Zwischen Tradition und Umbruch

05. Oktober 2009 von Matthias Planitzer
el Hadji Mamadou Kabir Usman, Emir von Katsina (Nigeria), © Daniel Lainé Eine meiner vielen Interessen ist die Ethnologie, die Völkerkunde. Auf der Suche nach einem neuen Bildband bin ich auf ein mittlerweile schon neun Jahre altes Buch von Daniel Lainé gestoßen, dessen Bildmaterial wiederum aus den Jahren 1988 - 1991 stammt. Dennoch bleibt sein Thema aktuell, denn Lainé hat in diesen Jahren die afrikanischen Fürsten und Monarchen bei Hofe besucht und in royaler Manier porträtiert. Die Bilder stellen jedoch nicht nur Zeitdokumente feudaler Gesellschaftsspitzen dar, sie zeigen auch einen künstlerischen Charakter, wenn auf subtile Art und Weise die typischen Entwicklungen und Stilblüten dieser Gesellschaften zwischen tradierten und westlichen Normen eingefangen werden.

Daniel Lainéel Had­ji Mama­dou Kab­ir Usman, Emir von Katsi­na (Nige­ria), © Dani­el Lai­né

Eine mei­ner vie­len Inter­es­sen ist die Eth­no­lo­gie, die Völ­ker­kun­de. Auf der Suche nach einem neu­en Bild­band bin ich auf ein mitt­ler­wei­le schon neun Jah­re altes Buch von Dani­el Lai­né gesto­ßen, des­sen Bild­ma­te­ri­al wie­der­um aus den Jah­ren 1988 — 1991 stammt. Den­noch bleibt sein The­ma aktu­ell, denn Lai­né hat in die­sen Jah­ren die afri­ka­ni­schen Fürs­ten und Mon­ar­chen bei Hofe besucht und in roya­ler Manier por­trä­tiert. Die Bil­der stel­len jedoch nicht nur Zeit­do­ku­men­te feu­da­ler Gesell­schafts­spit­zen dar, sie zei­gen auch einen künst­le­ri­schen Cha­rak­ter, wenn auf sub­ti­le Art und Wei­se die typi­schen Ent­wick­lun­gen und Stil­blü­ten die­ser Gesell­schaf­ten zwi­schen tra­dier­ten und west­li­chen Nor­men ein­ge­fan­gen wer­den.

Lai­nés Fotos wir­ken wie aus einer ande­ren, einer frem­den Welt, sie fan­gen einen Mikro­kos­mos ein, der zwar in gro­ßen Tei­len unse­ren Vor­stel­lun­gen vom (archai­schen) Afri­ka ent­spricht, dann aber doch erah­nen las­sen, dass die­se Wel­ten mit­ten im Umbruch ste­cken. Zwar dürf­te das jet­zi­ge Bild zwan­zig Jah­re nach der von Lai­né kon­ser­vier­ten Ver­si­on anders aus­se­hen, die Essenz bleibt aber die­sel­be.

Da sticht etwa das Por­trät eines nige­ria­ni­schen Regen­ten her­vor, el Had­ji Mama­dou Kab­ir Usman, der damals über den im Nor­den, an der Gren­ze zum Niger gele­ge­nen Bun­des­staat Katsi­na herrsch­te. Katsi­na ist eine der his­to­ri­schen Staa­ten der Hau­sa und seit dem 15. Jahr­hun­dert isla­misch geprägt; seit­dem ent­wi­ckel­te sich die Regi­on zum wich­tigs­ten mus­li­mi­schen Bal­lungs­punkt West­afri­kas. Die Kolo­ni­al­mäch­te Frank­reich im Nor­den und Groß­bri­tan­ni­en im Süden zogen ihre Gren­ze genau durch die­se von Jahr­hun­der­ten der Stam­mes­feh­den gepräg­ten Regi­on und trenn­ten damit auch die bei­den gro­ßen, ver­fein­de­ten Dynas­ti­en des Rei­ches, sodass die Vor­fah­ren des hier dar­ge­stell­ten Herr­schers unter bri­ti­scher Herr­schaft fort­an wei­ter­leb­ten. Im sog. afri­ka­ni­schen Jahr, 1960, gelang auch Nige­ria zur for­ma­len Unab­hän­gig­keit, war jedoch wei­ter auf den eins­ti­gen Kolo­ni­al­her­ren ange­wie­sen.
Tris­te His­to­rie viel­leicht, doch spä­tes­tens in Linés Foto­gra­fie wird sie wie­der leben­dig. Wie jeder Macht­ha­ber lässt sich auch der Emir von Katsi­na mit den Sym­bo­len sei­ner Macht, sei­ner Legi­ti­mi­ta­ti­on und sei­ner Erfol­ge — kurz: sei­nes gan­zen Stol­zes — dar­stel­len.

