blen­det wird.

Weder geht es in »La plu­ie (Pro­jet pour un text)« um das Geschrie­be­ne, noch um das Aus­lö­schen des­sel­ben. Es ist das beharr­li­che, sisy­phos­haf­te Ankämp­fen, das Schrei­ben selbst, das Broodtha­ers getränkt in Melan­cho­lie in den Mit­tel­punkt sei­nes Stumm­films stellt.

Fast vier­zig Jah­re spä­ter hat dann Amy Ame­lia Jones ihre eige­ne Ver­si­on von »La Plu­ie (Pro­jet pour un text)« gedreht und sich dabei sehr eng ans Ori­gi­nal gehal­ten. Eben­so wie Broodtha­ers sitzt sie vor einer wei­ßen Mau­er, wel­che jedoch nicht mit »Dépar­te­ment des Aigles« son­dern mit »Depart­ment of Refi­gu­ra­ti­on« beschrif­tet ist. Broodtha­ers hebt sich durch sein schwar­zes Hemd gegen den wei­ßen Hin­ter­grund sowie mit sei­ner wei­ßen Hose gegen dunk­lem Boden ab; Jones wählt eben­falls schwarz-weiß, ver­schmilzt aber mit dem Hin­ter­grund.

Im Gegen­satz zu Broodtha­ers Vor­bild setzt der Regen erst nach eini­ger Zeit ein und schwemmt dann die Tin­te hin­fort. Zudem fängt die Kame­ra gegen Ende des Films die Künst­le­rin mit dem Wort »Refi­gu­ra­ti­on« im Hin­ter­grund ein, sie schaut auf und mimt lang­sam ein trau­ri­ges Gesicht. Wäh­rend also im Ori­gi­nal von 1969 das Gesche­hen noch wer­tungs­frei abläuft, steht bei Jones über allem die Refi­gu­ra­ti­on, also die Neu­erfin­dung im Vor­der­grund. Auch optisch unter­stellt sich die Künst­le­rin ganz die­ser Idee und gibt dem Motiv durch das neue, wer­ten­de Ende eine neue Bedeu­tung: Der Akt des Schrei­bens ist nur noch eine Not­wen­dig­keit, das Geschrie­be­ne selbst sowie das Ver­lan­gen, sich aus­zu­drü­cken ste­hen nun im Mit­tel­punkt. Doch der Akteur kapi­tu­liert.

Eine Alle­go­rie auf die vie­len jun­gen Künst­ler­ge­ne­ra­tio­nen, die ihren Enthu­si­as­mus mit dem star­ken Drang näh­ren zu Wort zu kom­men? Frag­lich, unter­stellt die­se The­se doch, dass es Broodtha­ers nicht um die Inhal­te, nur um das Erschaf­fen sei­ner Kunst ging. Dies ist sicher­lich nur eine Les­art, aber wie ich fin­de, eine nicht unin­ter­es­san­te.

Haegue Yang: Quasi MB - In the middle of its story»Qua­si MB — In the midd­le of its sto­ry«, © Hae­gue Yang

Einen ande­ren Blick auf das Motiv hat die Korea­ne­rin Hae­gue Yang ent­wi­ckelt: In ihrer 18-tei­li­gen Arbeit »Qua­si MB — In the midd­le of its sto­ry« greift sie das The­ma auf, indem sie dem säu­ber­lich gedruck­ten Text das hand­ge­schrie­be­ne und vom Regen ero­dier­te Äqui­va­lent gegen­über­stellt. Die Tex­te der ein­zel­nen Tei­le der Rei­he sind unter­schied­lich stark ver­frem­det: hier sind sie noch gut les­bar, dort ent­ste­hen — wie auch zwi­schen­zeit­lich bei Broodtha­ers — Aqua­rel­le und wie­der ein ande­res Mal hat der Regen das Papier in Stü­cke geris­sen.

