Zwischen Tradition und Umbruch

Porträts afrikanischer Stammesfürsten und Monarchen

Daniel Lainéel Hadji Mama­dou Kabir Usman, Emir von Katsina (Nige­ria), © Daniel Lainé

Eine mei­ner vie­len Inter­es­sen ist die Eth­no­lo­gie, die Völ­ker­kunde. Auf der Suche nach einem neuen Bild­band bin ich auf ein mitt­ler­weile schon neun Jahre altes Buch von Daniel Lainé gesto­ßen, des­sen Bild­ma­te­rial wie­derum aus den Jah­ren 1988 – 1991 stammt. Den­noch bleibt sein Thema aktu­ell, denn Lainé hat in die­sen Jah­ren die afri­ka­ni­schen Fürs­ten und Mon­ar­chen bei Hofe besucht und in roya­ler Manier por­trä­tiert. Die Bil­der stel­len jedoch nicht nur Zeit­do­ku­mente feu­da­ler Gesell­schafts­spit­zen dar, sie zei­gen auch einen künst­le­ri­schen Cha­rak­ter, wenn auf sub­tile Art und Weise die typi­schen Ent­wick­lun­gen und Stil­blü­ten die­ser Gesell­schaf­ten zwi­schen tra­dier­ten und west­li­chen Nor­men ein­ge­fan­gen werden.

Lai­nés Fotos wir­ken wie aus einer ande­ren, einer frem­den Welt, sie fan­gen einen Mikro­kos­mos ein, der zwar in gro­ßen Tei­len unse­ren Vor­stel­lun­gen vom (archai­schen) Afrika ent­spricht, dann aber doch erah­nen las­sen, dass diese Wel­ten mit­ten im Umbruch ste­cken. Zwar dürfte das jet­zige Bild zwan­zig Jahre nach der von Lainé kon­ser­vier­ten Ver­sion anders aus­se­hen, die Essenz bleibt aber dieselbe.

Da sticht etwa das Por­trät eines nige­ria­ni­schen Regen­ten her­vor, el Hadji Mama­dou Kabir Usman, der damals über den im Nor­den, an der Grenze zum Niger gele­ge­nen Bun­des­staat Katsina herrschte. Katsina ist eine der his­to­ri­schen Staa­ten der Hausa und seit dem 15. Jahr­hun­dert isla­misch geprägt; seit­dem ent­wi­ckelte sich die Region zum wich­tigs­ten mus­li­mi­schen Bal­lungs­punkt West­afri­kas. Die Kolo­ni­al­mächte Frank­reich im Nor­den und Groß­bri­tan­nien im Süden zogen ihre Grenze genau durch diese von Jahr­hun­der­ten der Stam­mes­feh­den gepräg­ten Region und trenn­ten damit auch die bei­den gro­ßen, ver­fein­de­ten Dynas­tien des Rei­ches, sodass die Vor­fah­ren des hier dar­ge­stell­ten Herr­schers unter bri­ti­scher Herr­schaft fortan wei­ter­leb­ten. Im sog. afri­ka­ni­schen Jahr, 1960, gelang auch Nige­ria zur for­ma­len Unab­hän­gig­keit, war jedoch wei­ter auf den eins­ti­gen Kolo­ni­al­her­ren ange­wie­sen.
Triste His­to­rie viel­leicht, doch spä­tes­tens in Linés Foto­gra­fie wird sie wie­der leben­dig. Wie jeder Macht­ha­ber lässt sich auch der Emir von Katsina mit den Sym­bo­len sei­ner Macht, sei­ner Legi­ti­mi­ta­tion und sei­ner Erfolge – kurz: sei­nes gan­zen Stol­zes – darstellen.

In die­sem Fall, geprägt durch die bewegte Geschichte des Rei­ches, sieht das so aus, dass der Regent seine ganze mili­tä­ri­sche Macht prä­sen­tiert. Sie­ben sei­ner fähigs­ten Gefolgs­män­ner rah­men den auf sei­nem Leder­ses­sel sit­zen­den König ein, wel­cher vor sich Waf­fen und tra­di­tio­nel­len Schmuck aus­ge­legt hat. Was will das hei­ßen? Drei­ßig Jahre nach dem Weg­fall der regu­la­to­ri­schen Kraft der Kolo­ni­al­her­ren herrscht wohl noch immer ein Vakuum, das die Frage nach der Ver­gan­gen­heit aus­ge­löst hat, ant­wor­tet der Emir mit mili­tä­ri­scher Macht. Ein alter Kon­flikt in neuen Gewän­dern wird beschwo­ren. Die Refe­renz auf kolo­niale Sym­bole stellt eben­falls einen Macht­be­weis, aber auch einen Nach­weis der Legi­ti­ma­tion des Emirs dar. Die Stärke die­ses Fotos liegt jedoch in einem ande­ren Punkt: Der Emir, ein klei­ner, hage­rer Mann, umringt von sei­nen mehr bri­tisch denn nige­ria­nisch anmu­ten­den Mili­tärs, die – rechts und links – ihn beglei­ten und füh­ren und – hin­ter ihm – ihn antrei­ben und den Rücken decken, führt – vor sich – die Waf­fen der Gegen­wart in einen tra­dier­ten Konflikt.

