18. August 2009
Zuckersüß, aber nicht zum Anbeißen
“Slapped in the face until your shit turns red”, © Stephen Shanabrook
Meine persönlichen Kindheitserinnerungen an Weihnachtsmärkte und Volksfeste sind durch das regelmäßig wiederkehrende Highlight in Form des Zuckerwattestandes geprägt. Diese weichen Zuckerfäden, die wie durch Zauberhand aus der Maschine kamen und einem zum Ende des Genusses die Mundwinkel verklebten, haben mich im Sturm erobert. Mittlerweile bin ich ein wenig älter, Zuckerwatte bestenfalls eine eingestaubte Kindheitserinnerung und im schlechtesten Fall eine Kalorienbombe erster Klasse. Aber weit gefehlt, sie kann noch mehr: Stephen Shanabrook hat sie als neuartiges Medium entdeckt und damit bereits so manch Interessantes geschaffen.
“Slapped in the face until your shit turns red”, © Stephen Shanabrook
Bestes Beispiel ist seine jüngste Performance mit dem humorvollen Titel “Slapped in the face until your shit turns red”. Zur Vernissage seiner Gruppenausstellung “Fools Food” im Centre d’art Neuchâtel stellte er sich gegen die weiße Galerienwand, Auge in Auge mit einer Zuckerwattemaschine, die zudem durch zwei Ventilatoren verstärkt wurde. Die Maschine wurde angeschaltet und schnell schlug Shanabrook die weiche Masse ins Gesicht. Bald darauf war davon nicht mehr viel zu sehen und auch die Wand hinter ihm wurde zusehends mit der pinken Köstlichkeit beschossen, bis endlich auch der Boden bedeckt und die Maschine selbst ganz in Zuckerwatte gehüllt war.
Shanabrook, der wahrlich kein schmächtiger Bube ist, schien dem zarten Angreifer nicht viel entgegegenzusetzen zu haben, wurde förmlich gegen die Wand gepresst und ging irgendwann in dem fluffigen Zuckerregen unter. Er selbst versteht dies als eine Metapher auf die geistige Folter, fremde Meinungen und Glaubensgrundsätze aufgezwungen zu bekommen, so süß und korrekt sie auch sein mögen.
“On the road to heaven, the highway to hell”, © Stephen Shanabrook
Stephen Shanabrooks jüngste Nutzung dieses ungewöhnlichen Mediums ist m.E. zugleich seine sehenswerteste; obgleich frühere Arbeiten mit ebenfalls süßen Materialien vielleicht noch besser waren: seit den späten 80ern hat er eine beachtliche Reihe schokoladiger Werke hergestellt, die allesamt eher bizarre Themen aufgreifen. So stellt etwa “On the road to heaven, the highway to hell” aus dem vergangenen Jahr die Überreste eines Selbstmordattentäters dar, der seine Innereien noch liebevoll zu umarmen scheint. Und vier Jahre zuvor stellte er eine ungewöhnliche Pralinenschachtel vor, deren Inhalt mithilfe von Wundabdrücken amerikanischer und russischer rechtsmedizinischer Institute geformt wurde.
Stephen Shanabrooks halt also eine ganz eigentümliche Sprache in seinen Werken entwickelt. Bisweilen bizarre, doch aber stets schon fast verstörend hübsch anzusehende Arbeiten erschafft er aus Materialien, die unsereins eher aus der Süßwarenabteilung kennt. Man darf gespannt sein, mit war er in der Zukunft überrascht. Vielleicht entstellte Foeten aus Marshmallow-Masse? Der Mann ist jedenfalls vielseitig…





