7 Fonts für die Verbannung

Ausgewählte typographische Alltagssünden

7 Fonts für die Verbannung

Ich habe es getan. Ich habe mehr als die Hälfte der auf mei­nem Com­pu­ter gespei­cher­ten Schrif­ten gelöscht. Das war auch bit­ter­nö­tig, denn mit der Zeit und mit Unwis­sen über die Vor­züge einer guten Schrift­art häuf­ten sich einige schau­rige, häss­li­che Fonts an, die ich einer­seits nie gebraucht habe und die ande­rer­seits nur der Über­sicht­lich­keit schadeten.

Diese radi­kale Auf­räum­ak­tion und meine in letz­ter Zeit gewach­sene Auf­merk­sam­keit für Typo­gra­phie haben mich dazu ver­an­lasst, ein­mal eine kleine, inof­fi­zi­elle und vor allen Din­gen sicher­lich auch unvoll­stän­dige Liste der­je­ni­gen Schrif­ten zu erstel­len, denen man im täg­li­chen Leben sicher­lich nicht hin­ter­her­trau­ern wird. Sie schauen gräss­lich aus oder wer­den miss­braucht, doch in jedem Falle wer­den sie mit einer unge­recht­fer­tig­ten Pene­tranz gebraucht. Viele Web­sei­ten, Flyer, Pro­spekte, und Spei­se­kar­ten könn­ten durch ein eman­zi­pier­tes Aus­sor­tie­ren von ihrer Häss­lich­keit und Unpro­fes­sio­na­li­tät befreit werden.

Hier sind sie, die sie­ben Fonts, die ich schleu­nigst in die Wüste schi­cken möchte – und oben­drauf zwan­zig kos­ten­los ver­füg­bare Alter­na­ti­ven:

1. Comic Sans

Comic Sans Schriftbeispiel

Diese aus­ge­lutschte Schrift­art, die wohl bei ihren Benut­zern für Locker­heit, Freund­lich­keit und Unkom­pli­ziert­heit zu ste­hen scheint, erzielt bei vie­len Lesern eher das Gegen­teil: Wo sie auf­taucht, regie­ren Ein­falls­lo­sig­keit, Ein­fäl­tig­keit und in beson­de­rem Maße infan­tile Spie­le­rei. Absto­ßung und Aus­gren­zung sind die Folge, der Autor ist auf ewig gebrand­markt. Ganz klar: Ohne den exzes­si­ven Gebrauch die­ser Schrift­art wäre das Leben schöner!

2. Brush Script

Brush Script Schriftbeispiel

Wenn ich aus dem Bal­kon schaue, sehe ich auf das Schild einer klei­nen Kneipe, wo einem Brush Script ver­kün­det, dass man lie­ber nicht ein­tre­ten sollte. Hier hat man es mit einem wei­te­ren typo­gra­phi­schen Unge­tüm zu tun, das offen­sicht­lich dem Text eine per­sön­li­che Note geben soll. Dass man aber heut­zu­tage an jeder Stra­ßen­ecke mit die­ser Aus­ge­burt des schlech­ten Geschmacks beläs­tigt wird, scheint den vie­len Nut­zern die­ser Schrift­art nicht auf­ge­fal­len zu sein. Unkrea­tive Auto­ren, die glau­ben, Arial wäre zu lang­wei­lig, gehö­ren zu den bevor­zug­ten Opfern von Brush Script.

3. Papy­rus

Papyrus Schriftbeispiel

Ein Hauch von Exo­tik? Schon lange nicht mehr. Der infla­tio­näre Gebrauch die­ser schlecht design­ten Schrift ver­leiht nun jedem Text das unab­wend­bare Stigma der Einfallslosigkeit.

4. Cop­per­plate Gothic

Copperplate Gothic Schriftbeispiel

Was einst für knall­har­tes Busi­ness, Stärke und Rück­grat stand und eigent­lich einen gut design­ten Font dar­stellt, wird heut­zu­tage fast aus­schließ­lich unter miss­glück­ten Umstän­den gebraucht. Wer auf den Zug auf­springt und damit sein Image auf­bes­sern will, ern­tet oft­mals nur noch Hohn und Spott. Erschre­ckend: Der Gebrauch in offi­zi­el­len Zusam­men­hän­gen und im Rah­men von Cor­po­rate Iden­tity ist lei­der noch weit ver­brei­tet (siehe hier, wenn auch so man­ches Bild kein Cop­per­plate zeigt).

5. Curlz MT

Curlz MT Schriftbeispiel

Was ist gleich noch­mal das Credo jedes Typo­gra­phen? Die Les­bar­keit eines Tex­tes zu gewähr­leis­ten? Bei Curlz MT muss da irgend­was schief gelau­fen sein. Den­noch genießt diese unsäg­li­che Schrift den Sta­tus des omni­prä­sen­ten typo­gra­phi­schen Unge­heu­ers – ein­deu­tig ein Kan­di­dat für die Verbannung.

6. Lucida Handwriting

Lucida Handwriting Schriftbeispiel

Eine Schrift­art, die sich mit Vor­liebe in Spei­se­kar­ten ein­nis­tet und einen her­vor­ra­gen­den Dienst tut, wenn man schon vor dem Essen wis­sen möchte, womit man es hier zu tun hat. Für alles andere: Fin­ger weg von Lucida Hand­wri­t­ing. Wer mit der Ein­zig­ar­tig­keit einer Hand­schrift sei­nem Text eine per­sön­li­che Note geben möchte, sollte bes­ser nicht auf die­sen all­ge­gen­wär­ti­gen Font zurückgreifen.

