StreetArt im Auftrag von adidas

Ein Blick auf die Werbestrategie des Firmengiganten

adidas-Stencil(via)

Guerilla-Marketing ist schon seit eini­gen Jah­ren in Mode, jede Marke, die etwas auf sich hält, muss auf den Zug auf­sprin­gen und ihre Pro­dukte in einem ver­meint­lich hip­pen Licht dar­stel­len. Zu den Big Play­ern im Geschäft gehört auch adi­das. Das welt­weit agie­rende Unter­neh­men aus dem beschau­li­chen Her­zo­ge­nau­rach plat­ziert seine Wer­bung im Umfeld jener Ziel­gruppe, die “eine der leben­digs­ten und ein­fluss­reichs­ten Jugend­kul­tu­ren” dar­stelle; im Her­zen der StreetArt-Gemeinde. Dass diese jedoch von den Bemü­hun­gen des Sport­ar­ti­kel­her­stel­lers nichts wis­sen will, ist in der Wer­be­ab­tei­lung des mit­tel­frän­ki­schen Unter­neh­mens schein­bar noch nicht angekommen.

Ein Streif­zug durch die Fried­richs­hai­ner Kla­mot­ten­lä­den, ein prü­fen­der Blick zur Tanz­flä­che des x-beliebigen Szene­clubs oder ein Besuch bei den Snea­ker­girls zei­gen, dass Street Wear von adi­das längst bei der brei­ten Masse eta­bliert ist. Die Marke ver­sucht schon län­ger, sich in die­sem hart umkämpf­ten Sek­tor zu behaup­ten, greift dazu Stil und Fee­ling der adres­sier­ten Ziel­gruppe auf und will damit das Image auf­bauen, der Aus­stat­ter einer Sub­kul­tur zu sein, die nach den Vor­stel­lun­gen des Unter­neh­mens Zug­pferd einer gan­zen Gene­ra­tion zu sein scheint. Doch damit nicht genug, wer sich in die­ser Sparte posi­tio­nie­ren will, muss auf schlag­kräf­tige Wer­bung direkt beim Kon­su­men­ten, quasi vor sei­ner Haus­tür, setzen.

Adi­co­lor – der beste Freund eines jeden Writers

Adicolor Projekt in BerlinAdi­co­lor Pro­jekt in Ber­lin (frei nach being­h­un­ted)

Vor etwas mehr als drei Jah­ren begann der Kon­zern, sein Pro­fil als Street-Wear-Hersteller ers­ter Güte­klasse zu schär­fen – zumin­dest nach mei­nen Recher­chen griff das Unter­neh­men mit dem Adi­co­lor Pro­jekt erst­mals StreetArt-Elemente auf. Für diese Kam­pa­gne wur­den in Ber­lins Innen­stadt jung­fräu­lich weiße Pla­kate auf­ge­hängt, um in den fol­gen­den Wochen von Wri­tern und Street­Ar­tists beschrie­ben zu wer­den. Zum Schluss klebte man neue Pla­kate dar­über, die die bemal­ba­ren Schuhe der Adicolor-Reihe von adi­das bewar­ben und an bestimm­ten Stel­len die bun­ten Graf­fiti durch­schei­nen lie­ßen.
Es wurde zwar gemun­kelt, dass adi­das einen Teil der Graf­fiti selbst in Auf­trag gab (s.o. wo ein Inter­net­shop bewor­ben wird, der auch adidas-Schuhe ver­treibt). Fakt ist aber, dass die adicolor-Kampagne für Auf­se­hen sorgte, wenn auch mit gemisch­ten Meinungen.

Grun – was umwelt­be­wusste Hips­ter wollen

Grun ProjectTeil des Grun Pro­jects, © Dazed Digi­tal

Im letz­ten Früh­jahr dann begrünte adi­das anläss­lich einer neuer Kol­lek­tion umwelt­freund­li­cher Schuhe viele Groß­städte rund um den Glo­bus und rief auch all seine Fans dazu auf, es ihnen gleich zu tun und die Stra­ßen ihrer Städte mit Moos-Graffiti und ande­ren pflanz­li­chen For­men von StreetArt zu ver­schö­nern und Fotos davon ein­zu­sen­den. Und auch mit dem Grun Pro­ject bediente sich adi­das eines Trends und zog damit den Unmut ein­ge­fleisch­ter Akti­vis­ten des Gue­rilla Gar­de­nings auf sich: So befürch­tete Richard Reyn­olds, Guru der Bewe­gung, “dass die Idee [des Gue­rilla Gar­de­nings] dazu benutzt wird, ein Pro­dukt zu ver­kau­fen”, und sprach aus, was alle wussten.

Doch die Szene wehrte sich: Die in Ham­burg von adidas-Mitarbeitern gepflanz­ten Zitro­nen­bäume muss­ten schon nach fünf Minu­ten ihres neuen Stra­ßen­da­seins alle Früchte her­ge­ben; alle Spu­ren der Kam­pa­gne wur­den von Anhän­gern des Gue­rilla Gar­de­nings vernichtet.

