Islam-Kritische Kunst bei Saatchi

21 Künstler aus dem Nahen Osten stellen aus

Kader Attia: Ghosts“Ghosts”, © Kader Attia

Charles Saatchi ist ja dafür bekannt, dass er gern mal Aus­stel­lun­gen in sei­ner Gale­rie zeigt, die nicht nur an die Sub­stanz gehen, son­dern auch pola­ri­sie­ren. Als er 1999 mit sei­ner Wan­der­aus­stel­lung “The Sen­sa­tion” im New Yor­ker Brook­lyn Museum Halt machte und dort u.a. das Ele­fan­ten­dung­ge­mälde “Holy vir­gin Mary” von Chris Ofili zeigte, sorgte dies für eine lange und hit­zige Debatte mit poli­ti­schen Grö­ßen wie dem dama­li­gen New Yor­ker Bür­ger­meis­ter Giulani und der jet­zi­gen US-Außenministerin Hil­lary Clin­ton. Ähnli­ches dürfte man wohl auch von der heute eröff­ne­ten Aus­stel­lung “Unvei­led: New Art from the Middle East” in der Saatchi Gal­lery erwarten.

Dafür hat er rund 90 islam-kritische Werke, zumeist Gemälde, von 21 Künst­lern gesam­melt, die fast alle nicht nur aus dem Nahen Osten stam­men, son­dern auch dort wir­ken. So ist einer der Räume Kader Attias Instal­la­tion “Ghosts” gewid­met. Betritt man die­sen, so schaut man zunächst auf rund acht­zig knie­ende Gestal­ten, ein­ge­hüllt in das Weg­werf­ma­te­rial Alu-Folie. Wagt man aber einen Blick in die Gesich­ter der andäch­tig Beten­den, schaut man ins Leere, in das Innere eine wert­lo­sen Hülle – eine ein­drucks­volle Alle­go­rie auf das Frau­en­bild so man­cher ara­bi­schen Kultur.

Shadi Ghadirian: Ohne Titel, aus der Serie Like everydayOhne Titel, aus der Serie “Like ever­y­day”, © Shadi Ghadirian

Wenigs­tens ebenso aus­sa­ge­kräf­tig dürfte auch die Serie “Like ever­y­day” der ira­ni­schen Künst­le­rin Shadi Gha­di­rian sein. Auf sie­ben groß­for­ma­ti­gen Foto­gra­fien zeigt sie ver­schlei­erte Frauen, jedoch nicht etwa in tief­schwar­zen Gewän­dern, son­dern in bun­ten und für ara­bi­sche Ver­hält­nisse wohl ziem­lich moder­nen Stof­fen. Ihre Gesich­ter jedoch ver­ste­cken sie hin­ter Haus­halts­ge­gen­stän­den wie einem Sieb, einem Besen oder einem Bügel­ei­sen – und posi­tio­nie­ren die Rolle der Frau somit irgendwo zwi­schen kon­ser­va­ti­ven Gesell­schafts­ord­nun­gen und selbst­be­wuss­ter Eman­zi­pa­tion der Neuzeit.

Mit “Unvei­led: New Art from the Middle East” dürfte Saatchi, der ira­kisch­stäm­mige Sohn jüdi­scher Eltern, also wie­der ein­mal eine Aus­stel­lung ent­wor­fen haben, die für viel Gesprächs­stoff sor­gen wird. Nicht nur auf Stim­men aus der Kunst­szene oder dem Feuille­ton, son­dern auch aus den mus­li­misch gepräg­ten Län­dern wird man wohl nicht lange war­ten müs­sen. Dabei spricht die Samm­lung nicht nur ara­bi­sche Tabu­the­men an. Viel wich­ti­ger noch: Sie lie­fert einen klei­nen Ein­blick in die zeit­ge­nös­si­sche Kunst des Nahen Ostens; zwar nicht unbe­dingt einen reprä­sen­ta­ti­ven, aber immer­hin einen, der ver­mit­telt, dass sie durch­aus kri­tisch sein kann.

 

Was hältst du von der neuen Aus­stel­lung der Saatchi Gal­lery? Mehr sensations-heischendes Manage­ment als künst­le­ri­sches Inter­esse? Eine längst über­fäl­lige Stand­punkt­de­mons­tra­tion? Oder eher ein ver­zerr­ter Blick auf die zeit­ge­nös­si­sche Kunst der ara­bi­schen Welt?


* Als immer mehr Besu­cher Cas­tor und Pol­lux über eine Samm­lung von Kri­ti­ken auf www​.saatchi​-gal​lery​.co​.uk erreich­ten, habe ich mich ent­schie­den, den Ori­gi­nal­ar­ti­kel ins Eng­li­sche zu über­set­zen.



Andere Stimmen

  1. Gany­med » Blog Archive » René Mag­ritte und andere schrieb am 16. Dezember 2009:

    […] Shadi Gha­di­rian: Untit­led (2000 – 2001) […]


Kommentare

  1. Char­lotte Bank schrieb am 8. März 2009:

    Der Iran geho­ert nicht zur “ara­bi­schen Welt”…es waere wuen­schens­wert, wenn der Wes­ten mitt­ler­weile diese alten Miss­ver­staend­nisse aus dem Weg raeu­men wuerde. Es zeugt von Gleich­guel­tig­keit und Respekt­lo­sig­keit, wenn nicht ein­mal sol­che ele­men­tare Begriffe kor­rekt ange­wandt werden.


  2. Mat­thias schrieb am 8. März 2009:

    Ja, ich weiß, es müsste “per­sisch” lau­ten.
    Aller­dings habe ich auch nir­gends geschrie­ben, dass der Iran zu Ara­bien oder zur ara­bi­schen Welt gehö­ren würde. Und obwohl elf der Künst­ler die­ser Austel­lung gebür­tige Ira­ner sind, halte ich es für unan­ge­mes­sen, durch­gän­gig von “per­si­scher Kunst” zu reden oder gar stets von der “mus­li­mi­schen Welt” zu spre­chen, denn bei­des sind noch “fal­schere” Begriffe.
    Man kann halt nicht 21 Her­kunfts­be­zeich­nun­gen gerecht wer­den, da muss man nun­mal zuguns­ten der Les­bar­keit Abstri­che machen. Ich denke, eine viel bes­sere Lösung wird es auch nicht geben.