Der Moment der Balance

Das metallene Segel des Frederic Geurts

Frederic Geurts: (un)balancedUntit­led, aus “(un)balanced”, © Fre­de­ric Geurts

Es gibt so man­che Künst­ler, die – ein­mal ihr opti­ma­les Medium gefun­den – nur noch mit die­sem arbei­ten und immer wie­der neue Per­spek­ti­ven und Ansätze explo­rie­ren. Die Kunst­ge­schichte ist voll von sol­chen Bei­spie­len, nicht sel­ten behält man heute ein­zelne Künst­ler vor­nehm­lich dafür im Gedächt­nis: Da wäre Rem­brandts genia­ler Umgang mit dem Licht, Alex­an­der Cal­ders Mobi­les oder auch Yves Kleins Ultramarinblau.

Sol­che Künst­ler ver­ste­hen es, sich und ihr Medium immer wie­der neu zu erfin­den. Der Bel­gier Fre­de­ric Geurts könnte einer von ihnen sein. Er arbei­tet mit stäh­ler­nen oder mit Poly­es­ter­netz aus­ge­spann­ten Segeln, die mal im Raum zu schwe­ben schei­nen, mal den­sel­bi­gen durch­zie­hen, mal den Betrach­ter zu erdrü­cken, mal jen­seits von Raum und Zeit zu exis­tie­ren scheinen.

Frederic Geurts: (un)balancedUntit­led, aus “(un)balanced”, © Fre­de­ric Geurts

Ein Glück, dass ich doch den E-Mail-Newsletter las, hätte ich doch sonst nicht von Geurts’ jüngs­tem Werk erfah­ren, das der­zeit in der gro­ßen Solo­aus­stel­lung “(un)balanced” im bel­gi­schen Has­selt gezeigt wird. Das 18 Meter lange, drei Meter hohe, nur drei Mil­li­me­ter dünne, dafür aber 500kg schwere Alu­mi­ni­um­se­gel steht auf sei­ner dünns­ten Seite, scheint jeden Moment umzu­fal­len, hält jedoch wider Erwar­ten die Balance. Man­cher­orts steht es fast auf­recht, andern­orts dage­gen hängt es mehr über dem Boden, als dass es sicher zu ste­hen scheint.

Man betrach­tet jenes Segel von allen Sei­ten, fürch­tet sich hier, von ihm zer­drückt zu wer­den, mag dort den Moment erah­nen, wo es über­kippt und andern­orts steht es auf­recht, hebt gar vom Boden ab. Die­ser Effekt wird ins­be­son­dere durch das schwer anmu­tende Mate­rial ver­stärkt, das ero­diert und mit Nie­ten ver­se­hen mehr an eine Schiffs­haut erin­nert, denn an ein luf­ti­ges Segel. Geurts bringt es auf den Punkt:

I went in search of the tip­ping moment, the moment of almost fal­ling over.

Und erin­nert mich wie­der ein­mal an Bas Jan Ader, der ja eben die­ses Los­las­sen, die­ses Auf­ge­ben der Kon­trolle über sich selbst als sein Medium, in Form der Schwer­kraft, aus­er­ko­ren hatte. Fre­de­ric Geurts jedoch dehnt die­sen Moment in sei­nen Wer­ken aus, lotet seine Gren­zen aus. Fer­ner, als Raum­in­stal­la­tion ver­mag es den lang­ge­streck­ten und sta­ti­schen Raum aus dem Lot zu brin­gen – und bringt damit auch den Betrach­ter aus dem Gleichgewicht.

 

Wer die Aus­stel­lung “(un)balanced” noch besu­chen will, der hat noch bis zum 7. Februar Zeit – muss aller­dings den Weg zum z33 im bel­gi­schen Has­selt auf sich neh­men. Dafür wird man mit einer gro­ßen Ein­zel­aus­stel­lung Geurts’ belohnt, die neben dem Alu­mi­ni­um­se­gel auch noch andere raum­durch­span­nende, hauch­dünne Instal­la­tio­nen, schwin­gende Pen­del und Spi­ra­len – eben alles unter dem pas­sen­den Titel “(un)balanced” – bereit­hält