Urban Art Guide – adi­das gibt sich als Szenekenner

Urban Art Guide

Vor einer Woche folgte der bis dato jüngste Ver­such, StreetArt für die eige­nen Inter­es­sen zu kom­mer­zia­li­sie­ren: Mit dem Urban Art Guide, einem Han­dy­ser­vice, der dem Nut­zer eine Art Sightseeing-Tour für Ber­li­ner StreetArt bie­tet, gibt man sich als Insi­der, Tou­ris­ten­füh­rer und gene­rö­ser Mäzen der StreetArt-Kultur. Damit die Pro­moak­tion auch nach­hal­tig die Vor­züge der Firma als hippe Street-Wear-Marke ver­deut­licht, hat man zum Start an sech­zig der zu erkun­den­den Orte Schuhe ver­steckt, die dann von den ers­ten Besu­chern ent­deckt und mit­ge­nom­men wer­den können.

Die Rech­nung folgte prompt auf den Fuß: Ber­li­ner Street­Ar­tists fan­den sich zusam­men, so viele Schuhe wie mög­lich zu ent­de­cken, mit­zu­neh­men, zu ver­stei­gern und dann das Geld in Sprüh­do­sen, Farbe, Kleis­ter usw. zu inves­tie­ren. Bis die Leute von adi­das davon Wind beka­men, konnte die Gruppe zwan­zig der ver­steck­ten Paare aus­fin­dig machen und will den Erlös urba­nen Pro­jek­ten spenden.

Was bleibt

Die Instru­men­ta­li­sie­rung von StreetArt für Mar­ke­ting­zwe­cke ist zwar eine Wer­be­stra­te­gie, die auch andere Fir­men für sich ent­deckt haben, doch adi­das ver­folgt diese Form des Guerilla-Marketing so kon­se­quent wie kein zwei­tes Unter­neh­men. Bis­her scheint es erfolg­reich genug zu ver­lau­fen, anders kann man sich die Aus­dauer und teil­weise den Auf­wand der Kam­pa­gnen nicht erklä­ren. Und auch ein Blick auf die Schuhe, die ihre Besit­zer durch den Simon-Dach-Kiez und über die Kas­ta­ni­en­al­lee tra­gen, zeigt, dass adi­das defi­ni­tiv eine nicht zu ver­nach­läs­si­gende Rolle im Sek­tor Street Wear spielt.
Aber wie rea­giert die anvi­sierte Zielgruppe?

Bis­her stieß jede der so sorg­sam vor­be­rei­te­ten Aktio­nen des Groß­kon­zerns bei denen, die schon lange vor adi­das die Liebe zu ihrer Nische gefun­den haben, auf Ableh­nung, Pro­test oder ließ gar Gegen­ak­tio­nen fol­gen. Das kann der Marke aber egal sein, denn die Schuhe ver­kau­fen sich – und solange jeder glaubt, sie wür­den von ein­ge­fleisch­ten Street­Ar­tists getra­gen, reicht das auch voll­kom­men aus.

Solange das aber der Fall ist, wird StreetArt wei­ter­hin in einer ver­zerr­ten Per­spek­tive dar­ge­stellt und für kom­mer­zi­elle Inter­es­sen miss­braucht wer­den, was letzt­lich den auto­no­men, sozi­al­kri­ti­schen Cha­rak­ter die­ser Kunst infrage stel­len wird. Wenn dann sol­che Kon­zerne mit den Ent­wür­fen ein­zel­ner Street­Ar­tists Geld machen, lässt das schnell die Glaub­wür­dig­keit bröckeln.

 

Fakt ist, dass adi­das diese Kam­pa­gnen gezielt nutzt, um sein Image auf­zu­bes­sern. Nach mei­nen Recher­chen wird schon seit mehr als drei Jah­ren stän­dig daran gear­bei­tet, Teil der StreetArt-Szene zu werden:

Die Liste ist natür­lich als unvoll­stän­dig zu betrachten…

Was denkst du? Gelun­gene Aktio­nen? Bei­spiel­haf­tes Guerilla-Marketing? Oder viel­leicht doch die Ver­ein­nah­mung einer Sub­kul­tur, die Kom­mer­zia­li­sie­rung einer unab­hän­gi­gen Bewegung?



Andere Stimmen

  1. »Cream For Blogs – iHe​art​Ber​lin​.de – A blog about Berlin schrieb am 21. April 2009:

    […] Castor&Pollux is a rela­tively new blog about urban and con­tem­porary art that still needs to find its rhythm but we see great poten­tial here. We really enjoyed his obser­va­tions of the Urban Art Guide. […]


Kommentare

  1. Mark schrieb am 9. April 2009:

    Von einer Ver­ein­nah­mung einer Sub­kul­tur kann glaube ich nicht die Rede sein, denn die hat damit ja eigent­lich gar nichts zu tun und wird auch trotz sol­cher Mar­ke­ting­ak­tio­nen fort­be­ste­hen, wahr­schein­lich sogar völ­lig unbe­rührt. Adi­das ver­sucht hier eben irgend­wie auf “coole” Art und Weise Auf­merk­sam­keit zu erre­gen und ich denke, das ist ihnen auch gelun­gen. Wirk­lich nach­hal­tig kann das ganze aber wohl kaum sein.