Zuckersüß, aber nicht zum Anbeißen

Kunst mit Zuckerwatte

Stephen Shanbrook: Slapped in the face until your shit turns red“Slap­ped in the face until your shit turns red”, © Ste­phen Shanabrook

Meine per­sön­li­chen Kind­heits­er­in­ne­run­gen an Weih­nachts­märkte und Volks­feste sind durch das regel­mä­ßig wie­der­keh­rende High­light in Form des Zucker­wat­te­stan­des geprägt. Diese wei­chen Zucker­fä­den, die wie durch Zau­ber­hand aus der Maschine kamen und einem zum Ende des Genus­ses die Mund­win­kel ver­kleb­ten, haben mich im Sturm erobert. Mitt­ler­weile bin ich ein wenig älter, Zucker­watte bes­ten­falls eine ein­ge­staubte Kind­heits­er­in­ne­rung und im schlech­tes­ten Fall eine Kalo­ri­en­bombe ers­ter Klasse. Aber weit gefehlt, sie kann noch mehr: Ste­phen Shan­ab­rook hat sie als neu­ar­ti­ges Medium ent­deckt und damit bereits so manch Inter­es­san­tes geschaffen.

Stephen Shanabrook: Slapped in the face until your shit turns red“Slap­ped in the face until your shit turns red”, © Ste­phen Shanabrook

Bes­tes Bei­spiel ist seine jüngste Per­for­mance mit dem humor­vol­len Titel “Slap­ped in the face until your shit turns red”. Zur Ver­nis­sage sei­ner Grup­pen­aus­stel­lung “Fools Food” im Centre d’art Neu­châ­tel stellte er sich gegen die weiße Gale­ri­en­wand, Auge in Auge mit einer Zucker­wat­te­ma­schine, die zudem durch zwei Ven­ti­la­to­ren ver­stärkt wurde. Die Maschine wurde ange­schal­tet und schnell schlug Shan­ab­rook die wei­che Masse ins Gesicht. Bald dar­auf war davon nicht mehr viel zu sehen und auch die Wand hin­ter ihm wurde zuse­hends mit der pin­ken Köst­lich­keit beschos­sen, bis end­lich auch der Boden bedeckt und die Maschine selbst ganz in Zucker­watte gehüllt war.

Shan­ab­rook, der wahr­lich kein schmäch­ti­ger Bube ist, schien dem zar­ten Angrei­fer nicht viel ent­ge­ge­gen­zu­set­zen zu haben, wurde förm­lich gegen die Wand gepresst und ging irgend­wann in dem fluffi­gen Zucker­re­gen unter. Er selbst ver­steht dies als eine Meta­pher auf die geis­tige Fol­ter, fremde Mei­nun­gen und Glau­bens­grund­sätze auf­ge­zwun­gen zu bekom­men, so süß und kor­rekt sie auch sein mögen.

Stephen Shanabrook: On the road to heaven, the highway to hell“On the road to hea­ven, the high­way to hell”, © Ste­phen Shanabrook

Ste­phen Shan­ab­rooks jüngste Nut­zung die­ses unge­wöhn­li­chen Medi­ums ist m.E. zugleich seine sehens­wer­teste; obgleich frü­here Arbei­ten mit eben­falls süßen Mate­ria­lien viel­leicht noch bes­ser waren: seit den spä­ten 80ern hat er eine beacht­li­che Reihe scho­ko­la­di­ger Werke her­ge­stellt, die alle­samt eher bizarre The­men auf­grei­fen. So stellt etwa “On the road to hea­ven, the high­way to hell” aus dem ver­gan­ge­nen Jahr die Über­reste eines Selbst­mord­at­ten­tä­ters dar, der seine Inne­reien noch lie­be­voll zu umar­men scheint. Und vier Jahre zuvor stellte er eine unge­wöhn­li­che Pra­li­nen­schach­tel vor, deren Inhalt mit­hilfe von Wund­ab­drü­cken ame­ri­ka­ni­scher und rus­si­scher rechts­me­di­zi­ni­scher Insti­tute geformt wurde.

 

Ste­phen Shan­ab­rooks halt also eine ganz eigen­tüm­li­che Spra­che in sei­nen Wer­ken ent­wi­ckelt. Bis­wei­len bizarre, doch aber stets schon fast ver­stö­rend hübsch anzu­se­hende Arbei­ten erschafft er aus Mate­ria­lien, die unser­eins eher aus der Süß­wa­ren­ab­tei­lung kennt. Man darf gespannt sein, mit war er in der Zukunft über­rascht. Viel­leicht ent­stellte Foe­ten aus Marshmallow-Masse? Der Mann ist jeden­falls vielseitig…