Le città invisibili

17. September 2009 von Matthias Planitzer
"Ersilia", © Delavega, Ephemera, Lascarr Der italienische Schriftsteller Italo Calvino veröffentlichte 1972 eines seiner schillerndsten Werke, "Le città invisibili" - "Die unsichtbaren Städte". Darin beschreibt Marco Polo seinem Gastgeber Kublai Khan in 55 Prosagedichten die 55 Städte, die er auf seinem Weg nach Peking besucht hat. Jede von ihnen steht für eine bestimmte gesellschaftliche Situation und im Laufe der Erzählungen werden diese Beschreibungen immer düsterer ehe sie zum Schluss die Hölle auf Erden skizzieren. Der geneigte Leser kann deutliche Parallelen zum Decameron oder zur Göttlichen Komödie ziehen - oder aber dieses Sinnbild der gegenwärtigen Urbanisierung künstlerisch verarbeiten. Das übrigens sehr empfehlenswerte Buch hat schon so manchen Künstler inspiriert, sei es StreetArt, Fotografie oder Malerei.

Delavega, Ephemera, Lascarr: Ersilia»Ersi­lia«, © Dela­ve­ga, Ephe­me­ra, Las­carr

Der ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Ita­lo Cal­vi­no ver­öf­fent­lich­te 1972 eines sei­ner schil­lernds­ten Wer­ke, »Le cit­tà invi­si­bi­li« — »Die unsicht­ba­ren Städ­te«. Dar­in beschreibt Mar­co Polo sei­nem Gast­ge­ber Kub­lai Khan in 55 Pro­sa­ge­dich­ten die 55 Städ­te, die er auf sei­nem Weg nach Peking besucht hat. Jede von ihnen steht für eine bestimm­te gesell­schaft­li­che Situa­ti­on und im Lau­fe der Erzäh­lun­gen wer­den die­se Beschrei­bun­gen immer düs­te­rer ehe sie zum Schluss die Höl­le auf Erden skiz­zie­ren. Der geneig­te Leser kann deut­li­che Par­al­le­len zum Deca­me­ron oder zur Gött­li­chen Komö­die zie­hen — oder aber die­ses Sinn­bild der gegen­wär­ti­gen Urba­ni­sie­rung künst­le­risch ver­ar­bei­ten. Das übri­gens sehr emp­feh­lens­wer­te Buch hat schon so man­chen Künst­ler inspi­riert, sei es Stre­etArt, Foto­gra­fie oder Male­rei.

Die jüngs­te die­ser Adap­tatio­nen stammt von den Ber­li­ner Stre­e­tAr­tists Dela­ve­ga, Ephe­me­ra und Las­carr. Sie setz­ten in einer leer­ste­hen­den Fabrik in Ber­lin-Mit­te und in den Beelit­zer Heil­stät­ten eine Pas­sa­ge aus dem Kapi­tel »Die Städ­te und der Tausch 4: Ersi­lia« um:

In Ersi­lia span­nen die Ein­woh­ner Schnü­re von Haus zu Haus, um die Bezie­hun­gen fest­zu­le­gen, die das Leben in der Stadt regeln: wei­ße, schwar­ze, graue oder schwarz­wei­ße Schnü­re, je nach­dem ob sie Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­se, Han­del, Auto­ri­tät oder Reprä­sen­tanz bezeich­nen. Wenn die Schnü­re so vie­le gewor­den sind, daß man nicht mehr durch­kommt, zie­hen die Bewoh­ner fort: Die Häu­ser wer­den abge­baut; zurück blei­ben nur die Schnü­re und ihre Stüt­zen.

Die Stre­etArt-Grup­pe ver­wan­del­te dazu die Innen­räu­me der leer­ste­hen­den Gebäu­de in ein Abbild von Ersi­lia, spann­ten mit­un­ter her­um­lie­gen­den Schutt zwi­schen den Wän­den ein, kurz­um: hin­ter­lie­ßen für den nichts­ah­nen­den Besu­cher einen sur­rea­len Anblick.

Oliver Zenklusen: Les villes invisibles»Les vil­les invi­si­bles«, © Oli­ver Zen­klu­sen

Der Schwei­zer Oli­ver Zen­klu­sen dage­gen erforscht anhand Cal­vi­nos Vor­la­ge die Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten urba­ner Sze­na­ri­en der Ver­gan­gen­heit und der Zukunft. Er bannt sei­ne Fotos auf abge­nutz­te Pola­ro­id­fil­me, die er dann in ein Groß­for­mat über­führt. So ent­ste­hen düs­te­re Bil­der einer mehr fik­tiv denn real erschei­nen­den Stadt, von der man nicht recht sagen kann, ob sie im Hier und Heu­te exis­tie­ren könn­te oder doch in der grau­en Ver­gan­gen­heit — oder gar in einer dunk­len Zukunft.

Arnold Helbling: Invisible Cities series #2»Invi­si­ble Cities series #2«, © Arnold Helb­ling

Einen ande­ren Ansatz ver­folgt dage­gen Arnold Helb­ling: Der Schwei­zer foto­gra­fiert im Ver­fall begrif­fe­ne städ­ti­sche Sze­ne­ri­en und ent­frem­det die so ent­stan­de­nen Bil­der durch viel­fa­ches Über­zeich­nen, Foto­ko­pie­ren, Aus­ra­die­ren und Ver­grö­ßern um das Ergeb­nis auf eine Lein­wand zu pro­ji­zie­ren und dort mit Far­be und Pin­sel fest­zu­hal­ten. So ent­ste­hen Land­schaf­ten, die nur noch ver­ein­zelt Gebäu­de und Stra­ßen­zü­ge erken­nen las­sen und ein ver­wa­sche­nes Sche­ma des­sen dar­stel­len, was wir tag­täg­lich mit den eige­nen Augen erken­nen kön­nen.

Auch die Arbeits­wei­se Helb­lings wird zum Sym­bol die­ser Ent­wick­lung, wenn ewig­li­ches Kopie­ren und Ent­frem­den selbst den Kern des Gan­zen aus­ra­diert. Die recht­wink­li­ge Welt unse­rer städ­ti­schen Kul­tur weicht den alles über­dau­ern­den geschwun­gen-orga­ni­schen For­men des Zufalls und der Natur; Helb­lings Wer­ke pro­pa­gie­ren die Ver­gäng­lich­keit von Men­schen errich­te­ter Bau­ten. Die Neu­auf­la­ge des mit­tel­al­ter­li­chen Ang­kor Wat, der ver­sun­ke­nen Hoch­kul­tur eines Mil­lio­nen­volks, ist das viel­leicht nicht, doch in jedem Fall eine inter­es­san­te Aus­le­gung der unsicht­ba­ren Städ­te.

 

Ita­lo Cal­vi­nos mög­li­cher­wei­se bedeu­tends­tes Werk hat unzäh­li­ge Künst­ler inspi­riert. Man­che illus­trier­ten eine oder alle der 55 Städ­te, ande­re bezo­gen sich auf die uni­ver­sel­le Para­bel des Buches. Ent­stan­den ist eine nur schwer­lich über­schau­ba­re Viel­fäl­tig­keit aus aller­lei ver­schie­de­nen Gen­res der Gegen­warts­kunst.

Wei­te­re sehens­wer­te Arbei­ten: Rod McLa­ren: »Trude/Ersilia«, David Cou­sin-Mar­sy: »Vil­les invi­si­ble«, Olof Bruce: »Invi­si­ble cities«, Ele­na Armel­li­ni: »Le cit­tà invi­si­bi­li«.

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