Am rechten Fleck

06. September 2009 von Matthias Planitzer
"Bad in der Menge", © Frank Kunert Realität und Imagination stehen sich näher, als man beim Lesen dieses platten Satzes vermuten mag. Dies zeigt sich immer wieder beim Betrachten eines Bildes, eines Fotos oder beim Lesen eines Textes: Der Konsument vertraut sich einem Medium an, misst ihm (zumeist) eine gewisse Autorität zu und verliert keinen weiteren Gedanken darüber, dass es sich doch nur bestenfalls um eine Projektion der Wirklichkeit handelt, mit der er sich gerade beschäftigt. Ein wichtiges Urteil wird dabei häufig viel zu leichtfertig gefällt; nämlich, inwiefern dieses Abbild Verzerrungen und subjektiven Einflüssen, perspektivischer Betonung und Übergehens, aber auch inhaltlicher Beschneidung unterworfen ist. Immer dann, wenn dies gewahr wird, sprechen wir von Zensur, Schwindel oder bestenfalls von Informationsverlust. Was dabei aber meist vergessen wird: Die vermeintliche Realität, die uns entgegenspricht, ist nicht etwa dem Medium einverleibt, d.h. sie selbst wird nicht von ihm getragen. Was wir für Realität halten, ist doch stets eine Extrapolation der Wahrnehmung, im günstigen Fall eine Näherung der Wirklichkeit. Erst das Bewusstsein, dass jedes uns zur Verfügung stehende Medium dieses Mapping nur modulieren kann, führt doch zu dem folgerichtigen Verhalten, eigene und fremde Wahrnehmung in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Kant'sche Basiscs also. Hard cut. Aus dieser Beobachtung begründet ist es doch immer wieder erfrischend, sich diesen Sachverhalts beim Kunstgenuss klar zu werden. Dafür steht, wie ich finde, beispielhaft der Frankfurter Fotograf Frank Kunert. Kunert ist einer der Künstler der Gegenwart, deren Werke dank ihres Charmes längst zu beliebten Postkartenmotiven avancierten und vielleicht sogar einen kleinen Teil von Popkultur ausmachen. Wenn Michael Sowa seine hübschen Gemälde in französischen Kultfilmen unterbringt, dann nimmt Kunerts Idolrolle zunächst in Form von Kalendern Gestalt an. Frank Kunerts Kunst lässt sich im Wesentlichen dadurch auf den Punkt bringen, dass er zunächst in akribischer Detailarbeit Modellbauwelten mit überraschenden städteplanerischen und architektonischen Wendungen entwirft, um diese dann mit den Kniffen eines Fotografen derart in Szene zu setzen, dass der Rezipient später zumindest einen Moment lang der Meinung ist, es handle sich um den neusten Schildbürgerstreich.

Frank Kunert: Bad in der Menge»Bad in der Men­ge«, © Frank Kun­ert

Rea­li­tät und Ima­gi­na­ti­on ste­hen sich näher, als man beim Lesen die­ses plat­ten Sat­zes ver­mu­ten mag. Dies zeigt sich immer wie­der beim Betrach­ten eines Bil­des, eines Fotos oder beim Lesen eines Tex­tes: Der Kon­su­ment ver­traut sich einem Medi­um an, misst ihm (zumeist) eine gewis­se Auto­ri­tät zu und ver­liert kei­nen wei­te­ren Gedan­ken dar­über, dass es sich doch nur bes­ten­falls um eine Pro­jek­ti­on der Wirk­lich­keit han­delt, mit der er sich gera­de beschäf­tigt. Ein wich­ti­ges Urteil wird dabei häu­fig viel zu leicht­fer­tig gefällt; näm­lich, inwie­fern die­ses Abbild Ver­zer­run­gen und sub­jek­ti­ven Ein­flüs­sen, per­spek­ti­vi­scher Beto­nung und Über­ge­hens, aber auch inhalt­li­cher Beschnei­dung unter­wor­fen ist.

Immer dann, wenn dies gewahr wird, spre­chen wir von Zen­sur, Schwin­del oder bes­ten­falls von Infor­ma­ti­ons­ver­lust. Was dabei aber meist ver­ges­sen wird: Die ver­meint­li­che Rea­li­tät, die uns ent­ge­gen­spricht, ist nicht etwa dem Medi­um ein­ver­leibt, d.h. sie selbst wird nicht von ihm getra­gen. Was wir für Rea­li­tät hal­ten, ist doch stets eine Extra­po­la­ti­on der Wahr­neh­mung, im güns­ti­gen Fall eine Nähe­rung der Wirk­lich­keit. Erst das Bewusst­sein, dass jedes uns zur Ver­fü­gung ste­hen­de Medi­um die­ses Map­ping nur modu­lie­ren kann, führt doch zu dem fol­ge­rich­ti­gen Ver­hal­ten, eige­ne und frem­de Wahr­neh­mung in einen sinn­vol­len Kon­text zu stel­len. Kant’sche Basiscs also.