Daniel LainéNana Phi­lip Kodjo Gor­kelu, Ghana, © Daniel Lainé

Die post­ko­lo­nia­len Ver­hält­nisse am Hofe des gha­nai­schen Fürs­ten Nana Phi­lip Kodjo Gor­kelu sehen fried­li­cher, wenn auch nicht weni­ger ein­drück­lich aus. Lai­nés Foto­gra­fie zeigt den Herr­scher inmit­ten sei­nes Vol­kes, in sei­nem Thron sit­zend, der gleich einer Sänfte durch das Dorf getra­gen wird. Wie jeder Mon­arch hat auch der hier por­trä­tierte seine eige­nen Vor­stel­lun­gen in die Gestal­tung sei­nes Herr­scher­sit­zes ein­flie­ßen las­sen und regiert daher von sei­nem eige­nen Auto aus. Für ein ech­tes Modell aus Blech und Stahl reicht auch die könig­li­che Hof­kasse nicht, sodass kurzum ein Exem­plar aus Sperr­holz­plat­ten ange­schafft wurde.

Die­ses Foto erzählt etwas offe­ner von sei­nen Hin­ter­grün­den. Nach lan­gen Jah­ren vol­ler Mili­tär­put­sche und wirt­schaft­li­chem Bank­rott, befand sich Ghana zu jenem Zeit­punkt mit­ten im Auf­bruch. Leut­nant Jerry Raw­lings suchte inter­na­tio­nale Hilfe und gab dem Land seine ökono­mi­sche Sta­bi­li­tät wie­der, ehe er einige Jahre nach dem Ent­ste­hen die­ses Fotos sein Land in die Demo­kra­tie führte. Lai­nés Bild fängt den Geist jener Zeit ein, es zeigt einen Stam­mes­fürs­ten, der sich mit den Sta­tus­sym­bo­len des Wes­tens, des Wohl­stand ver­hei­ßen­den Heils­brin­gers, schmückt, getra­gen und ange­führt von einem Volk, das eben­falls – jeden­falls der Klei­dung nach zu urtei­len – irgendwo zwi­schen Tra­di­tion und Auf­bruch steht. Die Men­schen wie auch ihr Fürst schauen Lai­nés Kamera an, als stün­den sie den Völ­kern des Wes­tens Auge in Auge gegen­über. Nicht auf Augen­höhe, aber dicht dran. Es zeigt die Hoff­nung und die vage Rich­tung eines Vol­kes, das sein Schick­sal selbst in die Hand neh­men will.

 

Wann immer Macht­ha­ber ihre Ver­ewi­gung in Bil­dern anstreb­ten, waren sie auf die rechte Aus­sage bedacht. Hya­c­in­the Rigauds Bild­nis des Son­nen­kö­nigs ist da viel­leicht eines der bekann­tes­ten Bei­spiele, das den Por­trä­tier­ten alle Macht und höchste Legi­ti­mi­ta­tion auf Erden zuschrieb. Herr­scher­bil­der stel­len einen eige­nen Kunst­zweig mit sei­nen eige­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten dar, die natür­lich auch für afri­ka­ni­sche Stam­mes­ober­häup­ter gel­ten. Lai­nés Anteil daran ist aller­dings, diese Regeln in Kon­text zu trans­fe­rien, der den afri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­sen zu eigen ist. Die gemein­same his­to­ri­sche Ent­wick­lung der ehe­ma­li­gen Kolo­nien süd­lich der Sahara wird bei Lainé zwar poin­tiert, aber kei­nes­wegs kari­kiert. Auf ande­ren Fotos stellt er Mon­ar­chen neben ihren Kühl­schrän­ken oder Akkor­de­ons dar, wahrt aber stets ihre Würde und lenkt den Fokus weg vom Por­trä­tier­ten, hin auf die indi­vi­du­elle Situation.

Daher will ich jedem, der an der jün­ge­ren Geschichte des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents inter­es­siert ist, aber auch jedem, den Herr­scher­bil­der rei­zen, den Bild­band emp­feh­len. Selbst habe ich ihn zwar noch nicht in den Hän­den hal­ten kön­nen, werde das aber sicher­lich bald nachholen.

Daniel Lainé: Afri­can Kings: Por­traits of a Disap­pearing Era . Ten Speed Press . Okto­ber 2000 . ISBN: 1580082246


Kommentare

  1. Dori schrieb am 19. Oktober 2009:

    Hab ich letz­ten auch irgendwo gese­hen und glatt ver­ges­sen. Merci, werd mir des def besorgen…