Yang beleuch­tet eben­so wie Jones nicht mehr den per­for­ma­ti­ven Teil des Motivs, ihr Fokus liegt nun­mehr auf dem Wech­sel­spiel zwi­schen Geschrie­be­nem und Regen. Auf der einen Sei­te stellt sie den Infor­ma­ti­ons- und Iden­ti­täts­ver­lust dar, ande­rer­seits die­sem den ursprüng­li­chen Inhalt in kon­ser­vier­ter Form ent­ge­gen. Der per­sön­li­che, hand­ge­schrie­be­ne Text ist dem Ver­fall unter­wor­fen, der küh­le Schreib­ma­schi­nen­text dage­gen über­dau­ert die Zeit.

Bas Jan Ader: Thoughts unsaid, then forgotten»Thoughts unsaid, then for­got­ten«, © Bas Jan Ader

Die letz­te Adap­tati­on in die­sem Bun­de stammt von Bas Jan Ader, sei­ne Instal­la­ti­on »Thoughts unsaid, then for­got­ten«, die ich ja schon ein­mal so vor­stell­te:

Im Jah­re 1973 wur­den die­se Wor­te [Anm.: »Thoughts unsaid, then for­got­ten«] in grau-blau­er Far­be auf eine der Wän­de der Nova Sco­tia School of Art and Design im kana­di­schen Hali­fax geschrie­ben; alles ver­lief nach Anwei­sun­gen, die Bas Jan Ader aus der Fer­ne sand­te. Dane­ben soll­te ein ein­fa­cher Strauß Blu­men gestellt wer­den, wel­che Sor­te sei egal, nur kei­ne Rosen. Nach eini­gen Tagen wur­den die Wor­te in dem­sel­ben Weiß der Gale­rie­wän­de über­stri­chen, aus­ge­löscht, gleich­ge­macht. Nichts erin­ner­te mehr an jene Inschrift. Die Blu­men ver­blie­ben an ihrem Platz, bis zum Ende der ein­wö­chi­gen Aus­stel­lung welk­ten sie unbe­rührt an der Stel­le, wo zuvor noch die Wor­te geschrie­ben stan­den.

Auch Bas Jan Ader geht es nicht mehr um das sisy­phos­haf­te Ankämp­fen, bei ihm wer­den viel mehr die Aus­lö­schung und das Ver­ges­sen jener Gedan­ken zum Gegen­stand der Betrach­tung. Er bringt jene Wor­te, die bei Broodtha­ers für immer ver­schwun­den blie­ben, wie­der ins Gedächt­nis zurück, erin­nert — beleuch­tet sie, auch im wört­li­chen Sin­ne. Den­noch, Ader geht es nicht um ein Reka­pi­tu­lie­ren der ein­mal ver­ges­se­nen Gedan­ken, er weist ledig­lich auf das Ver­ges­sen selbst hin und ver­liert bei sei­ner Adap­tati­on des Motivs nicht den melan­cho­li­schen Grund­ton, den man bei Broodtha­ers fin­det.

Das Ver­fol­gen eines Motivs auf sei­nen Wegen der Inspi­ra­ti­on und Adap­tati­on kann, wie ich fin­de, eine sehr span­nen­de Ange­le­gen­heit sein. Von einem bestimm­ten Werk aus­ge­hend und dann in Rich­tung Gegen­wart explo­rie­rend kön­nen dabei nicht nur neue Blick­win­kel auf das Motiv selbst, son­dern auch auf den Aus­gangs­punkt, in die­sem Fall Broodtha­ers Kurz­film gewon­nen wer­den.

Das Spiel funk­tio­niert natür­lich auch in die ande­re Rich­tung, ist aber, was das Bei­spiel von »La plu­ie (Pro­ject pour un text)« angeht, unge­mein schwie­ri­ger. Die Ein­ord­nung Broodtha­ers‹ Kunst ist wegen der schlech­ten Über­lie­fe­rung bis­her nicht die nöti­ge Auf­merk­sam­keit zuteil gewor­den, jedoch fin­den auch im Inter­net ver­ein­zelt detail­lier­te Betrach­tun­gen sei­nes Schaf­fens. Eine davon (PDF, 1,8MB) ist jedoch 2008 im re·bus, einem Kunst­jour­nal der Uni­ver­si­ty of Essex, erschie­nen und stellt Zusam­men­hän­ge zu Dürers »Melen­co­lia I« her — sehr aus­führ­lich, aber emp­feh­lens­wert!