7. Bau­haus 93

Bauhaus 93 Schriftbeispiel

Eigent­lich ist nicht viel gegen Bau­haus 93 zu sagen. Die Unter­schnei­dung eini­ger Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen ist zwar reich­lich unge­schickt getrof­fen (s.o.), aber dafür bleibt der Stil der Schrift­art kon­sis­tent. Was auch kein gro­ßes Wun­der dar­stellt, ist doch die Schrift dem weit­aus ruhm­rei­che­ren Font “Blippo” nach­emp­fun­den. Wenn da nur nicht der Miss­brauch durch die Anwen­der wäre. Bau­haus 93 ist ein Para­de­bei­spiel für jene Schrift­ar­ten, die dadurch, dass sie kos­ten­los für jeder­mann ver­füg­bar sind, zur Plage wur­den. Hübsch ist sie zwar, aber ihre Ein­satz­ge­biete sind beschränkt.

 

Aber auf wel­che kos­ten­los erhält­li­chen Alter­na­ti­ven kann man zurückgreifen?

Eines muss ganz klar gesagt sein: Qua­li­tät hat sei­nen Preis. Das gilt gerade für Fonts, denn hier gibt es gra­vie­rende Unter­schiede. Gerade wenn es um die Ein­bin­dung in ein gra­fi­sches Äuße­res oder die Ver­mitt­lung bestimm­ter Emo­tio­nen und Eigen­schaf­ten geht, kann sich die oft­mals gar nicht so kos­ten­in­ten­sive Inves­ti­tion loh­nen. Aller­dings muss fai­rer­weise auch gesagt wer­den, dass es eine Reihe kos­ten­lo­ser Schrift­ar­ten gibt, mit denen man, wenn sie im pas­sen­den Zusam­men­hang genutzt wer­den, eben­falls gute oder gar exzel­lente Ergeb­nisse erzie­len kann. Mit der fol­gen­den Aus­wahl sollte das kein Pro­blem sein:

Ani­vers Kon­tra­punkt
Cardo MEga­lo­po­lis Extra
Day Roman Mido
Deli­cious Miso
District Thin Nevis
Fon­tin Pigi­ar­niq
Free­boo­ter Script Reminga OT Bold Italic
Gen­tium The Fell Types
Geo Sans Voll­korn
GEronto Bis Yanone Kaf­fee­satz

 

Was hältst du davon? Wel­che Fonts müs­sen unbe­dingt mit auf die Fahrt ins Nir­gendwo? Wel­che soll­ten auf kei­nem Com­pu­ter fehlen?


Kommentare

  1. Phil­ipp schrieb am 13. Januar 2009:

    also comic sans ms muss wirk­lich auf den­mond geschos­sen wer­den. vor­al­lem wenn kleine fir­men diese schrift ein­fach immer ver­wen­den müs­sen… Bau­haus 93 ist wir­kich gelun­gen aber wird von jedem miss­braucht der mit sei­nen freu­den eine 70′er jahre party macht. zur­zeit hängt auch in der s-bahn eine wer­bung mit genau die­ser schrift. weiß aber lei­der nicht mehr für was da gewor­ben wird.


  2. Mat­thias schrieb am 13. Januar 2009:

    Kurt Krö­mer DVD. Hab’s heute auch gese­hen… ;)


  3. Willi schrieb am 20. Oktober 2010:

    Papy­rus und Cop­per­plate Gothic mögen oft falsch ver­wen­det wer­den, aber ich finde sie grund­sätz­lich nicht schlecht. Letz­te­res kann ich mir z.B. gut auf einem Anwalts­schrei­ben vor­stel­len, ohne dass es an Cha­rak­ter ver­liert (vor allem wenn das Schrei­ben an mich gerich­tet ist…). Auch Curlz MT ist mei­ner Mei­nung nach zu unrecht in die­ser Liste, da es doch sowieso nur für Logos und Über­schrif­ten gedacht ist. In gro­ßen Let­tern auf der Ver­pa­ckung einer Barbie-Puppe oder einem Kin­der­schmink­set passt das imo gut. Dage­gen ist Comic Sans nicht nur extrem abge­nutzt, son­dern mit sei­ner schie­fen Geo­me­trie und der schlech­ten Handschrift-Analogie (was sol­len denn die Seri­fen an s und I, wer schreibt denn so?) ein­fach wirk­lich schlecht. Das sieht nicht wie mit der Hand, son­dern höchs­tens mit der Maus am Bild­schirm geschrie­ben aus.

    Die drei genann­ten Bei­spiele würde ich eher durch Arial, Times New Roman und Cou­rier New erset­zen. Arial nicht des­we­gen, weil es eine schlechte Helvetica-Kopie ist, son­dern weil es Son­der­zei­chen wie den Gedan­ken­strich, die Anfüh­rungs­zei­chen und die drei Punkte falsch dar­stellt. Ich kriege jedes Mal eine Krise, wenn ich die in die fal­sche Rich­tung zei­gen­den Anfüh­rungs­zei­chen sehe! Times New Roman ist in mei­nen Augen viel zu „hart“ und hat wenig Cha­rak­ter. Da sehen Schrif­ten wie Geor­gia und Con­stan­tia doch viel ange­neh­mer aus, und bei Geor­gia ist mir bis heute keine Abnut­zungs­er­schei­nung auf­ge­fal­len. Und Cou­rier New sollte ein Bild­schir­mer­satz für Cou­rier sein, sieht aber viel schlech­ter aus.