In die­sem Fall, geprägt durch die beweg­te Geschich­te des Rei­ches, sieht das so aus, dass der Regent sei­ne gan­ze mili­tä­ri­sche Macht prä­sen­tiert. Sie­ben sei­ner fähigs­ten Gefolgs­män­ner rah­men den auf sei­nem Leder­ses­sel sit­zen­den König ein, wel­cher vor sich Waf­fen und tra­di­tio­nel­len Schmuck aus­ge­legt hat. Was will das hei­ßen? Drei­ßig Jah­re nach dem Weg­fall der regu­la­to­ri­schen Kraft der Kolo­ni­al­her­ren herrscht wohl noch immer ein Vaku­um, das die Fra­ge nach der Ver­gan­gen­heit aus­ge­löst hat, ant­wor­tet der Emir mit mili­tä­ri­scher Macht. Ein alter Kon­flikt in neu­en Gewän­dern wird beschwo­ren. Die Refe­renz auf kolo­nia­le Sym­bo­le stellt eben­falls einen Macht­be­weis, aber auch einen Nach­weis der Legi­ti­ma­ti­on des Emirs dar. Die Stär­ke die­ses Fotos liegt jedoch in einem ande­ren Punkt: Der Emir, ein klei­ner, hage­rer Mann, umringt von sei­nen mehr bri­tisch denn nige­ria­nisch anmu­ten­den Mili­tärs, die — rechts und links — ihn beglei­ten und füh­ren und — hin­ter ihm — ihn antrei­ben und den Rücken decken, führt — vor sich — die Waf­fen der Gegen­wart in einen tra­dier­ten Kon­flikt.

Daniel LainéNana Phi­lip Kod­jo Gor­ke­lu, Gha­na, © Dani­el Lai­né

Die post­ko­lo­nia­len Ver­hält­nis­se am Hofe des gha­nai­schen Fürs­ten Nana Phi­lip Kod­jo Gor­ke­lu sehen fried­li­cher, wenn auch nicht weni­ger ein­drück­lich aus. Lai­nés Foto­gra­fie zeigt den Herr­scher inmit­ten sei­nes Vol­kes, in sei­nem Thron sit­zend, der gleich einer Sänf­te durch das Dorf getra­gen wird. Wie jeder Mon­arch hat auch der hier por­trä­tier­te sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen in die Gestal­tung sei­nes Herr­scher­sit­zes ein­flie­ßen las­sen und regiert daher von sei­nem eige­nen Auto aus. Für ein ech­tes Modell aus Blech und Stahl reicht auch die könig­li­che Hof­kas­se nicht, sodass kurz­um ein Exem­plar aus Sperr­holz­plat­ten ange­schafft wur­de.

Die­ses Foto erzählt etwas offe­ner von sei­nen Hin­ter­grün­den. Nach lan­gen Jah­ren vol­ler Mili­tär­put­sche und wirt­schaft­li­chem Bank­rott, befand sich Gha­na zu jenem Zeit­punkt mit­ten im Auf­bruch. Leut­nant Jer­ry Raw­lings such­te inter­na­tio­na­le Hil­fe und gab dem Land sei­ne öko­no­mi­sche Sta­bi­li­tät wie­der, ehe er eini­ge Jah­re nach dem Ent­ste­hen die­ses Fotos sein Land in die Demo­kra­tie führ­te. Lai­nés Bild fängt den Geist jener Zeit ein, es zeigt einen Stam­mes­fürs­ten, der sich mit den Sta­tus­sym­bo­len des Wes­tens, des Wohl­stand ver­hei­ßen­den Heils­brin­gers, schmückt, getra­gen und ange­führt von einem Volk, das eben­falls — jeden­falls der Klei­dung nach zu urtei­len — irgend­wo zwi­schen Tra­di­ti­on und Auf­bruch steht. Die Men­schen wie auch ihr Fürst schau­en Lai­nés Kame­ra an, als stün­den sie den Völ­kern des Wes­tens Auge in Auge gegen­über. Nicht auf Augen­hö­he, aber dicht dran. Es zeigt die Hoff­nung und die vage Rich­tung eines Vol­kes, das sein Schick­sal selbst in die Hand neh­men will.

 

Wann immer Macht­ha­ber ihre Ver­ewi­gung in Bil­dern anstreb­ten, waren sie auf die rech­te Aus­sa­ge bedacht. Hyacin­the Rigauds Bild­nis des Son­nen­kö­nigs ist da viel­leicht eines der bekann­tes­ten Bei­spie­le, das den Por­trä­tier­ten alle Macht und höchs­te Legi­ti­mi­ta­ti­on auf Erden zuschrieb. Herr­scher­bil­der stel­len einen eige­nen Kunst­zweig mit sei­nen eige­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten dar, die natür­lich auch für afri­ka­ni­sche Stam­mes­ober­häup­ter gel­ten. Lai­nés Anteil dar­an ist aller­dings, die­se Regeln in Kon­text zu trans­fe­ri­en, der den afri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­sen zu eigen ist. Die gemein­sa­me his­to­ri­sche Ent­wick­lung der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­en süd­lich der Saha­ra wird bei Lai­né zwar poin­tiert, aber kei­nes­wegs kari­kiert. Auf ande­ren Fotos stellt er Mon­ar­chen neben ihren Kühl­schrän­ken oder Akkor­de­ons dar, wahrt aber stets ihre Wür­de und lenkt den Fokus weg vom Por­trä­tier­ten, hin auf die indi­vi­du­el­le Situa­ti­on.

Daher will ich jedem, der an der jün­ge­ren Geschich­te des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents inter­es­siert ist, aber auch jedem, den Herr­scher­bil­der rei­zen, den Bild­band emp­feh­len. Selbst habe ich ihn zwar noch nicht in den Hän­den hal­ten kön­nen, wer­de das aber sicher­lich bald nach­ho­len.

Dani­el Lai­né: Afri­can Kings: Por­traits of a Disap­pearing Era . Ten Speed Press . Okto­ber 2000 . ISBN: 1580082246

Kommentare

  1. Hab ich letz­ten auch irgend­wo gese­hen und glatt ver­ges­sen. Mer­ci, werd mir des def besor­gen…

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