Von den Grenzen der Wahrnehmung

Ausstellung im KW Institute for Contemporary Arts

John Baldessari: Time/Temperature“Time/Temperature”, © John Bal­des­sari

Wahr­neh­mung ist eine über­aus kom­plexe Sache, nicht nur aus medi­zi­ni­scher und psy­cho­lo­gi­scher Sicht. Auch die ver­schie­de­nen Teil­ge­biete und Schu­len der Phi­lo­so­phie haben ihre eige­nen Ideen und Vor­stel­lun­gen von der Wahr­neh­mung und der Kogni­tion, also der Ver­ar­bei­tung der wahr­ge­nom­me­nen Daten, entwickelt.

Der (moderne) Mensch indes hat es geschafft die phy­sio­lo­gi­schen Gren­zen sei­ner Wahr­neh­mung zu erwei­tern und mit­hilfe von Tech­nik und Medi­zin diese Errun­gen­schaf­ten auch im All­tag ein­zu­set­zen. Im ein­fachs­ten Falle sind das Brille und Hör­ge­rät, aber auch Fern­se­her, Antenne und Strom­uhr sind Instru­mente, die für uns Grö­ßen erfas­sen und mes­sen, die wir durch eige­nes Unver­mö­gen wesent­lich schlech­ter oder gar nicht wahr­neh­men wür­den. Den Fol­gen – und vor allen Din­gen den Kom­pli­ka­tio­nen –, die dar­aus ent­ste­hen, wid­met sich ab Sonn­abend eine recht viel­ver­spre­chende Aus­stel­lung im KW Insti­tute for Con­tem­porary Arts.

Teil der Aus­stel­lung ist auch eine Video­in­stal­la­tion des Kali­for­niers John Bal­des­sari aus dem Jahre 1972 mit dem schlich­ten Namen “Time/Temperature”. In dem etwa sechs­mi­nü­ti­gen Film sieht man den Künst­ler, in der einen Hand eine Sand­uhr, in der ande­ren ein Ther­mo­me­ter. Wäh­rend einer­seits lang­sam die Zeit ver­rinnt, steigt die Tem­pe­ra­tur ste­tig bis auf 105°F (ca. 41°C) – dann ist die Zeit abge­lau­fen. (Das obige Video zeigt noch drei wei­tere Auf­nah­men Bal­des­sa­ris zur glei­chen Thematik.)

Mit “Time/Temperature” macht Bal­des­sari zwei phy­si­ka­li­sche Grö­ßen sicht­bar, deren Exis­tenz zwar kei­ner ver­nei­nen wird, die aber Kon­zepte dar­stel­len, die der Mensch selbst nicht oder nur unzu­rei­chend selbst mes­sen kann. Es ist also die Frage erlaubt, ob jene Grö­ßen über­haupt real exis­tent sind – womit wir beim dras­tisch kon­zen­trier­ten Exis­ten­zia­lis­mus ange­langt sind: Mes­sen Uhren nicht eigent­lich sich selbst, zäh­len sie nicht eigent­lich nur ihre eige­nen Bewegungen?

Sol­che und ähnli­che Para­doxa der Wahr­neh­mung und Kogni­tion beglei­ten uns in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen und die Kunst ist eine davon. Laut Pres­se­text des KW Insti­tu­tes will die Aus­stel­lung “For the use of those who see” eben jene Indif­fe­ren­zen zwi­schen Wahr­neh­mung und Rea­li­tät auf­spü­ren und unter­su­chen. Was dabei raus­kommt, wird sich zei­gen – es klingt aller­dings sehr vielversprechend!

 

Los geht’s mit der Ver­nis­sage
am kom­men­den Sams­tag, den 21. Novem­ber, von 17 – 22 Uhr,
danach bis zum 24. Januar, Di – So 12 – 19 Uhr, Do bis 22 Uhr
im KW Insti­tute for Con­tem­porary Arts
in der August­straße 69, 10117 Ber­lin. (Ein­tritt 6 €, 4 € erm.)

Wei­tere Arbei­ten von John Bal­des­sari gibt es übri­gens ab Frei­tag, dem 20. Novem­ber, in einer Ein­zel­aus­stel­lung bei Sprueth Magers.


Kommentare

  1. Tim Holl­stein schrieb am 17. November 2009:

    uhren mes­sen sich selbst, und vor allem gleich­mä­ßig! daher kann man ja den rück­schluss auf die zeit zie­hen. das pro­blem ist ja, dass man zeit an sich nicht mes­sen kann, son­dern nur zwei zeit­punkte. die zeit­punkte haben dabei immer einen “abstand”.
    ich habe mal gele­sen, dass zeit auch aus quan­ten besteht, also kei­nes­wegs flüs­sig daher­läuft. inter­es­sant!
    so aber jetzt geh ich mal schla­fen es ist schon viel zu spät!


  2. Mat­thias schrieb am 17. November 2009:

    Da hieß es mal in einem Film:

    “Time. We can’t see it, we can’t hear it, we can’t weigh it, we can’t mea­sure it in a labo­ratory. It’s a sub­jec­tive sense of beco­m­ing what we are instead of what we were a nano­se­cond ago, beco­m­ing what we will be in ano­ther nano­se­cond. The Hopis see time as a land­scape, exis­ting before and behind us, and we move – we move through it, slice by slice.” – “Clocks mea­sure time.” – “No, they mea­sure them­sel­ves. The objec­tive refe­rent of a clock is ano­ther clock.” (The man from earth)

    Zu dem Thema Zeit und Wahr­neh­mung könnte man viel­leicht sogar einen eige­nen Blog fül­len – oder aber die Aus­stel­lung besu­chen und sich inspi­rie­ren las­sen… ;)