Hard cut.
Aus die­ser Beob­ach­tung begrün­det ist es doch immer wie­der erfri­schend, sich die­sen Sach­ver­halts beim Kunst­ge­nuss klar zu wer­den. Dafür steht, wie ich fin­de, bei­spiel­haft der Frank­fur­ter Foto­graf Frank Kun­ert. Kun­ert ist einer der Künst­ler der Gegen­wart, deren Wer­ke dank ihres Charmes längst zu belieb­ten Post­kar­ten­mo­ti­ven avan­cier­ten und viel­leicht sogar einen klei­nen Teil von Pop­kul­tur aus­ma­chen. Wenn Micha­el Sowa sei­ne hüb­schen Gemäl­de in fran­zö­si­schen Kult­fil­men unter­bringt, dann nimmt Kun­erts Idol­rol­le zunächst in Form von Kalen­dern Gestalt an.

Frank Kun­erts Kunst lässt sich im Wesent­li­chen dadurch auf den Punkt brin­gen, dass er zunächst in akri­bi­scher Detail­ar­beit Modell­bau­wel­ten mit über­ra­schen­den städ­te­pla­ne­ri­schen und archi­tek­to­ni­schen Wen­dun­gen ent­wirft, um die­se dann mit den Knif­fen eines Foto­gra­fen der­art in Sze­ne zu set­zen, dass der Rezi­pi­ent spä­ter zumin­dest einen Moment lang der Mei­nung ist, es hand­le sich um den neus­ten Schild­bür­ger­streich.

Da wäre zunächst das »Bad in der Men­ge« (s.o.), dar­ge­stellt ist der ver­dich­te­te Begriff des Schwimm­sta­di­ons, nur ohne das Becken. Der Zuschau­er befin­det sich so nah am Gesche­hen wie sonst nir­gend­wo, stür­zen sich doch die Sport­ler direkt vor sei­ne Füße. Absurd und gegen­stands­los wür­de man die­se Sze­ne­rie nen­nen, wenn man sich ihr noch im sel­ben Moment ver­schlie­ße. Man könn­te aber eben­so gut dar­über sin­nie­ren, wie es sich dabei mit Rea­li­tät, Wirk­lich­keit und Ima­gi­na­ti­on ver­hal­ten mag. Wenn man dann noch im Hin­ter­kopf behält, dass bei Kun­ert Sprung­bret­ter immer so etwas wie den Sturz in die har­te Rea­li­tät mit sich brin­gen, kann so manch inter­es­san­tes Gedan­ken­spiel ent­ste­hen.

Frank Kunert: Sonnenseite»Son­nen­sei­te«, © Frank Kun­ert

Die­se har­ten Kon­fron­ta­tio­nen mit den zwin­gen­den Umstän­den der Wirk­lich­keit tau­chen bei Kun­ert not­wen­di­ger­wei­se immer wie­der auf, machen sogar einen gro­ßen Teil des Geis­tes aus, den sei­ne Wun­der­wel­ten atmen. Da ist etwa sein viel­leicht bekann­tes­tes Werk, »Son­nen­sei­te«: Ein schlich­ter Bal­kon, der knapp über dem Boden ein Eisen­bahn­gleis über­ragt. Ob stän­di­ge Lebens­ge­fahr oder skur­ri­le Fuß­no­te archi­tek­to­ni­schen Über­ei­fers kann nur erahnt wer­den. Ein wenig trost­los schaut die­ses Arran­ge­ment aus, die Pflan­zen tot, die Fens­ter unge­putzt. Doch wie­der ist da die Fra­ge, was echt und was nicht. Frei­lich, mit dem Wis­sen, wie Kun­ert zu sei­nen Fotos kommt, wird dies wie­der rela­ti­viert, doch gänz­lich obso­let wird die­se Fra­ge­stel­lung dadurch nicht.
Eines wird man sich aber schnell bewusst: Rea­li­tät ist eben doch nur das, was man dar­aus macht.

Frank Kun­erts wun­der­sa­me Ent­wür­fe ver­fol­gen zwar eigent­lich die Poin­tie­rung all­täg­li­cher Eigen­tüm­lich­kei­ten, eig­nen sich aber auch her­vor­ra­gend für Gedan­ken­spie­le wie das obi­ge. Bezeich­nend ist hier­bei, dass die ver­meint­li­che Authen­ti­zi­tät die­ser insze­nier­ten Wel­ten eigent­lich erst durch das Foto­gra­fie­ren der­sel­ben zustan­de kommt. Als tra­ge das Foto selbst die unter­schwel­li­ge Bot­schaft mit sich, sein Motiv tra­ge eine gewis­se Bedeu­tung, über­haupt erst in einer Abbil­dung gewür­digt zu wer­den.
Was mich auch wie­der zu einer bald hier in Ber­lin anlau­fen­den Aus­stel­lung mit ähn­li­chem The­ma bringt. Mehr Infos gibt’s, wenn ers­te Bil­der der aus­ge­stell­ten Wer­ke ver­füg­bar sind.

PS: Beim zwei­ten Lesen erscheint das gan­ze Geplän­kel zu Beginn doch viel bana­ler als es klingt. Egal, ich lass es ste­hen und freue mich über jeden Hin­weis, wie doch gleich die phi­lo­so­phi­sche Leh­re heißt, die schon vor lan­ger Zeit jene Theo­rie pos­tu­lier­te.