Von den Grenzen der Wahrnehmung

16. November 2009 von Matthias Planitzer
"Time/Temperature", © John Baldessari Wahrnehmung ist eine überaus komplexe Sache, nicht nur aus medizinischer und psychologischer Sicht. Auch die verschiedenen Teilgebiete und Schulen der Philosophie haben ihre eigenen Ideen und Vorstellungen von der Wahrnehmung und der Kognition, also der Verarbeitung der wahrgenommenen Daten, entwickelt. Der (moderne) Mensch indes hat es geschafft die physiologischen Grenzen seiner Wahrnehmung zu erweitern und mithilfe von Technik und Medizin diese Errungenschaften auch im Alltag einzusetzen. Im einfachsten Falle sind das Brille und Hörgerät, aber auch Fernseher, Antenne und Stromuhr sind Instrumente, die für uns Größen erfassen und messen, die wir durch eigenes Unvermögen wesentlich schlechter oder gar nicht wahrnehmen würden. Den Folgen - und vor allen Dingen den Komplikationen -, die daraus entstehen, widmet sich ab Sonnabend eine recht vielversprechende Ausstellung im KW Institute for Contemporary Arts.
John Baldessari: Time/Temperature»Time/Temperature«, © John Bald­essa­ri

Wahr­neh­mung ist eine über­aus kom­ple­xe Sache, nicht nur aus medi­zi­ni­scher und psy­cho­lo­gi­scher Sicht. Auch die ver­schie­de­nen Teil­ge­bie­te und Schu­len der Phi­lo­so­phie haben ihre eige­nen Ide­en und Vor­stel­lun­gen von der Wahr­neh­mung und der Kogni­ti­on, also der Ver­ar­bei­tung der wahr­ge­nom­me­nen Daten, ent­wi­ckelt.

Der (moder­ne) Mensch indes hat es geschafft die phy­sio­lo­gi­schen Gren­zen sei­ner Wahr­neh­mung zu erwei­tern und mit­hil­fe von Tech­nik und Medi­zin die­se Errun­gen­schaf­ten auch im All­tag ein­zu­set­zen. Im ein­fachs­ten Fal­le sind das Bril­le und Hör­ge­rät, aber auch Fern­se­her, Anten­ne und Strom­uhr sind Instru­men­te, die für uns Grö­ßen erfas­sen und mes­sen, die wir durch eige­nes Unver­mö­gen wesent­lich schlech­ter oder gar nicht wahr­neh­men wür­den. Den Fol­gen — und vor allen Din­gen den Kom­pli­ka­tio­nen -, die dar­aus ent­ste­hen, wid­met sich ab Sonn­abend eine recht viel­ver­spre­chen­de Aus­stel­lung im KW Insti­tu­te for Con­tem­pora­ry Arts.

Teil der Aus­stel­lung ist auch eine Video­in­stal­la­ti­on des Kali­for­niers John Bald­essa­ri aus dem Jah­re 1972 mit dem schlich­ten Namen »Time/Temperature«. In dem etwa sechs­mi­nü­ti­gen Film sieht man den Künst­ler, in der einen Hand eine Sand­uhr, in der ande­ren ein Ther­mo­me­ter. Wäh­rend einer­seits lang­sam die Zeit ver­rinnt, steigt die Tem­pe­ra­tur ste­tig bis auf 105°F (ca. 41°C) — dann ist die Zeit abge­lau­fen. (Das obi­ge Video zeigt noch drei wei­te­re Auf­nah­men Bald­essa­ris zur glei­chen The­ma­tik.)

Mit »Time/Temperature« macht Bald­essa­ri zwei phy­si­ka­li­sche Grö­ßen sicht­bar, deren Exis­tenz zwar kei­ner ver­nei­nen wird, die aber Kon­zep­te dar­stel­len, die der Mensch selbst nicht oder nur unzu­rei­chend selbst mes­sen kann. Es ist also die Fra­ge erlaubt, ob jene Grö­ßen über­haupt real exis­tent sind — womit wir beim dras­tisch kon­zen­trier­ten Exis­ten­zia­lis­mus ange­langt sind: Mes­sen Uhren nicht eigent­lich sich selbst, zäh­len sie nicht eigent­lich nur ihre eige­nen Bewe­gun­gen?

Sol­che und ähn­li­che Para­do­xa der Wahr­neh­mung und Kogni­ti­on beglei­ten uns in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen und die Kunst ist eine davon. Laut Pres­se­text des KW Insti­tu­tes will die Aus­stel­lung »For the use of tho­se who see« eben jene Indif­fe­ren­zen zwi­schen Wahr­neh­mung und Rea­li­tät auf­spü­ren und unter­su­chen. Was dabei raus­kommt, wird sich zei­gen — es klingt aller­dings sehr viel­ver­spre­chend!

 

Los geht’s mit der Ver­nis­sa­ge
am kom­men­den Sams­tag, den 21. Novem­ber, von 17 — 22 Uhr,
danach bis zum 24. Janu­ar, Di — So 12 — 19 Uhr, Do bis 22 Uhr
im KW Insti­tu­te for Con­tem­pora­ry Arts
in der August­stra­ße 69, 10117 Ber­lin. (Ein­tritt 6 €, 4 € erm.)

Wei­te­re Arbei­ten von John Bald­essa­ri gibt es übri­gens ab Frei­tag, dem 20. Novem­ber, in einer Ein­zel­aus­stel­lung bei Sprueth Magers.

Kommentare

  1. uhren mes­sen sich selbst, und vor allem gleich­mä­ßig! daher kann man ja den rück­schluss auf die zeit zie­hen. das pro­blem ist ja, dass man zeit an sich nicht mes­sen kann, son­dern nur zwei zeit­punk­te. die zeit­punk­te haben dabei immer einen »abstand«.
    ich habe mal gele­sen, dass zeit auch aus quan­ten besteht, also kei­nes­wegs flüs­sig daher­läuft. inter­es­sant!
    so aber jetzt geh ich mal schla­fen es ist schon viel zu spät!

    • Da hieß es mal in einem Film:

      »Time. We can’t see it, we can’t hear it, we can’t weigh it, we can’t mea­su­re it in a labo­ra­to­ry. It’s a sub­jec­tive sen­se of beco­m­ing what we are ins­te­ad of what we were a nano­se­cond ago, beco­m­ing what we will be in ano­t­her nano­se­cond. The Hopis see time as a land­s­cape, exis­ting befo­re and behind us, and we move — we move through it, sli­ce by sli­ce.« — »Clocks mea­su­re time.« — »No, they mea­su­re them­sel­ves. The objec­tive refe­rent of a clock is ano­t­her clock.« (The man from earth)

      Zu dem The­ma Zeit und Wahr­neh­mung könn­te man viel­leicht sogar einen eige­nen Blog fül­len — oder aber die Aus­stel­lung besu­chen und sich inspi­rie­ren las­sen… 😉

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