Shadi Ghadirian lädt nach

Zwei neue Serien zum Thema Krieg veröffentlicht

Shadi Ghadirian: Nil Nil #03“Nil Nil #03″, © Shadi Gha­di­rian

Da ist die islam-kritische Aus­stel­lung “Unvei­led: New Art from the Middle East” noch nicht ein­mal zu Ende, schon machen die nächs­ten Arbei­ten der dort gefei­er­ten Künst­le­rin Shadi Gha­di­rian die Runde. Letz­ten Monat hatte ich ja bereits über ihre Serie “Like every day” geschrie­ben, doch ging es da noch um die Rolle der Frau in der isla­mi­schen Welt, wird Gha­di­rian nun mit ihren bei­den neus­ten Serien “Nil Nil” und “White Square” direk­ter und spricht offen und wir­kungs­voll das Thema Krieg an.

Die Reihe “Nil Nil”, beste­hend aus zwan­zig Foto­gra­fien, zeigt Aus­schnitte aus einem zumin­dest auf den ers­ten Blick ganz nor­ma­len All­tag. Eine prall gefüllte Obst­schale, ein gedeck­ter Tisch, ein bunt ein­ge­rich­te­tes Kin­der­zim­mer oder ein chao­ti­sches Schmink­täsch­chen; Dinge, die man kennt, die ganz nor­mal für uns sind. Es könn­ten ganz gewöhn­li­che Fotos des letz­ten Ikea-Katalogs sein – wären da nicht die Hand­gra­na­ten, Feld­fla­schen, Gas­mas­ken oder Gewehr­ku­geln inmit­ten der ein­la­den­den Atmosphäre.

Shadi Ghadirian: Nil Nil #04“Nil Nil #04″, © Shadi Gha­di­rian

Man wird schnell daran erin­nert, wie gewohnt und all­täg­lich die Kriege in Nah­ost mitt­ler­weile erschei­nen. Mit Erschre­cken stellt man aber ebenso schnell fest, mit wel­cher Ver­harm­lo­sung in den Sze­ne­rien von “Nil Nil” dem Thema Krieg begeg­net wird: Wenn Gas­mas­ken zum ganz nor­ma­len Inven­tar eines Kin­der­zim­mers und Pis­to­len zu den übli­chen Uten­si­lien einer Schreib­tisch­schub­lade gehö­ren, muss gehö­rig was schief gelau­fen sein.

Man könnte ver­mu­ten, Gha­di­rian befür­worte den all­täg­li­chen Umgang mit die­sen Kriegs­sym­bo­len. Ganz im Gegen­teil: Durch die über­zo­gen all­täg­lich und dadurch künst­lich anmu­tende Kom­po­si­tion erschei­nen die Bil­der nicht etwa doku­men­ta­tiv oder gar wer­bend, son­dern eher wie typi­sche Stock­fo­to­gra­fie, als eine meta­pho­ri­sche Dar­stel­lung des­sen, was geschieht, wenn Krieg zur Gewohn­heit wird.

Shadi Ghadirian: White Square #04“White Square #04″, © Shadi Gha­di­rian

Für die zehn­tei­lige Serie “White Square” hat Gha­di­rian diverse Kriegs­ge­gen­stände, wie etwa eine Muni­ti­ons­kiste, eine Hand­gra­nate, Erken­nungs­mar­ken oder Feld­stie­fel, mit hüb­schen roten Schlei­fen dra­piert und vor einem nichts­sa­gen­den wei­ßen Hin­ter­grund foto­gra­fiert.
Ent­stan­den ist eine kleine Samm­lung beson­de­rer Geburts­tags­ge­schenke, über die sich Soh­ne­mann sicher sehr freuen würde. Spiel­ten Kin­der wäh­rend der Welt­kriege noch mit plum­pen Waf­fen­mo­del­len und wur­den in Matro­sen­an­züge geklei­det, tut es heute nur noch die echte Waffe und der echte Stahlhelm.

So oder so ähnlich könnte die Aus­sage hin­ter “White Square” lau­ten. Zumin­dest für etli­che Spröss­linge aus fana­ti­schen Eltern­häu­sern östlich und west­lich des Jor­dans und hin­ter dem gro­ßen Teich ist dies bit­tere Rea­li­tät. Ver­schie­dene Fern­seh­sen­der des Nahen Ostens brin­gen schon den Kleins­ten unter ihnen mit­tels bun­tem Kin­der­fern­se­hen und ganz eige­ner Abwand­lun­gen des Dis­ney Clubs die Vor­züge des hei­li­gen Krie­ges nahe und machen ihnen eine Kar­riere als min­der­jäh­rige Selbst­mord­at­ten­tä­ter schmackhaft.

 

Shadi Gha­di­rian nutze für “Nil Nil” und “White Square” das­selbe Inven­tar und spricht damit das­selbe Tabu­thema, den Ein­zug des Krie­ges in den All­tag, an. Als iran­stäm­mige Künst­le­rin übt sie wie­der ein­mal Kri­tik an der Gesell­schaft, aus der sie stammt, aber zeigt auch auf, dass auf der Gegen­seite die­sel­ben Zustände, wenn auch nicht immer im sel­ben Maß­stab, herrschen.

Für Foto­gra­fie kann ich mich zwar nicht so sehr begeis­tern, doch was man von Gha­di­rian hört, ist für mich stets eine gelun­gene Abwechs­lung. Der­zeit stellt sie bei aero­plas­tics in Brüs­sel aus, doch ich hoffe, dass man ihre Bil­der auch bald in Ber­lin sehen kön­nen wird. Immer­hin hatte man dazu ja schon letz­tes Jahr Gele­gen­heit, viel­leicht auch die­ses Jahr…